Der allgemeine Familienspruch kam von der ältesten Tochter Gisela. Durch ihre eigenwillige Art und die hohen Ansprüche an mögliche Schwiegersöhne hatte sie nie geheiratet und war mit dreißig zu einer bitteren Männerhasserin geworden, ein wahrer Magenulkus, ein Alptraum in Menschengestalt.
Ein Untermieter, sagte sie, als sie das Wort aussprach und es wie ein Siegel auf die Luft legte. Die jüngere Tochter, Klara, eine rundliche, lachende Frau, nickte zustimmend. Die Mutter schwieg, doch ihr finsteres Antlitz verriet, dass die Schwägerin ihr ebenfalls missfiel. Was könnte ihr denn gefallen? Der einzige Sohn, das Rückgrat der Familie, war zum Wehrdienst gegangen und hatte dort eine Frau mit nach Hause gebracht. Diese Ehefrau hatte weder Eltern noch Geld nichts als ein unscharfes Gerücht, ob sie aus einem Heim gekommen war oder bei Verwandten aufgewachsen war. Nichts war bekannt. Thomas, der Sohn, schämte sich nicht, witzelte nur: Mach dir keine Sorgen, Mutter, wir werden unser Glück selbst schmieden. Man redete mit ihm, dem närrischen Gesellen, und fragte, wen er in die Familie gebracht hatte vielleicht eine Diebin, eine Betrügerin, wer weiß, wie viele es heutzutage geben mag!
Seit Annes Ankunft in das Haus hatte Varvara Nikititsch, so hieß sie in den alten Aufzeichnungen, keine einzige Nacht durchgeschlafen. Sie döste halb im Halbschlaf und wartete auf die Späße der neuen Verwandten, sobald sie die Schränke durchstöbern würde. Die Töchter drängten sie: Vielleicht könntest du, Mutter, ein paar wertvolle Dinge im Familienhaus verstecken. Wer weiß, was da alles lag Pelze, Gold, ein Haufen alter Münzen. Und plötzlich, eines schönen Morgens, wachte man auf und das ganze Gerippe war verschwunden!
Und Thomas, der einen Monat lang kaum etwas zu essen hatte, fragte sich: Wen hast du ins Haus gebracht? Wo waren deine Augen? Keine Haut, kein Gesicht!
Doch das Leben musste weitergehen, und man fing an, die Untermieterin an ihren Platz zu setzen.
Das Haus war reichlich, ein Garten von dreißig Morgen, drei Ferkel in der Hecke, Vögel das war kaum zu zählen. Die Arbeit war unendlich, doch Annes Beschwerden blieben aus. Sie kochte, säuberte, hütete die Ferkel und versuchte, der Schwiegermutter zu gefallen. Doch wenn das mütterliche Herz nicht mit ihr im Einklang war, blieb alles erstickend egal wie sehr man das Haus mit Gold auskleidet, es würde immer etwas fehlen. Am ersten Tag, vom Ärger zerfressen, sagte die Untermieterin zu ihr:
Nenn mich bitte beim Vornamen und Vatersnamen. Dann ist es besser. Meine eigenen Töchter habe ich, und du wirst, so sehr du dich bemühst, nie meine Tochter werden.
Seitdem nannte sie sie Anneliese Nikititsch, und die Mutter sprach die Schwägerin nie beim Namen an. Es musste etwas getan oder gesagt werden so lautete das ständige Mantra: Etwas muss geschehen. Und nichts wurde getan. Doch die Schwägerin wurde nicht von den Verwandten aus der Tür geschoben. Jeder Satz, jede Zeile wurde mit Bedacht gesetzt. Manchmal musste die Mutter die schmälernden Töchter zurückhalten nicht aus Mitleid, sondern weil Ordnung im Haus sein musste, nicht Streit. Außerdem erwies sich die Schwägerin als fleißig, griff überall zu, war kein Faulpelz. Nach und nach, ohne es zuzugeben, begann die Mutter zu schmelzen.
Vielleicht hätte das Leben sich irgendwann fügen können, doch Thomas verlor sich in trügerischen Spielchen.
Welcher Mann hält es aus, wenn ihm den ganzen Tag in zweifacher Stimme vorgepfiffen wird: Wen hast du geheiratet, und wen hast du geheiratet? Und dann stellte Gisela ihm eine Freundin vor, und alles wirbelte durcheinander. Die Schwägerinnen feierten den Sieg: jetzt würde die ungeliebte Untermieterin endlich weichen. Die Mutter schwieg, und Anneliese tat, als sei nichts geschehen, nur ihre Augen wurden trüb und klein, melancholisch. Und plötzlich, wie ein Donnerschlag im klaren Himmel, kamen zwei Neuigkeiten: Anneliese erwartete ein Kind, und Thomas wollte sich scheiden lassen.
Das darf nicht sein, sagte die Mutter zu Thomas. Ich habe dich nicht mit ihr verheiratet.
Aber wenn er schon verheiratet war, dann lebe er! Kein Grund zu jammern. Bald würde er Vater sein. Zerstöre die Familie nicht, sonst jage ich dich aus dem Haus und will nichts mehr von dir wissen. Und Schurli, die Tochter, würde hier wohnen.
Zum ersten Mal in ihrem Leben nannte die Mutter Anneliese beim Vornamen. Die Schwestern erstarrten. Thomas tobte auf, sagte: Ich bin ein Mann, das ist meine Entscheidung. Doch die Mutter stellte die Hände in die Hüften und lachte: Welcher Mann bist du? Du bist noch ein Junge im Hosenbein. Wenn du ein Kind bekommst, es großziehst, ihm Verstand gibst und es zu einem Menschen machst, dann bist du ein Mann!
Die Mutter war nie schlagfertig, aber Thomas war noch immer ein Sohn der Mutter!
Falls er etwas vorhatte alles! Er zog aus dem Haus. Und Schurli blieb zurück. Nach der üblichen Wartezeit gebar sie ein Mädchen und nannte es Liesel. Die Mutter sagte nichts, doch ihr Lächeln verriet stille Freude.
Von außen änderte sich nichts im Haus, nur Thomas vergaß den Weg nach Hause. Er war beleidigt. Die Mutter trauerte heimlich, zeigte aber nichts. Sie liebte die Enkelin, verwöhnte sie, kaufte ihr Geschenke, Süßes. Schurli jedoch vergab ihr nie, dass ihr Sohn durch sie verloren ging, doch sie mahnte sie nie wortlos.
Zehn Jahre vergingen. Die Schwestern heirateten, und im großen Haus blieben drei: die Mutter, Schurli und Liesel. Thomas meldete sich zum Wehrdienst, zog mit seiner neuen Frau nach Norden. Zu Schurli kam ein pensionierter Offizier, ein ernster Mann, älter als sie, der nach seiner Scheidung eine Wohnung zurückgelassen bekam, während er selbst im Wohnheim lebte.
Er erhielt Rente, war ein solider Kandidat, und Schurli gefiel ihm, doch wohin würde er sie führen? Zur Schwiegermutter?
Sie erklärte ihm alles, bat um Verzeihung und verließ ihn. Doch er war kein Dummkopf er kam zur Mutter, kniete nieder und sagte: Anneliese Nikititsch, ich liebe Schurli, ich kann nicht ohne sie leben.
Die Mutter zeigte keine Regung im Gesicht.
Liebst du sie, sagte sie, dann heiratet und lebt zusammen.
Sie schwieg und fügte hinzu:
Liesel will ich nicht in andere Wohnungen treiben. Bleibt hier, bei mir.
So lebten sie alle zusammen. Die Nachbarn flüsterten, dass die verrückte Anneliese den eigenen Sohn aus dem Haus vertrieben hatte, während die Untermieterin mit dem Halunke einverleibt wurde. Man sprach von einer dummen alten Frau, die nichts zu essen an die Nase reichte. Anneliese hörte nicht auf das Gerede, sprach nicht mit den Nachbarn, erzählte nichts über die Jugend, hielt sich stolz und unnahbar. Schurli gebar Katrin. Die Mutter konnte kaum über ihre geliebten Enkelinnen staunen obwohl, welche Katrin war das schon für eine Enkelin? Gar keine.
Doch plötzlich, wie jedes Mal, kam das Unglück Schurli erkrankte schwer.
Der Mann brach zusammen, trank sogar zu viel. Die Mutter nahm schweigend das ganze Geld aus dem Sparbuch, fuhr Schurli nach Berlin, verschrieb ihr jede erdenkliche Medizin, zeigte sie jedem Arzt. Es half nicht.
Am Morgen ging es Schurli ein wenig besser, sie bat die Mutter um Hühnersuppe. Die Mutter, erfreut, schlachtete sofort ein Huhn, schlug es ab, kochte die Brühe. Als sie die Suppe brachte, konnte Schurli sie nicht essen und weinte zum ersten Mal in ihrem ganzen Leben. Auch die Mutter, die noch nie weinend gesehen wurde, weinte mit ihr:
Warum gehst du, mein Kind, wenn ich dich gerade erst geliebt habe? Was machst du?
Sie beruhigte sich, wischte die Tränen und sagte:
Mach dir keine Sorgen um die Kinder, sie werden nicht verloren gehen.
Von da an weinte sie nicht mehr, saß still neben Schurli, hielt ihre Hand, streichelte leise, als suche sie Verzeihung für alles, was zwischen ihnen gesessen hatte.
Weitere zehn Jahre vergingen. Liesel wurde verlobt. Gisela und Klara kamen, gealtert, verknittert. Keiner von beiden wurde je ein Kind geschenkt. Ein wenig Verwandtschaft versammelte sich. Thomas kehrte zurück. Mit seiner Frau war er längst getrennt, trank stark. Als er Liesel sah, sah er die wunderschöne Braut und freute sich. Ich hätte nie gedacht, so eine wunderbare Tochter zu haben. Doch als er hörte, dass das Kind einen fremden Vater nennen würde, wurde er finster und richtete sich an die Mutter: Du bist schuld, dass du einen fremden Mann ins Haus gelassen hast. Er soll wegräumen, er hat hier nichts zu suchen. Ich bin der Vater!
Die Mutter erwiderte:
Nein, Sohn. Du bist kein Vater. Du bist immer noch ein Junge in Hosen, der nie erwachsen wurde.
Wie sie es gesagt hatte, war Thomas von dieser Demütigung zerbrochen, packte seine Sachen und zog wieder in die weite Welt. Liesel heiratete, gebar einen Sohn und nannte ihn Alexander zu Ehren ihres Stiefvaters. Und die alte Liesel wurde im letzten Jahr neben Schurli bestattet.
So liegen sie nun nebeneinander: Schwiegertochter und Schwiegermutter, und zwischen ihnen ist im Frühjahr eine kleine Birke gewachsen. Woher sie kam, wusste niemand. Niemand hat sie gepflanzt. Sie war einfach da, ein Abschiedsgruß von Schurli, ein letztes Entschuldigung der Mutter.
Nina Rojenko, Weidenzweig.