In dieser Nacht schlief Traudl Brandt zum letzten Mal neben ihrer Hündin Erna. Am Morgen hätte Erna zu einem Bauernhof gebracht werden sollen, doch um vier Uhr erschien im Treppenhaus ein Mann, der wusste, dass die Mitarbeiter der Bäckerei ihren Lohn manchmal bar auf die Hand bekamen.
Traudl Brandt war siebenundvierzig. Sie arbeitete in der Nachtschicht einer Bäckerei in Berlin und mietete eine kleine Wohnung in Neukölln.
Erna hatte sie an einer verlassenen Garage angebunden gefunden. Aus dem mageren Hund war eine kräftige graue Hündin geworden, die die Leute allein wegen ihres Aussehens mieden. Die neue Vermieterin erstarrte, als sie sie sah.
„Von einem solchen Hund steht nichts im Vertrag.“
„Als wir unterschrieben haben, war sie klein.“
„Entweder der Hund verschwindet, oder ich verlängere den Vertrag nicht.“
Traudl fand einen Landwirt in Brandenburg. Er versprach einen Hof und eine Hundehütte. Doch auf dem Foto hinter ihm entdeckte Traudl eine kurze Kette. Den ganzen Abend zögerte sie.
Um vier Uhr morgens kam sie aus der Bäckerei. Im Treppenhaus brannte kein Licht. Erna wartete wie immer hinter der Tür. Als Traudl die Tür öffnete, erhob sich aus der dunklen Ecke ein Mann. Sie erkannte ihn: den früheren Mitarbeiter der Bäckerei, vor Kurzem wegen mehrerer Diebstähle entlassen.
„Gib mir die Handtasche.“
„Da ist nichts drin.“
„Ich weiß, dass heute der Lohn ausgezahlt wurde.“
Er kam näher. Erna trat ins Treppenhaus und stellte sich vor Traudl. Sie griff nicht an. Sie senkte nur den Kopf.
Der Mann schlug Traudl gegen den Arm. Das Telefon fiel auf die Treppenstufen. Erna bellte auf. Unten öffnete sich eine Nachbartür. Der Mann riss die Handtasche an sich und stürmte die Treppe hinunter. Erna rannte hinterher.
Traudl hob das Telefon auf und hörte einen dumpfen Schlag. Als sie unten ankam, stand der Mann vor der Kellertür. Erna stand ihm gegenüber. Aber Erna sah nicht den Dieb an. Sie schnupperte an dem Spalt unter der verschlossenen Tür und winselte.
Aus dem Keller drang ein gedämpftes Klopfen.
„Wer ist da?“
„Bitte … lassen Sie mich raus …“
Es war die Stimme eines Kindes.
Der Mann stürzte plötzlich zum Ausgang. Der Nachbar versuchte ihn festzuhalten, aber der Mann riss sich los. Traudl rief die Polizei und den Hausverwalter an. Die Kellertür war mit einem neuen Schloss gesichert. Während sie auf Hilfe warteten, lag Erna vor dem Spalt und winselte leise, damit das Kind wusste, dass es nicht allein war.
Nach zwanzig Minuten wurde die Tür geöffnet. Drinnen saß ein neunjähriger Junge – der Enkel der Bäckereibesitzerin. Es stellte sich heraus: Der frühere Mitarbeiter hatte den Jungen am Haus abgepasst, unter einem Vorwand in den Keller gelockt und seine Großmutter zwingen wollen, Geld zu bringen. Doch Traudl war früher zurückgekommen, als er erwartet hatte.
Noch am selben Tag wurde der Mann am Busbahnhof festgenommen. Traudls Handtasche fand man in seinem Auto.
Am nächsten Morgen kam die Vermieterin persönlich.
„Ich habe von der Nacht gehört. Der Hund kann bleiben.“
Traudl sah sie lange an.
„Gestern war sie ein Problem.“
„Ich habe meine Meinung geändert.“
„Und ich habe meine Pläne geändert.“
Innerhalb eines Monats fand Traudl einen Teil eines kleinen Hauses in Berlin-Britz. Die Küche war alt, die Dielen knarrten, aber im Hof stand ein Apfelbaum.
Dem Landwirt rief sie selbst an.
„Ich bringe Erna nicht.“
„Warum?“
„Weil dort, wo ich sie auf dem Foto gesehen habe, eine Kette war.“
Die Bäckereibesitzerin half ihr, die Kaution zu zahlen.
„Nicht dafür, dass Ihre Hündin meinen Enkel gerettet hat“, sagte sie. „Sondern dafür, dass Sie selbst nicht weggelaufen sind.“
Nach dem Vorfall fürchtete der Junge sich vor Kellern und dunklen Treppenhäusern. Eine Psychologin schlug vor, er solle sich langsam wieder an vertraute Orte herantasten. Zum ersten Mal ging er mit Erna zusammen in den Bäckereikeller hinunter. Die Hündin ging langsam und erlaubte ihm, die Hand auf ihr Halsband zu legen.
Nach einigen Monaten malte der Junge Erna für einen Schulwettbewerb. Er nannte das Bild „Licht hinter verschlossenen Türen“. Traudl hängte es in ihrer Küche auf.
Am ersten Abend im neuen Hof brachte Erna einen heruntergefallenen Apfel und legte ihn Traudl vor die Füße.
„Na gut“, lachte die Frau. „Die Hälfte der Miete bezahlst du mit Äpfeln.“
Für eine Kette war in diesem Hof kein Platz.