In dieser Nacht schläft Renate zum letzten Mal neben Lotte. Am Morgen soll die Hündin auf einen Bauernhof nach Brandenburg gebracht werden, doch um vier Uhr erscheint im Treppenhaus ein Mann, der weiß, dass Bäckereimitarbeiter ihren Lohn manchmal bar erhalten.
Renate ist siebenundvierzig. Sie arbeitet in der Nachtschicht einer Berliner Bäckerei in Friedrichshain und mietet eine kleine Wohnung in Neukölln.
Lotte fand sie an einer verlassenen Garage angebunden.
Aus dem dürren Hund wurde eine kräftige, graue Hündin, die die Leute allein wegen ihres Aussehens meiden.
Die neue Vermieterin erstarrt, als sie Lotte sieht.
„Von einem Hund steht nichts im Vertrag.“
„Als wir unterschrieben, war sie noch klein.“
„Entweder der Hund verschwindet, oder ich verlängere den Mietvertrag nicht.“
Renate findet einen Bauern in der Uckermark. Er verspricht einen Hof und einen Zwinger.
Doch auf einem Foto hinter ihm entdeckt Renate eine kurze Kette.
Den ganzen Abend zögert sie.
Um vier Uhr morgens kommt sie aus der Bäckerei zurück.
Im Treppenhaus brennt kein Licht.
Lotte wartet wie immer hinter der Tür.
Kaum öffnet Renate, erhebt sich aus der dunklen Ecke ein Mann.
Sie erkennt den ehemaligen Bäckereimitarbeiter, der vor Kurzem wegen Diebstählen entlassen wurde.
„Gib mir deine Tasche.“
„Da ist nichts drin.“
„Ich weiß, dass heute Lohn gezahlt wurde.“
Er kommt näher.
Lotte tritt in den Flur und stellt sich vor Renate.
Sie greift nicht an.
Sie senkt nur den Kopf.
Der Mann schlägt Renate auf den Arm. Das Handy fällt auf die Stufen.
Lotte bellt.
Unten geht die Tür des Nachbarn auf.
Der Mann reißt die Tasche an sich und stürzt die Treppe hinunter.
Lotte rennt hinterher.
Renate hebt das Handy auf und hört einen dumpfen Schlag.
Als sie hinunterläuft, steht der Mann vor der Kellertür. Lotte steht vor ihm.
Doch sie starrt nicht den Dieb an.
Sie schnüffelt am Spalt unter der verschlossenen Tür und fiept leise.
Aus dem Keller dringt ein gedämpftes Klopfen.
„Wer ist da?“
„Bitte … lassen Sie mich raus …“
Es ist die Stimme eines Kindes.
Der Mann stürzt plötzlich zum Ausgang.
Der Nachbar versucht ihn festzuhalten, aber er entkommt.
Renate ruft die Polizei und die Hausverwaltung an.
Die Kellertür ist mit einem neuen Schloss gesichert. Während sie auf Hilfe warten, liegt Lotte vor dem Spalt und fiept beruhigend, damit das Kind weiß, dass es nicht allein ist.
Nach zwanzig Minuten wird die Tür geöffnet.
Drinnen sitzt ein neunjähriger Junge, der Enkel der Bäckereibesitzerin.
Es stellt sich heraus, dass der ehemalige Angestellte ihn vor dem Haus getroffen, mit einer Lüge in den Keller gelockt und die Großmutter zur Lösegeldübergabe zwingen wollte.
Doch Renate kam früher zurück als erwartet.
Der Mann wird noch am selben Tag am Busbahnhof festgenommen.
Renates Tasche findet man in seinem Auto.
Am nächsten Morgen kommt die Vermieterin persönlich vorbei.
„Ich habe von letzter Nacht gehört. Der Hund kann bleiben.“
Renate sieht sie lange an.
„Gestern war er ein Problem.“
„Ich habe meine Meinung geändert.“
„Und ich habe meine Pläne geändert.“
Renate findet innerhalb eines Monats ein kleines Haus in Neukölln zur Miete. Die Küche ist alt, die Dielen knarren, aber im Hof steht ein Apfelbaum.
Dem Bauern ruft sie selbst an.
„Ich bringe Lotte nicht vorbei.“
„Warum nicht?“
„Weil auf dem Foto, das Sie mir gezeigt haben, eine Kette zu sehen war.“
Die Bäckereibesitzerin hilft ihr, die Kaution zu bezahlen.
„Nicht dafür, dass Ihr Hund meinen Enkel gerettet hat“, sagt sie. „Sondern dafür, dass Sie selbst nicht weggelaufen sind.“
Der Junge fürchtet sich nach dem Vorfall vor Kellern und dunklen Treppenhäusern.
Die Psychologin schlägt vor, dass er sich langsam wieder an die vertrauten Orte wagt.
Das erste Mal geht er mit Lotte in den Bäckereikeller hinunter.
Der Hund läuft langsam und lässt ihn die Hand am Halsband halten.
Nach einigen Monaten malt der Junge Lotte für einen Schulwettbewerb.
Das Bild nennt er „Licht hinter verschlossenen Türen“.
Renate hängt es in der Küche auf.
Am ersten Abend im neuen Hof bringt Lotte einen heruntergefallenen Apfel und legt ihn zu Renates Füßen.
„Na gut“, lacht die Frau. „Die Hälfte der Miete bezahlst du mit Äpfeln.“
Für eine Kette ist in diesem Hof kein Platz.