TäschchenDas Täschchen lag verlassen auf dem alten Holztisch, während draußen der Regen gegen die Fensterscheiben schlug.

Greta Sommer setzte sich auf die freie Bank, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass die Sitzfläche wirklich sauber war. Ihr helles Kleid sollte nicht einmal ein Stäubchen abbekommen. In der Hand hielt sie die neue weiße Handtasche. Im Kurhotel war es inzwischen zur Gewohnheit geworden, nach dem Abendessen etwas Schickes anzuziehen und einen Spaziergang zu machen. Die meisten Gäste präsentierten ihre schicksten Sachen. Eine Frau gestand einmal: „Wo kann man seine Kleider denn sonst ausführen, außer im Urlaub? Zuhause gibt es doch keinen Anlass.“

Aus dem Augenwinkel sah Greta, wie Jürgen Vogt herankam und sich gemächlich neben sie setzte. „Lassen Sie uns gemeinsam schweigen“, sagte er mit leiser, eindringlicher Stimme, die perfekt in die friedliche Landschaft passte. Unter der beigen Jacke trug er ein weißes Hemd, die Hose war tadellos gebügelt, und sein dunkles Haar wirkte, als käme er gerade vom Friseur. Die silbergrauen Schläfen störten nicht, im Gegenteil: Sie gaben ihm eine gewisse Souveränität.

Greta war schon vor zwei Tagen aufgefallen, dass er sie bei Begegnungen auf eine besondere Art ansah und sie unter den anderen Damen hervorhob.

„Wie schön Sie das gesagt haben: gemeinsam schweigen“, erwiderte Greta.

„Mit Ihnen, Gretchen, ist sogar das Schweigen angenehm“, sagte Jürgen, „dabei rede ich eigentlich immer gern.“ Er drehte sich halb zu ihr, um ihre Aufmerksamkeit ganz in Beschlag zu nehmen. Greta gefiel ihm vom ersten Augenblick an.

Sie drehte sich ebenfalls zu ihm und ließ ihren warmen Blick auf ihm ruhen.

„Übrigens“, fuhr er fort, „habe ich Sie gestern zum Tanz erwartet. Sie sind nicht gekommen? Mögen Sie nicht tanzen?“

„Doch, ich tanze schon gern. Aber ich bin gestern spazieren gegangen“, antwortete Greta. „Abends ist die Luft noch frischer, da möchte man einfach weiteratmen.“

„Ich wusste nicht, dass Sie Abendspaziergänge lieben“, sagte Jürgen und berührte dabei fast unmerklich ihre Hand. Greta spürte ein leichtes Kribbeln. Seine braunen Augen schauten sie hoffnungsvoll an.

„Darf ich Sie heute Abend zu einem Spaziergang auf einem Weg einladen, den ich selbst entdeckt habe? Dort hat man einen herrlichen Blick auf die Berge. Bisher hatte ich niemanden, mit dem ich das teilen konnte. Jetzt aber gibt es Sie.“ Er drückte leicht ihre Hand, wie ein Startzeichen für all seine weiteren Bemühungen.

„Warum eigentlich nicht“, dachte Greta. „Es ist nur ein Spaziergang. Und allein will ich hier auch nicht zu weit gehen; mit einem Mann an der Seite fühlt man sich sicherer.“ Sie beobachtete ein Pärchen, das an ihrer Bank vorbeischlenderte. Die beiden unterhielten sich angeregt; man sah ihnen an, dass sie sich hier im Kurhotel kennengelernt hatten und ihre Zeit genossen.

„Was für eine schöne Hand Sie haben, Gretchen“, sagte Jürgen nicht – er flüsterte es. Er rückte noch näher und betrachtete ihr Profil.

Greta wollte nicht fragen, ob er verheiratet war. Hier waren wohl die meisten nicht ganz frei und rechtfertigten ihre kleinen Flirts mit dem Wunsch nach Abwechslung und neuen Eindrücken. Aber in diesem Moment war es ihr nur angenehm, neben einem Mann zu sitzen, der sie offensichtlich reizvoll fand.

„Kommen Sie, gehen wir ein Stück“, schlug Jürgen vor. „Wir unterhalten uns, und heute Abend lade ich Sie ins Café ein.“ Er reichte ihr elegant die Hand und half ihr auf.

Greta zögerte nicht, nahm ihre weiße Handtasche und hakte sich bei Jürgen unter. Nach fünf Schritten schwang sie die Tasche sorglos wie ein Mädchen – und ließ sie fallen. Sie landete mitten in einer kleinen Pfütze, die der Regen hinterlassen hatte. Greta stieß einen Schreckenslaut aus: Dort lag das makellos weiße Täschchen im Schmutz.

„Das macht nichts, die wird gleich wieder wie neu“, sagte Jürgen, hob die Tasche vorsichtig auf und stellte sie ins Gras. Greta holte Feuchttücher heraus und rieb, aber es blieben trübe Schlieren.

„Ich wasche sie im Zimmer ordentlich aus“, sagte Greta.

„Dann warte ich auf dich“, bot Jürgen an. „Oder wir machen es so: Ich warte nach dem Abendessen hier auf dich. Einverstanden?“ Er war inzwischen beim Du angekommen.

Greta nickte und eilte zum Haus, wobei sie die Tasche möglichst weit von sich hielt, um sich nicht zu beschmutzen. Sie wusch die nagelneue Handtasche, die sie extra vor der Abreise in den Kururlaub gekauft hatte. Im Grunde waren alle Flecken weg, aber irgendwie kam es ihr vor, als hätte die Tasche etwas von ihrer Unschuld verloren.

Greta erinnerte sich an Jürgens Einladung zum abendlichen Spaziergang, an seinen Blick, der auf mehr hoffen ließ. Sie spürte einen unangenehmen Beigeschmack. Zum ersten Mal in dieser Woche hatte sie so ein schales Gefühl, das sie selbst irritierte. Plötzlich kam ihr der Vergleich in den Sinn: Ihre Bekanntschaft mit Jürgen – auf den ersten Blick völlig harmlos – hatte etwas von einer in den Dreck gefallenen Handtasche.

Das Telefon klingelte. „Mama, Lukas und Moritz geben mir keine Ruhe bei meinen Hausaufgaben“, hörte sie die Stimme ihrer jüngeren Tochter Heike, und im Hintergrund war Lachen zu hören.

„Was macht ihr da gerade?“, fragte Greta, als kehrte sie aus einer anderen Welt zurück.

„Greta, ich bin’s“, sagte ihr Mann Bernd. „Ich habe die Enkel mitgebracht, wir wollten einen Kuchen backen, aber Heike ist dagegen. Sie sagt, wir kleckern die ganze Küche voll.“

„Bernd, kauf den Jungs doch etwas Leckeres“, meinte Greta. „Wenn ich wieder da bin, backe ich einen Kuchen, vielleicht sogar eine Torte.“

„Komm bald zurück, wir alle vermissen dich“, sagte Bernd, dann fügte er leise hinzu: „Ich am meisten. Wenn du willst, steige ich jetzt sofort ins Auto und hole dich ab.“

„Es dauert nicht mehr lange, haltet durch. Ich vermisse euch auch. Gib mir mal Heike.“

Greta sprach mit der Tochter, dann mit den Enkeln, und ihrem Mann sagte sie, dass sie ihn auch liebte. Dabei fiel ihr auf, dass sie zum Abendessen zu spät kommen würde. Sie zog sich schnell um, nahm die Handtasche, drehte sie prüfend in den Händen und stellte fest, dass kein einziger Fleck mehr zu sehen war. „Na also, jetzt ist sie wieder sauber“, sagte sie zu sich. Und sie brauchte nicht mit irgendeinem Jürgen zu einem Spaziergang zu eilen. Das war ihr jetzt völlig klar: Sie hatte die schmutzige Handtasche mit dieser Geschichte verglichen, die sich da anbahnte.

Greta spürte, wie sehr sie ihren Mann, ihre Kinder und die Enkel vermisste. Dabei war sie angetreten, um mal Abstand zu gewinnen – und jetzt war sie über jedes Wort aus der Heimat froh. Sie hätte zu gern gesehen, wie Bernd mit den Enkeln in der Küche einen Kuchen zubereitete. Sie dachte daran, wie Bernd ihr am Muttertag mit einem kulinarischen Meisterwerk hatte imponieren wollen. Es war schön und zugleich komisch, wie ungeschickt er sich dabei angestellt hatte. Rührend.

„Ich fahre nicht mit dem Bus zurück“, beschloss Greta. „Ich sage Bernd, er soll mich abholen, wenn der Aufenthalt zu Ende ist. Dann zeige ich ihm, wie schön die Gegend hier ist, und wir machen zusammen einen Spaziergang.“ Und diese ganze „schmutzige Handtaschen-Geschichte“ brauchen wir nicht.

Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: