Saure Rote BeteDoch als die Sonne über dem Markt unterging, erwachte die saure Rote Bete zum Leben und flüsterte ein uraltes Geheimnis.

Papa, hättest du etwas dagegen, wenn wir ein paar Monate bei dir einziehen? fragte Jürgen zögerlich seinen Vater.

Dagegen habe ich nichts, knurrte Klaus kurz und bündig.

Vor etwa zehn Jahren hatten sich Jürgens Eltern scheiden lassen. Zwei Jahre später heiratete die Mutter erneut, während Klaus allein weiterlebte. Sein Wesen war rau, fast unerträglich; Frauen kamen, blieben aber nie lange. Doch seinen Sohn vernachlässigte er nie. Neben Unterhalt zahlte er für alles, was Jürgen brauchte, und beteiligte sich aktiv an seiner Erziehung streng, maskulin, ohne Zärtlichkeit, aber mit väterlicher Fürsorge.

Jürgen wurde früh selbstständig. Nach der elften Klasse begann er zu arbeiten und zog sofort aus dem Haus der Mutter aus, mietete ein Zimmer im Studentenwohnheim. Zwei Jahre später heiratete er Liesel, seine Jugendfreundin. Sie wollten eine Eigentumswohnung finanzieren, sammelten das Anzahlungsgeld, doch plötzlich kündigte der Vermieter des Zimmers, das sie gemietet hatten, an, es zu verkaufen. Sie mussten also bis zum Abschluss der Transaktion warten. Jürgen dachte daran, Klaus um ein vorübergehendes Unterschlupf zu bitten schließlich wohnte der allein in einer Dreizimmerwohnung. Der ablehnende Ton des Vaters verwirrte Jürgen, gerade als er das Gespräch beenden wollte, fuhr Klaus fort:

Du kannst bleiben. Aber nur leise.

Danke, atmete Jürgen erleichtert aus.

Er kannte Klaus gut: ein zurückgezogener Mensch, der Stille liebte, sparsam mit Worten und Gefühlen war. Dass er Ruhe verlangte, überraschte ihn nicht. Liesel wusste das ebenfalls und akzeptierte die Regelungen. Sie war im fünften Monat ihrer Schwangerschaft und sehnte sich selbst nach Ruhe. Sie ahnte jedoch nicht, dass das leise ausschließlich für sie und Jürgen galt nicht für ihn selbst.

Klaus stand jeden Morgen um fünf Uhr auf, stampfte mit schweren Hausschuhen durch das Haus und vollzog seine Morgenrituale Bad, WC, Küche, wieder Küche, dann WC, Bad, Küche. In der morgendlichen Stille war das ständige Klackern zu hören: Klack, klack, klack Plumps! Verdammt nochmal!, rief er, während etwas zu Boden fiel. Und weiter klackte er, bis etwas wieder krachte. Ihm war egal, dass noch andere im Haus schliefen. Er war zu Hause, und wer damit nicht einverstanden war, konnte gehen er hatte niemanden eingeladen.

Neben dem morgendlichen Krach kontrollierte Klaus jeden Schritt von Sohn und Schwiegertochter. Fernsehen nach 21 Uhr war tabu das Geräusch störte ihn; das Braten von Essen war verboten die Gerüche waren ihm zu viel; Strom und Wasser zu sparen war Pflicht er war kein Großvermögen.

So verging eine Woche, bis Liesel ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Zu ihrer Überraschung kam Klaus am zweiten Tag mit einem Korb voller Früchte.

Das Kind braucht Vitamine, sagte er mit schwerer Miene und reichte den Korb.

Danke, Herr Klaus, erwiderte Liesel.

Gut, nickte er. Ich muss los. Hör auf den Arzt.

Alles klar, lächelte Liesel und verabschiedete sich.

Nach Liseels Entlassung stand Klaus weiterhin um fünf Uhr auf, klapperte jedoch etwas leiser und versuchte, ein wenig Fürsorge zu zeigen so gut er konnte. Er rief zum Frühstück mit ernster Stimme oder schnappte sich heimlich ein Tuch, um selbst den Boden zu wischen, weil Liesel nun mehr Ruhe brauchte.

Die Wohnung kauften sie erst nach drei Monaten. Klaus bestand darauf, dass vor dem Einzug renoviert wurde. Liesel gebar, während die Renovierung in vollem Gange war, und musste mit dem Neugeborenen wieder ins Haus von Klaus zurückkehren. Die Schwiegermutter und ihre Eltern besuchten das Paar ein paar Mal nach der Entlassung, doch Klaus tat stets so, als würde er keinen Besuch willkommen heißen nur für seine Enkelin strahlte er. Bei ihr erhellte ein Lächeln sein raues Gesicht, und er schwor, sie vor allem zu schützen, was er für eine Bedrohung für sein kleines Mädchen hielt.

Jeden Morgen holte er die kleine Frieda ab, damit Liesel nach einer schlaflosen Nacht noch etwas schlafen konnte. Er lernte sogar, Windeln zu wechseln. Und als es endlich an die Zeit ging, in die eigene Wohnung zu ziehen, wischte Klaus, während er eine knappe Träne aus den Augen wischte, mit grimmigem Ton:

Ihr seid noch jung, aber mit einem Kleinen zusammenzuwohnen ist nicht leicht. Bleibt noch ein Weilchen bei mir. Nicht lange. Solange Frieda noch nicht verheiratet ist.

Jürgen und Liesel tauschten überraschte Blicke. Klaus wandte sich ab und fügte hinzu:

Das ist nur alte Sentimentalität, die nichts taugt. Was seid ihr? Holt das Kind hierher und packt eure Sachen. Ihr schafft den Umzug noch, ihr Narren des Himmelskönigs.

Jürgen und Liesel dachten, ihr Vater würde nur darauf warten, dass sie ausziehen, doch das war nicht der Fall. Sie konnten nur über die Veränderung staunen, die ihr einst so unnahbarer Vater durchgemacht hatte. Schließlich beschlossen sie zu bleiben. Es ist schön, einen Großvater zu haben.

Klaus schmusste glücklich seine Enkelin und war froh, dass in seinem Leben das liebste und wertvollste Menschenchen seinen Platz gefunden hatte.

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