Mein zu spät gekommener Mann… Erst mit fünfundfünfzig gehe ich den Bund der Ehe ein.

Damals, vor langer Zeit, dachte ich nie daran, noch einmal zu heiraten. Ich war erst fünfundzwanzig, als mein Geliebter Klaus, den ich mit ganzem Herzen geliebt hatte, mich verließ. Er ging, während ich im fünften Monat schwanger war. In meiner Verzweiflung versprach ich Gott, dass ich nie wieder die Hand eines Mannes nehmen würde. Ich wollte nicht noch einen weiteren Unsichtbaren an meiner Seite haben, der beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten verschwindet.

Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Fünf Jahre nach unserer Hochzeit, die ich im Alter von fünfundfünfzig geschlossen hatte, standen wir ich, jetzt sechzig, und mein Mann, fünfundsechzig immer noch nebeneinander. Es war unser erstes Bündnis, für beide ein Neuanfang, und das war an sich schon bemerkenswert.

Ich zog mich nach meiner Pensionierung zurück auf das kleine Schrebergartenhaus, das meine Eltern mir hinterlassen hatten, samt einem bescheidenen Stück Land. Jeden Tag fuhr ich mit der SBahn, die etwa eine Stunde dauerte, zum Garten. Auf dem Weg nahm ich stets das Kreuzworträtselheft aus meiner Tasche, damit die Zeit schneller verging.

Eines Morgens, an der Haltestelle, stiegen ein älteres Ehepaar und ein kleiner, krummer Mann in den Wagen. Stille herrschte zunächst. Dann flüsterte die Frau zaghaft:

Klaus, sollen wir zu den Enkeln fahren und ihnen helfen? Du bist doch ihr Vater

Ihr Ton wurde sofort von einem lauten, rauen Schrei des Mannes übertönt:

Was sprichst du da, Narren! Willst du dich etwa vor diesen Idioten ducken?!

Ein heftiger Fluch folgte, den ich kaum fassen konnte. Ich hob unwillkürlich den Blick und sah es war Klaus, derselbe, der mich einst mit Kind im Bauch zurückgelassen hatte. Sein Gesicht war von Falten und Bitterkeit gezeichnet, seine Gestalt noch immer groß und grob. Er bemerkte meinen starren Blick, drehte sich zu mir und brüllte:

Was glotzt du so? Dreh dich weg, sonst kriegst du noch ein Brett vor die Augen!

Ich war wie gelähmt, mein ganzer Körper erstarrte. In diesem Moment stellte sich ein kleiner, aber entschlossener Mann zwischen mich und Klaus. Er war von mittlerer Statur, trug eine schlichte Jacke und hatte ein festes Auftreten.

Wenn du Frauen weiter so demütigst, wirst du dich mit mir anlegen, sagte er laut. Ein Mann, der so mit Frauen spricht, ist kein Mann, sondern ein Feigling. Ich zerbreche dich wie ein Strohhalm!

Ich sah in seinen Augen keinen Helden, sondern einen Mann, der nur laut wurde, wenn er sich schwach fühlte. Tränen stiegen in meine Augen, während sich in meinem Kopf ein Film abspielte dreißig Jahre in wenigen Sekunden.

Nach zwei Haltestellen stiegen Klaus und seine Frau aus. Ich stand dort, weinte und fühlte eine schlagende Leere in meiner Brust. Der junge Mann, der mich verteidigt hatte, lächelte milde und sagte:

Selbst Tränen trüben nicht dein schönes Gesicht.

Er stellte sich vor: Ich heiße Friedrich Braun, war früher Soldat. In diesem Augenblick spürte ich zum ersten Mal seit vielen Jahren ein warmes Verlangen, erneut zu heiraten nicht aus Pflicht, sondern aus Liebe.

So kam es, dass Friedrich und ich uns verbanden, und wir heirateten. Unser gemeinsames Leben hat mir gezeigt, dass das Schicksal die Dinge weise ordnet, egal wie alt man ist. Auch im Herbst des Lebens kann die Liebe auftauchen und wahres Glück bringen.

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