Kinderloses Ehepaar entdeckt ein Baby auf einer Parkbank – 17 Jahre später tauchen die leiblichen Eltern auf und verlangen das UnmöglicheAls die beiden sich dem Gericht gegenübersehen, enthüllt das gefundene Tagebuch des Babys eine längst vergessene Bindung, die das Schicksal aller Beteiligten für immer verändern wird.

Lotte und Klaus verließen das Haus ihrer Freunde, wo gerade ein lauter Geburtstag gefeiert wurde, und schlenderten heimwärts. Draußen war bereits tiefer November. Im schwachen Schein der Laternen fiel leiser Schnee vom Himmel, und ein leichter Wind trieb die Flocken ein Stück voran.

Wie schön das ist!, rief Lotte begeistert, während sie den winterlichen Abend betrachtete.
In der Tat, stimmte Klaus zu und zog Lotte liebevoll an sich.

Sie gingen noch ein Stück, als Lotte plötzlich stehen blieb.
Hörst du das?, fragte sie Klaus.
Ja, ein Baby weint, antwortete er und sah sich um.
Im Winter mit Krippen bei Spaziergängen? Das Weinen klingt nach Neugeborenem, bemerkte Lotte besorgt. Das Kind muss ganz in der Nähe sein, ich finde es aber nicht.

Sie blieben kurz stehen und sahen sich um.
Da drüben!, rief Klaus und rannte in Richtung Stadtpark. Auf einer mit Schnee bedeckten Bank lag ein kleiner Wollknäuel, aus dem das Weinen kam.

Was für ein winziges Ding, flüsterte Lotte. Wo sind die Eltern?, fuhr Klaus fort.
Sie haben das Kind wohl allein zurückgelassen, mutmaßte er.

Vorsichtig nahm Lotte das Baby auf den Arm, und das Kleine beruhigte sich sofort.
Kleines Mäuschen, wer hat dir nur das Herz gebrochen?, sagte Lotte zärtlich. Wie konnten die Eltern so grausam sein, ihr Kind in der Kälte zu lassen?

Kurz darauf erreichten sie ihr Haus. Auf dem Sofa ausgebreitet, sah Lotte erstaunt, dass es sich um ein Mädchen handelte, das kaum einen Monat alt war. Das Kind trug ein abgetragenes T-Shirt und war in eine löchrige Bettdecke gehüllt.

Wir müssen sie sofort füttern, und die Windeln sind bestimmt seit Stunden nicht gewechselt, sagte Lotte mit zitternder Stimme.
Ich gehe schnell los und kaufe alles, bot Klaus an.
Besorg die Milch, die Fläschchen und genug Windeln, erklärte Lotte, während sie das FriedeundFreudeBaby vorsichtig wiegte. Es sah aus, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen.

Fünfzehn Minuten später kam Klaus zurück, beladen mit Einkäufen.
Hier sind Einwegwindeln, wir haben sonst nichts, sagte er und legte die Tüte vor Lotte.
Super, jetzt können wir dich wickeln und füttern, jubelte Lotte, während sie um das Kind herumflatterte. Das Mädchen hatte rote Wangen; Lotte streichelte sie mit einer Kindercreme und breitete frische Windeln aus. Das Kleine griff gierig nach dem Sauger, als wäre es seit Ewigkeiten nicht gefüttert worden.

Wir sollten die Polizei rufen, sonst sieht es so aus, als hätten wir das Kind selbst entführt, schlug Klaus vor.
Da hast du recht, stimmte Lotte zu, während sie das schlafende Mädchen behutsam in das Bett legte.

Am nächsten Morgen tauchten Pflegekräfte und Polizisten in ihrer Wohnung auf. Lotte sah mit bangem Herzen zu, wie das Baby aus dem Haus getragen wurde. In der einen Nacht hatte sie sich so ans Kind gekuschelt, dass der Abschied das Herz zerreißt. Klaus und Lotte hatten seit sieben Jahren keine eigenen Kinder. Lotte war einmal schwanger gewesen, verlor das Kind im vierten Monat und seitdem hatten sie die Hoffnung auf eigene Nachkommen aufgegeben. Vielleicht hatte das gefundene Mädchen tatsächlich ihre leiblichen Eltern verloren

Allein zu zweit dachten Lotte und Klaus über das Schicksal des Kindes nach.

Liebling, ich würde sie doch am liebsten nochmal in den Armen halten! Sie ist so niedlich, flüsterte Lotte.
Weißt du, ich finde das ganze Aufheben um das winzige Bündel irgendwie romantisch, meinte Klaus nachdenklich und blickte aus dem Fenster. Auf dem Spielplatz spielten Mütter mit Kinderwagen. Klaus stellte sich Lotte zwischen diesen glücklichen Müttern vor und lächelte.

Drei Monate später war ihr Wunsch erfüllt. Die Behörden hatten die leiblichen Eltern von Sofie nie gefunden. Lotte und Klaus waren glücklich. Sie kauften alles, was ein Kind braucht: Kinderwagen, Krippe, Kleidung, Spielzeug und mehr. Sofie wurde ihre Lieblingsprinzessin. Jetzt schob Lotte stolz einen rosafarbenen Kinderwagen durch den Hof und plauderte fröhlich mit anderen Müttern über ihre Kleinen. Niemand zweifelte daran, dass Pflegeeltern alles für ihr Kind tun würden.

Sie hatten Sofie wirklich auf die Beine gestellt. Mit siebzehn ging sie mit der Goldmedaille aus der Schule und wollte ein PädagogikStudium beginnen.

Nach dem Abschlussball versammelte sich die ganze Familie am Tisch, um das Ereignis zu feiern. Plötzlich klopfte es an der Tür.

Ich mach auf, ihr Mädels, setzt euch, sagte Klaus lächelnd und eilte zur Vorhalle.

Kurz darauf stand ein leicht angeheiteter Mann mit einer Frau vor der Tür. Sie drängten sich in das Wohnzimmer.

Mädel, herzlichen Glückwunsch zum Schulabschluss!, rief die zerlumpte Dame in einem grauen, abgetragenen Jackett.
Mädel, Sofie, wir sind stolz auf dich!, nickte ihr Mann und kratzte sich am Hinterkopf, als wüsste er nicht, was er noch sagen soll.

Wer seid ihr?, sprang Sofie vom Stuhl. Was wollt ihr hier?

Wir sind deine leiblichen Eltern, Kind, krächzte die Frau, die sich als Mutter vorstellte. Wir fanden dich vor siebzehn Jahren auf der Parkbank.
Mama, Papa, erklärt uns das bitte! Ist das ein Zirkus?, starrte die Tochter verwirrt zwischen den Gästen und dem Paar, das sich gegenseitig fragend ansah.

Sofie, hör nicht auf sie. Wir sind deine echten Eltern, die anderen sind nur alkoholisierte Gäste, die nach einem Drink suchen, sagte der Vater.
Ach, ihr verteilt jetzt noch KaterHilfen?, schnappte Sofie sarkastisch. Was soll das überhaupt sein?

Lotte mischte sich ein, weinte ein wenig und erzählte die Geschichte von dem gefundenen Baby im Park. Sofie sah Klaus und Lotte überrascht an und fast zu Tränen gerührt. Dann sagte sie mit fester Stimme:

Wenn das wirklich wahr ist, dann verlasst sofort unser Haus!

Die zerlumpte Frau protestierte laut: Mädchen, du hast doch noch jüngere Brüder und Schwestern! Sie zupfte sich die Haare, während ihr Mann nervös hin und her wankte, als hätte er die Zeit verloren.

Na gut, dann komme ich bald wieder zu Besuch, versprach Sofie, nur damit die seltsamen Leute sofort gingen.

Die beiden Gäste verbeugten sich halbherzig und verließen schließlich das Haus.

Nachdem die Tür zugeschlagen war, atmete Klaus erleichtert auf.

Was für ein Gestank, den die hier hinterlassen haben!, rief Lotte, während sie das Fenster öffnete.

Sofie sah neugierig ihre Eltern an und fragte:

Stimmt das denn alles?

Die Mutter senkte den Blick.

Ja, Liebes, gestand ihr Vater.

Sie erzählten ihr, wie sie das Kind an einer verschneiten Bank im Park in eine alte Decke gehüllt gefunden hatten und wie sie dann die ganzen Formalitäten für die Adoption erledigt hatten.

Dann dann liebe ich euch jetzt noch mehr, Mama, Papa!, rief die Tochter fast weinend. Sie umarmte beide fest und sagte, sie könne sich nicht vorstellen, was passiert wäre, hätte man sie nicht an jenem Abend im Park gefunden.

Die Zeit verging. Die albernen Besucher meldeten sich nie wieder. Natürlich wusste die Familie, warum die Gäste eigentlich gekommen waren die Alkoholiker suchten nur Geld für ihren Rausch. Das verlassene Kind war ihnen ein Mittel zum Zweck. Sofie dachte jedoch anders. Sie konnte nicht fassen, dass Menschen Kinder haben und sich nicht um sie kümmern konnten das war reine Geldgier.

Einige Jahre später schloss Sofie ihr Studium ab und bekam eine Stelle an einem pädagogischen College. Doch sie vergaß nie, dass irgendwo noch Geschwister auf sie warteten. Eines Tages beschloss sie, sie zu besuchen.

Sie fuhr zusammen mit ihrem Freund Felix, mit dem sie schon lange befreundet war, zu einer halbverfallenen Hütte, in der noch jemand lebte.

Ist das das Ziel?, fragte Felix erstaunt.
Sieht so aus, antwortete Sofie und betrat den verwilderten Hof, der seit Jahrhunderten keinen Anstrich mehr gesehen hatte.

Sie klopften an die alte Holztür. Nach ein paar Sekunden hörten sie Schritte.

Habt ihr uns vergessen?, brummte eine bekannte, ungepflegte Tante. Kommt rein. Und wer ist das? Dein Bräutigam? Dann müsst ihr wohl ein Gläschen auf ihn ausgeben.
Ich bin der Bräutigam, aber wir sind nicht für Trinken hier, sagte Felix ernst.
Warum denn? Gebt den Kindern wenigstens ein bisschen Geld, sie hungern ja. Die Frau seufzte und schüttelte die Schultern. Eure Eltern wurden vor einem Jahr begraben.

Im Durchgang tauchten ein paar ängstliche Kinderaugen auf.
Das ist für euch, sagte Felix und reichte den Kindern zwei große Schachteln voller Bonbons. Die Kleinen stürzten sich sofort darauf und verschwanden in einem anderen Raum.

Am Tisch saß ein schlaksiger Junge, der nervös die Gäste musterte, als würde er etwas entscheiden müssen.
Das ist unser Miska. Lernt ihn kennen. Er ist schüchtern, aber ein lieber Kerl und will lernen, murmelte die Tante.

Sofie trat näher.
Möchtest du dich vorstellen?, fragte sie freundlich und reichte ihm die Hand.
Der Junge blickte sie skeptisch an, zögerte und schüttelte dann doch die Hand.

Sofie und Felix nahmen Miska mit nach Hause. Er erwies sich als clever und fleißig. Mit Sofies Hilfe bekam er ein Studiumplatz und eine Wohnung in der Stadt. Jeden Tag besuchte sie ihn zusammen mit Felix. Nach und nach blühte Miska auf, lachte, erzählte Witze und erfreute seine neue Familie.

In dem Haus ihrer alkoholkranken Mutter lebten noch zwei Kinder, neun und zehnjährig. Sofie holte sie manchmal von der Schule ab, brachte große Tüten mit Lebensmitteln mit und fühlte großes Mitgefühl für den kleinen Bruder und die Schwester, weil ihre Mutter das ganze Geld für Alkohol ausgab. Sofie lud die Kinder zu sich ein, damit sie zumindest ein bisschen normal Kindsein erleben konnten, vergessenen Ärger und Armut. Sie ging mit ihnen ins Kino, zu den Kirmesbuden oder einfach in den Park. Eines Tages starb die Mutter ihr Lebensstil hatte ihr das Leben gekostet.

Klaus und Lotte hatten sich als liebevolle, fürsorgliche Eltern etabliert. Bald wuchs die Familie weiter: Artem und Vasiliye kamen dazu. Die Erziehung übernahmen vor allem Klaus und Sofie, die mehr Zeit hatten. Diese beiden Kinder wuchsen in einem Pflegehaus auf, vergaßen das harte, schmerzhafte Leben. Noch als Kindschenkel träumten sie davon, dem zerfallenen Haus und der ruppigen Mutter zu entkommen, wagten es aber nicht. Und plötzlich wurde ihr Traum wahr. Beide wurden erwachsen, studierten Psychologie und eröffneten gemeinsam eine Praxis, in der sie vielen Menschen halfen.

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