Anna Müller schnappte sich die kräftige, bunte Henne und tauchte sie zornig in ein großes Fass Wasser. Die Henne schrie herzzerreißend und versuchte zu entkommen. Nachdem das Bad beendet war, warf die Bäuerin das bedrängte Hühnchen auf den grasbedeckten Hof. Laut gackernd rannte es davon und verlor dabei schwarz-weiße Federn, die der freche Septemberwind aufnahm und weit forttrug.
Anna hob das schwere Fass und schüttete das Wasser verärgert auf die Kürbisse, die wie dicke Schweinchen entlang des Zauns lagen. Dann ging sie ins Haus und schlug die Tür fest hinter sich zu. Nein, Anna Müller war keine böse Frau, die das arme Hühnchen quälte. Adolfine, die Henne, hatte beschlossen, den dritten Sommer in Folge Eier zu brüten. Zwei Generationen von Hähnchen und Hennen, die sie großgezogen hatte, wanderten bereits durch die staubige Dorfstraße. Doch es war schon September, und frisch geschlüpfte Küken hätten in dem langen, kalten Winter keine Überlebenschance gehabt. Daher griff die Bäuerin zu einem bewährten Hausmittel: sie tauchte die Glucke in kaltes Wasser.
Die Katze Lina, Annas Liebling, saß auf dem Zaun und beobachtete mit ihren großen, goldenen Augen das Geschehen mit philosophischer Gelassenheit. „Diese dumme Henne…“, dachte sie, während sie sich mit ihrer rosa Pfote das ohnehin schon saubere Gesicht wusch, „legt ein Ei und gackert dann, als ob die ganze Welt es erfahren müsste. Wäre sie still geblieben, hätte sie vielleicht ihre Küken großgezogen. Ich dagegen halte mich bedeckt, und schon wachsen vier Kätzchen im Heu heran. Bald kann ich meine geliebte Besitzerin stolz machen…“
Die Katze streckte sich, gähnte und entblößte dabei ein kleines, rosa Zünglein, bevor sie in den Schuppen trottete, wo ihre bunten Jungen auf sie warteten. Am nächsten Tag ging Anna, von Trauer erfüllt, in den Schuppen. Ihre geliebte Katze Lina war gestorben und sollte würdevoll im frischen Heu beerdigt werden. Lina war einer der vielen Füchse rund um das Dorf zum Opfer gefallen.
Doch bevor sie starb, hatte sie es geschafft, den Fängen des Fuchses zu entkommen und kehrte heim, um ein letztes Mal ihre liebevolle Besitzerin zu sehen. Als Anna Müller sich niederbeugte, um eine Handvoll duftendes Heu herauszuziehen, erblickte sie Adolfine. Die Henne saß in einem großzügigen Nest, plusterte ihre Federn auf und gluckste zufrieden. Laut schimpfend, wollte die Bäuerin die widerspenstige Glucke am Schwanz packen und aus dem Nest werfen. Doch Adolfine blähte sich auf wie ein Ballon und zischte wie eine wütende Gans.
Überrascht von dieser Abwehr zog Anna ihre Hand zurück, und unter den spröden Federn erschien… eine neugierige Katzenmiene! Eine, zwei, drei… Bald krochen alle vier Kätzchen Linas mit lautem Geschrei ans Tageslicht! Wie bestellt: ein schwarzes, ein weißes, ein gestreiftes und eine süße dreifarbige Kätzin, die ihrer verstorbenen Mutter aufs Haar glich.
Nun ging Anna Müller jeden Tag zum Schuppen, mit einem Eimerchen Korn für Adolfine und einer Schale Milch für ihre vierbeinigen “Küken”. Bald führte Adolfine ihren lebhaften Nachwuchs zum Hof aus. Gepolstert mit ihren Federn, gluckste sie drohend, behütete ihre Kleinen und bot ihnen vehement Körner oder einen besonders schmackhaften Wurm an.
Aber die Kleinen rollten sich nur im Gras und tobten durch den Hof, ihre kleinen Schwänzchen wie Karotten aufgerichtet. Der Winter kam. Alle vier von Linas Jungen zogen in Annas geräumiges Haus. Und Adolfine… Für Adolfine musste ein großer Korb unter der Bank bereitgestellt werden, denn die mittlerweile gewachsenen Kätzchen schliefen nur unter dem warmen, mütterlichen Flügel.