Ein Leben in einer Gemeinschaftswohnung auf einer Insel.

Es war ein kalter Winterabend in München, als Lena und ihr Sohn Tim in ihrer kleinen gemütlichen Wohnung aufwachten, die sie mit zwei älteren Damen teilten. Die beiden Schwestern, die ihre besten Jahre während des Zweiten Weltkriegs erlebt hatten, behandelten Tim mit der Liebe, die man einem Enkelkind entgegenbringt. In ihrer 15 Quadratmeter großen Wohnung lebte es sich friedlich, denn Streitigkeiten mit den Nachbarn kannte Lena nicht. Sie kümmerte sich um die Ordnung in der Wohnung, während die Schwestern gelegentlich für Tim sorgten, wenn Lena arbeiten musste.

Ihr Ehemann hatte sie verlassen, als Tim gerade ein Jahr alt war. Tim war mit einer Form des zerebralen Bewegungsapparates geboren, die unnatürliche Bewegungen verursachte. Trotz dieser körperlichen Herausforderungen war sein Intellekt unberührt; sein Verstand war scharf, und er sprach gut, auch wenn er oft stotterte. Tim verbrachte seine Freizeit häufig damit, mit der alten, zotteligen Katze Minka oder den Wellensittichen und Meerschweinchen zu spielen.

Lenas finanzielle Situation war angespannt, und sie war gezwungen, Tim in einer Ganztagseinrichtung in der Nähe unterzubringen, was sich als Herausforderung erwies. Glücklicherweise fand sie einen Kindergarten außerhalb der Stadt, wo Tim die Woche verbringen konnte und sie ihn freitags abholte. Lena arbeitete als Aushilfe in einer Druckerei und reinigte zusätzlich in einem Büro, um über die Runden zu kommen. Zusammen mit Tims Pflegegeld reichte es gerade so zum Leben.

Freitags um sieben Uhr war der aufregendste Teil der Woche, denn dann holte Lena Tim aus dem Kindergarten ab. Die nette Betreuerin übergab ihr Tim, eine Tasche mit seiner Kleidung und ein kleines Packet mit Kuchen und Äpfeln. Gemeinsam machten sie sich auf den anstrengenden Heimweg mit der S-Bahn und dem Bus.

Dieser Winter war besonders schneereich. Während der Fahrt nach Hause beschlossen Lena und Tim, in einen Tierladen nahe der U-Bahnstation zu gehen. Tim war fasziniert von den leuchtenden Aquarien und zwitschernden Vögeln. Begeistert rannte er hinein, stolperte aber über eine Hundeleine, die auf den Boden fiel. Die Verkäuferin im Laden unterbrach Lenka grob. “Können Sie Ihr Kind bitte unter Kontrolle halten? Wir schließen gleich.”

Ernüchtert verließ Lena mit Tim den Laden und sie traten in den Schneesturm. Die Fahrt mit dem Bus war glücklicherweise ruhiger. Tim erinnerte sich an ein Lied, das er für Weihnachten gelernt hatte und begann zu singen. “Mama, hör mal… über den Weihnachsmann!”

Ein betrunkener Mann saß vor ihnen und begann, Tim zu beschimpfen. Lena starrte fassungslos, aber als der Mann Tim grob am Kragen packte, schaltete sich ihr mütterlicher Instinkt ein. Sie schob den Mann weg und zog Tim zu sich. Der Bus hielt an, die Türen öffneten sich und Lena trat dem Mann in die Weichteile, als er sich zu erheben versuchte. Benommen fiel er hinaus in den schmutzigen Schnee. “Schließe die Türen, schnell!”, rief der Fahrer, der die Szene mit ansah und Lenas Seite einnahm.

An der nächsten Haltestelle stiegen Lena und Tim aus. Lena trug ihren erschöpften Sohn und kämpfte sich durch den Schnee zu ihrem Zuhause zurück, wo heiße Schokolade, die warmherzigen alten Damen und die treue Katze Minka sie erwarteten.

Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: