Wie bitte? – fragte die ältere Dame nach.

Es war ein sonniger Tag am Strand von Rügen. Die Luft war klar, und die Sonnenstrahlen tanzten auf den Wellen. Eine resolute Frau namens Rosemarie Müller stand kerzengerade, eine große, florale Sommermütze auf ihrem Kopf. Neben ihr auf der Liege rekelte sich ein magerer Herr von etwa fünfzig Jahren, Ferdinand Krüger.

„Entschuldigen Sie, was sagten Sie?“ wiederholte Rosemarie gelassen.

„Ich sagte, Sie versperren mir die Sonne“, brummelte Ferdinand mit einem Hauch von Missmut in der Stimme.

„Meinen Sie, solch ein prächtiges Dekolleté sollte einfach herumliegen? Natürlich genieße ich die Sonne im Stehen. Es ist angenehm für die Sonne und für die anderen eine Augenweide“, entgegnete Rosemarie unverblümt.

„Vielleicht gibt es ein Publikum für Ihre Erscheinung, geschätzte Dame. Doch ich kann wegen Ihnen weder die Sonne noch eine andere Dame erspähen!“ erwiderte Ferdinand und bemühte sich, seine Empörung zu unterdrücken.

„Was sollen sie denn bei Ihnen sehen?“ bemerkte Rosemarie spöttisch, ohne auch nur einen Blick auf den Touristen zu werfen. „Wenn es einen Ansturm auf Sie gäbe, hätte ich das sicher bemerkt! Aber Sie meckern, als hätte ich Ihnen kein Wechselgeld gegeben“, fügte sie mit einem Augenrollen hinzu.

„Na hören Sie mal!“ schrie Ferdinand, sprang auf und stolperte sogleich über das Bein seiner Liege. In einer dramatischen Bewegung fiel er Richtung Rosemarie.

In der Sekunde, in der sein gewichtiger Kopf auf ihrer beeindruckenden Oberweite landete, realisierte er, dass ihm nichts geschehen war. Rosemarie streichelte ihm fürsorglich das zerzauste Haar und betrachtete sein überrascht-verschämt wirkendes Gesicht.

„Hätten Sie nicht einfach sagen können, dass Sie Gesellschaft suchen? Ich hätte Sie doch verstanden. Kommen Sie, mein lieber Heuschreck, ich lade Sie auf eine Mahlzeit ein“, meinte sie mit einem warmen Lächeln.

Obwohl Ferdinand innerlich von dem peinlichen Erlebnis erschüttert war, spürte er den Appetit des salzigen Meeres in sich steigen. Oder war es das Schicksal, das ihn sanft zur Einsicht brachte? Er folgte Rosemarie, von Einsicht und Dankbarkeit erfüllt.

Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen, kein Jahr weniger. Er, nun ihr etwas runder gewordener „Heuschreck“, und sie, seine „Rose“, die nach wie vor regelmäßig die Strahlen der Sonne aufsog, besuchten weiterhin gemeinsam den Strand. Während sie wie immer stolz Richtung Sonne stand, lag er blass neben ihr im Schatten, darauf bedacht, dass keine andere Dame einen Blick auf ihn werfen konnte. Dankbarkeit erfüllte sein Herz, als er an jenen entscheidenden Moment zurückdachte.

In Gedanken summte er vor sich hin, in Erwartung der köstlichen Klöße und Bratkartoffeln mit Speck, Rosemaries Spezialität, die er damals zum ersten Mal genossen hatte.

Die Moral der Geschichte? Dabei sollte man unvorhergesehene Ereignisse, die den Komfort gefährden könnten, willkommen heißen. Vielleicht ist es die Schönheit, die unser Leben erhellt und unsere Existenz mit lebendigen Farben schmückt. Schließlich heißt es nicht umsonst: „Schönheit rettet die Welt!“

Wer weiß, was sie als nächstes in Ihr Leben bringt und mit welchen Delikatessen sie Ihr einsames, fades Dasein bereichern mag.

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