VERSÖHNUNGAls die beiden alten Freunde sich endlich die Hände reichten, spürten sie, wie die jahrzehntelange Kälte zwischen ihnen schmolz und ein neuer, stiller Frieden entstand.

Du, Papa, komm nicht mehr zu uns. Immer wenn du gehst, fängt Mama an zu weinen und weint bis zum Morgengrauen. Ich schlafe, wache auf, schlafe wieder, wache wieder, und sie weint und weint. Ich frage sie:Mama, warum weinst du? Weil Papa? und sie sagt, sie hechelt nur, weil sie eine Schnupfen hat. Aber ich bin schon groß genug, um zu wissen, dass Schnupfen nicht so klingt, als würden Tränen das Wort verformen.

Im kleinen Straßencafé in BerlinKreuzberg sitzt Thomas Schulz mit seiner Tochter Heike am Tisch und rührt mit einer winzigen Löffelchen in dem bereits abgekühlten Kaffee, der in einer mikroskopisch kleinen weißen Tasse liegt. Der Eisbecher vor Heike bleibt unberührt, obwohl er in einer Schale wie ein Kunstwerk thront: bunte Kugeln, bedeckt mit einem grünen Blatt und einer Kirsche, alles von Schokoladensauce umhüllt. Jede sechsjährige würde vor diesem Anblick dahinschmelzen nur Heike nicht, denn seit letztem Freitag hat sie beschlossen, ein ernstes Gespräch mit ihrem Vater zu führen.

Thomas schweigt lange, bricht dann das Schweigen:

Was sollen wir nun machen, meine Kleine? Soll ich dich ganz aus meinem Leben streichen? Wie soll ich dann weiterleben?

Heike zuckt mit ihrer süßen, etwas knolligen Nase, die sie von ihrer Mutter geerbt hat, und überlegt, dann spricht sie:

Nein, Papa. Ich schaffe das nicht ohne dich. Wir machen das so: Ruf Mama an und sag ihr, du holst mich jeden Freitag nach dem Kindergarten ab. Dann können wir zusammen spazieren gehen, oder wir setzen uns ins Café, wenn du Lust auf Kaffee oder Eis hast. Ich erzähle dir alles, was bei uns zuhause passiert.

Kurz darauf überlegt sie weiter:

Und wenn du Mama sehen willst, filme ich sie jede Woche mit meinem Handy und schicke dir die Aufnahmen.

Thomas schaut seine kluge Tochter nicht an, lächelt leicht und nickt:

Einverstanden, so leben wir ab jetzt.

Heike atmet erleichtert aus, greift nach ihrem Eis. Doch das Gespräch ist noch nicht zu Ende, das Wichtigste muss noch gesagt werden. Während bunte Zuckerstreusel an ihrer Schnauze hängen, leckt sie sie ab, richtet sich ernsthaft, fast erwachsen, fast zur Frau, die ihren Mann beschützen muss selbst wenn dieser bereits etwas älter ist. Letzte Woche hatte Thomas Geburtstag; Heike hatte in der Kindergartengruppe eine Karte mit der großen Ziffer 28 bemalt.

Ihr Gesicht wird wieder ernst, die Augenbrauen zusammengezogen, und sie sagt:

Ich glaube, du solltest heiraten.

Und sie fügt großzügig hinzu:

Du bist ja noch nicht ganz so alt.

Thomas erkennt den gut gemeinten Versuch seiner Tochter und schnappt zurück:

Du sagst auch nicht ganz

Heike fährt begeistert fort:

Nicht ganz, nicht ganz! Sieh mal, Onkel Klaus, der schon zweimal bei Mama war, ist sogar ein bisschen kahl.

Sie tippt sich dabei die Stirn, streicht ihre weichen Locken mit der Hand. Dann, als Thomas sie eindringlich ansieht, fast so, als hätte sie Mamas Geheimnis versehentlich preisgegeben, legt sie beide Hände an die Lippen, weitet die Augen ein Ausdruck von Schock und Verwirrung.

Onkel Klaus? Welcher Onkel Klaus soll das denn sein, der so oft zu euch kommt? Der Chef von Mama? brüllt Thomas fast laut im ganzen Café.

Heike stammelt:

Ich weiß nicht, Papa vielleicht ist er ja der Chef. Er bringt manchmal Süßigkeiten, manchmal einen Kuchen für uns alle.

Sie zögert, ob sie das Geheimnis mit ihrem nicht ganz normalen Vater teilen soll.

Thomas legt die gefalteten Hände auf den Tisch, starrt sie lange an. Heike spürt, dass er in diesem Moment eine entscheidende Entscheidung trifft. Sie wartet geduldig, drängt ihn nicht, denn sie weiß oder ahnt dass Männer oft zögern und ein wenig weiblicher Anstoß sie in die richtige Richtung führen kann. Und wer könnte das besser tun als die Frau, die für ihn das Wertvollste ist?

Thomas schweigt weiter, bis er endlich ein lautes Aufatmen macht, löst die Hände vom Tisch, hebt den Kopf und spricht:

Komm, Heike, es ist schon spät, ich bringe dich nach Hause. Und ich rede dann mit Mama.

Heike fragt nicht, worüber er mit ihr reden will, spürt aber die Bedeutung. Sie kaut hastig ihr Eis, dann wirft sie die Löffelchen wütend auf den Tisch, steht hastig vom Stuhl, wischt sich die Lippen mit dem Handrücken ab, schnuppert und sagt, den Blick fest auf ihren Vater gerichtet:

Ich bin bereit. Lass uns gehen.

Sie laufen nicht, sie sprinten. Thomas trägt Heike bei sich, während sie wie ein wehendes Banner wirkt, das einst der Fürst Andrei aus Tolstois Krieg und Frieden im Feld schwenkte.

Im Treppenhaus schließen sich die Aufzugstüren knarrend, ein Nachbar wird nach oben geschoben. Thomas blickt verwirrt zu Heike, sie zieht die Stirn hoch, schaut ihn fest an und fragt:

Na, worauf warten wir? Wir sind doch erst im siebten Stock.

Thomas hebt die kleine Heike hoch und stürzt die Treppe hinauf. Auf der obersten Etage öffnet endlich die Tür, und Mutter Ursula tritt heraus. Thomas stürmt sofort vor:

Du darfst das nicht! Welcher Klaus ist das? Ich liebe dich, und wir haben Heike

Er umarmt sie, dann umarmt er auch seine Tochter. Heike schlingt beide um die Schultern, schließt die Augen, weil die Erwachsenen sich küssen.

Die Szene endet im flackernden Licht des Flurs, während das Echo ihrer Worte in den Wänden von Berlin widerhallt.

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