UnschönDoch als das erste Licht des Morgens die verfallene Fassade berührte, verwandelte sich das Unschöne plötzlich in ein geheimnisvolles Kunstwerk.

Explosion ein dumpfer Knall Dunkelheit Dunkelheit
Endlich lichtete sich das Schwarz. Eine Stimme drang durch das Rauschen:
Frau Liselotte, hier ist der Retter, etwas ist explodiert.
Durch den Schmerz spürte ich eine Hand an meinem Hals. Mühsam öffnete ich die Lider. Vor mir schimmerte ein Anhänger in Rechteckform, graviert mit Tierkreissymbolen. Neben mir stand eine Frau im weißen Kittel.

In den OP!, rief eine Stimme ganz nah.

Die Eltern kamen von der Arbeit zurück. Die Mutter stürmte sofort in die Küche, blickte in das Zimmer, wo ihr Sohn Hausaufgaben machte. Vater Dieter trat ein, bemerkte sofort, dass sein Sohn schlecht gelaunt war.

Tobias, was ist los?, sagte er und klopfte ihm freundschaftlich auf den Kopf.

Nichts, grummelte der Viertklässler.

Na, dann los, sprich!.

Morgen ist Internationaler Frauentag. Die Lehrerin hat uns heute aufgehalten und gesagt, wir sollen den Mädchen ein Geschenk machen.

Und was ist das Problem?, lächelte Dieter.

Bei uns ist die Aufteilung gleich Jungen wie Mädchen. Und sie hat schon verteilt, wer wem schenkt, seufzte Tobias schwer. Ich habe die unschöne Liselotte Erhard bekommen.

Alle wollen ein Geschenk zum Frauentag, auch die unschönen, versuchte Dieter, als wäre Tobias ein Erwachsener. Wie hat sie die verteilt? Alphabetisch? Oder nach Sternzeichen?

Nach Kompatibilität. Liselotte ist Jungfrau, und die passen am besten zum Stier. Und ich bin ja ein Stier.

Das ist doch gut, wenn ihr zusammenpasst! Vielleicht verliebst du dich ja noch in sie.

Ich? In Liselotte Erhard?

Vater lachte laut. In diesem Moment stürmte Mutter Lena herein:

Was ist hier los?

Liselotte, geh in die Küche, sagte Dieter streng. Wir haben ein ernstes Gespräch.

Als Lena ging, fragte Tobias mit trauriger Stimme:

Papa, was soll ich jetzt machen?

Ein Geschenk basteln!

Welches?

Morgen mache ich in der Werkstatt etwas für deine auserwählte Freundin.

Papa, was kann ein Galvaniker da schon schenken? Du arbeitest doch in der Metallbeschichtung.

Genau! Und das wird morgen klar.

Am nächsten Tag brachte Dieter einen goldfarbenen Rechteckanhänger an einer Kette mit zwei eingravierten Sternzeichen Stier und Jungfrau und darunter in kleiner, aber schöner Schrift:

Für meine Klassenkameradin Liselotte zum Frauentag! Dein Tobias.

Der Anhänger glänzte herrlich, und als Mutter ihn in ein KlarsichtPlastikTütchen steckte, sah er noch beeindruckender aus.

Am 8. März ließ die Lehrerin den Unterricht ausfallen. Zuerst überreichten die Schülerinnen ihr Geschenk, dann rief sie die Jungen zusammen, damit sie den Mädchen etwas geben.

Ein Wirbel entstand: Alle Jungen stürzten sich auf ihre Auserwählten. Tobias ging zu Liselotte Erhard und sagte, wie sein Vater ihn eingeübt hatte:

Liselotte, alles Gute zum Frauentag! Vielleicht führt das Schicksal ja Stier und Jungfrau zusammen.

Nachdem er die einstudierte Zeile gesagt hatte, ging er zurück zu seinem Platz und bemerkte nicht, dass sein Herz für das unschöne Mädchen schneller schlug.

Kurz darauf zogen Liselottes Eltern in einen anderen Stadtteil um, und Liselotte wechselte ab der fünften Klasse die Schule.

Ansgar öffnete die Augen. Weißer Krankenhausdecke. Er versuchte, mit Armen und Beinen zu strampeln, doch nur der linke Arm zuckte.

Wo bin ich?, rief er verwirrt.

Ein klapperndes Geräusch, dann kam eine Krankenschwester auf Krücken zu seinem Bett und fragte:

Sind Sie wach? Sie liegen auf der Notaufnahme.

Sind meine Arme und Beine noch intakt?, flüsterte Ansgar.

Sie scheinen alle da zu sein, sagte sie erleichtert. Nur das Ganze von Kopf bis Fuß ist verbund.

Das ist gut, wenn alles da ist.

Eine andere Krankenschwester trat hinzu und fragte einfühlsam:

Wie fühlen Sie sich?

Was ist mit mir los?, wiederholte Ansgar.

Nichts Bedrohliches für Ihr Leben. Arme und Beine werden wieder arbeiten. Es gibt nur ein paar kleine Narben, die verschwinden. Die Krankenschwester reichte ihm ein eingeschaltetes Handy.

Ihre Mutter wollte anrufen, sobald Sie wach sind.

Mama?, schniefte Ansgar.

Mein Sohn, alles gut, hallte die Stimme seiner Mutter durch die Tränen.

Mama, alles in Ordnung, versuchte er, möglichst munter zu klingen. Man hat gesagt, nur kleine Narben bleiben. Bald wird man mich entlassen.

Wir dürfen nicht die Nacht zusammen verbringen. Ich komme gleich.

Mama, mach dir keine Sorgen!, legte er das Telefon neben sich, lächelte die Krankenschwester an:

Danke!

Sie werden nicht lange bleiben, lächelte die Krankenschwester zurück. Drei Wochen noch, das ist sicher.

Ein Mitpatient fragte, nachdem die Schwester gegangen war:

Was ist passiert?

Ich bin Retter, begann Ansgar. Auf der Fabrik haben Gasballons plötzlich geknallt. Wir wurden gerufen, sind ins brennende Gebäude gezogen. Drinnen waren drei Verletzte. Wir rannten hinein, Ballons explodierten überall, überall Feuer. Ich war der Letzte, der herauskam. Direkt vor der Tür explodierte noch ein Ballon danach weiß ich nicht mehr.

Das war dein Los, meinte die Schwester.

Gonzalez Ansgar, rief sie. Ein Kollege kommt.

Ein Freund stürmte herein, sprang zu seinem Bett:

Hey Tobias! Wie gehts?

Arme, Beine intakt!, antwortete Ansgar optimistisch, nur mit der linken Hand winkend.

Was war danach?

Wir gingen gerade raus, dann knallte es. Wir rannten zurück, zogen dich raus du warst voller Blut, die Ärzte waren schon da.

Danke!

Tobias, was redest du da?, grinste der Freund plötzlich. Wir wollen dich ja zu einer Medaille nominieren.

Dann werde ich bald entlassen.

Na, ich muss los. Der Arzt kommt gleich.

Der Arzt, ein Mann um die vierzig, trat zu ihm:

Na, heldenhaft, wie gehts?, sagte er und klopfte auf die Schulter.

Ganz gut.

Wenn du reden kannst, wirst du noch leben. Lass mich dich untersuchen.

Haben Sie mir was verschrieben?, fragte Ansgar.

Nein, Frau Liselotte kommt in zwei Tagen.

Zwei Tage später versuchte Ansgar aufzustehen. Die Schmerzen in den Beinen waren noch stark, die rechte Hand war verletzt, am ganzen Körper zwanzig kleine Wunden. Zwei davon am Gesicht, als die Ballons explodierten. Er schaute in den Spiegel das Gesicht noch geschwollen.

Der Arzt, der ihn drei Tage hintereinander operiert hatte, kam zur Visite.

Sie trat ein, jung, schlank, mit Brille, die ihr nichts zerstörte, und ein weißes Halstuch, das ihr gut stand. Ansgar war inzwischen 27, verheiratet, doch das Eheglück war nach einem halben Jahr zerrüttet die Gehälter passten nicht.

Guten Tag, sagte die Ärztin und ging zu seinem Bett.

Guten Tag, haben Sie mich operiert?

Ja, etwas nicht in Ordnung?

Im Gegenteil, alles super! Danke!

Lassen Sie mich Sie untersuchen.

Sie beugte sich über ihn, und plötzlich erblickte er den Anhänger mit den Sternzeichen, der um ihren Hals hing:

Liselotte Erhard! rief er.

Sie sah sein geschwelltes Gesicht, zuckte die Schultern und sagte:

Entschuldigung, ich kenne Sie nicht.

Ich bin ein Stier, erklärte er und zeigte auf den Anhänger.

Tobias Gonzales?, flüsterte sie, die Lippen bebten. Erinnerst du dich noch an mich?

Na, was sagst du, Liselotte?, ließ er ein Lächeln über die Tränen laufen und legte ihr ein Taschentuch auf die Hand.

Entschuldige!, sagte sie, wischte sich die Tränen ab. Ich hätte nie gedacht, dass wir uns hier wiedersehen.

An diesem Tag kam Liselotte nicht mehr in seine Station. Ansgar begriff, dass ihr Dienstplan Tag, Nacht, zwei freie Tage dem seinen ähnelte. Er wollte nicht hilflos vor ihr dastehen. Den ganzen Tag balancierte er an den Betten, hielt sich an der Wand fest, ging den Flur entlang.

Abends verließ die Tagschicht den Dienst, die Nachtschicht kam, man hörte das typische Geplänkel im Flur. Plötzlich dröhnte lautes Getrampel, Rettungskräfte eilten vorbei, wie immer, wenn ein Verletzter eingeliefert wird. Zehn Stunden später schaltete die Krankenschwester das Licht aus. Es war bereits Mitternacht, Schritte hallten im Flur, dann Stille ein leises Weinen war zu hören. Ansgar spürte es eher als hörte es, stand auf und schlich zum Flur.

Dort saß am Wachttisch seine ehemalige Klassenkameradin, den Kopf in den Händen, weinend. Er legte seine starke Hand auf ihre Schulter:

Liselotte!

Sie lehnte sich an ihn:

Ich habe eine Frau operiert, die unter das Auto gefallen ist, schluchzte sie. Ich habe alles getan, was ging und nicht ging Sie liegt jetzt in der Intensiv, wird es aber nicht schaffen. Sie hat zwei Kinder, ihr Mann ist bei ihr im Zimmer.

Beruhige dich, Liselotte!

Seit drei Jahren bin ich Chirurgin und kann nicht akzeptieren, dass Menschen sterben.

Beruhige dich, beruhige dich! Wir haben in fünf Jahren schon viele Tode gesehen, aber wir haben auch unzählige Leben gerettet, seufzte Ansgar. Meine Frau hat deshalb die Ehe gekündigt sagt, ich komme nie nach Hause und verdiene zu wenig. Und ich? Ich habe immer noch vierundzwanzig.

Mir geht es genauso, erwiderte sie. Man sieht mich wie die Verrückte. Noch nie verheiratet, lebe ich bei meinen Eltern.

Ach, wir sind doch erst 27, das Leben liegt noch vor uns.

Nein, Tobias, wir sind schon 27.

Liselotte, ihr Puls fällt ab, rief die Krankenschwester.

Entschuldigung!, rief sie und eilte zurück in die Intensiv.

Ansgar konnte in jener Nacht nicht schlafen. Am Morgen kam die Krankenschwester wie gewohnt für die letzte Runde.

Frau, die heute Nacht operiert wurde, lebt?, fragte er plötzlich, fast laut.

Ja, aber ihr Zustand ist kritisch.

Drei Wochen später waren Ansgars Wunden verheilt. Er und Liselotte sahen sich während ihrer Schichten, und je öfter sie sich trafen, desto stärker zog es ihn zu ihr hin. Das NotfallOPTeam war jedoch nicht der Ort für private Geständnisse.

Bei einer morgendlichen Visite sagte der diensthabende Arzt:

Heute schreiben wir Sie aus, lächelte er. Sie gehen in Ihre Hausarztpraxis, dort entscheidet man, wie lange Sie noch bleiben.

Kann ich meine Sachen packen?

Natürlich, keine Eile.

Als der Arzt ging, rasierte sich Ansgar. Im Spiegel bemerkte er, dass die beiden kleinen Narben das Gesicht nicht mehr ruinierten, sie gaben ihm sogar ein wenig mehr Männlichkeit.

Er verließ den Flur, traf eine Patientin, die gerade das Krankenhaus verließ:

Sie hats doch geschafft!, dachte er erfreut.

Die Krankenschwester reichte ihm die Entlassungsbescheinigung:

Auf Wiedersehen, Ansgar! Kommen Sie nicht mehr vorbei.

Er hatte eine kleine Einzimmerwohnung, fuhr aber zu seinen Eltern, weil seine Mutter ihn erwartete und besorgt war. Sie nahm sogar Urlaub.

Sohn! schrie sie beim Umarmen.

Alles gut, Mama, ich bin lebendig und gesund.

Komm, ich habe was zu essen. Du bist ja so mager geworden.

Ach, ich habe das Hausmannskost vermisst!

Solange du nicht heiratest, bleibst du hier, dein Zimmer steht noch leer, schimpfte sie und schickte ihn, die Hände zu waschen.

Am Abend ging er zum Friseur, holte ein paar Kleider aus dem Schrank, und die Mutter brachte alles wieder in Ordnung. Kurz darauf kam sein Vater von der Arbeit. Sie setzten sich, wie früher, alle zusammen und redeten bis tief in die Nacht.

Er schlief in seinem alten Kinderzimmer ein, wo seine Kindheit stattfand, und dachte:

Morgen muss ich zur Hausarztpraxis, danach zur Arbeit, und am Abend .

Mit diesem Gedanken schlief er ein erst nach Mitternacht.

Am nächsten Tag ging Ansgar morgens zur Hausarztpraxis, ging vormittags von Raum zu Raum, am Nachmittag zurück zur Fabrik, wo gerade seine Schicht war. Am Abend begann er, seine Sachen zu packen.

Wohin willst du?, fragte sein Vater.

Papa, erinnerst du dich noch, als ich in der vierten Klasse war? Du hast mir einen Anhänger für meine Klassenkameradin gemacht.

Für die unschöne Liselotte Erhard? Ja, ich erinnere mich.

Du hast gesagt: Vielleicht verliebst du dich in sie.

Ja, das hast du.

Liselotte ist jetzt Chirurgin, hat mir die OP gemacht. Sie trägt den Anhänger immer noch.

Das ist ja die Wahrheit!

Papa, deine Worte haben sich erfüllt. Ich gehe zu ihr!

Siebenundzwanzig Jahre nicht viel, um ein gemeinsames Leben mit der großen Liebe zu beginnen.

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