Undankbarer Sohn ist schlimmer als ein Fremder (einfache Geschichte)

Ich erinnere mich noch gut an die alte Maria Weber, die achtundvierzig Jahre alt war, als sie eines Tages an der Bushaltestelle vor ihrem bescheidenen Haus in einem kleinen Dorf nahe Bamberg stand und nicht mehr wusste, welchen Weg sie nun einschlagen sollte. Auf der hölzernen Bank lagen neben ihrer abgewetzten Stofftasche ein leerer Jutesack und ein kleiner Plastiksack, in denen fast all ihre Habseligkeiten verstaut waren.

Ich habe Rudi verjagt, ich fürchte mich nicht vor niemandem, und so sagte ich ihm geh, alte Frau, aus diesem Haus, das du hier hast, und lass uns in Ruhe leben, hörte man sie noch sagen, während die Worte in der kühlen Frühlingsluft verhallten.

Noch drei Jahre zuvor lebten sie, ihre Tochter Lieselotte, ihr Enkel Johann mit seiner Frau Klara und deren Sohn, Marias Urenkel Leopold, zu fünft in einer dreizimmerigen Mietwohnung im Herzen von Nürnberg.

Der Frieden zerbrach, als bei Johann im Betrieb eine neue Buchhalterin eingestellt wurde Rita, die aus der fernen Stadt Leipzig in ihr beschauliches Dorf gezogen war. Warum sie hierher kam, blieb ein Rätsel. Man schenkte ihr ein Zimmer im Studentenwohnheim, gab ihr Arbeit, und es schien, als könne sie ihr Leben in Ruhe führen. Doch Rita ließ das nicht zu. Sie begann, Männer zu mustern, und richtete ihr Auge auf Johann, obwohl er verheiratet war. Wie man so schön sagt: Eine Frau ist kein Haus, das man einfach ein- und ausbauen kann.

Im April kam Johann eines Tages von der Arbeit nach Hause, packte seine Dinge zusammen und verschwand, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Nur zum Abschied sagte er:

Erst mit fünfundvierzig verstehe ich, was das wahre Leben und die echte Liebe bedeuten.

Klara, seine Frau, sagte nichts dazu. Sie wartete, bis Leopold die Abschlussprüfungen an der Realschule bestanden hatte, und begann dann ebenfalls zu planen:

Wir fahren in die Stadt, Leopold muss an die Universität, und wir wohnen wieder im alten Haus meiner Eltern. Es steht seit drei Jahren leer und verrottet, aber wir werden es renovieren. Wenn wir nicht weiterkommen, wird unser Bruder helfen. Und ich finde schnell eine Stelle in der örtlichen Schule.

In zwei Tagen war alles bereit, ihr Bruder kam mit einem Lieferwagen, lud die Kisten, und sie verließen das Haus. Leopold umarmte seine Urgroßmutter fest:

Mach dir keine Sorgen, Oma, ich komme dich besuchen.

Und er kam zweimal, solange Lieselotte noch lebte. Als Lieselotte jedoch verstarb, zogen Johann und Rita in die Wohnung ein, und Leopold tauchte nie wieder auf.

Marias Leben wurde immer schlimmer. Rita begann, ihre eigenen Regeln durchzusetzen. Anfangs noch schüchtern, lud sie Maria oft zum Essen ein und servierte das, was sie für sich und Johann zubereitet hatte. Dann befahl sie ihr, das Zimmer nicht zu verlassen:

Deine Krümel bringen mir zu viel Arbeit in der Küche. Es ist mir lieber, einmal wöchentlich in deinem Zimmer aufzuräumen, als hier dreimal am Tag den Boden zu wischen.

Seitdem kochte Rita für die alte Frau nur noch Brei Hafer-, Gersten- oder Roggenbrei den Maria morgens, mittags und abends aß, und den mit schlechtem Tee hinunterspülte.

Eines Tages verkündete Rita, dass ihr Sohn in einer Woche zu Besuch käme. Gemeinsam mit Johann überlegten sie, wo er arbeiten könnte nach einer Haftstrafe würde er kaum eine Anstellung finden.

Am Morgen ging Johann zur Arbeit, und Rita befahl Maria, sich fertig zu machen:

Hier ist die Adresse des Altenheims fahr dorthin und sei dankbar, dass ich dich nicht einfach auf die Straße gesetzt habe.

Sie schob Maria ein Stück Papier mit der Adresse in die Hand und schlug die Wohnungstür hinter ihr zu.

Maria erreichte die Bushaltestelle, doch was sie danach tun sollte, war ihr ein Rätsel: Sie sah schlecht, konnte die Adresse nicht entziffern. Da stand ein junger Mann, ein Bote vom örtlichen Postamt. Sie rief ihm zu:

Junge, lies mir die Adresse vor, sag mir, welchen Bus ich nehmen muss.

Der Bote sah sie verwirrt an und fragte:

Wohin wollen Sie, Frau Maria? Da ist doch Leopold zu Hause, er sucht Sie.

Fünf Minuten später kam Leopold eilends angerannt. Eine Nachbarin, die zuvor als Pflegerin im Altenheim gearbeitet hatte, hatte seiner Mutter am Vortag Bescheid gesagt, dass Rita die Großmutter in ein Heim geben wolle. Die Nachbarin kannte die Adresse, weil sie dort lange gestanden hatte. Nun drängte sie Leopold, schnell zurück ins Dorf zu fahren und seine Urgroßmutter mitzunehmen.

Leopold packte Marias Sachen und sagte:

Ich bringe dich, Oma, wie eine Königin mit dem Taxi in die Stadt. Mama hat bereits ein Zimmer für dich bereitgestellt. Und im Garten blühen jetzt die Apfelbäume ein herrlicher Anblick!

Als Rita und Johann erfuhren, dass Leopold die Urgroßmutter in die Stadt brachte, freuten sie sich zunächst sehr. Doch die Freude währte nur kurz. Beim Durchsehen der Papiere stellte sich heraus, dass Maria von Anfang an die Eigentümerin der Wohnung gewesen war. Ihr verstorbener Mann hatte ein lebenslanges Wohnrecht, das nicht übertragbar war. Deshalb mussten Rita und Johann wieder ins Wohnheim zurückkehren.

Maria verkaufte schließlich die Wohnung und übergab das Geld ihrem Urenkel, damit er in der Stadt ein Zuhause kaufen konnte. Die Preise in München waren hoch, also reichte das Geld nur für eine kleine Einzimmerwohnung, doch sie lag in einem modernen Neubau mit viel Platz. Leopold plante, bald zu heiraten damit hatte er endlich ein Dach über dem Kopf für seine junge Familie.

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