Wie bitte zu verkaufen?! rief Leni Hofmann verzweifelt, den Blick auf ihren Sohn gerichtet. Und wo soll ich denn wohnen? Im Treppenhaus? Am Bahnhof? Oder hast du etwa beschlossen, mich in ein Altenheim zu verlegen?
Mama, warum fängst du wieder an seufzte Klaus.
Willst du mir etwa die Waschmaschinenschublade anbieten? ihre Stimme heiser. Hast du den Verstand verloren, Klaus?!
Schrei nicht. Ich wollte nur die Möglichkeiten besprechen
Was gibt es da zu besprechen?! Ein Haus ist kein Ding, das man einfach aus der Hand gibt, wenn es schwer wird! sie sprang schroff vom Tisch. Ich bin hier geboren, du bist hier gewachsen. Und du willst unser Heim zum Verkauf anbieten!
In diesem Moment schlüpfte die Nachbarin, Lydia Baumann, lautlos herein.
Leni! Warum sitzt du da wie festgenagelt? Du hast doch gesagt, du pflanzt dieses Jahr alle Beete an. Letzten Winter bist du fast umgekippt! Wo sind deine städtischen Pläne?
Lydia, ich habe mein Bestes versucht senkte Leni den Blick. Die Setzlinge sind gerade erst gekeimt, und ich habe nicht die Kraft, sie zu zerreißen
Zerreißen? Nein! Ich habe dir doch vor einem Monat Jürgen, den Landwirt aus Lüneburg, gegeben! Er hätte das ganze Feld umgegraben und wieder bepflanzt! Du hättest etwas Nützliches gesät, nicht nur Rosen, über die du jetzt nachdenkst!
Klaus meinte, im Sommer könnten Freunde kommen. Grill, Lagerfeuer. Und ich habe Flieder, Rosen
Ach, diese Rosen! schnatterte Lydia. In den letzten fünf Jahren ist dein Sohn dreimal zu Besuch gekommen. Und das immer mit Bier, nicht mit Grill.
Er arbeitet. Hat er nicht genug zu tun
Und erinnerst du dich an den Winter, als der Schnee alles verwehte? Keine Lebensmittel, keine Medikamente! Gut, dass ich herkam. Und wo war dein fleißiger Sohn? Nicht zu erreichen!
Er kommt immer, wenn ich rufe
Leni, du bist wie ein Mädchen: du glaubst und wartest. Doch die Zeit verrinnt. Du musst mit dem Kopf und nicht nur mit dem Herzen entscheiden. Beete braucht man jetzt mehr als Rosenbüsche!
Vielleicht lege ich doch Beete an. Dort, wo der Flieder schon verblichen ist
Genau. Und was hört man von der Tochter?
Wie immer. Klaus spricht hin und wieder Geburtstag, Neujahr das ist alles.
Dein Klaus erscheint immer seltener, deine Sorgen werden weniger. Ich möchte nicht drängen, aber es wird immer stiller
Leni Hofmann lebte im Dorf Birkenhain, nicht weit von Lüneburg entfernt. Vor zwanzig Jahren war ihr Mann bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Die erste Tochter, Anneliese, war schon früh klug, lernte waschen und kochen. Klaus kam erst, als Leni über vierzig war ein Trost. Zwölf Jahre Unterschied, unterschiedliche Zeiten, unterschiedliche Erziehung.
Anneliese ging früh weg.
Mama, ich will heiraten.
Mit wem? Mit diesem Roman aus dem Ort? Nicht mit ihm! Er hat weder Beruf, noch Bildung, noch Kultur!
Das ist mein Leben, Mama. Ich bin achtzehn.
Hast du sein Inneres gesehen? Da findest du keine Seele nur Fett!
Es geht nicht ums Äußere, er ist gut, klug. In der Stadt hat er einen Job angeboten bekommen.
Und ihr wollt zusammen weg? Und ich bleibe allein?
Ich will studieren. Und leben.
Leni weinte, flehte. Doch Anneliese packte ihren Koffer, sprang durch das Fenster und verschwand. Keine Briefe, kein Anruf nur selten Gerüchte über Bekannte.
Klaus lebte lange mit seiner Mutter zusammen. Er richtete einen kleinen Innenhof ein: Laube, Schaukel, Grill, Rasen, Blumen. Kein Beet, keine Kartoffeln.
Mama, warum brauchst du Beete? In Birkenhain gibt es jetzt ein Geschäft! Alles gibt es Kartoffeln, Zucchini, Gemüse. Warum bückst du dich noch?
Nun, bei uns gilt, dass das Eigenständige bewahrt werden soll
Das war mal; jetzt ist das 21. Jahrhundert!
Leni stimmte zu. Sie lebte bescheiden, aber gemütlich. Klaus brachte Lebensmittel, Medikamente, fuhr zum Arzt. Dann lernte er Marina kennen, heiratete, zog ein. Leni nahm sie auf, doch ihre Charaktere passten nicht zusammen, und Leni zeigte offen ihre Abneigung gegen das Landleben und besonders gegen die Schwiegermutter.
Bei einem weiteren Besuch umarmte Klaus wie immer seine Mutter, stellte die Vorräte hin, setzte sich an den Tisch.
Mama, ich muss mit dir reden. Ich habe eine Idee sehr profitabel.
Schon wieder Business?
Mama, in Birkenhain will man das Land kaufen! Sie wollen ein kleines Villenviertel bauen. Infrastruktur, alles wie man will. Wenn wir dein Haus mit Grundstück verkaufen, können wir eine schöne Einzimmerwohnung in Lüneburg kaufen. Und ich hätte noch Startkapital.
Warte und ich? Wo soll ich wohnen?
Mama, fang nicht an. Man könnte an ein Pflegeheim denken oder eine Wohnung mieten. Aber nicht an der Straße!
Du willst mich in eine Wohnung stecken?! In einem Hof, wo jede Pflanze ihre Wurzel kennt?! Was soll das? Das ist unser Familienhaus!
Mama, das ist nur ein Haus. Alt, unbequem. Solange der Preis hält, muss man verkaufen.
Nie! ballte Leni die Hände. Solange ich lebe, bleibt das Haus. Und ich setze dich nicht im Testament ein!
Klaus zog abrupt die Schlüssel, verließ das Haus ohne Abschied.
Leni trat nach draußen. Auf dem Blumenbeet stand ein halblüftender Rosenstrauch. In einer Hand eine Schaufel, in der anderen eine Axt. Sie wollte das Beet umgraben, doch nichts rührte sich.
Noch nichts? rief Lydia vom Zaun.
Keine Kraft. Weder in den Händen noch im Herzen.
Doch zu spät! Die Saison ist verloren. Und dein Klaus, vielleicht kommt er nie zurück.
Was würdest du raten?
Denk klar. Reguliere alles richtig du bekommst ein Einzimmer in Lüneburg. Arzt, Laden, Wärme, Nachbarn. Zivilisation.
Leni schlief die ganze Nacht nicht, dachte nach. Am Morgen stieg sie in den Bus und fuhr nach Lüneburg, zu Klaus. Sie wollte nachgeben, in Ruhe reden.
Sie ging in den dritten Stock, blieb vor der Tür stehen.
Aus dem Innern drang eine Stimme:
Vero, sie will das Haus nicht verkaufen! Stur wie ein Bagger!
Dann werd doch Lastenträger! Wie soll ich mein Business halten? Wir stehen an der Schwelle und du schnurrst! Lass das Haus in Birkenhain verrotten!
Leni erstarrte. Dann schlug sie wütend die Tür zu.
Mama? öffnete Klaus.
Danke, Sohn, dass du mich schon begraben hast! ihre Stimme bebte. Ich kam, um zu reden, um Frieden zu schließen. Und jetzt: Ich verkaufe nicht! Nie! Lieber begrabe ich es im Boden, als es deinem Business zu überlassen!
Mama
Weg von hier mit deinem Gespenst! schrie sie. Lass ihre Eltern Wohnungen verkaufen! Aber mein Haus, das bleibt!
Leni drehte sich um und ging. Die Nacht verbrachte sie am Bahnhof. Am Morgen kehrte sie heim. Drei Tage lag sie, dann nahm sie die Axt, doch kam nicht nahe an den Strauch.
Am nächsten Morgen klopfte es im kleinen Garten.
Wer ist da?
Mama, ich bins. Anneliese.
Anneliese?! Leni erstarrte. Meine Tochter
Mama, wie gehts dir?
Wie ihre Stimme zitterte.
Klaus hat angerufen. Er sagt, du wärst verrückt, willst das Haus nicht verkaufen. Ich sagte ihm: Fahr hin! Er dachte, du hättest schon aufgegeben Und ich verstand: Es ist Zeit zurückzukehren.
Tochter aber wir
Wann war das? Ich habe drei Kinder. Und jetzt verstehe ich dich endlich!
Kinder?
Zwei Töchter und ein Sohn. Und Ralf jetzt sportlich, arbeitet in der IT.
Und du ?
Wir kommen am Wochenende. Ich bringe Lebensmittel, alles, was du brauchst. Wir sind jetzt nah, Mama.
Und die Beete?
Du brauchst keine Beete mehr. Jetzt hast du Enkel.
Leni brach in Tränen aus, umarmte ihre Tochter.