Oh Mädels, habt ihr die ältere Dame in unserer Station schon gesehen? Sie ist schon betagt… – Ja, völlig ergraut. Sie hat bestimmt Enkelkinder, und alles führt dorthin – das Kind hat nach ihr verlangt, in ihrem Alter…

Haben Sie das gesehen, meine Damen, die alte Frau hier im Zimmer? Sie ist schon ziemlich betagt

Ja, ganz grau. Wahrscheinlich hat sie Enkel, aber das ist egal das Kleinkind hat hier schon wieder nach Aufmerksamkeit verlangt, trotz ihres Alters

Bei mir wirkt meine Mutter deutlich jünger als sie. Interessant, wie alt ihr Mann wohl ist?

Sie ist still und zurückgezogen, spricht mit niemandem.

Deshalb bleibt sie allein. Wir alle reden mit ihr, aber ich weiß nicht einmal, wie ich sie ansprechen soll. Man nennt sie wohl Anneliese.

Vielleicht besser mit Vor und Nachnamen im KinderEntbindungszimmer der Klinik entsteht ein reges Gespräch, als eine werdende Mutter kurz das Zimmer verlässt.

Das Schicksal von Anneliese ist hart. Als Toni vier Jahre alt ist, erkrankt die ganze Familie an Typhus. Mutter, Vater, ein einjähriger Bruder und der an einer chronischen Krankheit leidende Großvater überleben nicht. Seitdem zieht die strenge, herrische Großmutter Maria die kleine Toni auf; Liebe kennt das Mädchen kaum.

Im Jahr vierundvierzig werden Toni und Viktor jeweils dreizehn. Sie wohnen in unterschiedlichen Dörfern und ziehen nach BadKissingen, um in einer Fabrik zu arbeiten, weil dort Arbeitskräfte fehlen.

Dort, nahe der Fabrik, wohnen sie und lernen sich kennen. Schon in jungen Jahren schuften sie Seite an Seite mit den Erwachsenen.

Mit fünfzehn meldet sich Viktor freiwillig zum Wehrdienst. Toni, ein lebhaftes Mädchen mit feurig rotem Haar, will ihn begleiten, doch man lässt sie nicht mitziehen. Im Hinterland braucht es mehr Hände als Soldaten, heißt es.

Mit achtzehn schließen Toni und Viktor die Ehe keine Feier, denn die Nachkriegszeit lässt keinen Anlass für Festlichkeiten zu.

Toni zieht, zu Missfallen ihrer Großmutter, zum Mann. Die beiden Dörfer liegen etwa dreißig Kilometer auseinander. Ein Jahr später bekommen sie einen Sohn, den sie Vasili nennen. Die jungen Eltern sind glücklich, das Haus erfüllt von Idylle. Nach so vielen Strapazen haben sie das Glück endlich verdient.

Doch das Glück währt nur kurz.

Sechs Jahre später wird Vasili sechs. Toni und ihr Mann leben immer noch wie ein Herz und eine Seele; das ganze Dorf beneidet sie. Viktor arbeitet als Ofenbauer, seine Öfen sind im ganzen Landkreis berühmt.

Viktor bekommt den Auftrag, eine neue Ofenanlage in das Nachbardorf am anderen Flussufer zu bauen. Er nimmt Vasili mit, weil Toni zu Schicht arbeitet. Es ist ein eisiger Januar, der Frost liegt schwer, und sie gehen über das zugefrorene Wasser.

Viktor trägt einen schweren Werkzeugkoffer, weil er nur sein eigenes Werkzeug benutzt und fremde Werkzeuge strikt ablehnt.

Vasili tollt fröhlich umher und hört kaum auf seinen Vater, der ihn bittet, dicht bei ihm zu bleiben. Als nur noch etwa zwanzig Meter zum Ufer bleiben, rutscht der Junge in eine schneebedeckte Mulde. Viktor stürzt zur Rettung, doch

Anneliese wird bereits mit fünfundzwanzig grau, weil sie ihren Mann und ihren Sohn verloren hat. Das Haus, in dem überall Erinnerungen an sie hängen, kann Toni nicht ertragen; sie kehrt in ihr Heimatdorf zurück zu Großmutter Maria.

Toni verschließt sich völlig, das Leben verliert jeglichen Sinn. An eine neue Familie denkt sie nicht mehr.

Anneliese ist gerade dreiundvierzig geworden. Mit einem Kleinkind in diesem Alter und ohne Mann, entscheidet sich Toni bewusst, es zu versuchen.

Sie kennt die Schwierigkeiten, die vor ihr liegen, aber die Einsamkeit erschreckt sie mehr als jede zukünftige Not.

Das Dorf, in dem Toni lebt, ist abgelegen; die Anreise ist nicht einfach. Ein eisiger Tag lässt sie befürchten, dass Hilfe zu spät kommt, also fährt sie frühzeitig ins Krankenhaus. Die Gesundheit des Kindes beschäftigt sie sehr, das Alter drängt ebenfalls.

Seit dem Morgen wandert Toni gedankenverloren durch die Gänge der Klinik: Vor achtzehn Jahren verlor sie ihren geliebten Ehemann und ihren Sohn. Keine Zeit heilt ihren Schmerz, das Leid bleibt.

Toni wird Mutter eines gesunden Jungen, den sie Dmitri nennen. Sie erinnert sich stets daran, dass Vasili sich immer einen Bruder gewünscht hat.

Kauf mir einen kleinen Bruder, fleht er. Mein Vater hat mir so viele Spielzeuge gebaut! Ich will mit meinem Bruder spielen.

Wie willst du ihn nennen?, fragt der Vater.

Dmitri!

Dann heißt er Dmitri!, strahlt Viktor, während er Toni anblickt.

Toni hofft nun, Viktor weiß Bescheid. Sie entscheiden, Vasili erst noch nicht von dem Baby zu erzählen. Nachdem ihr Mann und ihr Sohn gestorben sind, hat Toni das Kind nie wirklich verloren.

Jetzt ist Dmitri da, genau wie Vasili es sich erträumt hat.

Großmutter Maria begegnet Toni mit Unmut, als sie das Neugeborene aus dem Krankenhaus trägt.

Was weinst du wieder, mein Glück?, tröstet Toni das Kind.

Ach du das ist doch peinlich, mein Glück, brummt Maria mit knarrender Stimme. Das ganze Dorf redet doch sicher über deine Schande.

Ich zeige seit einer Woche nicht mehr mein Gesicht nach draußen. Gleich fangen die Fragen an. Was soll ich denn sagen? Dass meine Enkelin verrückt geworden ist?

Im Dorf wird natürlich lange getratscht. Nichts beschäftigt die Dorfbewohner mehr als die unverheiratete Toni, jetzt dreiundvierzig, und ihr Neugeborenes.

Die Großmutter schmäht Toni gnadenlos. Doch nach einem Jahr erliegt die alte, aber noch lebhafte Maria plötzlich.

Toni trauert, obwohl alles, was sie hat, von ihrer Großmutter kommt.

Dmitri wächst zu einem echten Schönling heran: groß, braunäugig, dunkelhaarig, und er ähnelt seiner Mutter kaum, die er innig liebt.

Mit siebzig Jahren wird Toni Großmutter. Dmitri, der von der Geburt seiner Schwester erfährt, fährt mit seiner Mutter ins Krankenhaus. Seine Frau Svetlana liegt im ersten Stock.

Svetlana, Svetlana!, ruft der glückliche Vater. Zeig uns das Mädchen!

Svetlana tritt zum Fenster, hält das Kind im Arm. Toni lächelt glücklich und wischt sich die Tränen ab.

Schau, Mama, sie hat rotes Haar! Sie sieht aus wie du!, strahlt ihr Sohn. Für Anneliese ist es ein Glücksgefühl, ihren kleinen Enkel so glücklich zu sehen. So wächst er weiter, und das Leben scheint wieder leichter zu sein.

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