Als ich mich nun an die langen Jahre meines Lebens zurückerinnerte, war ich ein alter Mann von siebzig, der drei Kinder großgezogen hatte. Meine geliebte Ehefrau, Marta, war vor dreißig Jahren gestorben, und ich hatte seitdem nie wieder geheiratet. Man könnte unzählige Gründe dafür anführen kein Glück, kein passender Partner, zu wenig Zeit doch das zu sehr zu hinterfragen, schien sinnlos. Die beiden Söhne, Fritz und Walter, waren einst wahre Streithähne. Ich schickte sie von einem Gymnasium zum nächsten, bis ein herausragender Physiklehrer ihr verborgenes Talent erkannte. Plötzlich ließen die Kämpfe und die Aufruhr ein Ende.
Auch meine Tochter Liselotte war ein schwieriges Kind. Sie hatte Probleme, sich mit Gleichaltrigen zu verständigen, und der Schulpsychologe riet bereits zu einem Psychiatertermin. Dann kam jedoch ein neuer Literaturlehrer, der eine Autoren-AG gründete. Liselotte begann, von früh bis spät zu schreiben; ihre Erzählungen liefen zuerst in der Schulzeitung, später in allen Literaturkreisen. So wurden die Jungs mit Stipendien an ein angesehenes FachhochschulInstitut für Mathematik und Physik aufgenommen, und Liselotte ging an die Hochschule für Literatur.
Als dann endlich Ruhe einkehrte, fiel mir das leere Haus auffallend schwer. Der Himmel war still, fast knurrend wie ein Wolf. Ich wandte mich dem Angeln, dem Garten und der Schweinezucht zu. Das Anwesen lag an einem großen Acker am Ufer der Weser, und die Erträge reichten aus, um ein bescheidenes Einkommen zu sichern. Ich merkte bald, dass ein Werksingenieur am nahegelegenen Stahlwerk weniger verdiente als ich. So konnte ich meinen Kindern schließlich doch noch Autos schenken preiswert, aber brauchbar ein wenig Geld für die Kleidung beisteuern und die alltäglichen Ausgaben decken.
Die Zeit schien jedoch schneller zu verfliegen, als je zuvor. Zehn Jahre vergingen, und mein achtzigster Geburtstag nahte. Ich hatte vor, ihn allein zu begehen. Meine Söhne arbeiteten an einem streng geheimen Projekt für das Verteidigungsministerium, und konnten am Wochenende nicht zu mir kommen. Liselotte reiste ständig zu SchriftstellerSymposien. Ich wollte sie nicht mit einer Einladung belästigen.
Ich werde einfach allein einen Schnaps trinken, das Feld durchschauen und an Marta denken, dachte ich. Und so begann der Tag. Ich stand früh auf, um die Schweine zu füttern eine besondere Aufzucht, die noch nächtliche Arbeit erforderte. Als ich die Tür öffnete und auf die noch vom Sternenhimmel erleuchtete Wiese trat, sah ich mitten darauf ein merkwürdiges, längliches Etwas, in ein Tuch gehüllt.
Was soll das denn?, fragte ich erstaunt, als plötzlich mehrere Scheinwerfer aufleuchteten. Das Licht enthüllte meine Söhne mit ihren Ehefrauen und Enkeln, einige Verwandte, und Liselotte, die von einem hochgewachsenen Mann mit dicken Brillengläsern begleitet wurde. In ihren Händen schwirrten Luftballons, sie bliesen durch Tröten und drückten lauthals hupende Pumpen. Alle riefen und wedelten, während sie mich umarmen wollten:
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Papa!
Das seltsame Objekt geriet völlig in den Hintergrund. Meine Frau, meine Schwiegertochter und meine Enkel ließen mich nicht zurück in das Haus, wo bereits die Tische gedeckt wurden.
Bleib stehen, Papa, sagte Liselotte, darf ich dir die Augen verbinden?
Na gut, stimmte ich zu. Sie band mir ein dichtes Tuch um den Hinterkopf und drehte mich ein paar Mal im Kreis.
Was soll das?, fragte ich verwirrt.
Ein Geschenk, antwortete einer meiner Söhne.
Hoffentlich nicht zu teuer, erwiderte ich, doch er beruhigte mich:
Keine Sorge, Papa, das ist nur eine kleine Aufmerksamkeit, ein Zeichen der Dankbarkeit.
Sie führten mich zu dem Tuch, und Liselotte zog die Binde von meinen Augen. Aus Lautsprechern dröhnte laute Musik, ein Trommelwirbel. Die Kinder stürmten von drei Seiten her zu dem Objekt und zerrissen das Tuch. Unter dem grellen Schein der Scheinwerfer kam ein glänzender MercedesKlasseE zum Vorschein!
Ich stand schwankend da, fast bewusstlos vor Überraschung, und fiel beinahe zu Boden, doch sie halfen mir, mich auf einen Stuhl zu setzen. Nur ein Wort kam mir über die Lippen:
Mein Gott, mein Gott
Beruhige dich, Papa, spritzte mir Liselotte Wasser ins Gesicht, du wolltest dieses Auto dein ganzes Leben lang.
Aber das ist doch ein Vermögen, stammelte ich.
Nicht mehr wert als das Geld, sagte einer meiner Söhne.
Komm, fuhr Liselotte fort, setz dich in den Innenraum, wir wollen Fotos machen.
Ich öffnete die Tür und wollte einsteigen, doch dort stand ein kleiner Karton. Was ist das?, fragte ich.
Öffne, sagte Liselotte. Ich zog den Karton heraus, öffnete ihn und sah zwei kleine Augen von unten. Ein flauschiges, winziges Wesen lugte hervor. Ich hielt es fest:
Ein echter ThaiKätzchen! Genau wie das, das wir einst mit deiner Mutter hatten. Erinnerst du dich, Marta? Bomi. Ihr habt ihn geliebt, als ihr noch ganz klein wart.
Natürlich, Papa, riefen die Kinder im Chor.
Ich setzte mich nicht ins Auto. Stattdessen ging ich nach oben in mein Zimmer im zweiten Stock, nahm das Kätzchen und zeigte ihm ein altes Foto von Marta. Tränen liefen meine Wangen hinab:
Siehst du, Marta, siehst du? Ich habe es geschafft. Sie haben mich nicht vergessen siehst du?
Doch die Kinder ließen mich nicht lange allein. Der Tisch unten war bereits gedeckt, die Gläser standen bereit, und die Reden begannen. Liselotte flüsterte mir ins Ohr, dass sie im vierten Monat schwanger sei, und ihr Verlobter aus New England zu Besuch kommen würde. Sie wolle bei mir wohnen, denn ihr neues Buch könne überall geschrieben werden. Ihr Verlobter würde nach seiner Reise zurückkehren und in unserer Stadtkirche heiraten.
Bist du einverstanden, Papa?, fragte sie.
Das ist wie ein Märchentraum, antwortete ich und küsste sie auf die Stirn.
Der Tag verging in geselligen Gesprächen, leichter Kost, Schnaps und Erinnerungen. Am Abend ging ich zur Grabstätte meiner geliebten Marta, setzte mich lange hin und redete mit ihr, als wäre sie noch da. Das Leben gewann plötzlich wieder einen neuen Sinn besonders mit diesem Auto. Ich dachte daran, neue Kleider zu kaufen, eine Fahrt in die nahegelegene Großstadt zu unternehmen.
Auf meinem Bett schnurrte das kleine ThaiKätzchen, das ich Tomka nannte. Ich wiederholte leise: Tomka, Tomka. Es streckte sich, genoss die Wärme. Ich legte mich zurück, streichelte seinen weichen Bauch und schlief ein.
Der Morgen rief nach frühem Aufstehen: Schweine füttern, den Garten pflegen, zum Fluss gehen und angeln. Im unteren Zimmer schliefen Liselotte und ihr Verlobter. Nachdem die Söhne mit ihren Familien abreisten, kehrte wieder Stille ein. Tomka folgte mir auf Schritt und Tritt, fiel in die Schweinefutterkübel, verhedderte sich in den Netzen des Bootes und versuchte, das Angelköderpulver zu naschen. Ich lachte und plauderte mit dem kleinen Schelm:
Du hast ja die Jugend zurückgebracht, sagte ich und streichelte seinen Rücken.
Tomka schnurrte, kratzte mit den Pfoten meine Hand, und ich flüsterte:
Du kleiner Lump, du!
So endet diese Erzählung, nicht als große Heldengeschichte, sondern als Mahnung an alle, die noch ihre Eltern besuchen können: Wartet nicht auf den morgigen Tag kommt jetzt sofort!