Ein unerwarteter Anruf

Es klingelte unerwartet das Telefon.

– Herr Paul Müller? – Die Stimme am anderen Ende war kühl und förmlich.

– Ja, ich bin Paul Müller. Mit wem spreche ich bitte?

– Hier ist der Direktor des Kinderheims. In einer Woche wird Ihre Tochter drei Jahre alt und wir werden gezwungen sein, sie in eine andere Einrichtung zu verlegen. Wollen Sie sie wirklich nicht abholen?

– Moment mal, welches Kind? Welche Tochter? Ich habe einen Sohn, Anton, – stammelte ich schockiert.

– Nadja Pauline Schmidt. Ist das nicht Ihre Tochter?

– Nein, nicht meine. Ich bin Paul Müller.

– Entschuldigen Sie bitte, – sagte die Stimme am anderen Ende erschöpft, – da muss wohl ein Fehler passiert sein.

Das anhaltende Tuten, das kurz darauf ertönte, dröhnte in meinen Ohren.

„Was soll das denn!“, geriet ich in Rage. „Ein Kind, eine Tochter, wie bitte?! Was ist nur los mit deren Unterlagen?!“.

Aber dieser Anruf blieb mir wie ein Splitter in der Seele. Ich dachte darüber nach, wie die Kinder dort ohne Zuhause, ohne liebevolle Mutter, fürsorglichen Vater und sorgende Großeltern auskommen. Anton hat doch all das und sogar noch Tanten und Onkel auf beiden Seiten…

Klara bemerkte sofort meine Nachdenklichkeit und unpassenden Antworten. Was kann eine Ehefrau, die mit einem seit fast zehn Jahren lebt und einen seit der ersten Klasse kennt, schon übersehen?

Beim Abendessen fragte sie direkt, was los sei.

– Wie, – fragte sie, – heißt sie denn?

– Wer?

„Wie konnte sie von dem Mädchen erfahren? Vielleicht hat sie auch einen Anruf bekommen?”

– Nadja, – sagte ich. – Nadjuschka.

– Ach so, Nadjuschka also… Ich heiße Klara für dich und sie Nadjuschka?! – erhob meine Frau die Stimme.

– Ja, – sagte ich. – Nadja Pauline Schmidt.

– Sag mir doch ihre Reisepassnummer! – schrie Klara.

– Sie hat keinen Reisepass, wozu auch?

– Ist sie eine Geflüchtete? – schrie meine aufgebrachte Frau etwas leiser.

– Wer ist Geflüchtete? – Ich verstand gar nichts mehr.

– Deine Nadja ist eine Geflüchtete? Will sie sich hier anmelden? Sprich, du Schurke!

– Was soll ich sagen?! – Ich saß da, völlig fassungslos, und vergaß das Abendessen.

Dann fing Klara an zu weinen. Nicht laut, nicht theatrisch, sondern mit einem bitteren Weinen, das sich auf ihre Schürze ergoss.

– Ich ziehe morgen zu meiner Mutter. Und Anton bekommst du nicht, das sage ich dir gleich, – schluchzte sie.

– Klara, was ist los? Was ist passiert? Wieso denn zur Mutter?

– Hast du gedacht, ich werde hier für dich und deine Geliebte Nadjuschka noch den Dienst machen? – rief sie.

Und da begriff ich langsam die Absurdität der Situation. Ich nahm meine Frau sanft bei den Schultern, setzte sie auf die Küchenbank und erzählte ihr alles über den Anruf am Morgen.

Jetzt weinte Klara aus Mitleid mit dem kleinen Mädchen. Frauen haben doch so viele Tränen und weinen aus jedem Anlass! Ich kann Klara beim Weinen nicht ertragen und habe richtig Angst davor.

Nach diesen Wirren hatte ich keine Lust mehr auf das Abendessen und stocherte nur im Essen herum.

…Ich wachte davon auf, dass meine Frau neben mir stand und in meinem Telefon herumstöberte! In fast zehn Jahren Ehe war das noch nie passiert. Sie hat mir also nicht geglaubt… sucht nach Hinweisen auf eine Affäre. Ich fühlte eine bittere Enttäuschung über dieses Misstrauen… Da flüsterte sie: „Paaul, Paaul…“ und stupste mich sanft an.

Ich tat so, als wäre ich gerade erst aufgewacht.

– Paul, das war doch dieser Anruf von der Festnetznummer, oder?

– Ja, – antwortete ich automatisch, – der war es.

– Na, schlaf ruhig weiter.

Und Klara verließ das Schlafzimmer und schloss die Tür leise hinter sich. Sie nahm mein Telefon mit.

Leicht gesagt – schlaf weiter. Schlafen kann man da nicht! Ich hörte, wie der Computer eingeschaltet wurde. Ich lag noch eine Weile und stand dann leise auf, um ins Wohnzimmer zu gehen.

Klara bewegte die Maus schnell und war so vertieft, dass sie nicht bemerkte, dass ich hinter ihr stand.

In der Suchleiste war der Begriff „Kinderheim“ und unser Stadtname eingegeben.

Der Computer summte kurz und zeigte die vollständige Information an: offizielle Website, Adresse, Telefonnummer und sogar ein Foto des Gebäudes. Klara schaute auf den Bildschirm meines Telefons.

– Paul, das stimmt überein!

– Was stimmt überein?

– Na die Telefonnummer! Die stimmt überein. Das ist die vom Kinderheim!

– Das habe ich doch gesagt. Und du überprüfst das?

Klara drehte sich auf dem Stuhl.

– Ich überprüfe nicht, ich stelle sicher.

– Wieso denn?

– Paul, das Kinderheim ist hier ganz in der Nähe, – sagte Klara nachdenklich, als hätte sie mich nicht gehört. – Wollen wir vielleicht mal hingehen? Woher haben die deine Telefonnummer, wenn du doch völlig fremd bist?

– Daran habe ich gar nicht gedacht. Aber wirklich, woher? Vielleicht sollten wir wirklich hinfahren und nachfragen? Dann wird man mir nicht ständig fremde Kinder anhängen, und ich muss das ausbaden!

In dieser Nacht gelang es mir trotzdem nicht, richtig einzuschlafen. Gerade als ich einschlafen wollte, stieß meine Frau mich erneut in die Seite.

– Paaul… Paaul…

– Was noch?

– Sicher, dass du mit keiner was hattest? Vielleicht… nur einmal… aus Versehen… mit der ersten Liebe vielleicht. Vielleicht hast du sie nach all den Jahren wieder getroffen und die Gefühle erwachten, oder? Und sie hat dir nichts gesagt und das Mädchen einfach im Krankenhaus gelassen. Was, Paul? Paaul!

– Welche Liebe, Klara??? Seit ich mit dir in der ersten Klasse in einer Bank gesessen habe, sitze ich, äh liege ich, ich meine, na ja, bin ich doch bei dir. Erinnerst du dich, Anton ist vor drei Jahren in den Kindergarten gekommen und hat ständig krank gewesen, und du bist zurück zur Arbeit gegangen und ich habe dann zuhause im Homeoffice gearbeitet. Ständig Hustensäfte, Tabletten, Essenszeiten, Arzttermine. Welche Geliebten, da bin ich doch kaum auf den Beinen geblieben und bin sofort eingeschlafen, noch bevor ich das Kopfkissen berührte! Ich hatte niemanden, habe niemanden und werde nie jemanden haben!

– Aber woher haben die dann deine Nummer? Jemand muss sie doch hinterlegt haben zur Verbindung? – ließ meine Frau nicht locker.

Diese Frage ließ auch mich nicht los. In Gedanken ging ich doch all die Damen durch, von denen man sowas vielleicht erwarten könnte. Mit keiner von ihnen hatte ich jemals etwas, aber ihr schlechter Charakter hätte durchaus zu so einem Streich führen können.

Doch alle waren aus dem Kreis der Verdächtigen raus: Einige hatten in ihrem Leben alles glatt gebügelt, eine andere war mit ihrem Kind bei der Großmutter, und die Aktivste ist sogar schon vor fünf Jahren ausgewandert.

Aber da im Leben alles Mögliche passieren kann, beschloss ich fest, gleich morgen das Kinderheim zu besuchen.

Als wir ankamen, waren wir zwar früh, aber nicht die Ersten – vor dem Zimmer des Direktors saß schon ein Besucher, ein schmächtiger blonder Mann. Zwar sauber gekleidet, aber irgendwie… ungepflegt, unordentlich. Die Augen huschten, die Hände, die ein paar Papiere hielten, zitterten leicht. Wahrscheinlich vor Aufregung, oder eher nach dem gestrigen Abend.

– Sie sind nach mir dran, – sagte der Mann unerwartet mit tiefer Bassstimme.

Gleich darauf öffnete sich die Tür, und er wurde ins Büro gebeten. Etwa 15 Minuten lang hörte man von drinnen eine gleichmäßige Stimme, unterbrochen von einem bassigen Gemurmel.

Endlich kam der Mann zerzaust und ohne Papiere in der Hand aus dem Büro, und wir wurden hineingebeten.

– Guten Tag, – sagte eine angenehme brünette Frau mittleren Alters, die am Fenster stand und an einer Brille knabberte. – Worum geht es bei Ihnen?

– Es geht um den Anruf gestern, – brachte ich scherzhaft vor.

Die Frau setzte sich an den Tisch.

– Wissen Sie, ich habe wirklich keine Zeit für Rätselraten. Schildern Sie bitte Ihr Anliegen klar und möglichst kurz.

Ich erzählte ihr von dem Anruf gestern (die Stimme war gut wiederzuerkennen).

– Ach ja, das… – Die Frau lächelte erschöpft. – Es tut mir leid, das war ein Versehen, wir haben die falsche Nummer gewählt.

– Wie das, wenn Sie doch meine Nummer haben? Übrigens, woher haben Sie die?

– Verstehen Sie, Herr Müller, ich habe mich bei der Zahl vertippt. Die Nummer fängt mit 927 an, ich habe 937 gewählt. Und dass Sie ebenfalls Paul Müller heißen, ist purer Zufall. Das passiert… Er war übrigens gerade vor Ihnen hier.

– Wer? – fragte ich verblüfft, obwohl ich die Antwort schon wusste.

– Paul Schmidt, der Vater des Mädchens.

Deshalb entschuldige ich mich nochmals bei Ihnen und verabschiede mich. Ich habe viel zu tun.

Die Frau stand auf.

„Therese Majewski“ – stand auf ihrem Namensschild.

Klara schien diese Information auch gesehen zu haben, denn sie fragte:

– Frau Majewski, wird dieser Paul die Kleine abholen?

Die Direktorin sah uns an und setzte sich wieder hin.

– Nein, wird er nicht. Die Mutter des Mädchens ist gestorben, und dieser Paul hat Kinder von sieben verschiedenen Frauen. In den letzten drei Jahren war er nur zweimal hier, und das auch nur unter unserem Druck. Nadja ist ihm egal. Haben Sie noch Fragen? Dann auf Wiedersehen.

Benommen von den Neuigkeiten verließen wir das Gebäude.

Die älteren Kinder waren gerade draußen. Einige schaukelten auf kleinen Schaukeln, andere rutschten die Rutsche hinunter, zwei Jungen veranstalteten ein Autorennen auf einer Bank.

Ich betrachtete diese Kinder und mir wurde klar, was hier nicht stimmte.

Auf dem Hof war es still. Kommt Anton in den Hof, ist es sofort laut, mit Schreien und Geschrei. Diese Kinder machten keinen Lärm, sie lachten nicht laut, sondern unterhielten sich nur leise miteinander. Sie wirkten wie kleine alte Leute. Diese Kinder waren sofort erwachsen geworden, weil ihnen keine Kindheit vergönnt war. Es war ein Kampf ums Überleben – mal in der Kälte, mal im Hunger, ohne Spielzeug, ohne Kleidung, mit gleichgültigen oder manchmal gar grausamen Erwachsenen.

Ich wandte mich zu Klara. Ihre Augen waren voller Tränen. Diese Tränen, sie sind wieder da, bei jeder Gelegenheit!

Langsam gingen wir zu den Toren, und da zerriss ein Schrei die Stille – „Mama!“. Alle Kinder drehten sich wie auf Kommando in unsere Richtung. Direkt auf uns zurannte ein Mädchen mit einer lustigen Mütze und einem Pompon. „Mama, Mama“, schrie sie. „Ich bin hier!“.

Mit voller Wucht stieß das Mädchen gegen Klaras Beine und von dort hörte man ein Weinen, so bitter, so herzzerreißend, dass auch mir die Tränen kamen.

– Nadja, Nadja! – über den Gehweg rief uns eine Erzieherin zu. Sie versuchte, das Mädchen auf die Arme zu nehmen, aber diese hielt sich fest an Klaras Bein.

Schließlich gelang es, das Mädchen von Klara zu lösen (die Erzieherin hatte eine Schokolade dabei, die die Sache regelte), und wir verließen fast im Laufschritt die Kinderheim-Anlage.

Im Auto schwiegen wir. Klara zitterte am ganzen Körper und mir ging es auch nicht gut. Meine Hände zitterten, ganz wie bei meinem Namensvetter vorhin, und ich parkte am Straßenrand, um etwas zur Ruhe zu kommen.

Klara schaute aus dem Fenster und wies mit den Augen auf das Schild des Ladens, der nur zwei Schritte entfernt war.

Ohne ein Wort, völlig still, stiegen wir synchron aus dem Auto, nahmen uns an den Händen und gingen in „Kinderparadies“…

Für eine Puppe und ein rosa Kleid.

Unsere Tochter Nadja wird die Allerschickste sein!

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