Ein undankbarer Sohn ist schlimmer als ein Fremder (einfache Geschichte)

Maria Seidel, 84jährige Großmutter, saß an der Haltestelle neben ihrem Häuschen und wusste nicht mehr, wohin sie gehen sollte. Auf der Bank lagen ein Stoffbeutel und ein Tütenpaket, in denen fast all ihre Habseligkeiten Platz gefunden hatten.

Hast du Rolf rausgeschmissen und dich nicht gescheut, zu sagen geh, alte Frau, hier raus, bis zum Erbarmen, und ärgere uns nicht mehr, hörte man ihr einst ins Ohr flüstern.

Noch vor drei Jahren lebten sie zu fünft glücklich in einer dreizimmerigen Wohnung: Maria Seidel, ihre Tochter Liselotte, ihr Sohn Julius mit seiner Frau Anneliese und ihr Sohn, Marias Urenkel Klaus.

Der Umbruch begann, als in Julius Firma eine neue Buchhalterin namens Rita auftauchte. Sie war aus einer fernen Stadt angereist, und keiner wusste, warum. Man gab ihr ein Zimmer im Wohnheim, stellte sie ein. Was fehlte, schien nichts zu sein doch Rita war unruhig. Sie begann, den Männern nachzujagen, und ihr Ziel war Julius. Verheiratet? Wie man so sagt: Eine Ehefrau ist kein Hindernis.

Eines Apriltages kam Julius von der Arbeit heim, packte seine Sachen und verschwand fast wie ein Geist. Noch beim Abschied sagte er:

Erst mit fünfundvierzig habe ich verstanden, was das wahre Leben und die wahre Liebe bedeutet!

Anneliese schwieg, wartete, bis Klaus die Abschlussprüfungen bestanden hatte, und plante dann selbst:

Wir fahren in die Stadt, Klaus muss an die Uni, wir wohnen im alten Haus meiner Eltern. Es steht seit drei Jahren leer, aber wir renovieren es. Wenn wir es nicht schaffen, hilft der Bruder. Und ich finde schnell einen Job in der Schule.

In zwei Tagen war alles bereit, ihr Bruder Heinrich kam, lud die Kisten in einen Lieferwagen und sie fuhr davon. Klaus drückte seine Urgroßmutter fest an sich:

Mach dir keine Sorgen, Oma, ich komme dich besuchen.

Er kam zweimal, solange Liselotte noch lebte. Als Liselotte starb, zogen Julius und Rita in die Wohnung ein, und Klaus kam nie wieder.

Marias Leben wurde immer schlechter. Rita setzte ihre eigenen Regeln durch. Zuerst noch schüchtern, lud sie Maria zu Tisch ein und servierte das, was sie für sich und Julius zubereitete. Dann befahl sie ihr, das Zimmer nicht zu verlassen:

Du kleckst zu viel in der Küche, ich räume lieber einmal pro Woche dein Zimmer, als hier dreimal täglich den Boden zu wischen.

Seitdem kochte Rita nur noch Brei Hafer, Gerste oder Weizen. Maria aß ihn morgens, mittags und abends und trank ihn mit leerem Tee.

Eines Tages verkündete Rita, ihr Sohn würde in einer Woche kommen. Sie und Julius berieten, wo er arbeiten könnte nach einer Jugendhaftanstalt würde keiner einfach so einstellen.

Am Morgen ging Julius zur Arbeit, und Rita befahl Maria, sich fertig zu machen:

Hier ist die Adresse des Altenheims. Fahr dorthin und bedank dich, dass ich dich nicht einfach auf die Straße gesetzt habe.

Sie schob Maria das Zettelchen in die Hand und schlug die Wohnungstür zu.

Maria kam zur Haltestelle, doch weiter wusste sie nicht: Sie sah schlecht, konnte die Adresse nicht entziffern. Ein junger Mann stand dort.

Junge, lies mir die Adresse vor, sag mir, mit welchem Bus ich fahren muss,

sprach sie.

Der Junge sah sie verwirrt an:

Wohin wollen Sie, Oma Martha, denn? Klaus ist gerade angekommen, er sucht Sie. Ich rufe ihn gleich.

Fünf Minuten später sprintte Klaus herbei. Es stellte sich heraus, dass Anneliese am Vortag von einer Nachbarin angerufen worden war, die bis zur Pension als Pflegerin im Altenheim gearbeitet hatte. Sie hatte Rita gefragt, wo das Heim sei, weil Rita die Großmutter dort abgeben wollte.

Klaus nahm seine Sachen, trat zu seiner Urgroßmutter und sagte:

Jetzt bring ich dich wie eine Königin mit dem Taxi in die Stadt. Mama hat schon ein Zimmer für dich vorbereitet. Und im Garten blühen gerade die Apfelbäume ein Bild!

Als Rita und Julius erfuhren, dass Klaus die Großmutter in die Stadt brachte, freuten sie sich. Doch das Glück währte nur kurz. Beim Durchsehen der Unterlagen stellte sich heraus, dass die Wohnung von Anfang an Maria gehörte. Ihr Mann hatte nur ein lebenslanges Wohnrecht. Deshalb musste Rita und Julius zurück ins Wohnheim.

Maria verkaufte die Wohnung und übergab das Geld an Klaus, damit er in der Stadt eine Bleibe kaufen konnte. Die Preise im Großstadtrand waren natürlich höher, also erwarb er nur eine Einzimmerwohnung, doch in einem neuen, geräumigen Gebäude. Er plant zu heiraten und endlich hat die junge Familie ein Dach über dem Kopf.

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