Der saure SvekAls die Sonne hinter den schneebedeckten Alpen verschwand, flüsterte der alte Kräuterhändler dem neugierigen Besucher ein Geheimnis zu, das den sauren Svek für immer verändern würde.

Papa, hast du etwas dagegen, wenn wir ein paar Monate bei dir wohnen? fragte Jan unsicher seinen Vater.
Nein, knappe Antwort kam von Heinrich Müller.

Vor etwa einem Jahrzehnt hatten Jan­as Eltern sich getrennt. Zwei Jahre später heiratete seine Mutter erneut, doch Heinrich blieb allein in seiner DreiZimmerWohnung in einem Berliner Vorort. Sein Wesen war hart, beinahe unerträglich. Frauen kamen und gingen, aber er ließ seinen Sohn nie im Stich. Neben dem Unterhalt kaufte er ihm alles, was er brauchte, und nahm streng, aber väterlich, an seiner Erziehung teil ohne Zärtlichkeit, dafür mit Verantwortung.

Schon nach der elften Klasse begann Jan, eigenständig zu leben. Er verließ das Elternhaus, miete­te ein Zimmer in einer WG und nahm sofort eine Anstellung an. Drei Jahre später heiratete er Gisela, seine Jugendfreundin. Sie wollten eine Eigentumswohnung in Hamburg finanzieren und sparten für die Anzahlung, doch plötzlich verkündete der Vermieter, das Zimmer, das sie bewohnten, sei zum Verkauf bestimmt. Sie mussten bis zum Abschluss der Transaktion warten. Jan dachte daran, seinen Vater um eine Unter­kunft zu bitten schließlich lebte Heinrich allein in einer geräumigen DreiZimmerWohnung.

Der knappe Bescheid des Vaters verunsicherte Jan, und gerade als er das Gespräch beenden wollte, fuhr Heinrich fort:

Aber ihr könnt kommen. Nur leise.
Danke, atmete Jan erleichtert aus.

Er kannte den Wortkarg und Ruheliebenden Vater gut, und Gisela, im fünften Monat ihrer Schwangerschaft, sehnte sich ebenfalls nach Stille. Sie ahnte nicht, dass Heinrich nur von ihnen beiden Schweigen erwartete und das in seinem eigenen Haus.

Heinrich stand jeden Morgen um fünf Uhr auf, scharrte mit den Hausschuhen durch die Wohnung und vollzog seine täglichen Rituale: Bad, Küche, Flur, zurück ins Bad. In der morgendlichen Ruhe war das ständige Klappern das einzige Geräusch klack, klack, klack ein lautes Poltern folgte, gefolgt von einem Fluch: Verdammt noch mal! Das störte ihn nicht, dass noch andere schliefen; er dachte, er sei allein, und wer sich gestört fühlte, könne gehen.

Neben dem morgendlichen Trampeln kontrollierte er jeden Schritt von Jan und Gisela. Nach neun Uhr abends durfte kein Fernsehen laufen das Lärm machte ihn nervös; das Braten von Essen war tabu die Gerüche reizten ihn; Wasser und Licht zu sparen war Pflicht er war nicht reich.

So ging es eine Woche lang, bis Gisela ins Krankenhaus musste. Zwei Tage später kam Heinrich mit einem Korb voller Äpfel und Orangen.

Das Kind braucht Vitamine, sagte er mit strengem Blick und reichte den Korb.
Danke, Herr Müller, erwiderte Gisela.
Na dann, nickte er. Ich geh dann. Hör auf die Ärztin.

Nach Giselas Entlassung setzte Heinrich sein frühes Aufstehen fort, doch diesmal bemühte er sich, leiser zu sein und zeigte ein wenig Fürsorge etwa indem er sie zum Frühstück rief oder still das Geschirr wischte. In ihrer Schwangerschaft brauchte sie Ruhe.

Die Wohnung kauften sie erst nach drei Monaten. Heinrich bestand darauf, die neue Wohnung erst zu renovieren, bevor sie einziehen konnten. Gisela gebar ihr Kind, ein kleines Mädchen namens Leni, mitten im Umbau. Wieder mussten sie zurück zu Heinrichs Wohnung. Seine Schwiegermutter und ihre Eltern besuchten sie ein bis zweimal, doch Heinrich tat stets so, als würde er Besucher nicht begrüßen. Auf seine Enkelin jedoch erhellte stets ein Lächeln sein harsches Gesicht. Er schwor, sie vor allem zu schützen, was er als Gefahr für sein kleines Mädchen ansah.

Jeden Morgen holte er die kleine Leni, um Gisela nach einer schlaflosen Nacht etwas Schlaf zu gönnen. Er lernte sogar, Windeln zu wechseln. Als es schließlich Zeit war, dass Jan und Gisela in ihre eigene Wohnung zogen, wischte Heinrich sich ein knappe Träne vom Kinn, blickte streng und sagte:

Ihr seid noch jung, um mit einem Kleinen allein zu leben. Wohnt noch ein Weilchen bei mir. Nicht lange bis Leni heiratet.

Jan und Gisela sahen sich verblüfft an. Heinrich drehte sich um und fügte hinzu:

Das ist nur alte Sentimentalität, nichts weiter. Packt eure Sachen, und bringt Leni hierher. Ihr werdet noch umziehen, ihr närrische Luftballons des Himmels.

Jan und Gisela dachten, ihr Vater würde nur warten, bis sie ausziehen, doch das war nicht der Fall. Sie staunten über die Wandlungen dieses einst stummen Mannes und beschlossen zu bleiben. Schließlich ist es schön, einen Großvater zu haben.

Heinrich, mit zärtlicher Stimme, schaukelte Leni im Arm, lächelte und war glücklich, dass in seinem Leben das liebste und kostbarste Wesen seine Enkelin erschienen war.

Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: