Der Geschmack von selbstgebackenem BrotAls ich das duftende Brot aus dem Ofen nahm, erinnerte ich mich an die warmen Nachmittage meiner Kindheit, an denen meine Großmutter das Geheimnis ihres unvergleichlichen Brotes preisgab.

Liebes Tagebuch,

heute, am 12.Juni, stand Verena zum ersten Mal seit dreißig Jahren wieder vor dem verwitterten Holzzaun unseres alten Bauernhofs. Niemand erkannte sie sofort. Dreißig Jahre war es her, seit sie mit achtzehn, voller Träume, den Bus nach Berlin genommen und dann einfach verschwand. Zuerst schickte sie Briefe, später seltener, dann gar nicht mehr. Man munkelte, sie habe geheiratet und sei ins Ausland gegangen. Andere flüsterten, sie sei in Schwierigkeiten geraten.

Der Zaun war kahl, das Haus von Löwenzahn überwuchert, doch die alte Walnuss, die einst dort wuchs, knarrte noch immer leise und ihre Äste waren dicker geworden als würde sie nur auf Verena warten.

Verena?, rief meine Nachbarin Ursula vorsichtig, als sie aus dem Tor trat, fast ungläubig. Gott sei Dank, ist das wirklich du?

Verena lächelte zaghaft, die Stimme bebte ein wenig. Ich bin’s, Tante Ursula Ich bin zurück.

Ursula fiel fast in die Knie, fluchte leise und sagte: Du lebst! Wir haben schon fast die Hoffnung aufgegeben

Sie ließ das Wort nicht zu Ende gehen, zog Verena in die Arme und beide weinten, nicht laut, nicht verzweifelt, sondern so, wie Menschen weinen, die zu lange alles in sich behalten haben.

Das Haus, das Verena ihr Elternhaus nannte, stand am Rande des Dorfes. Ihr Vater, Hans Bauer, war früher Bäcker für das ganze Dorf. Man sagte, sein Brot rieche nach Festen. Die Leute kamen nicht nur, um zu essen, sondern um ein Stück Geborgenheit zu holen.

Dein Vater hat wahrlich Wunderbrot gebacken, seufzte Ursula, während wir am frühen Abend auf der Holzbank saßen. Er knetete mit den Händen, rief uns Kinder herbei, ließ uns den Duft einatmen und sagte: Merkt euch diesen Geruch, das ist Heimat.

Ich erinnere mich, hauchte Verena leise. Und dieser Geruch ist das stärkste meiner Erinnerungen.

Sie schwieg. In Berlin hatte sie tatsächlich geheiratet einen Ingenieur und eine Tochter bekommen, die ich jetzt Paula nenne. Dann kam die Scheidung, ein Job im Café, später die Eröffnung einer kleinen Bäckerei. Sie buk nach Hans Rezept, doch der besondere Duft blieb ihr verwehrt.

Dein Vater kannte das Geheimnis, nicht aus Büchern, sondern aus dem Herzen, fuhr Ursula fort. Genau das fehlt dir.

Genau, nickte Verena. Dieses Etwas.

Am nächsten Tag ging Verena zur Dorfrundmail, die heute zugleich Stadtverwaltung und Bürgerclub ist, um herauszufinden, wer das Anwesen besitzt. Es stellte sich heraus, dass niemand mehr der Eigentümer war das Haus stand leer.

Innerhalb einer Woche hatte sie alle Papiere erledigt und beschlossen, zu bleiben. Zuerst staunten alle, die Stadtmädchen in hohen Absätzen und funkelnden Augen, dann gewöhnte man sich daran. Verena kaufte eine Knetmaschine, brachte Mehl und Hefe aus Berlin, putzte den Ofen und eines Morgens wehte über das Dorf der alte, vertraute Duft.

Die Alten traten auf die Straße und hielten inne, als erinnerten sie sich an etwas. Kinder drehten sich um das Tor, spähten neugierig durch die Fenster. Und am Abend, als Verena die ersten Laibe ausstellte, bildete sich eine Schlange bis zum Tor, wie früher.

Gott im Himmel, Verena!, riefen die Dorfbewohner. Ganz wie dein Vater! Eins zu eins!

Sie lächelte nur und dachte bei sich: Nein, nicht ganz identisch ein wenig anders.

Einige Tage später trat ein Mann, etwa sechzig, mit grauem Haar und abgetragenem Mantel, zögernd vor das Ladenfenster. Er stand lange, unsicher, ob er eintreten solle.

Verena, begann er schließlich.

Sie drehte sich um, ihr Herz machte einen Sprung.

Lukas?

Er nickte. Der Lukas, den wir alle aus der Schule kannten wir haben zusammen gespielt, geträumt. Er blieb, heiratete, verlor seine Frau, zog einen Sohn groß. Jetzt stand er dort, leicht schwankend wie ein Jugendlicher.

Dein Brot, sagte er, ist wie früher, vielleicht sogar besser.

Danke, lächelte Verena. Komm rein, trink einen Tee.

So begann alles. Zuerst nur Gespräche, dann Hilfe Holz für den Ofen, Reparatur. Und dann, fast von selbst, kam er jeden Abend vorbei. Manchmal saßen wir schweigend, manchmal redeten wir bis in die Nacht über das Leben, über Verluste, über die Kraft, weiterzugehen.

Eines Abends sagte er:

Weißt du, ich habe dich die ganze Zeit nicht vergessen.

Mich? Nach dreißig Jahren?

Wie könnte ich das?, zuckte er mit den Schultern. Wenn das Brot duftet, denke ich immer an dich.

Im Winter kam meine Tochter Paula, die Stadtlady mit Smartphone und Laptop, ins Dorf.

Mama, sagte sie, während sie den Ofen musterte, willst du wirklich hier bleiben? Ohne Internet, ohne Lieferungen, ohne alles?

Paula, hier habe ich alles, was ich brauche: Menschen, ein Haus, Brot, antwortete Verena.

Aber warum?, schnippte Paula, schloss den Laptop. Das ist doch ein Loch!

Paula, flüsterte Verena, hast du den Geruch deiner Kindheit?

Paula schwieg. Später, als das frische Brot aus dem Ofen kam, umarmte sie plötzlich ihre Mutter.

Mama ich glaube, ich verstehe jetzt.

Seitdem kommt sie jeden Sommer, hilft, fotografiert das Brot und postet es ins Netz Mutters Dorfbrot. Bestellungen kommen aus der Stadt, doch Verena bleibt treu dem alten Handwerk, knetet noch mit den Händen, so wie ihr Vater es gelehrt hat.

Im Frühjahr erkrankte Lukas. Zuerst eine Erkältung, dann Herzprobleme. Verena brachte ihm Essen, hielt Wache im Krankenhaus, und er scherzte:

Mach dir keine Sorgen, ich esse noch dein Brot weiter.

Eines Nachts verließ ihn das Leben. Verena weinte nicht. Sie setzte sich auf die Veranda, sah die Sonne langsam über dem Dorf aufgehen, hielt frisches, noch warmes Brot in den Händen. Der Duft war so stark, dass das Leben selbst das Haus zu erfüllen schien.

Danke, flüsterte sie in die Stille. Für alles.

Zwei Jahre später ist die Bäckerei Bei Verena im ganzen Landkreis bekannt. Doch das Wichtigste ist, dass sie Brot backt, das Erinnerungen weckt. Man hört: Riecht nach Kindheit. Oder: Riecht nach Glück.

Als einmal eine Journalistin fragte:

Frau Bauer, was ist das Geheimnis Ihres Brotes?

Sie lächelte und antwortete:

Treue. Treue zum Haus, zu den Menschen und zu dem, wer man einst war. Wenn Treue in dir lebt, geht das Brot auf, und das Leben ebenso.

Meine Lehre: Wer treu bleibt zu seiner Herkunft, zu seinen Versprechen und zu sich selbst findet im einfachen Geruch von Brot den Weg zurück ins Herz.

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