Der arme Kerl rettet ein ertrinkendes MädchenAls er sie ans Ufer zog, bemerkte er, dass ihr Lächeln das Herz einer ganzen Stadt erwärmte.

Ich war Walter Grün, ein einfacher Angler aus Koblenz, der gerade seinen spärlichen Abendfang in einen geflochtenen Korb gehäuft hatte und den schmalen Pfad zum eigenen, klapprigen Wagen hinunterstieg, als plötzlich ein greller Schock durch mich fuhr, als wäre ein Blitz in mich eingeschlagen. Ich war mir sicher, dass ich nicht halluzinierte. Aus dem dichten, undurchdringlichen Nebel des Rheins drang erneut das gleiche Geräusch kein Schrei, sondern ein letzter, qualvoller Stöhn­ruf, der ein tierisches Grauen ausstrahlte, das wie ein Schauder über meinen Rücken lief. Eine Frau schrie. Der Wind, der durch die Kronen der uralten Kiefern heulte, zerriss und zerfetzte ihre Stimme, doch einzelne Worte ließen sich noch heraushorchen. Sie flehte um Hilfe, legte ihre ganze verbliebene Kraft in diesen Hilferuf. Und neben ihr wogte ein weiteres, panisches Aufschlagen von Wasser, das bis zum Ufer drang.

Kein Moment zögerte ich; ich warf den Korb über die Reling, und ein paar silbrig schimmernde Fischlein sprangen auf den nassen Sand. Während ich meine schwere, abgewetzte Arbeitsjacke und die abgenutzten Arbeitshosen ausstreifte, stand ich nur noch in zerschlissener Unterwäsche da und stürzte mich in das schwarze, eisige Wasser. Der Wind, wie ein wütendes Tier, peitschte die Wellen gegen mein Gesicht, spritzte Schaum und Gischt.

Das Schwimmen war kaum zu ertragen. Der Strom, normalerweise träge, wirkte heute heimtückisch und stark, er griff nach meinen Füßen wie kalte, seistreifige Hände. Fast am Hauptlauf des Rheins, dort wo das Wasser besonders finster und tief war, kämpfte verzweifelt das Mädchen, das ich später Liselotte nennen werde. Ihr dunkles Haar, wie Seegras, schwang im Wellengang, dann versank es hilflos in der dunklen Tiefe, verschlang sie fast komplett. Der junge Mann, den sie verzweifelt um Hilfe gerufen hatte, stand bereits am gegenüber­liegenden Ufer. Er drehte sich nicht um, seine Bewegungen waren sprunghaft und ängstlich. Er schnappte sich ein aufblasbares Beiboot, blickte mit tierisch wilder Gier umher, dann flüchtete er hastig am Waldrand entlang, um in den Schutz des Waldes zu entkommen.

Liselotte schrie nicht mehr. Sie tauchte nicht an die Oberfläche. Als ich, erschöpft bis zur letzten Kraft, die unheilvolle Stelle erreichte, bildeten sich im Wasser nur noch langsame, bedrohliche Kreise. Mein Herz sank in die Knie. Ich zog tief Luft, füllte meine Lungen, dann tauchte ich in die eisige Dämmerung. Meine Hände fanden den glatten Stoff meiner Jacke, ich packte den leblosen Körper hinter meinem Rücken und nutzte die andere Hand wie ein Ruder, während ich verzweifelt mit den Füßen nach hinten trieb, zurück zu meinem Ufer. Jeder Zug brannte wie Feuer in den Muskeln, jeder Atemzug war ein Stöhnen. Doch ich schwamm, klammerte mich an das Leben und an das, was ich in den Händen hielt.

Als ich Liselotte an Land zog, ließ ich meine Erschöpfung beiseite und begann zu handeln. Meine vom harten Schu­ter geübten Hände arbeiteten schnell und präzise Drehungen, Druck, künstliche Beatmung. Trübes Flusswasser schoss aus den Lungen, das gerettete Mädchen hustete heiser. Ihr schwacher, aber gleichmäßiger Atem kehrte zurück. Jetzt musste ich sie wärmen. Ich sammelte die letzten Glutstücke des alten Lagerfeuers, errichtete auf der noch warmen Asche eine flache Plattform aus flachen Flusssteinen, deckte sie mit einer dicken Schicht weicher Tannengnade. Vorsichtig legte ich Liselotte darauf, deckte sie mit meiner einzigen, vom Rauch und Schweiß riechenden Jacke zu. Ich sammelte die verstreuten Habseligkeiten, zog die nassen Kleider über die erstarrte Gestalt und setzte mich zu dem neu entfacht­en Feuer, während ich meine zitternden, vom Frost bleich gewordenen Hände ausstreckte.

Die Wärme drang nur zögerlich vor, als wolle sie nicht die erstarrte Haut durchdringen. Liselotte blieb regungslos, ihr leiser Atem sah nur noch als leichter Dampf aus, ein Zeichen, dass sie noch lebte. Das kalte Wasser und der Schock hatten ihr Werk getan, aber ich wusste: Mit der Zeit würde sie wieder zu Bewusstsein kommen. Ich kannte diesen Fluss wie meine Westentasche, und ich kannte jeden seiner Winkel.

Ich hob den Blick zum Himmel, der von schweren, tief hängenden Wolken verfinstert war. Durch das bleierne Tuch drangen weder Sterne noch ein Schimmer des Mondes. Es war leer und trostlos.

Mein Blick fiel auf die flackernden Flammen, und sie warfen mich zurück zu jenem grauen Abend, der mir alles genommen hatte.

Damals waren wir Liselotte, unser kleiner Sohn Armin und ich zum Angeln gefahren, wie wir fast jeden Sommer machten. Nachdem meine Frau Lotte den Sohn im Zelt mit den Sachen versehen hatte, setzte ich das alte, aber verlässliche Boot ab.

Wärmt euch einen Tee, ich komme gleich mit dem Fang zurück, dann gibts die beste Fischsuppe der Welt! rief ich Lotte zu, und mein Gesicht leuchtete vor Glück und Unbeschwertheit.

Pass gut auf dich auf, Walter, das Wetter wird schlecht, sagte Lotte besorgt und sah zu den heraufziehenden Wolken.

Ich kenne jeden Stein hier! Mach dir keine Sorgen! rief ich zurück vom Wasser, während meine Paddel die spiegelglatte Oberfläche zerschnitten.

Ich fuhr zu meiner Lieblingsstelle, ließ die Angelruten ins Wasser fallen und sank in das vertraute, rituelle Warten. Doch plötzlich verdunkelte sich der Himmel, als wäre die Nacht über uns gefallen. Ein heftiger Sturm bückte die Bäume bis zum Boden, und aus dem Himmel prasselte eine Wand Wasser herab. Das Boot drehte sich, schleuderte mich zur Seite, und dann ertönte ein ohrenbetäubendes Knacken das Heck verfing sich in einer versteckten, unter Wasser liegenden Stumpf, die wie ein Dolch aus dem Fluss ragte. Ein scharfer, unangenehmer Geruch strömte auf, und im nächsten Moment zerfiel das Boot zu einem wirren Stück Gummi.

Ich versuchte zu schwimmen, doch ein stechender Krampf erfasste mein Bein, das Eiswasser brannte. Der Kampf gegen die tobende Elemente war aussichtslos. Die Strömung riss mich, schlug mich gegen etwas Hartes, und die Dunkelheit verschlang mein Bewusstsein. Ich erwachte erst am dritten Tag, lag auf einem harten Holzbrett in einer fremden, nach Rauch und Kräutern riechenden Hütte. Das Aufstehen ließ Schwindel und Übelkeit überkommen. In diesem Moment klopfte ein alter Mann, sein Gesicht von Falten wie einer Landkarte des Lebens übersät, die Tür auf.

Du bist wach, schnaufte er ohne große Emotion, stellte eine Schüssel mit dampfender Suppe auf den Hocker. Trink das Kraut, es stoppt das Bluten. Und nimm die Stärke, sonst hast du keine Kraft mehr.

Wo bin ich? krächzte ich und, als ich den Namen einer fernen, unbekannten Region hörte, begriff ich mit Entsetzen, dass ich Hunderte Kilometer von zu Hause entfernt war.

Du hattest Glück, Junge, fuhr der Alte nach kurzem Schweigen fort. Jäger haben mich beinahe tot gefunden. Dachten, du würdest nicht wegkommen.

Ich versuchte erneut aufzustehen, doch der Alte winkte mit seinem trockenen Finger ab:

Leg dich hin, sei kein Held. Du hast viel Blut verloren das ist gefährlich. Jetzt solltest du ruhen, sonst stirbst du.

Aber meine Familie? Meine Frau, mein Sohn die wissen nicht, dass ich lebe! meine Stimme zitterte vor Verzweiflung. Ich stellte mir vor, wie Lotte verzweifelt nach mir suchte, und mein Herz zog sich zu einem harten Knoten zusammen.

Hier gibt es keine Post, keine Städte. Nur Wälder, Wölfe heulen und Bären brüllen, brummte der Alte. Wir leben von Kräutern, Pilzen, Nüssen, Beeren. Im Winter lagern wir, Jäger kommen selten vorbei, bringen Essen.

Wie überlebt ihr? fragte ich neugierig.

Einfach. Wir sammeln, bauen, halten das Feuer am Brennen. Der Alte seufzte schwer und kletterte mühsam zurück auf sein Bett. Schlaf, du brauchst Kraft.

Er schlief ein, während ich das flackernde Licht der Öllampe beobachtete. Der Schatten tanzte an den Wänden, und in den flackernden Konturen sah ich die Gesichter meiner Frau und meines Sohnes. Die Sehnsucht schnürte mir die Kehle zu, doch die Kälte des Winters drang nicht mehr in meine Glieder, sie erstarrte nur noch.

Ich hob den Blick zum Himmel, das schwerfällige Wolkenmeer ließ keinen Stern, keinen Mond durchdringen. Alles wirkte leer und trostlos.

Dann erinnerte ich mich an den Tag, an dem wir mit Lotte und dem kleinen Armin zum Angeln gefahren waren das war unser Ritual. Das alte Lagerfeuer knisterte, das Wasser des Rheins rauschte, und ich dachte, das Glück würde nie enden.

Die Monate vergingen, zunächst endlose Winter, dann ein zögerliches Frühlingstauchen. Das Eis löste sich nur schleppend, Zentimeter für Zentimeter. Als ich wieder Kraft in den Beinen spürte, lag der Alte schwer am Boden.

Ich kann dich nicht mehr begleiten, wie wir es versprochen hatten, keuchte er. Ich liege selbst am Boden. Ich habe dich hochgezogen, jetzt muss ich mich selbst versorgen.

Doch Sie bleiben allein! Wir fahren in die Stadt, zum Arzt, ins Krankenhaus!

Ärzte? Die würden dich nur schneiden. Wir heilen mit Verbänden und Kräutern. Der Alte legte die Hände auf meine Schulter. Geh. Und mach dir keine Sorgen um mich.

Er zeigte mir den Weg, und ich dankte ihm von Herzen. Ich verließ die Hütte, das Herz schwer, doch voller Hoffnung. Ich wanderte durch den Wald, die Nacht verbrachte ich unter den Tannennadeln. Eines Morgens hörte ich ein leises Rascheln hinter mir grüne Funken, zwei bis drei Flammen im Halbdunkel. Wölfe. Ohne zu zögern kletterte ich auf die nächste hohe Kiefer, klammerte mich mit den Fingern an die raue Rinde und hockte dort bis zum Morgengrauen. Die Hunde des Waldes zogen weiter, und ich sah den Abstieg als sicheren Tod an.

Am Morgen ließ ich mich wieder hinab, weitergehen, ohne jegliche Hoffnung. Tage wurden zu Wochen, Nächte zu endlosen Stunden. Begegnungen mit einem Wildschwein, einem Luchs, der von einem Ast aus beobachtete, wurden zur Routine. Ich lebte von Beeren, Wurzeln, trank klares Quellwasser, schlief in kurzen Momenten, immer wachsam. Ich gab jedoch nicht auf. Ich musste zu meiner Familie zurück. Ich musste leben.

Zwei Wochen wanderte ich durch das endlose, gnadenlose Waldgebiet, bis ich an einem schmalen Stück einer Mauer ein verlassener Jagdhütte ankam. Ich schleppte mich hinein, fast bewusstlos vor Erschöpfung, und das Glück, das mich überflutete, war fast schmerzhaft. Es war ein Jagdhüttchen, doch das rostige Vorhängeschloss an der Tür zeigte, dass hier seit Langem niemand gewesen war. Der Duft von Staub, trockener Tannennadeln und Mäusen lag in der Luft. Vor einem staubigen Fenster stand ein breites Holzbett mit dünner Matratze, eine zusammengefaltete Schaffelldecke lag darauf. Auf dem Tisch ein altes Salzpäckchen, eine Streichholzschachtel, ein Sack mit Korn und eine Blechkanne.

Ich trat nach draußen, sammelte Äste, fand eine kleine Lichtung und entzündete ein Feuer. In einem Konservenglas, das ich aus einem Bach genommen hatte, kochte ich Wasser und briete getrocknete Johannisbeeren- und Minzblätter auf, die ich in der Hütte gefunden hatte. Der erste Schluck des heißen, aromatischen Getränks ließ mich fast glücklich werden. Zurück in der Hütte verschloss ich die Tür fest, blockierte sie mit einem Stock und verkrümmte mich in die harte, aber trockene Schaffelldecke.

Ich schlief wie ein Besessener, bis mich das Brüllen eines Bären aus der Nähe weckte. Es war furchterregend, doch das Wissen, dass ich hinter den stabilen Wänden aus Lärchenholz geschützt war, schenkte mir Kraft.

Was nun zu tun war, wusste ich nicht. Durch den Wald zu streifen war Selbstmord. Hier hatte ich ein Dach, etwas zu essen und ein gewisses Maß an Sicherheit. Ich beschloss zu bleiben, zu überleben, und später zurückzukehren. Der Vorrat an Streichhölzern war knapp, ich lernte, Feuer mit einem Feuerstahl zu machen, trocknete Pilze und Beeren im Ofen, sammelte heilende Kräuter, erinnerte mich an die Lehren des alten Heilers.

Ein Monat verging, vielleicht noch mehr. Eines Morgens hörte ich in der Ferne Schüsse und das Bellen von Hunden. Ich sprang in meiner zerlumpten Kleidung aus der Hütte und rannte zum Geräusch, keuchte und stolperte über Wurzeln. Stimmen und Knacken von Ästen wurden lauter. Vier Jäger, vom Zufall hierher geführt, hatten das Gebiet betreten. So gelang es mir, endlich Menschen zu finden. Ich fuhr mit Mitfahrern mehr als einen Tag zurück in die Stadt, kaum schlafend, die Fäuste von Aufregung geballt. Endlich stand ich vor der Tür meiner gemieteten Wohnung. Das Herz pochte, als ich anklopfte. Ein fremder Mann in einem weiten T-Shirt öffnete.

Er erzählte, er wohne seit drei Monaten dort, und die Vorbesitzer seien unmittelbar nach dem Ertrinken des Mannes ausgezogen.

Ertrunken, dröhnte das Wort wie ein Hammer auf mein Gehirn. Lotte glaubt, ich sei tot

Wohin soll ich? Was nun? Wie weiter? Die Welt wirbelte vor meinen Augen. Ich irrte durch die Straßen, bis ich das Bezirkskriminalamt erreichte. Ich stolperte hinein, stammelte die Geschichte, und man nahm meine Aussage auf, nickte und versprach zu helfen.

Ich muss meine Familie finden! Sie denken, ich sei tot!, flehte ich. Sie verlangten Namen, Adressen, Bekannte. Man versprach, zu suchen.

Dann ging ich zu meinem alten Arbeitsplatz, dem Lagerhaus, doch das Tor war verriegelt, ein fremdes Logo hing am Gebäude.

Sie sind umgezogen, sagte der Hausmeister gleichgültig. Wohin, das weiß ich nicht.

Die Stadt war mir fremd geworden, abwesend. Mein Freund aus Kindertagen, Sergej, war mein letzter Hoffnungsschimmer. IchDoch als er die Tür öffnete, stand Lotte dort, lebendig und lächelnd.

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