Bei der Beerdigung meines Mannes trat ein grauer Mann zu mir, flüsterte: „Jetzt sind wir frei.“ Es war der, den ich mit zwanzig geliebt hatte, doch das Schicksal hatte uns getrennt.

Der Duft der Erde lag schwer von Trauer und feuchter Kälte. Jeder Kiesel, den man auf den Deckel eines Sarges legte, klang wie ein dumpfer Schlag tief unter den Rippen.

Fünfzig Jahre. Ein ganzes Leben mit Dieter verbracht. Ein Dasein, das stillen Respekt, Gewohnheit und schließlich zarte Zuneigung in sich trug.

Ich habe nicht geweint. Die Tränen waren noch gestern Nacht trocken, als ich an seinem Bett saß, seine kühle Hand hielt und sein Atmen immer seltener wurde, bis es gänzlich verstummte.

Durch den dunklen Schleier sah ich die mitfühlenden Gesichter von Verwandten und Bekannten. Leere Worte, formelle Umarmungen. Meine Kinder, Klaus und Petra, hielten mich an den Armen, doch ich spürte kaum ihre Berührungen.

Da trat er zu mir. Grau meliert, tiefe Falten um die Augen, doch derselbe gerade Rücken, den ich noch im Gedächtnis hatte. Er beugte sich bis an mein Ohr, und sein Flüstern, das ich bis ins Mark gekannt hatte, schnitt durch den Schleier der Trauer.

Liselotte, jetzt sind wir frei.

Für einen Augenblick blieb mein Atem stehen. Der Duft seines Aftershaves Sandelholz und etwas Waldiges schlug mir in die Schläfen.

In diesem Geruch vereinten sich alles: Frechheit und Schmerz, Vergangenheit und unpassende Gegenwart. Meine Augen wanderten nach oben. Andreas. Mein Andreas.

Die Welt schwankte. Der dichte Weihrauchduft wich dem Aroma von Heu und Donnerschlagregen. Ich wurde wieder zwanzig.

Wir rannten, Hand in Hand. Seine Hand heiß und stark. Der Wind spielte mit meinem Haar, und sein Lachen ging im Zirpen der Grillen unter. Wir flohen von meinem Haus, von einer Zukunft, die noch in Jahren ausgemalt war.

Der Sokolov ist nichts für dich!, donnerte die Stimme meines Vaters, Konstantin Matthäus. Er hat keinen Cent im Portemonnaie, keinen Stand in der Gesellschaft!

Meine Mutter, Saskia Matthäus, verschränkte die Hände und sah streng.

Reif dich, Liesel! Er wird dich verderben.

Ich erinnere mich an meine Antwort, leise, aber fest wie Stahl.

Meine Schande ist, ohne Liebe zu leben. Eure Ehre ist ein Käfig.

Wir fanden sie zufällig eine verlassene Försterhütte, die bis zu den Fenstern in den Boden ragte. Sie wurde zu unserer kleinen Welt.

Ein halbes Jahr. 283 Tage puren, verzweifelten Glücks. Wir hackten Holz, trugen Wasser aus dem Brunnen, lasen bei dem Schein einer Petroleumlampe ein Buch zu zweit. Es war hart, hungrig, kalt.

Doch wir atmeten dieselbe Luft.

Eines Winters erkrankte Andreas schwer.

Er lag im Fieber, heiß wie ein Ofen. Ich tränkte ihn mit bitteren Kräutern, wechselte eisige Tücher auf seiner Stirn und betete zu allen Göttern, die ich kannte.

In diesem Moment, als ich sein benommenes Gesicht anstarrte, begriff ich, dass dies mein Leben war das, das ich selbst gewählt hatte.

Sie fanden uns im Frühjahr, als die Schneeglöckchen bereits durch das schmelzende Eis brachen.

Kein Schrei. Kein Kampf. Nur drei finster dreinblickende Männer in einheitlichen Mänteln und mein Vater.

Das Spiel ist aus, Elisabeth, sagte er, als ginge es um ein verlorenes Schachspiel.

Andreas wurde von zweien gehalten. Er wehrte sich nicht, schrie nicht. Er sah mich nur an. In seinem Blick lag ein solcher Schmerz, dass ich fast erstickte. Ein Blick, der versprach: Ich finde dich.

Ich wurde weggebracht. Die leuchtende, lebendige Waldwelt wich kahlen, staubigen Zimmern im Elternhaus, die nach Naphthalin und unerfüllten Hoffnungen rochen.

Schweigen wurde zur größten Strafe. Niemand erhob seine Stimme gegen mich. Man bemerkte mich nicht mehr, als wäre ich ein Möbelstück, das bald aus dem Haus getragen wird.

Nach einem Monat trat mein Vater in mein Zimmer. Er sah nicht zu mir, sein Blick war zum Fenster gerichtet.

Am Samstag kommt Dieter Arsenjew mit seinem Sohn zu uns. Mach dich zurecht.

Ich sagte nichts. Was blieb mir noch?

Dieter Arsenjew war das komplette Gegenteil von Andreas. Ruhig, wortkarg, mit müden, freundlichen Augen.

Er erzählte von Büchern, von seiner Arbeit im Ingenieurbüro, von Zukunftsplänen, in denen kein Platz für Wahnsinn und Flucht war.

Unsere Hochzeit wurde im Herbst besiegelt. Ich stand im weißen Kleid wie in einem Leichentuch und sagte mechanisch Ja. Mein Vater war zufrieden. Er bekam, was er wollte einen passenden Schwiegersohn, die richtige Partie.

Die ersten Jahre mit Dieter waren wie dichter Nebel.

Ich lebte, atmete, tat etwas, doch fühlte mich, als sei ich nicht ganz bei Bewusstsein. Ich war die gehorsame Ehefrau. Kochen, putzen, ihn von der Arbeit abholen.

Er verlangte nie etwas. Er war geduldig.

Manchmal, nachts, wenn er dachte, ich schlafe, spürte ich seinen Blick. Da war keine Leidenschaft, nur endlose, tiefe Mitleid.

Und dieses Mitleid schmerzte mich mehr als der Zorn meines Vaters.

Eines Tages brachte er mir einen Fliederzweig. Er trat leise ins Zimmer und reichte ihn mir.

Draußen ist Frühling, flüsterte er.

Ich nahm die Blüten, und ihr leicht bitterer Duft erfüllte den Raum. An diesem Abend weinte ich zum ersten Mal seit vielen Monaten.

Dieter setzte sich zu mir, umarmte mich nicht, tröstete nicht. Er war einfach da. Und seine stille Unterstützung war stärker als tausend Worte.

Das Leben ging weiter. Unser Sohn Klaus, dann die Tochter Petra wurden geboren. Die Kinder füllten das Haus mit Sinn. Ich sah ihre kleinen Finger, ihr Lachen, und das Eis in meiner Seele begann zu schmelzen.

Ich lernte, Dieter zu schätzen seine Zuverlässigkeit, seine ruhige Kraft, seine Güte. Er wurde mein Freund, meine Stütze. Ich liebte ihn, nicht mit der brennenden ersten Liebe, sondern mit einer stillen, reifen, erarbeiteten Zuneigung.

Andreas verschwand nicht. Er kam in meinen Träumen. Wir rannten wieder über Felder, lebten wieder in unserer Hütte.

Ich erwachte mit tränenden Wangen, und Dieter, ohne ein Wort zu verlieren, drückte meine Hand fester. Er wusste alles. Und er vergab alles.

Ich schrieb an Andreas. Dutzende Briefe, die nie den Absendeweg fanden. Ich verbrannte sie im Kamin und sah zu, wie das Feuer die Worte verzehrte, die für jemand anderen bestimmt waren.

Fragte ich ihn? Versuchte ich, ihn zu ergründen? Nein. Ich fürchtete, das zerbrechliche Haus, das ich gebaut hatte, zu zerstören. Ich fürchtete zu erfahren, dass er vergessen, sich verliebt, geheiratet hatte.

Die Angst war stärker als die Hoffnung.

Und nun stand er hier, auf der Beerdigung meines Mannes. Die Zeit hatte die jugendlichen Züge seines Gesichts geglättet, doch das Funkeln in seinen Augen blieb unverändert.

Die Trauerfeier verlief wie im Rausch. Ich nahm automatisch das Beileid an, nickte, antwortete halbherzig. Alles in mir war gespannt wie eine Saite, ich spürte seine Präsenz hinter mir.

Als alle gegangen waren, blieb er allein. Er stand am Fenster und blickte in den dämmrenden Garten.

Ich habe dich gesucht, Liesel, sagte er leise, die Stimme rau.

Ich schrieb dir. Jeden Monat. Fünf Jahre lang. Dein Vater schickte alle Briefe ungeöffnet zurück.

Er drehte sich zu mir.

Dann erfuhr ich, dass du geheiratet hast.

Die Luft im Raum wurde schwer, dicht. Jedes seiner Worte legte sich wie Staub auf das Porträt von Dieter, das auf dem Kaminsims stand. Fünf Jahre. Sechzig Briefe, die alles hätten verändern können.

Mein Vater, begann ich, doch die Stimme versiegte. Was hätte ich sagen können? Dass er aus den besten Absichten heraus zwei Leben zerstört hatte?

Er kam zu mir eine Woche nach unserem Auseinandergehen. Er stellte eine Bedingung: Ich verlass die Stadt für immer und nie wieder Kontakt zu dir suche. Andreas lächelte schief. Er drohte mir keinen Antrag wegen Kindesentführung. Unsinn, aber ich fürchtete mich im Alter von zwanzig.

Ich hörte zu, und vor meinem inneren Auge erschien das Bild meines Vaters, Konstantin Matthäus, mit schwerem Kiefer und herrischem Blick, und ein zwanzigjähriger Andreas, verunsichert, gedemütigt, doch bemüht, die Ehre zu wahren.

Ich ging nach Norddeutschland, arbeitete in der Geologie. Der Kontakt war fast nie, die Briefe kamen Monate später. Dachte, so sei es sicher. Er fuhr fort: Ich schrieb an deine Tante. Offensichtlich hatte mein Vater das vorausgeahnt. Ich konnte nicht kommen Expeditionen dauerten zwei, drei Jahre. Und als ich nach fünf Jahren zurückkehrte, war es zu spät.

Das Zimmer, in dem ich fünfzig Jahre mit Dieter gelebt hatte, fühlte sich plötzlich fremd an. Die Wände, getränkt von unserem gemeinsamen Leben, beobachteten mich schweigend. Der Sessel, in dem Dieter abends las, der kleine Tisch, an dem wir Schach spielten alles war echt, warm, mein. Und doch drang der Geist der Vergangenheit ein und erschütterte das Ganze.

Und du?, flüsterte ich, fürchtend vor seiner Antwort.

Ich? Ich lebte, Liesel. Arbeitete, streifte durch die Taiga, versuchte zu vergessen. Doch das gelang nicht. Er holte tief Luft. Dann traf ich eine Frau. Eine Ärztin aus der Expedition. Wir heirateten, hatten zwei Söhne, Peter und Alexej.

Seine Worte klangen ohne Pathos, und diese Schlichtheit schnitt tiefer als jedes Schwert. Mein Traum, in dem er immer allein auf mich wartete, zersplitterte in tausend Splitter.

Er lebte. Er hatte eine Familie. Ein Leben, in das ich keinen Platz mehr fand.

Ein merkwürdiger, unpassender Neid erfasste mich Neid auf eine Vergangenheit, die mir nie gehört hatte.

Sie hieß Katja. Sie starb vor sieben Jahren. Krankheit. Er blickte nicht zu mir, sondern durch die Wand. Die Söhne sind erwachsen, verstreut. Ich bin vor einem Jahr zurückgekommen.

Ein ganzes Jahr? erwiderte ich. Warum

Was hätte ich tun sollen, Liesel? Hierher kommen, in dein Haus?

Ich hatte ihn ein paar Mal gesehen: im Park, am Theater. Du gingst Hand in Hand mit deinem Mann, flüstertet leise. Du sahst friedlich, gelassen. Ich hatte kein Recht, das zu zerstören.

Warum bist du heute hier, Andreas? Ich musste es wissen. Warum mein kaum wiedergefundenes Leben erschüttern?

Ich sah die Todesanzeige in der Zeitung. Dein Mann sein Name stand dort. Ich erinnerte mich. Und ich wusste, ich muss kommen. Nicht um etwas zu fordern, sondern um diese Tür zu schließen oder zu öffnen. Ich wusste es selbst nicht.

Er trat einen Schritt zu mir.

Liselotte, ich bitte dich nicht, dein Leben zu vergessen. Ich sehe an diesem Haus, an den Fotos, dass du glücklich warst.

Und dein Mann sein Gesicht war das eines guten Menschen. Ich will nur wissen, ob noch ein Funken von jenem Feuer in dir brennt, das in der Försterhütte loderte.

Ich sah ihn den grauen, müden Mann, in dem kaum noch der stürmische Jugendliche zu erahnen war. Und ich sah das Porträt von Dieter, sein ruhiges, vertrautes Gesicht.

Der eine schenkte mir ein halbes Jahr Feuer, für das ich mein ganzes Leben bezahlt habe. Der andere gab mir fünf Jahrzehnte Wärme, die ich zu spät zu schätzen lernte.

Ich weiß nicht, sagte ich ehrlich. Ich weiß nicht, Andreas. Alles, was ich weiß, ist, dass ich heute meinen Mann begraben habe. Und ich habe ihn geliebt.

Er nickte, und in seinen Augen lag kein Zorn, sondern reines Verstehen.

Ich verstehe. Ich komme in vierzig Tagen wieder, wenn du willst.

Er ging. Das Geräusch der schließenden Tür brachte keine Erleichterung, sondern füllte das leere Haus mit dröhnenden Fragen.

Vierzig Tage. Im Glauben wird diese Zeit der Seele zum Abschied vom Irdischen gegeben. Für mich waren es vierzig Tage, um die Welten in mir zu ordnen.

In der ersten Woche zerwühlte ich Dieters Sachen. Es war zugleich Folter und Heilung.

Sein Lieblingspullover, noch nach seinem Tabak duftend. Seine Brille auf dem Arbeitstisch neben einem ungelesenen Buch. Jede Sache schrie nach ihm, nach unserem stillen, geordneten Leben.

Im Schreibtisch fand ich eine alte Schatulle. Darin lagen keine Urkunden, sondern meine vertrockneten Blumen, ein Kinoticket von unserem ersten Date und ein verblasstes Foto, auf dem ich einundzwanzig war.

Ich blicke ernst in die Linse, fast feindselig. Kein Lächeln. Er bewahrte das Bild fünfzig Jahre lang. Er bewahrte mich die, die er bekam, nicht die, von der er träumte. Und in diesem stillen Verehren steckte mehr Liebe als in den leidenschaftlichsten Schwüren.

Die Tage verrannen. Die Kinder riefen an, kamen zu Besuch, brachten Lebensmittel. Sie umgaben mich mit Fürsorge, doch ihre Gegenwart schürte nur mein Schuldgefühl.

Eines Tages umarmte Petra mich und sagte:

Mama, wir wissen, es ist schwer für dich. Papa hat dich immer geliebt. Er sagte immer, du bist das Beste in seinem Leben.

Ihre Worte schnitten tief. Ich verriet die Erinnerung an ihn mit jedem Gedanken an Andreas.

Ich schlief kaum. Nachts saß ich im Sessel und blickte in den dunklen Garten. Zwei Gestalten standen vor mir: die feurige, brennende Jugendliebe und der tiefe, ruhige Fluss meiner Reife. Kann man die vergleichen? Kann man wählen? Es ist, als wählt man zwischen Sonne und Luft beides Leben.

Ich erkannte, dass Andreas im Kern falsch lag. Er fragte nach einem Funken vom alten Feuer. Ja, ein Funke blieb.

Doch Dieter hatte über fünf Jahrzehnte um diesen Funken ein warmes, sicheres Haus gebaut. Dieses Haus war ein Teil von mir. Es zu zerbrechen hieß, mich selbst zu zerbrechen.

Am vierzigsten Tag wachte ich mit dem klaren Gefühl, dass alles richtig war. Ich backte Gedenkpfannkuchen, stellte den Tisch nach Mamas Art, legte Dieters Foto darauf.

Ich wusste nicht, ob Andreas kommen würde, noch was ich ihm sagen würde.

Nach dem Mittagessen ging ich in den Garten, um die Rosen zu schneiden, die Dieter so liebte. Die kühle Herbstluft weckte mich.

Ein Knarren am Tor. Er stand am Wegesrand, zögerte, trat dann näher, hielt einen kleinen Strauß wilder Gänseblümchen die gleichen, die er mir einst in der Försterhütte schenkte.

Er machte einen Schritt, dann nochIch nahm die Gänseblümchen, sah ihn an und wusste, dass das Leben, das ich gewählt hatte, endlich vollkommen war.

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