**Tagebucheintrag 12. April**
Heute war ich wieder an der Haltestelle Alexanderplatz, aber nicht wie sonst, wo ich nur auf den Bus warte. Dort saß ein kleiner Hund, ganz wie ein Mensch ruhig, selbstbewusst, aufmerksam. Im hellen Schnee blickte er die Straße hinunter, hob gelegentlich den Kopf und streifte die Passanten mit den Augen ab, als suche er jemanden. Er jaulte nicht, rannte nicht herum und näherte sich niemandem er saß einfach nur da und wartete. Das wirkte fast menschlich.
Mama, schau! rief ich und zog an ihrem Mantel. Ein Welpe!
Er war winzig, knochig, mit großen Ohren, etwas tollpatschig und unbeholfen, wie ein Jugendlicher, der seine langen Gliedmaßen noch nicht ganz im Griff hat. Am meisten fielen mir aber seine Augen ins Auge müde, aber nicht leer. In ihnen lag eine Tiefe, die man nicht in Worte fassen kann, die man sofort spürt.
Mama warf einen flüchtigen Blick, seufzte schwer und sagte:
Fass ihn nicht an. Er hat sicher Flöhe, ist nicht geimpft. Wir können ihn nicht mit in den Bus nehmen. Wenn wir gehen, geht er mit.
Der Bus kam, dann noch einer, und der Hund blieb sitzen. Er wechselte von einer Pfote zur anderen, sah sich um, blieb aber unbewegt. Es war, als würde er nur darauf warten, dass jemand von den Vorbeigehenden ihn auswählt. Und als er mich ansah, hätte ich fast gehört: Du bist doch wegen mir hier, nicht wahr?
Mama, bitte ich konnte nicht erwachsen betteln. Ich starrte mit tränengefüllten Augen, mein Herz pochte laut. Er friert.
Mama biss sich auf die Lippe, blickte zum grauen Himmel, dann wieder zu dem Welpen und hauchte langsam:
Wenn bis zum Abend niemand ihn mitnimmt, bringen wir ihn nach Hause. Aber das ist deine Verantwortung. Wenn Papa wütend wird, musst du es ihm erklären.
Ich nickte, als hinge das Schicksal eines Lebens davon ab. Ich rannte zurück zur Haltestelle, ließ meinen Schal fallen und zog ihn wie eine Decke um mich. Der Hund blieb still, schnüffelte leise und vergrub seine Nase in meinem Mantel.
Zuhause aß ich hastig, fast wie ein Verzweifelter, jede Krume, jeder Bissen schien die letzte Chance zu sein. Dann rollte ich mich in meine alte Jacke und schlief ein endlich konnte ich ruhen, nicht mehr kämpfen, nicht mehr hoffen, einfach nur schlafen.
Wie nennen wir unseren Helden? fragte Mama, während sie die leere Schüssel wegstellte.
Ich überlegte kurz und sagte dann:
Heute ist der 12.April.
Und?
Gagarin, antwortete ich.
Mama hob überrascht die Augenbrauen:
Zur Ehrung des Weltraums?
Zur Ehrung meines ersten Helden. Er ist mein Gagarin, mein echter Held.
Sie lächelte, doch der Name blieb: Gagarin.
Am Anfang war alles schwer. Die Katze schlüpfte durch die Tür, kuschelte sich ins Kommode. Oma erklärte sofort, das Haus rieche jetzt nach Hund. Papa, gerade im Dienst, rief an und sagte, er habe eine Allergie wir wären alle verrückt. Ich hörte zu, nickte und gab nicht auf.
Gagarin benahm sich fast perfekt. Bellen kaum, kein Aufsehen erregen, keine Schuhe zerbeißen er war einfach immer da, ruhig, als würde er genug haben, wenn wir da wären.
Er wuchs. Die Ohren wurden größer, die Beine länger, er wurde kantiger, aber immer noch rührend. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, wartete er an der Tür nicht springend, nicht bellend, nur mit den Augen, als frage er: Wie war dein Tag?
Er fühlte meine Stimmung. Krank? Er legte sich an mich, blieb still. Wenn ich weinte über Sorgen, brachte er mir seinen Ball, als wolle er sagen: Weine nicht, spiel mit mir. Und wenn ich mit jemandem streite, setzte er sich zu mir, legte den Kopf in meinen Schoß und war einfach da.
Der Winter wurde zu einem echten Winter: heftige Schneestürme, klirrende Kälte, der Fluss hinter der Schule war zu einer dicken Eisfläche erstarrt. Alle schlitteten Kinder und Erwachsene. Gagarin und ich waren fast täglich dort. Ich warf Schneebälle, er fing sie, rannte, glitt über das Eis. Es war herrlich.
Eines Tages ging ich allein. Meine Freundin war fiebrig, Mama kam spät von der Arbeit. Der Schnee fiel in dicken Flocken, die Welt war still, nur meine Schritte knackten im gefrorenen Schnee.
Gagarin rannte vor mir, schlüpfte zwischen den Büschen hindurch. Ich kam näher ans Eis. Die Oberfläche glänzte, war schön glatt, ein wenig rissig, aber schien stark.
Ich setzte einen Fuß darauf, dann noch einen. Und das Eis gab nach ein knirschendes Brechen.
Ich schrie nicht mal, bevor das Wasser mich verschlang. Der kalte Schwall drückte mir die Brust zu, Panik. Meine Hände rutschten, ich konnte mich an nichts festhalten. Das Eis zerbrach komplett. Alles schrie in mir, ich wusste nicht, wohin ich fliehen sollte.
Dann ein Ruck.
Mit meinem Mantel zog mich jemand. Ich drehte den Kopf zur Seite. Gagarin.
Er hatte seine Zähne in meine Ärmel geklemmt, zog mich mit all seiner Kraft. Er rutschte, schrammte, doch ließ mich nicht los. Bellen, keuchen, aber nicht aufgeben.
Wie wir da rauskamen, weiß ich nicht mehr. Ich sah das zerbrochene Eis, meine blutigen Ellenbogen, meinen zittrigen Körper und ihn neben mir, nass, zitternd, mich mit seiner ganzen Gestalt umarmend.
Er legte sich auf mich, als fürchte er, mich erneut zu verlieren.
Dann kamen Rettungswagen, Mama, Ärzte. Sie brachten mich ins Krankenhaus, ihn zum Tierarzt. Ich bekam leichte Erfrierungen, er Entzündungen, Wunden, Erschöpfung.
Wir wurden gerettet.
Eine Woche später kam ich nach Hause. Gagarin wartete an der Tür, kam leise zu mir, drückte seine Nase an meinen Bauch und legte sich neben mich. Ohne Worte alles war klar.
Seitdem ist er nicht mehr nur ein Hund. Er ist mein ganzes Universum. Mein Gagarin.
Ein Jahr ist vergangen. Wir sind umgezogen. Neue Wohnung, neue Tür mit einem Schild: Achtung, Held im Inneren.
Den Fluss betreten wir nie wieder weder im Winter noch im Sommer. Wenn ich losgehe, steht er vor mir, blickt mir in die Augen, nicht ärgerlich, sondern bestimmt.
Manchmal sitzt er auf dem Balkon, starrt in den Himmel, lange. Als würde er etwas suchen.
Zählst du wieder die Sterne, Gagarin? lache ich.
Er antwortet nicht, legt nur den Kopf auf meine Schulter.
Und dann wird es warm.
Ganz warm.
Für immer.