„Papa, hast du etwa eine Katze?“, wunderte sich seine Tochter Leni, die zum Wochenende zu Besuch kam.

Papa, hast du etwa eine Katze aufgenommen? fragte Liesel, die für das Wochenende aus Köln angereist war, überrascht.
Peter Müller blickte genervt aus dem Fenster. Dort saß wieder dieselbe rotbraune Samtpfote auf seinen Beeten zum dritten Tag in Folge.

Zuerst hatte sie die Tomaten zerfetzt, am Vortag in den Gurken geschlafen, und heute hatte sie sich einfach auf den jungen Kohl gesetzt.

Geh zurück zu deinen Vorbesitzern, murmelte der alte Mann, während er gegen das Fenster klopfte.

Die Katze hob den Kopf, musterte ihn mit gelben Augen und verharrte kühn.

Peter zog Gummistiefel an und trat hinaus auf den Garten. Die Katze wich nicht davon, trat nur ein paar Schritte zurück und setzte sich neben den Lattenzaun. Dünn, abgenagt, ein abgerissenes Ohr, ein zerzauster Schwanz.

Na, du Lump, kniff Peter, beugte sich zu dem Kohl hinunter und musterte den Schaden. Du hast dich wohl verlaufen, oder nehmen dich die neuen Besitzer nicht mehr mit?

Ein schwaches, klägliches Miauen antwortete, und plötzlich erkannte der alte Mann: Das Tier ist hungrig. Es war so mager, die Augen glühten.

Wo sind deine Besitzer? fragte er, während er sich hinsetzte.

Die Katze schlich näher, strich an seinem Stiefel vorbei und schnurrte leise, als wolle sie danken, dass man sie nicht verscheucht.

Opa, warum lebt denn bei uns im Hof eine Katze? fragte sein Enkel Stefan, der zum Schrebergarten gefahren war.

Sie ist Nachbars Katze. Verloren, ausgesetzt ich weiß es nicht genau.

Und wem gehörte sie?

Peter seufzte. Er wusste es. Bei der Nachbarin, Frau Anna Seemann, aus dem Haus gegenüber. Sie ist vor einem Monat verstorben, die Verwandten kamen nur zur Beerdigung, das Haus wurde leergeräumt und alles weggeschafft und die Katze wurde vergessen.

Sie war bei Oma Anna. Sie ist schon lange tot.

Und die Katze blieb allein?, fragte Stefan mitleidenschaftlich.

Ja, blieb allein.

Stefan blickte traurig auf den rotbraunen Halunke:

Opa, könnten wir sie nicht zu uns nehmen?

Ganz schön!, wischte Peter ab. Ich habe doch keine Katze mehr. Ich muss selbst genug zu essen haben, und jetzt noch …

Doch am Abend, als Stefan zurück nach Köln fuhr, stellte Peter der Katze eine Schale mit Suppenresten vor die Veranda. Sie schlich vorsichtig heran, fraß gierig und hastig.

Na gut, murmelte Peter, einmal darf es sein

Das einmal entwickelte sich zum täglichen Ritual. Morgens trat Peter auf das Beet die Katze wartete bereits am Gartentor, saß geduldig, schnurrte nicht, bat nicht, sondern nur wartete.

Zunächst fütterte Peter sie mit Resten, dann kochte er eigens Brei, kaufte günstige Dosenfutter. Er redete zu sich: Nur vorübergehend, bis die Katze neue Besitzer findet.

Roter Kater, komm her, rief er. Roter, so nenne ich dich, wie dich Anna Seemann genannt hat?

Die Katze reagierte auf jeden Namen, solange man sie rief.

Nach und nach gewöhnte sich der Rotkater ein. Tagsüber döste er in der Sonne über den Beeten, abends kam er zur Veranda, schlief in der alten Hundehütte, die noch stand.

Nur vorübergehend, wiederholte Peter. Ganz vorübergehend.

Wochen vergingen, die Katze ging nicht mehr. Und Peter begriff, dass er sich an ihr flauschiges Gesicht am Tor, ihr sanftes Schnurren am Abend, das warme Fell, das manchmal auf seinen Schoß kroch, gewöhnt hatte.

Papa, hast du etwa eine Katze aufgenommen? wiederholte Liesel, die am Wochenende wieder da war.

Ich habe sie nicht aufgenommen. Sie kam von selbst. Die Nachbarin ist tot

Warum fütterst du sie dann? Setz sie doch woanders hin.

Wer braucht denn eine alte Katze?, strich Peter dem Rotkater hinter dem Ohr. Lass sie leben.

Papa, das ist doch nur ein Aufwand. Futter, Tierarzt, das alles du hast doch kaum genug Rente.

Wir kommen klar, erwiderte Peter knapp.

Liesel schüttelte den Kopf. Ihr Vater war in den letzten Jahren seltsam geworden redete mit den Pflanzen, nahm plötzlich eine streunende Katze auf

Vielleicht ziehst du doch mit uns in die Stadt?, schlug sie erneut vor. Warum sitzt du hier allein?

Nicht allein. Der Rotkater ist ja da.

Papa, im Ernst?

Ich meine es ernst. Uns geht es gut hier. Wir haben den Garten und die Katze.

Liesel seufzte. Der Kontakt zu ihrem Vater war schwer geworden. Er war stur, verschloss sich nach Mamas Tod völlig.

Im Herbst ließ der Rotkater nach. Er aß nicht mehr, lag in der Hütte und atmete schwer. Peter beugte sich zu ihm:

Was ist los, Freund? Krank?

Der Kater öffnete müde die Augen, gähnte leise. Peter fuhr ihn zum Tierarzt im Kreishaus. Fast seine gesamte Rente ging für die Behandlung drauf, doch er bereute es nicht.

Der Kater ist freundlich, klug, aber alt und das Immunsystem schwach, sagte der junge Tierarzt.

Wird er überleben?

Bei richtiger Pflege kann er noch einige Zeit leben, nur mit Medikamenten.

Zuhause richtete Peter auf der Veranda ein kleines Pflegebett ein, legte alte Decken aus, stellte Futternäpfe und Wasserschalen hin. Jeden Tag gab er Tabletten, maß die Temperatur.

Werde wieder gesund, flüsterte er. Ohne dich ist mir langweilig.

Wahrheit war, der Kater wurde in diesen Monaten nicht nur Tier, sondern Freund das einzige Lebewesen, das sich freute, Peter zu sehen und das ihn brauchte.

Opa, ist Rudi wieder gesund? fragte Stefan, der zu den Weihnachtsferien gekommen war.

Ja, sieh nur, er liegt auf seiner Liege und schläft.

Rudi schnurrte, eingekauert, das Fell glänzte, die Augen klar. Gesund.

Wird er immer hier leben?

Wo soll er sonst hin?, streichelte Peter Rudi. Wir gehören zusammen. Er ist meine Gesellschaft, ich sein Zuhause.

Opa, warst du nicht einsam vor Rudi?

Peter dachte nach. Ohne seine Frau war das Haus leer, still. Er kochte Suppe für einen, sah fern und schweigte. Er schlief in einem leeren Zimmer.

Ja, ich war sehr einsam, meine Kleine, gestand er. Jetzt nicht mehr. Der Kater begrüßt mich, wenn ich vom Beet komme, schnurrt, während ich das Abendessen koche, schläft auf meinem Schoß beim Fernsehen. Das hat mein Leben erhellt.

Stefan nickte. Auch er liebte Tiere und verstand, wie sie Einsamkeit füllen können.

Und was sagt Mama dazu?

Sie war dagegen. Sie meinte, das sei ein unnötiger Aufwand, ein unnötiges Ärgernis.

Und du?

Ich finde es nicht unnötig. Rudi schenkt mir Freude, und Freude ist nicht überflüssig.

Im Frühjahr kam unerwartet die Nichte der verstorbenen Anna Seemann eine junge Frau mit Kind.

Entschuldigung, dass ich störe, ich bin Sigrid, Nichte von Anna, sagte sie. Ich habe gehört, dass Ihre Katze noch lebt?

Peters Herz schlug schneller. Würden sie Rudi mitnehmen?

Ja, die Katze lebt, antwortete er vorsichtig. Was gibt es?

Wir haben nach der Beerdigung kaum an den Kater gedacht. Jetzt ist uns das peinlich, wir wollen ihn mitnehmen.

Peter spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog.

Sie sind wohl müde von ihm? Viel Aufwand?

Nein, nicht müde. Er ist ein schöner Kater.

Sigrid blickte in den Garten, wo Rudi faul in der Sonne lag.

Ach, wie hat er sich geändert! Früher so dünn und krank, jetzt ein Schönling!

Ich habe ihn behandelt, gut gefüttert.

Vielen Dank! Wir werden ihn natürlich zurücknehmen und alle Kosten tragen

Peter schwieg. Rechtlich gehörte die Katze nicht ihm Anna war verstorben, die Verwandten hatten Anspruch. Doch in den letzten Monaten war Rudi Teil seines Lebens geworden.

Können wir ihn erst einmal sehen?, fragte Sigrid.

Sie gingen zum Kater. Rudi hob den Kopf, sah misstrauisch die Fremden an, dann ging er zu Peter, schmiegte sich an dessen Beine.

Komisch, staunte Sigrid. Er erkennt mich nicht. Ich war oft bei Tante Anna

Die Zeit hat vergessen, erklärte Peter. Doch es geht nicht ums Vergessen. Der Kater hat einen neuen Herrn gewählt den, der ihn fütterte, heilte, liebte.

Vielleicht bleibt er bei Ihnen?, schlug Sigrid plötzlich vor. Er hat sich an Sie gewöhnt, und Sie an ihn.

Wie bitte?, fragte Peter verwirrt.

Ganz einfach. Wir wohnen in einer Wohnung, haben ein Kleinkind. Der alte Kater liebt die Freiheit. Warum ihn mit dem Umzug belasten?

Aber er ist doch unser

Er war deiner Tante, jetzt ist er euer. Ihr habt ihn zweimal gerettet vom Hunger und von der Krankheit. Er gehört zu euch.

Peter konnte sein Glück kaum fassen.

Wirklich? Darf er bleiben?

Natürlich! Wenn ihr etwas braucht, Futter oder Medizin, sagt Bescheid, wir helfen gern.

Nach Sigrids Abreise saß Peter lange auf der Veranda und streichelte Rudi.

Hör zu, Freund, du bleibst bei mir, für immer.

Der Kater schnurrte, schloss die Augen vor Wohlgefallen.

Am Abend klingelte Liesel:

Papa, wie gehts? Lebt deine Katze noch?

Ja, sie ist jetzt offiziell meine. Die Besitzer kamen, haben uns das erlaubt.

Schön, dass du dich an sie gewöhnt hast

Weißt du, was mir klar geworden ist?

Was?

Ein einsamer Mensch und eine einsame Katze retten einander. Ich habe ihn vor dem Hungern gerettet, er hat mich vor der Einsamkeit gerettet.

Papa, philosophier nicht

Ich philosophiere nicht, ich sage die Wahrheit. Jetzt habe ich Sinn morgens aufstehen, Futter zubereiten, Medizin geben. Und die Freude, dass jemand schnurrt und dich am Tor begrüßt.

Liesel schwieg. Vielleicht verstand sie endlich, warum ihr Vater diese Katze wirklich brauchte.

Kommst du nicht doch zu uns in die Stadt?

Ganz sicher nicht. Hier habe ich alles Haus, Garten, Rudi. Warum sollte ich die städtische Hektik brauchen?

In Ordnung, dann bleibst du.

Ich bleibe. Wir bleiben.

Ein weiteres Jahr verging. Peter Müller und Rudi führen ihr gemächliches Leben. Morgens Frühstück und ein Spaziergang über das Beet, tagsüber Hausarbeiten, der Kater döst im Schatten, abends das Abendessen und Fernsehen, Rudi liegt auf den Knien.

Die Nachbarn haben sich daran gewöhnt, sie zusammen zu sehen:

Peter Müller, Ihr Kater ist ja richtig zahm geworden!

Er ist nicht unser, wir gehören zusammen!

Und das stimmt. Sie haben einander gerettet ein alter, einsamer Mann und eine alte, scheinbar unnötige Katze. Sie fanden in dem anderen das, wonach sie gesucht hatten: Verständnis, Wärme, einen Sinn des Daseins.

Was braucht man noch zum Glücklichsein?

Rudi schnurrt auf den Knien seines Herrn, und Peter denkt: Wie gut, dass ich den hungrigen Streuner damals nicht verscheucht habe. Wie gut, dass ich Mitleid gezeigt habe

Manchmal werden die wichtigsten Entscheidungen im Leben nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen getroffen und sie erweisen sich als die richtigen.

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