Die ExSie betrat das verlassene Café, in dem sie einst ihre Träume geteilt hatte, und spürte, wie die Erinnerungen wie ein stiller Sturm aufzogen.

Sie konnte sich doch nicht so verändern! Als er seine ehemalige Frau erblickte, blieb Lukas Schmitt wortlos stehen.
Das kann nicht sein, das ist sie nicht. Ich kann nicht glauben, dass Lieselotte sich so verwandelt hat. Lukas erstarrte vor der Schaufensterfront eines noblen Restaurants in Berlin und beobachtete heimlich seine ExEhefrau.

Die elegante Blondine saß am Fenster, vertieft in das Tippen auf ihrem Laptop. Ein Kellner stellte ihr ein Glas frisch gepressten Apfelsaft und ein Stück Torte, verziert mit Himbeeren und Erdbeeren, hin.

Wie gut sieht sie aus? Und was ist das für ein modischer Armreif? Der muss ein Vermögen kosten. Lukas biss sich auf die Lippe und rückte ein Stück zur Seite, damit sie ihn nicht bemerkte.

***

Lukas und Lieselotte lernten sich vor sechs Jahren kennen. Lukas hatte gerade sein Studium an der Technischen Universität abgeschlossen und einjagte bei einem renommierten Bauunternehmen. Seine Karriere nahm rasch Fahrt auf.

Eines Tages, auf einer Fachmesse für Baumaschinen in Frankfurt, traf er auf eine sympathische junge Frau, die am Stand eines Ausstellers arbeitete.

Was hältst du davon, wir lassen die Bagger mal beiseite und gehen stattdessen einen Kaffee trinken? schlug Lukas heiter vor.

Sie gerieten ins Gespräch. Die zurückhaltende, aber freundliche Lieselotte gefiel Lukas sofort.

Genau so ein Mädchen ist das, was ich suche immer einverstanden, nie streitet sie. dachte er.
Ein wenig pummelig, aber das lässt sich im Fitnessstudio beheben. Und wenn sie nach der Geburt nicht mehr will, finde ich mir eine Geliebte. flüsterte er, während er ihr einen Kaffeebecher reichte.

Und was machst du eigentlich hier auf der Messe? fragte Lukas, als sie gemeinsam die Halle verließen.

Ich schreibe Kurzgeschichten und träume davon, Drehbuchautorin zu werden. lächelte Liselotte verlegen und ließ ihre großen blauen Augen auf Lukas ruhen.

Ich habe gerade mein Literaturstudium beendet und versuche, Fuß zu fassen. Die Miete muss ja bezahlt werden. antwortete sie.

Lukas sah in ihr ein potenzielles Traumobjekt:Sie wird kochen, den Haushalt führen, Kinder erziehen und mir ohne Widerspruch gehorchen. dachte er und prahlte gleich drauf.

***

Er kaufte sich an einem Kiosk gegenüber einen Espresso, setzte sich auf eine Bank und beobachtete Lieselotte weiter. Als sie wieder hinaustrat, traute Lukas seinen Augen kaum.

Ein anmutiger Gang, ein pelzfarbener Mantel aus Nerz in drei Jahren hatte sich Lieselotte völlig verwandelt. Und als sie in einen glänzenden Sportwagen einstieg, war Lukas wieder sprachlos.

Sie kann nicht so etwas getan haben. Sie muss einen reichen Mann gefunden haben. Andere Erklärungen gibt es nicht. er trank den heißen Kaffee in einem Zug aus und hielt den Becher fest, als könnte er die Angst darin einschließen.

Währenddessen fuhr Liselotte in eine unbekannte Richtung davon.

In jener Nacht lag Lukas wach. Nach der Trennung hatte Lieselotte ihn in allen sozialen Netzwerken blockiert. Verzweifelt legte er einen neuen Account an, um ihre Fotos zu sehen.

Neid, Eifersucht, Hass, Wut mit einem halben Liter Wodka im Glas erlebte er das komplette Spektrum negativer Gefühle.

Du konntest dich doch nie verändern. Du warst niemand, ich habe dich ohne Geld, Wohnung und Aussehen aufgenommen. Woher diese luxuriösen Bilder? schürte er sich durch ihre InstagramPosts, in denen sie vor teuren Hotels posierte und teure Taschen schwenkte.

Zehn Kilo habe ich wohl verloren woher diese schlanke Figur? Schönheitsoperationen? Oder das Fitnessstudio? knurrte er und drückte das Handy fester.

***

Am nächsten Morgen erinnerte sich Lukas an ein Gespräch, das er mit Lieselotte geführt hatte.

Quatsch, wer liest das überhaupt? sagte er, nachdem er eine neue Erzählung von ihr gelesen hatte.

Geschmack ist ja bekanntlich verschieden, antwortete Lieselotte zaghaft. Ich habe schon ein paar Fans.

Fans? erwiderte Lukas spöttisch. Wer keinen Verstand hat, dem gefallen solche Geschichten.

Lukas, warum machst du das? Wir sind jetzt ein Jahr zusammen, und du kannst nicht akzeptieren, dass ich eigene Interessen habe. Warum entwertest du das, was mir wichtig ist? Ich kritisiere doch nicht deine Arbeit, in die du Tag für Tag versinkst.

Genau! Wenn du mir als ‘normale’ Ehefrau bei der Arbeit helfen würdest, bräuchte ich weniger Zeit im Büro.

Das ist deine Idee. sprang Lukas auf. Hör auf, das zu tun, was unserer Familie keinen Nutzen bringt. Ab heute schreibst du keine Geschichten mehr, sondern unterstützt mich bei meiner Arbeit.

Wie soll das gehen? Ich soll meine Geschichten aufgeben? Lieselotte erstarrte am Fenster, Tränen stiegen ihr in die Augen.

Deine Seele steckt in den Erzählungen, ich kann das nicht einfach begraben. schluchzte sie.

Mir egal. Im Moment bist du für mich nutzlos. Du bekommst jeden Tag eine Aufgabenliste, die du abzuarbeiten hast. befahl er.

Ich verstehe das nicht Warum nimmst du mir das weg, was mir wichtig ist? schluchzte Lieselotte.

Undankbare! Ich halte dich seit einem Jahr. Du wohnst in meiner Wohnung, ich kaufe dir Geschenke, bringe dich ans Meer. fuhr er fort. Entweder du hilfst mir, oder du gehst.

Wenn dir etwas nicht gefällt, ist die Tür da. sagte er, zeigte auf die Tür.

Liselotte blieb stehen, wischte sich die Tränen ab und schaltete den Computer aus. Lukas sah nie wieder, wie sie schrieb.

***

Ein Jahr später hatte Lukas ein Netzwerk aus Kontakten und genug Kapital aufgebaut teilweise aus dem Verkauf der Großelternwohnung und gründete seine eigene Baufirma. Von morgens bis abends half Liselotte ihm, bearbeitete Dokumente, erstellte Präsentationen, leitete Arbeiter und organisierte Meetings.

Ein weiteres Jahr verging, und Lukas baute ein Wohngebiet. Er war zufrieden bis auf Lieselottes Aussehen. Unter dem ständigen Stress entwickelte sie eine Vorliebe für Süßes und nahm schnell zu.

Wie soll ich mit dieser ‘Schlappe’ auskommen? Ich schäme mich, sie in der Öffentlichkeit zu zeigen. klagte Lukas seinem Freund Markus in einer Kneipe in München.

Ja, das ist ein erbärmlicher Anblick. erwiderte Markus, als er ein Foto sah.

Lukas installierte eine DatingApp, um eine neue Begleitung zu finden. Er dachte, er könne eine Affäre beginnen, wenn Lieselotte ein Kind bekommt, doch er fand schnell Sabine, die sportliche und anspruchsvolle Frau, die bereits beim ersten Date bereit war, ihm zu folgen.

Du magst doch mein Aussehen, nicht wahr? flüsterte Sabine ihm in ein luxuriöses Restaurant in Köln zu, das er für geheime Treffen gemietet hatte.

Er streichelte ihr Haar und sagte: Natürlich.

Für den Anfang reichen mir dreivierfünf Tausend Euro für Frisur, Maniküre, Kosmetik und Fitnessstudio. zählte Sabine, während Lukas nur bewundernd lauschte.

Nach einem Monat hatte Sabine Lieselotte aus seinem Kopf verdrängt. Lukas verbrachte kaum noch Zeit zu Hause, wo Lieselotte jeden Abend wartete.

Ich habe Nudeln mit Pesto für dich gekocht. begrüßte Lieselotte ihn, als er von einer Woche mit Sabine zurückkehrte.

Wie war die Geschäftsreise? brummte er.

Ich esse nichts. verzog er das Gesicht.

Kommen wir zur Arbeit. Wie läuft es? Lieselotte wurde für ihn zur reinen Angestellten. Obwohl sie umsonst arbeitete, verlangte Lukas immer mehr von ihr als von jedem anderen Mitarbeiter.

Ein Monat später musste er Lieselotte im Büro kaum noch ertragen. Seine Geschäfte begannen zu scheitern, Partner zogen sich zurück, und er suchte den Sündenbock. Er ließ sich scheiden und sorgte dafür, dass Lieselotte bei der Teilung kein Geld bekam. Sie stand mit leeren Händen vor seiner Tür.

Drei Jahre später, durch das Auslesen von Geotags, stellte Lukas fest, dass Lieselotte nun in der wohlhabenden Vorstadt von Oberursel lebte bei einem reichen Mann.

Ich habe demnächst ein Meeting mit einem Investor, das vorbei führt. murmelte Lukas, während er Kaffee trank. Vielleicht schaue ich bei ihr vorbei Mein graues Mäuschen hat sich ja zu einer Rose entwickelt.

Plötzlich kam eine Sprachnachricht von Sabine, die gerade in die Türkei geflogen war:

Lukas, wir sollten Schluss machen. Ich habe jemand anderen getroffen. Danke für das Geld, das ich von dir bekommen habe.

Wütend schrieb Lukas ihr eine Hassnachricht und beleidigte sie mit allen möglichen Schimpfwörtern.

Lukas, du bist gerade emotional. Lass uns später in Ruhe reden. antwortete Sabine und blockierte seine Nummer.

Der Investor sagte ab, und in schlechter Stimmung fuhr Lukas zu dem exklusiven Wohngebiet, in dem Liselotte wohnte. Nach Stunden im Auto und einer Zigarette wartete er, bis ihr teurer Wagen vor dem Haus hielt.

Liselotte, was machst du hier? fragte sie verwirrt, als er dreimal an die Tür klopfte.

Ich wollte sehen, wie du dein Leben gemeistert hast. murmelte er.

Liselotte blickte misstrauisch. Lukas wollte nur ein Stück seiner eigenen Schuld begreifen, also drehte er das Gespräch.

Ich bin eigentlich gekommen, um mich zu entschuldigen. Ich habe viel nachgedacht.

Entschuldigungen? Du hast mir verboten zu schreiben, hast mich ein Jahr kostenlos arbeiten lassen und dann einfach rausgeworfen. sagte Lieselotte und umarmte sich selbst.

Lass mich doch rein. bat Lukas und stieß einen Stein vom Fußweg.

Lieselotte überlegte kurz, dann nickte sie.

Wer bezahlt dich? Du hast doch keinen Steinbruch zu bauen. spottete Lukas.

Niemand. Ich habe alles selbst gekauft. erwiderte Lieselotte und ging in die Küche.

Du lügst! rief Lukas und folgte ihr.

Glaubst du, ich sei nicht würdig, meine Träume zu verwirklichen? stellte Liselotte ein Glas Wasser vor ihn.

Wie hast du dich in drei Jahren so verwandelt? Wie hast du es geschafft, so viel zu verdienen? fragte er verblüfft.

Ich bin zurück zum Schreiben gegangen, habe Drehbücher für Filmproduzenten verfasst. sagte Liselotte stolz. Jetzt bin ich eine der bekanntesten Autorinnen des Landes, meine Serien laufen auf den Hauptkanälen.

Du bist also hier, um dich zu entschuldigen. sagte Lukas.

Liselotte lächelte: Der beste Rache ist, den Gegner mit eigenem Erfolg zu übertreffen.

Lukas spürte, wie seine Wut wieder hochstieg. Der neue Investor, die Trennung von Sabine und der Aufstieg seiner ExFrau erdrückten ihn. In seiner Verzweiflung forderte er das Geld, das sie angeblich besaß.

Du bist nur ein graues Mäuschen, das nie wachsen darf. knurrte er, packte Liselotte am Handgelenk und zog sie in das Wohnzimmer.

Lass mich los, das tut weh! schrie sie.

Plötzlich schnurrte ein großer Dackel, der neben dem Sofa lag, und ein zweiter trottete heran. Beide sahen Lukas mit funkelnden Augen an.

Das hier sind Chili und Bärchen, unsere Hunde. sagte Liselotte und streichelte die Tiere.

Lukas starrte auf die beiden, die ihn mit einem leisen Knurren warnend musterten. Er ließ das Handgelenk los, trat zurück und spürte, wie das Gefühl von Ohnmacht ihn übermannte. Die Polizei kam, nahm ihn fest und verurteilte ihn zu einer Bewährungsstrafe.

Heute lebt Liselotte glücklich mit einem erfolgreichen Regisseur zusammen und erwartet ihr erstes Kind. Gerüchten zufolge hat sie ihr Glück gefunden, weil sie nie aufgegeben hat.

Die Geschichte zeigt, dass wahre Stärke nicht darin liegt, andere zu unterdrücken oder zu besitzen, sondern darin, an sich selbst zu glauben, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und zu akzeptieren, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg geht. Wenn wir uns von Eifersucht und Machthunger befreien, finden wir nicht nur Frieden, sondern auch das echte, nachhaltige Glück.

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