Die Eltern meines Mannes besuchen uns für drei Tage – nur unser Sohn lebt hier schon lange nicht mehr.

Hey, stell dir vor, ich erzähle dir gerade, was heute in meiner alten Berliner Wohnung passiert ist.

Liselotte stand noch ein bisschen zögerlich an der Tür, die Schlüssel in der Hand, als ob sie den Klingelton nicht gleich erkannt hätte. Ihr Mantel war noch nass, der Regenschirm tropfte, die Milchpackung hatte einen zerrissenen Griff. Der Abend neigte sich dem Ende zu, und der Flur roch bereits nach jemandes Abendessen und nach einer Katze, die irgendwo schnurrt.

Hinter der Tür stand dann Frau Gertrud Schneider, die alte Nachbarin mit dem gestrickten Schal und den glänzenden Schuhen. Sie zog einen rollenden Koffer hinter sich her, hielt einen Beutel mit etwas Heißem in den Händen und sprach mit dieser kräftigen Stimme, die an alte Filmstars erinnert: ein bisschen schlagfertig, ein bisschen dramatisch.

Liselotte, meine liebe! Ich bin für drei Tage zu Besuch, habe einen Kirschkuchen dabei Paul liebt den, weißt du. Sie war schon im Flur, während Liselotte noch tief durchatmete. Und warum hast du mir nicht gesagt, dass der Türcode geändert wurde? Ich war schon fast weg, dann mit dem Koffer zurück, habe erst den Hausmeister gefunden und nach dem neuen Code gefragt.

Liselotte schwieg. Sie nickte leise, als ob jemand hinter ihrem Rücken stehen würde doch in der Wohnung war alles still, fast unheimlich still.

Und wo ist Paul? fragte Gertrud und streifte über die Garderobe. An der Garderobe hing nur ein leerer Haken, keine Herrenjacke, keine Stiefel, kein Geruch nach ihm, kein Chaos. Er kommt später, nicht wahr? Wir setzen uns zusammen zum Essen, ich habe Risotto mitgebracht. Peter, Pauls Vater, kommt auch vorbei er musste kurz zu einem Bekannten eilen. Dann fragte sie noch: Und Sascha? Ist er noch im Kindergarten?

Liselotte lächelte kurz, als hätte jemand an einer unsichtbaren Schnur gezogen.

Er hat ein Meeting, das sich gezogen hat.

Ach so, Arbeit, Arbeit Gertrud verstummte. Ihre Augen huschten hin und her, zu schnell. Auf dem Regal stand nur ein einziger Becher, im Bad war nur noch eine halbleere Shampoonflasche, am Kühlschrank hingen Kinderzeichnungen, aber Pauls Fotos waren verschwunden.

In der Küche stellte Gertrud den Kirschkuchen auf den Tisch, öffnete vorsichtig den Behälter mit dem Risotto und griff nach Liselottes Hand.

Mach dir keine Sorgen, alles geht vorbei. Atme tief durch. Wir setzen uns, essen, und Peter kommt du wirst mit ihm lachen. Er ist ein echter Gutehans.

Liselotte nickte, setzte sich, nahm den Teller, biss aber nicht sofort. Der Wasserkocher pfiff laut, fast so, als würde er schimpfen.

Kurz darauf gingen sie zusammen, um Sascha abzuholen. Gertrud trug Handschuhe und einen Thermoskanister mit Kompott, Liselotte ging schweigend, hielt sich am Ärmel fest. Im Aufzug trafen sie die Nachbarin Lena, die sofort in ihren typischen, flinken Ton fiel:

Liselotte, dein Ex ist wieder mit der alten Tussi aus dem Laden unterwegs? Mit dem Kinderwagen? Und kümmert sich gar nicht um das Kind, oder?

Gertrud presste die Lippen zusammen, schaute weder zu Liselotte noch zu Lena.

Lena, hauchte Liselotte nur.

Na und? Ich sags dir, die Wahrheit ist doch, dass jeder das weiß.

Am Abend, als Gertrud die Decke aus dem Schrank zog und das Bett auf dem Sofa sorgfältig herrichtete, blieb sie plötzlich stehen, hielt lange die Kissen in den Händen und sagte, ohne aufzublicken:

Er ist weg? Wo ist mein Sohn? Was ist passiert?

Liselotte stand in der Küche, den Rücken gerade, die Hände am Wasserkocher.

Vor drei Monaten. Er sagte, er gehe zu einem Treffen und kam nie zurück.

Zu ihr?

Liselotte schwieg, sah nur vorbei.

Gertrud setzte sich, legte die Decke neben sich, stellte die Tüte mit einem kleinen Kuchen aus Plastik auf den Schoß.

Den habe ich extra für euch gebacken. Er hat doch immer gesagt, bei euch läuft alles gut Ihr wollt doch im Sommer zu viert ans Meer, erinnerst du dich?

Plötzlich schnappte sie nach Luft, als hätte sie einen steilen Treppenauf erklommen. Liselotte kam heran, legte aber nur den Tee daneben, berührte ihn nicht.

Im Zimmer war still. Draußen heulte die alte Straßenbahn. Liselotte stand am Fenster, Gertrud saß unbewegt, jede in ihrer eigenen Stille.

Die Tür knallte mit dem typischen Geklapper, das Peter immer so laut zuschlug, als wollte er sich selbst markieren. Er kam mit einer Jacke mit Pelzkragen, einem Sack Mandarinen aus Spanien und einer Zeitung unter dem Arm herein.

Na, hallo, Mädels! Ich habe die Beute! Mandarinen süß wie in der Kindheit. Er schob die Jacke ab, ging in die Küche. Dort herrschte Stille und drei Blicke: ein müder Blick von Liselotte, ein besorgter von Gertrud und ein leuchtender, kindlicher von Sascha, der beim Klang seiner Stimme aus dem Hintergrund herbeirannte, die Hände an den Hosen festklammernd.

Warum seid ihr still?, fragte Peter, verwirrt. Bin ich zu spät?

Paul, begann Gertrud, doch ihr Wort sprang ihr ab. Sie sah Liselotte an, als bräuchte sie Erlaubnis.

Paul ist weg, sagte Liselotte ruhig, als hätte sie das hundertmal wiederholt. Vor drei Monaten.

Der Säckchen mit den Mandarinen schlug leise auf den Tisch, die Zeitung folgte. Peter setzte sich, schwieg lange und starrte aus dem Fenster, als suche er dort eine Erklärung.

Was habt ihr hier angerichtet?, platzte er plötzlich heraus. Du hast ihn doch zu sehr gedrängt, Liselotte. Wie ein Nagel, der sich nicht lösen lässt. Ich hab ihn nicht mehr an seiner Stimme erkannt er kam nach Hause wie ein Sträfling!

Peter, flüsterte Gertrud.

Was denn, Peter? Alles ist verheddert, und jetzt hallo! Du hast ihn einfach, fuhr er mit der Hand ab, verpfuscht.

Liselotte sagte nichts, nahm nur die Tasse und brachte sie zum Waschbecken, blieb aber im Raum. Sie stand da, als wüsste sie nicht, ob sie gehen oder bleiben soll.

Gertrud war bleich, stand auf, ging zu Peter, drückte ihm die Schulter. Er reagierte erst nach einem Moment.

Er hat mir gesagt, bei euch ist alles gut. Sascha ist gesund, Liselotte, ihr plant den Urlaub. Hast du ihn etwa belogen?, brach ihr Stimme. Mir, meiner Mutter.

Peter hob die Augen, wusste plötzlich nicht, was er sagen sollte.

Ich ich dachte, stammelte er. Er ist ja kein Kind mehr, er entscheidet selbst. Vielleicht hat er ja

Er hat längst jemanden, sagte Liselotte, ohne sich umzudrehen. Er lebt mit ihr zusammen der Kollegin aus der Arbeit, der er im Bad geschrieben hat.

Peter sprang auf, ging auf den Balkon, schloss die Tür hinter sich. Eine Zigarette glomm im dämmrigen Licht, ein einsamer Leuchtturm. Er rauchte selten, vor allem nicht in Gegenwart seiner Enkel, aber jetzt tat er es.

Ich rufe ihn, sagte Liselotte. Er soll selbst erklären.

Gertrud schwieg, schloss die Augen. Auf dem Handy leuchtete die Nummer Paul. Ein Anruf, ein Klingeln, dann eine müde Stimme:

Ja?

Komm jetzt. Papa und Mama sind hier, Sascha auch. Wir müssen reden.

Ein kurzer Moment, dann: In Ordnung. Und das Klingeln wieder.

Liselotte schaute nach draußen, wo jemand die Schneespuren vom Gehweg kehrte. Eine kalte, weiße Nacht, still wie ein Gemälde.

Zweißig Minuten später klickte das Schloss erneut. Paul trat ein, als käme er in eine fremde Wohnung. Er trug denselben Daunenmantel, aus dem Liselotte einst Kaugummis und Quittungen gezogen hatte. Das Haar war leicht zerzaust, ein Hauch fremden Parfüms lag in der Luft. Er blieb am Türrahmen stehen.

Hallo zusammen, murmelte er dumpf.

Sascha rannte, stoppte aber im halben Schritt. Paul setzte sich unbeholfen, zog den Jungen zu sich.

Hey, Kleiner. Wie gehts?

Du wohnst nicht bei uns, sagte Sascha ohne Vorwurf, einfach als Fakt.

Paul drückte ihn an sich, doch sein Blick blieb gesenkt.

Stille lag über der Küche. Peter kam vom Balkon, der Rauch zog nach. Gertrud sah ihren Sohn an, als sähe sie ihn zum ersten Mal.

Du hast mir gesagt, begann sie. Du hast gesagt, alles sei gut. Liselotte sei super, Sascha glücklich. Hast du mich belogen, Paul?

Ich wollte euch nicht verletzen, stammelte er.

Und sie?, wies Gertrud Liselotte an. Du hast sie nicht verletzen wollen? Oder war es dir lieber einfach zu verschwinden?

Peter holte plötzlich ein wenig Humor raus: Und warum hast du deine eigene Mutter hintergangen?

Paul setzte sich, legte die Hände auf den Tisch, als gebe er auf.

Ich bin niemandem etwas schuldig nicht euch, nicht ihr. Ich bin gegangen, weil ich nicht lügen wollte. Ich konnte nicht mehr mit Liselotte und mit euch zusammen sein.

Gegangen, weil es zu schwach war, zu bleiben und wie ein Mann zu reden, warf Gertrud zurück. Du hast nicht nur sie verraten, sondern uns alle, dich selbst.

Liselotte saß in der Ecke, still, als hätte sie jetzt alles gewusst und brauchte nichts mehr zu erfahren.

Gertrud trat zu ihrem Sohn, streckte die Hand aus, die Handfläche zitterte.

Du warst besser, Paul. Ich erinnere mich an dich so, wie du früher warst.

Er antwortete nicht, schloss nur die Augen.

Sascha lugte wieder in die Küche, diesmal nicht rennend, nur stehend und schauend.

Paul stand auf, trat einen Schritt zurück, sein Gesicht wurde hart, wie eine Maske. Er drehte sich abrupt um und ging, ließ die Tür hinter sich zuknallen leise, aber eindeutig. Ein Punkt am Ende dieses Kapitels.

Der Morgen kam. Durch das Fenster drang ein trüber Licht, frischer Schnee lag auf der Fensterbank. Peter las wieder die Zeitung, Sascha aß Haferbrei, Gertrud schob noch etwas auf die Theke, und Liselotte stand am Fenster.

Liselotte richtete sich gerade, ihre Stimme wurde fester:

Ich kann euch die Geräte zurückgeben, die ihr mir geschenkt habt Mikrowelle, Multikocher, Wasserkocher. Nehmt sie, wenn ihr wollt. Ich wollte sowieso die Wohnung renovieren. Veränderungen hindern mich nicht. Ich will einfach alles von Grund auf neu ordnen.

Gertrud drehte sich abrupt um.

Bist du verrückt? Der Morgen hat gerade erst begonnen, und du redest schon über Besitz? Wir haben hier nichts zu teilen. Wir sind keine Geier, wir müssen uns entschuldigen, nicht das Zeug einsammeln.

Sascha spielte in der Ecke mit Bausteinen. Dann rief er: Oma, kommt Papa?

Gertrud sah ihn an, atmete tief durch, setzte sich neben ihn und strich ihm über den Kopf.

Er kommt, mein Kleiner, aber ein bisschen später. Willst du jetzt einen Film?

Sascha nickte.

Liselotte stand im Türrahmen, weder Tränen noch Wut, nur eine innere Taubheit, wie nach lautem Lärm, wenn nur noch Stille bleibt.

Sie stellte den Wasserkocher auf. Er zischte, als wäre er die Hintergrundmusik zu ihrem Schweigen. Der Tag lag vor ihnen einfach, ganz normal, aber mit dem Gefühl, dass jetzt wirklich alles von vorn beginnt.

Der Geruch von Seife und trockener Luft erfüllte das Bad. Gertrud stand am Waschbecken, wusch langsam, fast wie in einer Meditation. Liselotte kam rein, wollte ein Handtuch nehmen, blieb aber stehen.

Lass das, sagte Gertrud, ohne sich umzudrehen. Ich machs selbst.

Liselotte antwortete nicht, nahm das Handtuch und legte es daneben, blieb stehen.

Ich war nicht wütend auf euch, sagte sie schließlich. Ich bin einfach erschöpft davon, immer erklären zu müssen, dass ich nicht allein schuld bin.

Gertrud lehnte sich an das Waschbecken, schüttelte den Kopf.

Ich war wütend auf mich selbst. Auf das, was ich nicht gesehen habe, auf das, was ich nicht wollte. Ich dachte immer, bei euch läuft alles: Liebe, Familie, Glück. Ich habe das allen erzählt.

Liselotte nickte. Beide standen im engen Bad, zwei Frauen, verbunden durch den Sohn, das Haus, die Vergangenheit.

Entschuldige, sagte Gertrud leise. Für alles. Ich dachte, du hättest nichts halten können. Jetzt sehe ich, dass du versucht hast, uns alle zusammenzuhalten, sogar wenn es nicht nötig war.

Liselotte setzte sich ans Badewannenrand, flüsterte:

Ich halte jetzt nur mich selbst. Nichts und niemanden mehr.

Aus der Küche dröhnte Saschas Stimme: Mama, wo sind die Hausschuhe mit den Haien? und etwas klirrte.

Und ihn, fügte Liselotte hinzu. Den halte ich noch ein bisschen.

Sie lächelten, nicht verwirrt, sondern auf eine ganz weibliche Art müde und echt.

Später, am Flur, umarmten sie sich lange. Peter stand daneben, wankte ein wenig hin und her.

Ich war auch nicht perfekt, murmelte er. Uns Männern wird nie beigebracht, zu reden. Als Kind, als Erwachsener.

Lernt es, sagte Liselotte. Solange wir reden können, gibt es Hoffnung.

Peter nickte.

Sascha sprang, zog sich schnell die Schuhe an die falschen, aber lief die Treppe hinunter.

Wir holen dich später ab, sagte Gertrud. Oder du uns. Wir sind jetzt Familie, wohin wir auch gehen.

Liselotte nickte, umarmte.

Die Wohnung war fast leer. Möbel schlicht, Kartons an der Wand, nur eine Tasse auf der Fensterbank. Liselotte stellte einen Löffel hinein, goss heißes Wasser, öffnete das Fenster ein frischer Luftzug und etwas Neues.

Sascha lag auf dem Boden, malte mit grünem Filzstift einen Himmel.

Warum nicht blau?

Weil der Frühling grün wird, antwortete er. Der Frühling ist grün.

Liselotte sah zu, wie er die Hand über das Blatt streicht, richtete ihm den Kragen.

Lass uns später Brot holen?

Ja! Und ein paar Orangen. Aber bitte mit Blattchen oben drauf!

Sie lächelte.

Draußen fuhr eine Straßenbahn vorbeiUnd während das Klingeln der Straßenbahn in der Ferne verklingt, bleibt das leise Versprechen in der Luft, dass das Morgen immer einen neuen Anfang bereithält.

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