Zitrone trifft WasserUnd als die Zitrone ins Wasser fiel, begann sie leise zu singen.

Rückblickend kommt es ihr fast lächerlich vor: Seit über zehn Jahren trinkt sie keinen Zitronensprudel mehr. Sie meidet ihn, wie man alte Wunden meidet. Wie man ein Café meidet, in dem einem ein Ring geschenkt und später wieder abgenommen wurde. Wie man keine Filme mehr ansieht, die man zusammen gesehen hat.

Der Zitronensprudel wurde zum Symbol für den Verlust. Für den, der nicht zurückkommt. Für den, den man nicht zurückholen möchte.

Sie erinnerte sich an alles, als wäre es gestern gewesen. Bis ins winzigste Detail.

Damals, Ende Mai, waren sie nach Catania geflogen. Er sagte: „Das wird der beste Urlaub deines Lebens.“ Sie war achtundzwanzig, er zweiunddreißig, sie waren acht Monate zusammen. Sie hatte schon eine Zahnbürste in seiner Wohnung, er kannte ihre Freundinnen. Alle waren überzeugt, bald würde geheiratet.

Das Hotel „Bellavista“ war nicht das teuerste, aber gemütlich. Weiße Wände, blaues Wasser im Pool, Palmen, um die sich ein Gärtner mit traurigen Augen kümmerte. Ein Zimmer im dritten Stock mit Blick aufs Meer. Allerdings kam rostiges Wasser aus dem Hahn, die Klimaanlage funktionierte nur manchmal, und die Nachbarn über ihnen lärmten nachts.

Und trotzdem waren sie glücklich! So kam es ihr zumindest vor.

Gleich am ersten Tag bestellte er Zitronensprudel. „Hast du das schon probiert?“, fragte er und kniff die Augen zusammen. „Nein.“ „Das ist der Geschmack der Liebe.“ Sie lachte. Er aber scherzte nicht.

Er glaubte wirklich an Vorzeichen, an Zeichen und daran, dass die Liebe ewig hält, wenn man solchen Sprudel bei Sonnenuntergang trinkt. Und sie tranken direkt aus der Flasche, zu zweit. Sauer, süß, die Bläschen kitzelten auf der Zunge. Er sah sie mit verliebten Augen an, und sie versank darin, ohne nachzudenken.

„Lass uns für immer Zitronensprudel trinken“, sagte er verträumt. „Gern“, stimmte sie zu, ohne zu ahnen, dass dieser Geschmack ihr Fluch werden würde.

Zu Hause geriet alles aus dem Tritt. Er wurde kühler, sagte ein Treffen ab, dann noch eins, dann rief er nicht mehr an, dann meldete er sich nur noch sporadisch. Sie hielt durch und dachte: Er hat Stress, eine Krise, eine Depression. Nach einem Monat sagte er: „Ich muss allein sein und nachdenken.“ Nach zwei Monaten: „Ruf mich nicht mehr an.“ Nach drei Monaten war er verschwunden, ohne ein Wort.

Das Telefon blieb stumm. Freunde sagten, sie wüssten nicht, wo er steckte. Seine Mutter zischte in den Hörer: „Mein Sohn will nicht mit dir reden. Ruf nicht mehr an. Quäl ihn nicht und dich auch nicht.“

Sie rief nicht an, sie wartete, ein Jahr lang. Dann heiratete sie einen anderen, einen guten, verlässlichen, aber völlig gewöhnlichen Mann. Er trank keinen Zitronensprudel, sah sie nicht mit verliebten Augen an und sagte nicht: „Du bist mein Leben.“ Er war einfach da, brachte das Geld nach Hause und machte etwas im Haushalt, wenn sie ihn darum bat.

Und sie beschloss, das sei Liebe: ruhig, alltäglich, erwachsen. Weder Fisch noch Fleisch.

Sie brachte eine Tochter zur Welt. Der Mann freute sich, aber distanziert, als wäre das Kind ein frisch gekauftes Möbelstück von IKEA. Nach fünf Jahren ließen sie sich scheiden. Sie konnte nicht mehr in diesem „Sumpf“ leben, wie sie es nannte.

Nicht wegen des Zitronensprudels, nicht wegen Italiens, nicht wegen der Erinnerungen. Sie hatte nur begriffen: Eine langweilige Ehe ist ein Käfig. Sie war kein Vogel, sie war eine Frau und wollte leben, nicht bloß existieren.

Sie blieb allein zurück, mit der Tochter, der Katze und dem Gefühl, gescheitert zu sein. Die Stelle als Buchhalterin in einer kleinen Firma, eine Wohnung, die sie abzahlte, ein Auto, das ständig den Geist aufgab. Die Freundinnen waren weggezogen, die Mutter gestorben, den Vater hatte sie nie gekannt. Die Tochter. Und die Katze.

Zitronensprudel trank sie nicht, und auch sonst nichts, was nur entfernt an diesen verfluchten Geschmack erinnerte. Im Restaurant bestellte sie Cola, Saft, Mineralwasser ohne Kohlensäure und erzählte allen, sie habe eine Allergie gegen Zitronen, sogar gegen ihren Geruch. „Seit wann?“ „Schon lange.“

Niemand kannte die Wahrheit, sie war zu albern für eine Frau von vierzig. In Wirklichkeit fürchtete sie das Wasser, die Zitrone, die Bläschen und die Erinnerungen.

Einmal ertappte sie sich dabei, dass sie sein Gesicht nicht mehr vor sich sah. Sie saß in der Küche, trank Tee und blickte aus dem Fenster. Die Tochter machte Hausaufgaben, die Katze schlief auf der Fensterbank. Plötzlich dachte sie: Wie war noch mal seine Nase? Gerade oder mit Höcker? Seine Augen? Braun oder grün? Seine Haare? Dunkel oder hell? Sie wusste es nicht.

Sie erinnerte sich nur an den Zitronensprudel.

Eines Abends ging sie in den Edeka: Brot, Milch, Eier, Katzenfutter. Und plötzlich fiel ihr Blick im Getränkeregal auf ihn: Zitronensprudel, derselbe wie damals in Sizilien. Dasselbe gelbe Etikett mit der halbierten Zitrone. Dieselben Bläschen, die darin tanzten.

Sie nahm die Flasche in die Hand, hielt sie, stellte sie zurück, ging weg, kam zurück, nahm sie wieder. „Nehmen Sie das mit?“, fragte ein junger Mann in Arbeitskleidung, der Kisten auspackte. „Nein“, antwortete sie und ging.

Auf dem ganzen Heimweg dachte sie an den Sprudel, an ihn, an Italien und daran, wie albern es war, sich vor etwas zu fürchten, das es längst nicht mehr gab.

Nachts fand sie keinen Schlaf. Sie lag auf dem Sofa, starrte an die Decke und lauschte, wie die Tochter sich im Zimmer hin und her wälzte. Die Katze kam, legte sich auf ihre Brust und schnurrte. Stille.

Plötzlich sprang sie auf, warf sich eine Jacke über, schlüpfte in die Hausschuhe, schnappte die Schlüssel und stürzte aus der Tür. Im Edeka kaufte sie genau diesen Zitronensprudel, eine Flasche, sonst nichts.

Zu Hause holte sie ein Glas, das gewöhnlichste der Welt, dickwandig, ohne Muster. Sie holte tief Luft, öffnete die Flasche. Es zischte, als die Bläschen ihre Freiheit suchten. Sie schenkte ein halbes Glas ein und roch daran. Es roch nach Sizilien, nach Meer, nach Jugend, nach Schmerz, nach jenem Sonnenuntergang, an dem er gesagt hatte: „Das ist der Geschmack der Liebe.“

Sie trank. Und nichts geschah. Keine Erinnerungen kehrten zurück, keine Tränen stiegen auf, das Herz blieb still. Es war einfach Sprudel mit Zitronengeschmack, ganz normaler.

Sie trank die Flasche leer, warf sie in den Müll, spülte das Glas und stellte es in den Abtropfständer. Dann legte sie sich hin und schlief zum ersten Mal seit Jahren ohne Schlaftablette ein.

Am Morgen wachte sie lächelnd auf. „Mama, was ist los?“, fragte die Tochter, die die Veränderung bemerkte. „Nichts.“ „Du bist komisch.“ „Ich bin ganz normal, ich habe nur gut geschlafen.“

Den ganzen Tag war ihr leicht. Nicht wie sonst, wenn morgens die Schwere kam, mittags die Müdigkeit und abends der Menschenhass. Sie fühlte sich leicht und frei, als hätte sie einen Rucksack abgeworfen, den sie mehr als zehn Jahre mit sich herumgeschleppt hatte.

Am Abend kaufte sie noch eine vertraute Flasche, trank sie und lächelte. „Du bist albern“, sagte sie zu sich selbst. „Wovor hast du dich nur gefürchtet?“

Sie verstand: Der Zitronensprudel war nie ihr Feind gewesen. Der Feind saß in ihrem Kopf und flüsterte unentwegt: „Trink nicht, sonst erinnerst du dich an alles, kannst nicht vergessen und leidest wieder.“

Und siehe da: Sie trank und blieb unversehrt, mehr noch, sie war völlig ruhig und glücklich.

Vergessen.

Eine Woche später traf sie sich mit einer Studienfreundin. „Irmtraud“, sagte sie beiläufig, „ich trinke wieder Zitronensprudel.“ „Was?“, die Freundin verschluckte sich. „Fast jeden Tag.“ „Und deine Allergie?“ „Die gab es nie.“ „Und jetzt?“ „Jetzt bin ich frei.“

„Willst du ihm nicht schreiben?“ „Wozu?“ „Vielleicht erinnert er sich an dich und liebt dich immer noch.“ „Dann soll er. Ich hab ihn vergessen.“

Sie wählte das Vergessen. Jetzt steht der Zitronensprudel für sie nicht mehr für die Vergangenheit, sondern für das Leben, das weitergeht. Trotz allem. Oder gerade deswegen.

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