Mein lieber Freund, ich will dir von Heike erzählen, meiner verstorbenen Frau, deren Lebensweg ein echtes Märchen ist und zugleich ein Stück Wirklichkeit, das wir in Deutschland erlebt haben.
Heike heiratete zum ersten Mal im Alter von fünfundfünfzig. Fünf Jahre sind seit dieser Hochzeit vergangen. Heute ist sie sechsundsechzig, ich wäre fünfundsechzig. Das ist kaum verwunderlich; das Leben überrascht uns in jedem Alter. Doch das Besondere daran ist, dass dies ihre allererste Ehe war und für mich ebenso.
Stell dir vor, Heike hatte nie vor, jemals zu heiraten. Nie! Noch bevor sie zwanzig war, verließ sie ihr Jugendliebling, den sie aus tiefstem Herzen geliebt hatte. Er hieß Sven. Sven verließ sie im fünften Monat ihrer Schwangerschaft. Zu Beginn wollte Heike das Leben sogar hinter sich lassen, doch sie fasste einen festen Entschluss: Nie wieder den Bund der Ehe schließen. Sie wollte nicht noch einen weiteren Schlingel, der beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten wieder verschwindet.
Und sie hielt daran fest. Die Tochter wuchs heran, heiratete, es kamen Enkelkinder, und Heike zog ihr einsames Leben weiter, wie ein störrischer Esel. Männer suchten ihr stets die Nähe doch ihr Wesen ließ keinen Zweifel zu: Wer erst einmal entschieden hat, bleibt auf diesem Weg. Die Einsamkeit machte sie rauh, fast zu einer Mauer statt einer zarten Frau.
Doch das Schicksal ist ein launischer Puppenspieler. Und eines Tages fand ein Mann doch den Weg zu ihr.
Als Heike in Rente ging, wie die meisten Rentner, begann sie, sich um ihren kleinen Schrebergarten im Umland von Brandenburg zu kümmern. Von ihren Eltern hatte sie ein beschauliches Gartenhaus mit einem Stück Land geerbt. Jeden Morgen fuhr sie mit der SBahn nach Berlin, die Fahrt dauerte etwas mehr als eine Stunde; deshalb nahm sie immer ein KreuzworträtselHeft mit, damit die Zeit wie im Flug verging.
Eines Morgens stieg an der Haltestelle ein Paar in den Wagen ein älteres Ehepaar und ein kleiner, knochiger Rentner setzte sich daneben. Zunächst herrschte Stille. Dann hörte Heike die zaghafte Stimme der Frau:
Sven, wollen wir nicht zu den Enkeln fahren und ihnen helfen? Du bist doch ihr Vater
Ein dröhnendes Lachen des Mannes übertönte sie sofort:
Was für ein Idiot, das du bist! Soll ich vor diesen Dummköpfen herumlaufen?
Was folgte, war ein herabwürdigender Fluch gegen die Frau und die Kinder. Heike hob unwillkürlich die Augen und erstarrte. Es war Sven derselbe Sven, der sie einst verlassen hatte. Er war kaum verändert, nur die Gesichtszüge waren runzliger und finsterer geworden, immer noch massiv und grob. Er erkannte sie nicht, bemerkte aber ihren Blick und schrie:
Was glotzt du so? Dreh dich weg, sonst kriegst du ein Auge ab!
Heike war wie gelähmt. Doch plötzlich sprang der kleine Mann gegenüber entschlossen auf und stellte sich zwischen sie und Sven:
Wenn du nicht aufhörst, Frauen zu beleidigen, hast du mit mir zu kämpfen. Wer so mit Frauen spricht, ist kein Mann, sondern ein Nichtsnutz. Ich werd dich in den Ochsenhaken knallen!
Heike erstarrte vor Angst Sven könnte ihn leicht zerquetschen. Doch der kleine Mann zog die Schultern zurück, murmelte etwas und schwoll plötzlich an. In diesem Moment wurde Heike klar, dass vor ihr kein Held, sondern ein Feigling stand, der nur dann laut wird, wenn er Frauen schmäht. Und durch ihn hatte sie ihr ganzes Leben lang nur Schmerzen erfahren. Tränen stiegen ihr in die Augen; es wirkte, als würde ein Film im Schnellvorlauf abspielen dreißig Jahre vergingen in wenigen Augenblicken.
Nach zwei Haltestellen stiegen Sven und seine Frau aus, und Heike brach in Tränen aus. Es war ein hohler, bitterer Moment.
Selbst Tränen trüben dein schönes Antlitz nicht, sagte ihr Retter mit einem Lächeln. Er wirkte plötzlich nicht mehr klein; vor ihr stand ein richtiger Mann. Sein Name war Friedrich Braun, ein ehemaliger Soldat.
So lernten wir uns kennen. Und plötzlich spürte Heike nach all den Jahren den Wunsch, zu heiraten, sich geliebt zu fühlen.
Und das geschah.
Friedrich und Heike waren glücklich bis an ihr Lebensende. Das Leben ordnet alles weise, und das Alter spielt dabei keine Rolle. Denn selbst im Herbst des Lebens kann Liebe kommen und echtes Glück bringen.