Liebes Tagebuch,
heute war ein besonderer Tag. Ich, vier Jahre alt, stand im Hof und sah den neuen Nachbarn, den grauen Rentner, der auf einer Bank saß. Er hielt einen Stock, auf den er sich stützte, wie ein alter Zauberer aus einem Märchen.
Opa, bist du ein Zauberer?, fragte ich neugierig.
Er schüttelte den Kopf. Dann fuhr ich fort: Warum hast du denn einen Stab?
Den brauche ich zum Gehen, er erleichtert meine Schritte, erklärte er und stellte sich vor: Heinrich Müller, sagte er, und ich nickte dankbar.
Bist du dann sehr alt?, hakte ich wieder nach.
Nach deiner Vorstellung vielleicht, nach meiner nicht ganz, lachte er. Mein Bein tut noch weh, es ist vor kurzem gebrochen, deshalb gehe ich mit dem Stock.
Gerade dann kam meine Oma, Erna Schmitt, und nahm mich bei der Hand, um mit mir zum Park zu gehen. Sie grüßte den Nachbarn, er lächelte, und obwohl er erst 62 Jahre alt war, bildete sich schnell eine Freundschaft zwischen ihm und mir. Während ich auf Oma wartete, kam ich früh in den Hof, um ihm alle Neuigkeiten zu erzählen: das Wetter, was Oma zum Mittagessen gekocht hatte und dass meine Freundin letzte Woche krank gewesen war.
Heinrich schenkte mir immer wieder feine Schokoladenbonbons. Jedes Mal dankte ich ihm, biss die Hälfte ab und wickelte die restliche Hälfte sorgfältig in das Kleingeldfach meiner Jacke.
Warum lässt du nicht alles? Gefällt dir nicht?, fragte er mich immer wieder.
Sehr lecker, aber ich will es meiner Oma geben, antwortete ich.
Er war gerührt und brachte beim nächsten Mal gleich zwei Bonbons. Ich biss wieder nur die Hälfte ab und verstaute den Rest.
Für wen sparst du das jetzt?, fragte er, erstaunt über meine Sparsamkeit.
Für Mama und Papa. Sie können sich zwar selbst etwas kaufen, freuen sich aber, wenn ich etwas für sie aufbewahre, erklärte ich.
Er nickte: Ihr habt also eine sehr enge Familie. Du hast ein gutes Herz, Kind.
Und meine Oma auch, weil sie jeden liebt, fügte ich hinzu, doch Oma kam gerade aus dem Treppenhaus und reichte mir die Hand.
Vielen Dank für die Süßigkeiten, Heinrich, aber wir sollten nicht zu viel Zucker essen, das tut uns nicht gut, sagte Oma freundlich.
Was darf ich euch denn stattdessen anbieten?, fragte er.
Zu Hause haben wir genug. Wir brauchen nichts, lächelte Oma.
Ich will euch trotzdem etwas geben. Ich will gute Nachbarschaft pflegen, bestand er und grinste.
Da schlug er vor, stattdessen Nüsse zu bringen, die wir zu Hause mit sauberen Händen knabbern könnten. Oma und ich nickten zustimmend. Beim nächsten Besuch fand ich ein paar Walnüsse und Haselnüsse in meinen Taschen. Oma schmunzelte: Du bist ja meine kleine Eichhörnchen! Nüsse sind heute ein teures Vergnügen, und du weißt, dass Herr Müller Medikamente braucht, weil er hinkt.
Ich verteidigte ihn: Er ist nicht alt und hinkt nicht mehr. Das Bein heilt, und er will im Winter wieder Skifahren.
Skifahren?, zweifelte Oma. Na dann, das ist ja prima.
Könnt ihr mir Skier kaufen, bitte?, bat ich, damit ich mit Heinrich zusammen fahren kann. Er hat versprochen, mir etwas beizubringen.
Im Park bemerkte ich, dass Heinrich bereits ohne Stock die Allee entlang ging. Opa, ich laufe mit dir!, rief ich ihm hinterher und sprang fröhlich neben ihm her.
Warte doch bitte auf mich, Liebes, rief Oma, die mir nachlief.
So gingen wir zu dritt, und Oma genoss den Spaziergang fast genauso sehr wie ich. Ich sprang, tanzte, kletterte auf die Bank, rief ihr und Heinrich zu: Eins, zwei, drei, vier! Festere Schritte, schau nach vorn!
Nach dem Spaziergang setzten Oma und Heinrich auf die Bank, während ich mit meinen Freundinnen spielte. Immer wieder bekam ich ein paar Nüsse von Heinrich, bevor wir uns verabschiedeten.
Ihr verwöhnt das Kind, sagte Oma verlegen, lasst uns das nur zu Festen tun, bitte.
Heinrich erzählte Oma, dass er seit fünf Jahren Witwer sei und erst kürzlich seine Dreizimmerwohnung gegen eine Einzimmerwohnung getauscht habe, um eine Zweizimmerwohnung für den Sohn und dessen Familie zu ermöglichen. Ich bin nicht der geselligste Mensch, aber Nachbarn braucht man gerade in solchen Zeiten, meinte er.
Zwei Tage später klopfte es an Heinrichs Tür. Dort standen Oma und ich mit einem Tablett voller Kuchen.
Wir möchten dich einladen, sagte Oma.
Habt ihr einen Wasserkocher?, fragte ich.
Natürlich, bitte sehr, rief Heinrich und öffnete die Tür weit.
Bei Tee und Kuchen fühlte ich mich warm und geborgen. Ich schaute neugierig in Heinrichs kleine Bibliothek und betrachtete seine Gemälde. Oma sah zu, wie ich begeistert jedes Bild betrachtete, während Heinrich geduldig jede Geschichte erklärte.
Meine Enkel sind schon lange erwachsen und studieren, sagte er, und deine Oma ist noch recht frisch!
Er gab mir einen Bleistift und ein Blatt Papier.
Den Sommer verbrachten wir alle zusammen, und im Winter kaufte Oma mir endlich Skier. Gemeinsam übten wir im Park, wo die Schneelaufbahn immer gut präpariert war.
Heinrich und Oma wurden immer engere Freunde, und ich, die nicht in den Kindergarten ging, verbrachte fast jede Stunde bei Oma. So war unser Alltag.
Eines Tages fuhr Heinrich in die Hauptstadt Berlin, um Verwandte zu besuchen. Ich vermisste ihn sofort und fragte Oma, wann er zurückkommt.
Er bleibt einen Monat, weil er dort ein paar Dinge erledigen muss. Wir passen in der Zwischenzeit auf seine Wohnung auf, erklärte Oma. Auch Oma freute sich über seine Besuche, seine guten Laune und sein Lächeln.
Nach nur einer Woche merkten Oma und ich, dass wir ihn vermissten. Wir schauten oft zur leeren Bank, wo er uns immer erwartet hatte.
Am achten Tag kam Heinrich überraschend zurück. Oma war erstaunt: Du bist ja früher zurück, als wir dachten!
Er winkte: Die Großstadt war zu laut, meine Arbeit war stressig. Ich habe euch vermisst, ihr seid mir ans Herz gewachsen.
Ich fragte: Hast du deinen Enkeln etwas geschenkt? Bonbons?
Er lachte: Nein, meine Lieben, das wäre zu süß. Ich habe ihnen Geld gegeben, damit sie selbst entscheiden können, was sie brauchen.
Wir setzten uns zusammen, aßen Pfannkuchen mit verschiedensten Füllungen, tranken Tee und redeten über Berlin. Die Hauptstadt ist schön, aber ich habe euch Geschenke mitgebracht, sagte er, und nahm Oma und mich bei den Händen.
Der Frühling kam früher als erwartet, die Tage wurden wärmer. Ich rief: Bald ist Internationaler Frauentag, Oma wird das Festmahl vorbereiten und dich, lieber Heinrich, auch einladen.
Ich liebe euch, ihr lieben Nachbarn, sagte Heinrich, während er die Treppe hinaufstieg.
Nach den Pfannkuchen bekamen wir kleine Geschenke: Ich eine bunte hölzerne Puppe, Oma eine silberne Brosche. Gemeinsam gingen wir den bekannten Weg im Park entlang. Der Schnee schmolz, das Wasser füllte die Pfade, und ich sprang fröhlich über die noch feuchten Platten, rief: Oma, Opa, fangt mich ein! Eins, zwei, drei, vier! Festere Schritte, schau nach vorn!
Heute fühle ich mich glücklich und dankbar für diese wunderbare Nachbarschaft, die uns alle verbindet.
Bis bald,
Liselotte (4Jahre)Als die Dämmerung das Haus in ein warmes Gold tauchte, klopfte Heinrich leise an die Tür und brachte eine kleine, hölzerne Schatulle mit. In ihr lag ein handgefertigter Schlüssel, aus Messing, auf dem unser Familienwappen eingraviert war das Zeichen, das er für uns als neue Heimat gewählt hatte.
Er erklärte, dass er ein altes Geräusch aus der Nachbarschaft retten wolle: die alte Eiche, die seit Jahren im Hof stand, sei krank. Gemeinsam beschlossen wir, einen jungen Kirschbaum zu pflanzen, der jedes Frühjahr die Straße mit zarten rosa Blüten schmücken würde. Oma ging behutsam vor, legte die Wurzeln in die Erde, während ich das Saatgut vorsichtig vergrub und Heinrich mir über die Schulter zusah, als wäre ich ein kleiner Gärtnermeister.
Nachdem der Baum gesetzt war, befestigte Heinrich ein kleines Schild am Stamm: Freundschaft, die Wurzeln schlägt. Die Worte glühten im letzten Licht des Tages, und ich spürte, wie mein Herz ein bisschen größer wurde.
Später saßen wir alle um den Tisch, tranken heißen Kräutertee, dessen Aroma nach Minze und Kamille duftete, und teilten Geschichten, die wir noch nicht kannten. Heinrich erzählte von seiner Jugend, von einem Zug, der ihn einst nach Rom brachte, und von einem Brief, den er nie abschickte, weil er die Worte nicht finden konnte. Oma lauschte, lächelte und fügte hinzu, dass jede unerzählte Geschichte ein Schatz sei, den man erst entdeckt, wenn man sie gemeinsam liest.
Ich zog mein Skizzenbuch hervor, das ich immer bei mir trage, und kritzelte ein Bild von uns dreien, umgeben von dem noch jungen Kirschbaum, der bald ein Dach aus Blättern über uns spannen würde. Heinrich sah mir über die Schulter, nickte zufrieden und sagte leise: Du hast das Herz einer Künstlerin, meine Kleine.
Der Abend endete mit dem Klang von Vogelgesang, der aus den Bäumen kam, und einem leisen Versprechen, das ich in mein Tagebuch schrieb:
Morgen, wenn die Sonne wieder aufgeht, werde ich den Baum besuchen, meine Hände in die Erde legen und die Freundschaft spüren, die wir hier erschaffen haben. Und wenn ich einmal groß bin, werde ich meine eigenen Nachbarn besuchen, ihnen ein Lächeln schenken, so wie es Heinrich und Oma für mich getan haben.
So schließe ich diesen Eintrag, mit dem Wissen, dass jede kleine Geste ein Bonbon, ein Nussstück, ein offenes Ohr ein starkes Band knüpft, das selbst die kältesten Winter überdauert. Das nächste Kapitel meines Lebens liegt bereits im Schatten des neuen Baumes, bereit zu wachsen.