Was? erwiderte Anneliese unbewegt.
Wie bitte was? Was soll ich machen?
Steig wenigstens aus dem Wagen, sieh nach, ob es noch lebt.
Ich spürte, wie mein Magen umklammerte. Der Hof lag leer, die Abendluft roch nach verbranntem Metall ein Geruch, der fast wie Angst roch. Langsam öffnete ich die Tür, beugte mich, ohne auszusteigen, unter das Auto und sah: Es lebte. Ein kleiner grauer Knoten, zitternd, aber die Augen waren offen.
Es lebt, Anneliese. Es lebt Was soll ich tun?
Was denn? Bring es zur Klinik. Du fährst ja sowieso hin. Aber beeil dich, sofort!
Vorsichtig hob ich die Katze hoch sie widersetzte sich nicht, lag nur schwer atmend da. Auf den Rücksitz legte ich sie, in eine Schuhschachtel, die auf dem Boden lag. Und los ging’s.
Die Klinik war nur eine halbe Stunde entfernt normalerweise. An diesem Tag jedoch schien die halbe Stunde zu einer Ewigkeit zu werden. Der Tag, an den man sich noch lange erinnern würde, dehnte jede Sekunde.
Im Kofferraum lag bereits ein Hund. Ein alter Mischling, vom Zug überfahren. Meine Nachbarn hatten mich gebeten, ihn ins Krankenhaus zu bringen schläft er bitte friedlich ein, er soll nicht mehr leiden, hatten sie gesagt. Ein Streuner, dem niemand wirklich gehörte, doch wir hatten Mitleid. Ich fuhr hinein, fast automatisch.
Und nun noch diese Katze.
Ich raste die Straße entlang wie ein Besessener, während in meinem Kopf nur eines dröhnte:
Welcher Tag ist das? Welches Leben ist das?
In der Klinik erwartete mich überraschenderweise kein Gedränge. Ich stürmte mit der Schachtel hinein, als würde ich meine Frau zur Entbindung bringen der Arzt griff sofort zu und brachte das Tier in den Untersuchungsraum.
Was ist mit ihr? Wie geht es ihr? stürmte ich zur Tür.
Wir machen sofort ein Röntgen, sagte die Assistentin nickend. Sieht nicht nach etwas Schwerwiegendem aus, aber wir müssen sicher gehen.
Fünfzehn Minuten. Eine Ewigkeit. Die Uhren schienen einen Streich mit mir zu treiben und standen still. Ich lief im Kreis, starrte an die Decke, die Fenster, die Poster von Europäischer Kurzhaar und Perserkatzen
Und innerlich grollte etwas. Nicht nur Sorge Scham, Schuld. Ich hatte nicht aufgepasst. Ich hätte langsamer fahren sollen. Alles hätte anders laufen können. Das Kleine, hilflos, einen Moment zu spät die Straße betreten ich dachte gerade darüber nach, wo die Abzweigung zur Klinik war. Und das war’s. Ein einziger Augenblick, ein Schicksalsschlag und ich stand da, mit einem Kloß im Hals, flehe zu mir selbst: Bitte, lass es leben. Lass mich das richten
Schließlich kam der Arzt heraus.
Wir müssen operieren
Da fiel mir ein der Hund ist noch im Kofferraum!
Ich fuhr zurück. Stille. Kein Winseln. Kein Zucken. Ich drückte den Knopf der Kofferraum öffnete sich langsam.
Zwei ängstliche Augen blickten mich aus der Dunkelheit an. Er lebte.
Hey, flüsterte ich. Entschuldige Wir schauen gleich, was zu tun ist.
Wieder rannte ich zur Klinik, schnappte mir den Arzt eine strenge, mit ernster Miene.
Da liegt noch ein Hund im Kofferraum. Vom Zug überfahren, die Hinterbeine
Wir wurden bereits wegen der Euthanasie gerufen Man sagte, er habe keine Chance.
Ich stockte, fand kein Wort mehr. Das Gesicht der Ärztin blieb unbewegt. Still nahm sie ihren Mantel, und wir fuhren.
Wir öffneten den Kofferraum. Sie sah den Hund, dann mich. Ihr Blick durchbohrte mich wie ein Röntgenstrahl.
Sind Sie verrückt? Wer hat gesagt, er müsse eingeschläfert werden? Ja, seine Beine werden nie heilen. Aber er kann leben. Wir haben schon solche Fälle gehabt. Bringen Sie ihn her.
Ich nickte erneut. Ich widersprach nicht. Der Arzt sagte: Er wird überleben. Das genügte.
Am Abend stürzte ich nach Hause. Anneliese drehte sich überrascht vom Herd weg:
Was ist los mit dir, Klaus?
Ohne ein Wort ging ich ins Zimmer, zog das alte Buch hervor, in dessen Seiten ich Geld versteckt hatte. Ein Traum. Ein Motorrad. Es zählte nicht mehr.
Klaus?! Was geschieht da?
Sie werden leben! rief ich. Beide!
Wer? Bist du verrückt geworden?
Ich erkläre es später!
Wir behielten sie. Die Katze hieß jetzt Mia, der Hund Balu. Gemeinsam überstanden wir alles: Infusionen, schlaflose Nächte, Reha.
Anneliese sagte nur:
Wenn sie jetzt bei uns sind, schaffen wir das.
Und sie schafften es. Sie fütterte Mia liebevoll, verband Balu. Wir weinten, als Mia das erste Mal aufstand. Wir lachten, als Balu im Rollstuhl über den Hof flitzte.
Fünf Jahre vergingen. Sie waren keine Haustiere mehr. Sie waren Familie.
Heute, als ich nach Hause kam, roch es nach frischem Apfelkuchen. Anneliese umarmte mich von hinten, fest, und zitterte ein wenig.
Was ist passiert? fragte ich.
Wir werden reich flüsterte sie und legte die Hand auf ihren Bauch.
Zuerst verstand ich das nicht. Dann verstand ich.
Ich bin vierzig, sie siebenunddreißig. Wir haben lange versucht, fast aufgegeben. Fast. Doch eines Tages sagte eine seltsame Frau:
Ihr bekommt drei Kinder. Zwei ein Geschenk der Natur. Eins ein Geschenk Gottes. Für das gute Herz. Für die Geduld. Der Weg wird schwer, aber er wird hell sein.
Mia schlief zusammengerollt neben dem Kuschelhasen auf der Fensterbank. Balu, jetzt alt, schob sich zu uns, lehnte sich an mein Bein und seufzte tief.
Früher glaubte ich nicht. Jetzt glaube ich.
Denn wir haben einst dem Leben Ja gesagt. Und das Leben antwortete uns mit einem klaren Ja.