Hey, ich muss dir unbedingt erzählen, was heute bei uns zu Hause im Berliner Mehrfamilienhaus passiert ist das war ja ein richtiger Knüller! Meine Schwiegermutter, die liebe Frau Theresa Anton, kam völlig aus dem Häuschen in den Hausflur, wo mein Mann Sascha und unsere kleine Enkelin Lieselottchen (sie ist gerade fünf) wohnen. Sie hatte eine riesige Überraschung im Schlepptau: ein winziges, aber feines Kästchen, halb einen Meter groß, hübsch mit rosa Satinband umwickelt und einem großen, flauschigen Schleifchen drauf.
Theresa hat bei diesem Geschenk wirklich keine Mühen gescheut weder Kraft, noch Zeit, noch Geld. Sie hat ein ganzes Spezialprojekt gestartet! Sie fuhr in ein Nachbardorf zu einer Meisterin, die sich auf die Restaurierung alter Puppen spezialisiert hat. Dort ließ sie ein süßes blaues Kleidchen und ein Häubchen für die Puppe anfertigen, nähte selbst die Kleidung: ein Filzjackett, Filzwäschchen, einen Schal mit passender Mütze, zarte Spitzenrüschen und ein weiteres Kleid mit Punkten. Alles selbst gemacht! Das war die Puppe, die ihr als achtjähriges Mädchen aus einer armen Familie nach ihrer Geburt in den späten 60erJahren zum Geburtstag geschenkt wurde das einzige schöne Spielzeug, das sie je hatte. Wie viel Freude und unvergessliche Gefühle diese Puppe damals in ihr hervorgerufen hat! Theresa wollte ihr jetzt ein zweites Leben einhauchen, denn die modernen Massenpuppen sind ja völlig seelenlos und oft mit gruseligen Gesichtern. Hier ist das Gegenteil.
Mensch, wo hast du denn die alte Kostbarkeit her? fragte meine Schwiegertochter, die etwas skeptisch guckte.
Das ist meine allererste und einzige Puppe! sagte Theresa ganz stolz, ohne die Überraschung ihrer Schwiegertochter zu bemerken. Ich bin extra zu meiner Schwester auf dem Land gefahren, um sie abzuholen. Sie lag im Elternhaus, weil wir nur Jungen bekommen haben und niemand mehr die Puppe tragen konnte. Sie lag jahrelang in einer Kiste mit gebrochenem Bein ich habe so oft geweint, als das Bein abgebrochen ist! Jetzt, dank der Restaurateurin, sieht sie aus wie neu, sogar besser!
Liselotte sprang sofort auf und rief: Oma, gib her, gib her!
Gefällt dir? fragte die Oma.
Schön Oh, was für ein Kleidchen Das will ich auch haben!
Soll ich dir eines nähen, dann sind wir fast gleich aussehend?
Ach Mama, wer trägt denn heute noch so offen sowjetische Klamotten? meinte Sascha lachend.
Leise, Papa! Ich will das Ding! schnatterte die fünfjährige Lieselottchen begeistert.
Du kriegst es, mein Schatz, du bekommst alles, was du willst! Und übrigens, sie heißt Natasha. flüsterte Theresa.
Bäh, ein schlechtes Name! Ich nenn sie doch Chelsea!, protestierte Lieselottchen.
Aber Kindchen, das ist doch ein Hundename! erwiderte die Oma.
Nein, das ist aus der Zeichentrickserie!, pochte das Mädchen und trommelte mit dem Fuß. Die Augen der Puppe leuchteten plötzlich wieder in einem strahlenden Blau. Wow, habt ihr das gesehen?!
Meine Schwiegermutter, die immer etwas zurückhaltender ist, zeigte plötzlich echte Bewunderung:
Ach, ich hatte fast dieselbe als Kind! Nur war sie weicher, gestopft. Was für ein Schatz! Liesel, lass mich sie kurz halten
Liesel gab die Puppe widerwillig weiter, während die anderen neugierig zusahen, wie die Oma das Geschenk drehte.
Einfach hinreißend! Schaut euch nur die rosige Haut und die klaren Augen an! Und das Outfit so sauber genäht! Ich hatte früher genau so ein blaues Kleidchen!
Ich nähte nach sowjetischen Schnittmustern, gestand Theresa ein, ein wenig rot werdend.
WAS? Du hast das alles selbst gemacht? Das ist ja unglaublich feine Handarbeit! Du bist ja eine richtige Königin der Nähkunst!, staunte meine Schwiegertochter.
Ja, das war ein echter Hingucker, ergänzte mein Schwager, der seine SchnurrbarthaarMähne stolz rieb.
Theresa, die nicht an so viel Lob gewöhnt war, zuckte mit den Schultern, doch auf ihren Wangen blinkten rubinrote Pickel, die fast so laut kreischten wie Lieselottchens Lachen.
Die Schwiegermutter wurde plötzlich wieder ganz feurig: Mal sehen, was die Puppe alles kann. Also, Natasha äh, Chelsea, du kleiner Engel
Sie drückte die Puppe an den Bauch, und sie rief mit piepsigem KinderStimmenModus: Mama!
Die Eltern warfen sich ein ironisches Lächeln zu und schmunzelten. Theresa wurde ganz feucht, Tränen des Kindheitstraums stiegen ihr in die Augen. Die Schwiegermutter krächzte ein paar unverständliche Laute, während Lieselottchen strahlend wie ein Kind im klaren Brunnen lachte.
Gib her, bitte!, flehte die Kleine, während sie die Puppe fest umklammerte.
Warte mal kurz, sagte die Schwiegermutter und stellte die Puppe auf den Boden, dann sang sie ein bisschen vor: Tapp, tapp, das kleine Ding läuft, es läuft!
Sascha, der Vater, grinste und meinte: Für die Kids heute nichts mehr zu überraschen, was?
Du hast ja keine Ahnung! Als ich klein war, hätte ich alles für so eine Puppe gegeben sogar ein Kilo gedämpften Rettich, hach!, lachte Theresa und reichte die Puppe ihrer Enkelin. Bester Geburtstagsgruß von mir!
Ach, das war’s, murmelte Theresa schüchtern, während ihr Blick zu Lieselottchen wanderte. Die kleine drückte ständig die Puppe an ihr Kleid, rief immer wieder: Mama, Mama!
Liesel, mein Sonnenschein, bitte zerleg die Puppe nicht, um zu schauen, wie das alles funktioniert, okay? Auch die Knöpfe wurden restauriert, erklärte Theresa ihrer Schwiegertochter, die nur den Kopf schüttelte.
Die Erwachsenen fuhren mit ihren Gesprächen fort, während ein erster Trinkspruch auf das Geburtstagskind erklang. Liesel sprang hin und her, holte neue Spielsachen, schaute gleichzeitig Zeichentrickfilme. Die Puppe lag schon nackt auf dem Boden, ein Kater legte sich daneben und leckte vorsichtig das kunstvoll gestylte Haar der Puppe. Theresa saß am Fenster und sah das nicht mit.
Wo ist denn unser ältester Enkel, Jonas?, fragte sie plötzlich.
Er ist mit Freunden draußen, sagte Sascha. Er hat heute keine Lust, mit uns zu feiern die Jugend hat ihre eigenen Pläne.
Und hast du ihm zum Geburtstag gratuliert?, hakte die Schwiegermutter.
Natürlich. Ich hab ihm fünfmal die Ohren hochgezogen einmal für jedes Lebensjahr und ihm dann Buntstifte und ein Ausmalbuch geschenkt.
Man kann doch nicht so ein Kind an den Ohren ziehen!, protestierte die Schwiegermutter.
Aber das war nur ein Scherz, meinte die Schwiegertochter, und erinnerte sich an alte Streitereien: Als meine ältere Schwester mich an den Zöpfen zog, hast du nie etwas gesagt.
Der Schwager stellte sein Glas ab, rollte die Augen und murmelte: Ach, das war ja früher Wir haben uns ja immer gestritten, aber ich habe euch immer wieder zusammengebracht. Solche KindheitsGräben
Theresa, die den Geruch von gebratenem Hähnchen in der Luft spürte, beschloss die Stimmung zu lockern:
Ich habe euch doch erzählt, dass jetzt ein Papagei bei mir wohnt? Gestern Morgen stand er auf dem Schrank und rief: Hallo, Schönheit!
Alle lachten, außer der etwas verärgerten Schwiegertochter. Der Schwager vermutete, es sei wohl ein Nachbar.
Ich habe die Tür geöffnet, aber keiner weiß, wer das war!, sagte er. Unsere Nachbarin Frau Marta, die im Hinterhof wohnt, hat mir ihre alte Käfigtür geliehen. Wir nannten den Vogel Petri ein hübscher, rotgelber Geselle. Ein bisschen klein für ein so großes Tier, aber
Plötzlich verzog Theresa das Gesicht zu einem entsetzten Ausdruck. Alle schauten dort, wo sie hingespuckt hatte.
Oh mein Gott, was machst du da, mein Schatz?, schrie sie und schob den Tisch fast um. Leg sofort die Buntstifte weg!
Liesel hob die unschuldigen Augen. In einer Hand hielt sie die Puppe, in der anderen einen roten Buntstift, mit dem sie dem Gesicht ein bisschen mehr Röte verpasst hatte.
Autsch!, rief ihr Vater, der am nächsten war, und schnappte ihr den Stift weg. Du hast die Puppe ruiniert! Jetzt weint Oma und Chelsea auch!
Die Schwiegermutter seufzte und sah erschrocken zu Theresa. Theresa, die plötzlich wie bei einer Beerdigung wirkte, schüttelte den Kopf.
Das kleine Mädchen fing an zu weinen, ließ die Puppe fallen und rannte zu ihrer Mutter. Sascha hob die Puppe, sah sehr betrübt aus.
Vielleicht wäscht man das ja ab? schlug die Schwiegermutter vor.
Versuchs im Bad, aber nicht das Haar nass machen, sagte die Schwiegertochter. Sie legte ihre Hand auf die Schulter der Schwiegermutter und drückte sie tröstend.
Ein verwöhntes Kind schätzt nichts, das ist jetzt mal die Regel. Nimms nicht zu schwer, Theresa, es ist nur ein Spielzeug
Nur ein?, flüsterte Theresa. Ich gehe kurz, helfe Sascha.
Sascha kam zuerst zurück, dann kam Theresa, die die Puppe behutsam wie ein Lebewesen hielt. Sie nahm das blaue Kleidchen vom Boden, setzte die Puppe auf das Sofa und zog das Kleid wieder an. Die BuntstiftSpuren waren noch drauf, doch sie kämmte vorsichtig das Haar und lächelte das Enkelkind an.
Komm her, Liesel, ich muss dir etwas sagen. Keine Angst, ich ärgere dich nicht.
Liesel setzte sich zögerlich auf Theresas Knie, während die Puppe mit ihren blauen Augen daneben saß.
Als ich klein war, ein bisschen älter als du, hatten wir fast keine Spielsachen. Alles wurde von den älteren Schwestern weitergereicht ich hatte drei davon. Unser großer Bruder, Kolle, war schon im KfzBetrieb, bevor er zur Wehrmacht ging. Wir lebten arm, meine Mutter zog uns allein auf. Mein Vater starb, als ich noch nicht mal ein Jahr alt war. Zum Geburtstag gab es nur ein Brötchen für sechs Pfennige das war das größte Geschenk. Ich bekam immer das, was übrig blieb, aber ich war nie böse, ich verstand es irgendwie Meine Mutter tat alles für uns, ich half ihr schon ab fünf beim Hüten der Gänse.
Als Kolle im zweiten Jahr des Krieges zurückkehrte, war ich gerade acht. Meine Mutter backte Kirschkuchen und Erdbeerkuchen, wir luden Freundinnen ein Da stürmten plötzlich ein Schwarm Mädchen in den Hof und riefen: Lisel, dein Bruder hat dir die Puppe gekauft! Wie glücklich du bist! Ich stand da wie erstarrt. Eine Puppe? Meine Träume gingen nie in Erfüllung, und plötzlich eine Puppe! Ich konnte es nicht fassen, sie sah aus wie die Puppe aller Mädchen!
Kolle kam mit etwas hinter dem Rücken versteckt, küsste mich beide Wangen und sagte: Alles Gute zum Geburtstag! Hier ist dein Geschenk, meine Lieblingsschwester! Und er reichte mir die verpackte Puppe. Ich hielt die Schachtel und konnte mein Glück kaum fassen. Ich dachte, er hätte sie selbst gemacht, weil das Gesicht genauso wie meins aussah!
Wie viel Glück diese Puppe mir gebracht hat! Ich nähte ihr Kleidung, fütterte sie, lernte ihr lesen, schlief mit ihr Dann brach ein Junge ihr Bein. Trotzdem blieb sie bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr mein ständiger Begleiter. Jede Nacht lag sie neben mir, sang Lieder, tröstete mich. Schließlich steckte ich sie wieder in die Kiste, aber Natasha blieb für immer in meinem Herzen.
Die Schwiegermutter schluchzte leise, lehnte sich an den Arm ihres Mannes. Theresa sah verzückt um sich, die Erinnerungen hatten sie völlig in den Bann gezogen. Auch die Schwiegertochter ließ ein kleines Lächeln über ihre Lippen huschen, ihre Augen wurden feucht.
Jetzt, meine Kleine, ist diese Puppe deine restauriert, erneuert, wie neu. Mach, was du willst, ich ärgere mich nicht. sagte Theresa.
Lisel nahm die Puppe fest, schaukelte leicht und drückte sie an ihre Bluse: Oma, ich werde Natasha nie wieder ärgern, sie bleibt meine liebste Puppe, ehrlich.
Natasha? Du hast sie doch Chelsea genannt, fragte Theresa überrascht.
Nein, sie heißt Natasha, Natashenka, flüsterte Liesel und küsste die Puppe auf den Kopf. Du bist wunderschön, meine Perle!
Die ganze Familie grinste einander an.
Dann lasst uns anstoßen!, rief der Schwager, sein Glas halb voll mit einem Schluck Sekt. Auf Liesel und Natasha! Auf unsere kleinen Perlen!
Und so ging der Abend weiter, mit Lachen, Geschichten und ein bisschen PapageienQuatschen. Ich dachte mir nur: Was für ein Tag, und das alles dank einer alten Puppe, die plötzlich wieder Leben eingehaucht bekam. Ich hoffe, du kannst dir das Bild richtig vorstellen! Bis bald!