Weißt du, Tanja, um so zu glänzen und im Gold zu wandeln, stehe ich jeden Tag um 5 Uhr morgens auf, melke die Kühe, gebe den Kälbern Milch, verteile das Futter und mache mich dann erst zur eigentlichen Arbeit – also gibt es hier keinen Grund zu beneiden.

Liebes Tagebuch,

heute Morgen war ich wieder um fünf Uhr wach, bevor die Hähne überhaupt krähten. Ich stand im Stall, trank schnell einen Schluck Wasser und machte mich an die Arbeit mit den Kühen: melken, die Kälber füttern und das Heu verteilen. Erst dann konnte ich mich auf den Weg zur eigentlichen Arbeit vorbereiten die Ernte, das Aufräumen im Hof und das Reparieren der alten Scheune. Es ist kein Grund, neidisch zu sein, wenn du erst einmal das Leben auf dem Land kennst. Hättest du nur gewusst, was es heißt, in einem kleinen Dorf in den Schwabenalb zu leben, würdest du es jetzt nicht mehr bestritten haben.

Ach, Anke! rief meine Kindheitsfreundin Klara, als ich ihr das goldene Armband, die schimmernden Ketten und den kleinen Ring zeigte, den ich mir zum Fest in Biberach gekauft hatte. Du lebst doch nicht mehr im Dorf, oder? Du siehst aus wie eine Prinzessin! Ich lachte nur und dachte an all die Vorurteile, die die Stadtbewohner über das Landleben haben. Jeder, der uns gesehen hat, hätte das Dorf sofort zu seinem neuen Zuhause erklärt so schön ist das Leben hier, mit glänzenden Schmuckstücken, frischer Luft und dem Duft von Heu.

Doch Anke war schon immer ein eigenwilliges Mädchen. Schon als Kind schwor sie, dass das ganze Landleben mit Feld, Kartoffeln, Kühen und Kälbern ihr nicht passen würde sie wollte etwas Besseres, etwas Glänzendes. Ich dagegen, seit meiner frühen Kindheit, wusste genau, wie das Aufstehen um fünf, das Melken und das Füttern funktioniert. Wir dachten immer, nach der Schule würde ich nie zurückkommen, ich würde in die Stadt ziehen, einen reichen Mann heiraten und nie wieder das Dorf sehen.

Jetzt, an meinem 20. Geburtstag, sitze ich hier und denke darüber nach, wie sehr sich meine Vorstellungen geändert haben. Ich habe die Schule in Göppingen abgeschlossen, keine besonders guten Noten, aber genug Ehrgeiz, um weiterzumachen. Ich entschied mich, Erzieherin zu werden ein Beruf, der nicht im Dreck versinkt, sauber ist und Respekt bringt.

Meine Mutter Ruth seufzte, als wir die beiden Ochsen verkauften, um mein erstes Studienjahr zu finanzieren. Sie hatte nie wirklich verstanden, warum ich im Dorf bleiben wollte, während meine Schwester bereits verheiratet war und ein Kind hatte. Wir hatten fast gleichzeitig Kinder im Abstand von zwei Monaten und das war für meine Mutter ein neuer Grund zum Sorgen.

Das Studium war hart, und ich musste oft nach Hause pendeln, um meiner Mutter im Stall zu helfen. Vor dem Spiegel stand ich, schminkte mich für die Dorffeste, während ich gleichzeitig überlegte, ob ich jemals zurück in die Stadt gehen würde. An einem Wochenende kam meine Schwiegermutter vorbei, um zu sehen, ob die Kühe schon gefüttert waren. Sie schimpfte, weil ich zu viel Zeit im Garten verbrachte, anstatt im Haus zu putzen, aber ich erklärte ihr, dass das Feld meine Therapie ist.

Mein Mann Michael kam nach dem Studium zurück, wir heirateten und bekamen ein kleines Mädchen, das genauso hübsch wie ich ist. Das Gehalt des Michael reichte kaum für uns drei, und er war frustriert: Wir können nicht ewig das halbe Gehalt an den Onkel in der Stadt für die Miete zahlen. Lass uns aufs Land ziehen, bis das Kind größer ist. Also packten wir das Nötigste und fuhren zurück nach meinem Elternhaus. Dort kaufte Michaels Familie ein kleines Haus, das alte Bauernhaus war noch leer, aber perfekt für uns.

Ich war anfangs skeptisch, warum ich wieder in den Stall zurückkehren sollte, doch die Unterstützung meiner Mutter und Schwiegermutter, das frische Gemüse, das immer genug war, und das Gefühl, endlich etwas zu bewegen, überzeugten mich. Der Sommer verging mit Roggen ernten, Möhren ziehen und dem Duft von frisch gemähtem Heu. Michael begann, die Kühe zu melken, weil er als ausgebildeter Landmaschinenmechaniker besser dafür geeignet war das Gehalt war zwar niedriger als in der Stadt, dafür hatte er keine Miete zu zahlen.

Vier Jahre später bekam ich endlich einen Platz im Kindergarten, als die alte Erzieherin in Rottweil in Rente ging. Jetzt bin ich Leiterin des Kindergartens, Michael arbeitet auf der Farm und wir leben zufrieden, obwohl wir nicht mehr die glänzenden Stadtlichter haben. Die Träume vom Großstadtleben sind in den Hintergrund gerückt, weil der Alltag von morgens bis abends mit Arbeit, Kinderbetreuung und Feldarbeit gefüllt ist.

Vor kurzem haben wir alte Klassenkameraden aus der Oberstufe wiedergetroffen. Alle waren überrascht, wie unterschiedlich unser Leben verlaufen ist. Klara, die einst immer nur am Handy rumhingen, lebt jetzt in einem schicken Apartment in München mit einem Unternehmer an ihrer Seite. Katharina, die nie das Dorf verlassen wollte, arbeitet noch immer auf dem Hof ihrer Eltern, hat aber jetzt ein kleines Café in der Stadt eröffnet. Und ich? Ich sitze jetzt wieder am Küchentisch, schreibe in mein Tagebuch und denke darüber nach, wie glücklich ich bin, ein Leben zu führen, das sowohl das Landleben als auch die kleinen Annehmlichkeiten der Stadt verbindet.

Ich habe gelernt, dass man nie wirklich weiß, welchen Weg man gehen wird, bis man ihn tatsächlich geht. Und manchmal ist das Schönste, was man haben kann, das alte Stück Erde unter den Füßen, das Rauschen der Bäume und das Lächeln meines Kindes.

Bis bald,
Anke.

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