Alles, was danach bleibtDie leisen Echos der vergangenen Tage hallten durch die leere Gasse, als das letzte Licht des Tages verblasste.

Liebes Tagebuch,
heute war ein kurzer, aber intensiver Tag etwa zwanzig Minuten, nicht mehr. Ich stand in der Tür der Station und versuchte zu lächeln, doch meine Lippen zitterten.

Nur nicht zu lange, flüsterte meine Mutter, Liselotte, die seitlich im Bett lag und das Bettlaken fest umklammerte. Der Arzt sagte, noch heute Abend kommt die Infusion.

Ich nickte, schleuderte die Jacke über die Schulter und trat hinaus. Draußen war es nass und windig. Der Oktober in Dresden verschont keine Passanten Regen, Sturm, Pfützen, die das gesamte Bild des deutschen Herbstes spiegeln: tiefer Himmel, schweigsame Menschen, alles scheint auf ein Ende zu warten.

Ich eilte zur Bushaltestelle, doch das Gefühl, dass ich nicht rechtzeitig ankomme, war stärker als das eigentliche Ziel. Nicht zum Bus, sondern zum Leben, zu allem, was an mir vorbeirutscht.

Vor drei Wochen hatten die Ärzte den letzten Abschnitt der Krankheit meiner Mutter angekündigt. Ich hatte damals nicht geweint. Stattdessen setzte ich mich auf die Bank vor das städtische Bestattungsinstitut aus irgendeinem Grund führte mich mein Weg dorthin und blieb bis die Dunkelheit einbrach.

Also, gehst du bald weg? fragte der Mitpatient, ein alter Mann mit dünnem Hals und Augen, in denen eine ewige Erwartung lag.
Ich warte auf meinen Sohn, antwortete Liselotte, und lächelte schwach. Er hat versprochen, heute Abend zu kommen.
Kommt er oft?
Jeden Tag. Ich frage mich nur halte ich ihn zu sehr? Er hat doch sein eigenes Leben.

Der alte Mann räusperte sich und murmelte:
Du hältst ihn nicht, er lässt dich nicht los. Solange er dich nicht loslässt, wirst du nicht gehen.

Liselotte wandte den Blick zum Fenster. Draußen peitschte der Regen. Seltsam, denn einst liebte sie das Prasseln. In ihrer Jugend war es romantisch: am Küchentisch mit einem heißen Tee sitzen und dem Trommeln der Tropfen lauschen. Jetzt war es nur noch ein Schleier, der die Sicht versperrte.

Ich schlenderte durch den alten Stadtpark, wo ich als Kind mit meiner Mutter Schlitten fuhr. Bei der dritten Birke vom Eingang erinnerte ich mich an ihre Worte:
Weißt du, Sohn, egal was du tust, das Wichtigste ist, dass jemand nach dir lächelt. Auch nur einer.

Damals verstand ich das nicht. Heute sehe ich es klarer denn je.

Mein Handy vibrierte: Mama: Mach dir keine Eile, ich halte durch. Ich lächelte reflexartig sie schrieb in letzter Zeit oft mach dir keine Eile, wohl damit ich mich nicht zu sehr sorgte.

Die Station wurde still. Der alte Mann schlief, die Krankenschwester war gegangen. Liselotte lag da, starrte an die Decke und plötzlich hörte sie Musik. Aus einem fernen Flur ertönte das alte Lied der Kreis Herbstregen. Ein Lächeln spielte um ihre Lippen.
Herrgott, selbst hier, dachte sie und schloss die Augen.

Ein leiser Satz kam aus der Dunkelheit:
Fürchte dich nicht, flüsterte eine Stimme, es ist alles, wie es sein soll.
Sie öffnete die Augen nicht, seufzte nur und murmelte:
Nur dass er nicht weint.

Ich kehrte nach vierzig Minuten zurück. Die Ärzte hatten die Station bereits verlassen, die Krankenschwester stand an der Tür, die Augen gerötet. Ohne ein Wort begriff ich, was zu tun war.

Darf ich? fragte ich leise.
Ja, nickte sie, nur für kurze Zeit.

Ich setzte mich neben sie. Meine Mutter lag ruhig da, fast lächelnd. Auf dem Nachttisch vibrierte das Handy eine nicht gesendete Nachricht:
Johann, erwarte kein Wunder. Sei selbst das.

Ich starrte auf den Bildschirm, bis der Blick schmerzte. Dann bemerkte ich am Fenster, wo die Regentropfen feine Linien bildeten, ein kleines Herz, als hätte jemand von innen mit dem Finger gezeichnet. Zum ersten Mal seit Tagen lächelte ich.

Ein Jahr ist vergangen. Ich stehe jetzt vor dem Eingang der Kinderonkologie, einen Thermoskanne Kaffee in der Hand und einen Korb voller Äpfel und Birnen.

Sind Sie Freiwilliger? fragte die Türsteherin.
Ja, antwortete ich und lächelte, ich möchte, dass jemand lächelt.

Plötzlich sprintte ein kahlköpfiger Junge den Flur entlang und rief: Onkel, schau, ich werde wieder gesund!

In diesem Moment erkannte ich: Wunder geschehen oft durch uns selbst.

**Lehre:** Das wahre Wunder ist nicht, das Schicksal zu ändern, sondern selbst die Quelle des Lächelns zu sein.

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