Alles, was danach bleibtAls die letzten Funken des Feuers erloschen waren, blieb nur das leise Flüstern des Windes, das die vergessenen Geheimnisse der alten Burg erzählte.

Mama, ich bin gleich da. Nicht mehr als zwanzig Minuten stand Jürgen in der Tür des Krankenzimmers und versuchte zu lächeln, doch seine Lippen zitterten.

Nicht zu lange, lag Gretel seitlich, vergrub sich in die Decke, der Arzt meinte, am Abend kommt die Infusion.

Er nickte, warf die Jacke über die Schulter und trat hinaus. Draußen war es nass und windig. Der Oktober in Köln verschonte keine Fußgänger Regen, Sturm, Pfützen, die das ganze Wesen des deutschen Herbstes widerspiegeln: tiefer Himmel, schweigsame Menschen, alles scheint auf ein Ende zu warten.

Jürgen eilte zur Bushaltestelle und hatte das Gefühl, er verpasst nicht nur den Bus, sondern das ganze Leben, das an ihm vorbeizog.

Vor drei Wochen hatten die Ärzte gesagt, bei seiner Mutter sei das letzte Stadium. Dann weinte er nicht. Stattdessen setzte er sich auf die Bank vor das städtische Gerichtsgebäude aus einem unerklärlichen Grund führte ihn sein Weg dorthin und blieb bis zur Dämmerung sitzen.

Na, willst du bald abreisen? fragte der Mitbewohner, ein älterer Herr mit schmaler Halsschlagader und Augen voller stiller Erwartung.

Ich warte auf meinen Sohn, lächelte Gretel, er hat gesagt, er kommt heute Abend.

Kommt er oft? hakte er nach.

Jeden Tag. Ich frage mich nur halte ich ihn zu lange fest? Er hat doch sein eigenes Leben.

Der alte Mann hustete und murmelte leise:
Nicht du hältst ihn, er lässt dich nicht los. Solange er dich nicht loslässt, gehst du nicht weiter.

Gretel wandte den Blick zum Fenster. Dort, hinter dem Glas, peitschte der Regen. Seltsam, denn einst liebte sie den Regen. In ihrer Jugend war er romantisch: in der Küche sitzen, heißen Tee trinken und dem Trommeln der Tropfen auf das Fenstersims lauschen. Jetzt war er nur noch ein störender Vorhang.

Jürgen schlenderte in den alten Gemeindepark, wo er als Kind mit seiner Mutter Schlitten gefahren war. Dort, bei der dritten Birke vom Eingang, hatte sie ihm einst gesagt:
Weißt du, Sohn, egal was du machst, das Wichtigste ist, dass nach dir jemand lächelt. Auch nur eine Person.

Damals verstand er es nicht. Jetzt verstand er es umso besser.

Sein Handy vibrierte: Mama: Keine Eile, ich bin ok. Er lächelte reflexartig sie schrieb in letzter Zeit oft keine Eile. Vielleicht, damit er sich nicht zu sehr sorgte.

Im Zimmer wurde es still. Der alte Mann schlief, die Krankenschwester hatte das Zimmer verlassen. Gretel lag da, starrte an die Decke und plötzlich hörte sie Musik. Aus einem fernen Flur erklang das alte Lied einer bekannten Band: Herbstregen.

Sie lächelte. Ach du meine Güte, jetzt auch noch dachte sie und schloss die Augen.

Und plötzlich jemand setzte sich neben sie. Leise, wie ein Windhauch.
Keine Angst, flüsterte die Stimme, alles ist schon vorbei.
Sie öffnete die Augen nicht. Nur ein Seufzer und ein leises Murmeln:
Nur dass er nicht weint.

Jürgen kam nach vierzig Minuten zurück. Die Ärzte hatten das Zimmer bereits verlassen, die Krankenschwester stand zitternd an der Tür. Er verstand ohne Worte.

Darf ich? fragte er leise.
Ja, nickte die Schwester, nur kurz.

Er setzte sich dazu. Die Mutter lag ruhig da, fast bereits zu lächeln. Auf dem Nachttisch stand das Handy, der Bildschirm flackerte eine nicht gesendete Nachricht:
Jürgen, erwarte kein Wunder. Sei selbst das Wunder.

Er starrte den Bildschirm an, bis es schmerzte. Dann bemerkte er: Auf dem Fenster, wo die Regentropfen zu feinen Linien wurden, entstand ein kleines Herz als hätte jemand von innen mit dem Finger gemalt.

Er lächelte zum ersten Mal seit vielen Tagen.

Ein Jahr später.
Jürgen stand am Eingang der Kinderonkologie mit einem Thermoskanne Kaffee und einem Korb voller Obst.
Sind Sie Freiwilliger? fragte die Türfrau.
Ja, antwortete er mit einem Lächeln. Ich möchte einfach, dass jemand lächelt.

Und als ein kahler Junge im Flur zu ihm hinrannte und rief: Opa, schau mal, ich werde wieder gesund!, verstand Jürgen plötzlich: Wunder geschehen nur manchmal kommen sie durch uns.

Manchmal sind wir selbst das Wunder.

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