Ich bin jetzt siebzig geworden, habe drei Kinder großgezogen. Meine Frau, die Marie, ist vor dreißig Jahren verstorben, und ich habe nie wieder geheiratet. Man könnte unzählige Gründe anführen kein Glück, kein passender Mensch, kein Wille doch das würde nichts ändern, weil die Zeit nie ausreichte.
Meine beiden Söhne, Felix und Max, waren von Natur aus Streithähne. In der Schule gab es ständig Zoff und Prügeleien; ich schickte sie von einem Gymnasium zum nächsten, bis wir endlich einen hervorragenden Physiklehrer fanden, der das verborgene Talent der Jungen erkannte. Sobald das geschehen war, legten die Kämpfe, die Skandale und die Sorgen plötzlich ein Ende.
Meine Tochter Heike hatte ein anderes Problem: Sie konnte sich kaum mit Gleichaltrigen verständigen. Der Schulpsychologe schlug bereits vor, sie zu einem Psychiater zu schicken. Doch dann kam ein neuer Literaturlehrer an die Schule, gründete einen Schreibzirkel für Anfänger, und Heike begann, von morgens bis abends zu schreiben. Ihre Geschichten erschienen zuerst in der Schülerzeitung, später in allen örtlichen Literaturclubs.
Kurz darauf erhielten die beiden Jungs ein Stipendium für die Technische Universität München im Fachbereich PhysikMathematik, und Heike wurde an die Universität der Künste Berlin für Literatur zugelassen. Ich blieb allein zurück und merkte plötzlich, wie still um mich herum war fast wie ein Wolf, der heult.
Ich wandte mich dem Angeln, dem Gartenbau und der Schweinezucht zu. Zum Glück hatten wir ein großes Grundstück am Rhein, das sich gut dafür eignete. Das Einkommen war ordentlich, doch ein Ingenieur im Werk verdiente viel weniger. So konnte ich endlich meinen Kindern etwas zurückgeben: ein günstiges Auto, ein bisschen Taschengeld und anständige Kleidung. Der Aufwand war groß, doch er gefiel mir. Zehn weitere Jahre vergingen, und mein siebzigster Geburtstag rückte immer näher. Ich wollte ihn allein begehen.
Die Söhne waren inzwischen verheiratet und arbeiteten an einem streng geheimen Projekt für das Bundesverteidigungsministerium ein Wochenende zu Hause war unmöglich. Heike reiste ständig zu SchriftstellerSymposien. Deshalb dachte ich, sie würden sich nicht mit einer Einladung belästigt fühlen.
Einfach allein, dachte ich. Nichts zu feiern, nichts zu begehen. Ich gehe durch den Hof und setze mich am Abend mit einem Glas Whisky hin, denke an Marie und erzähle ihr, wie meine Kinder geworden sind
Am Morgen des Geburtstags stand ich früh auf, um die Schweine zu füttern ein besonderes Aufzuchtprogramm. Draußen, noch im dämmrigen Licht, trat ich auf die vom Mond noch erleuchtete Lichtung hinter dem Haus und stieß dort auf etwas Seltsames: ein langgestreckter Gegenstand, in einen braunen Planenstoff gehüllt.
Was zum?, rief ich verwundert. Plötzlich zuckten Scheinwerfer an, beleuchteten die Lichtung und die Gestalten, die aus dem Haus kamen. Es waren meine Söhne mit ihren Frauen und Enkeln, mehrere Verwandte, und Heike, die einen großen, dickrandigen Mann mit dicken Brillengläsern begleitete. Jeder hielt Luftballons, puste durch Tröten und drückte schrille Knöpfe von Druckluftballons. Sie schrien, winkten und drängten sich zu mir:
Alles Gute zum Geburtstag, Papa!
Der seltsame Gegenstand geriet völlig aus meinem Blickfeld. Ich dachte nur an die jungen Halunken, die das Etwas wohl hergebracht hatten, doch sie ließen mich nicht zurück ins Haus, während die Frauen bereits den Tisch deckten.
Halt, Papa, halt, sagte Heike, darf ich dir die Augen verbinden?
Na gut, stimmte ich zu. Sie band mir ein dickes Tuch um den Hinterkopf, drehte mich ein paar Mal und wir gingen weiter.
Was habt ihr hier wieder ausgedacht?, fragte ich.
Ein Geschenk, antwortete einer meiner Söhne.
Hoffentlich nicht zu teuer, erwiderte ich nervös. Ich brauch nichts.
Mach dir keine Sorgen, Papa, sagte ein anderer. Nur ein kleines, günstiges Präsent, als Zeichen der Wertschätzung.
Sie führten mich zu dem verpackten Gegenstand, zogen das Tuch von meinen Augen und plötzlich ertönte laute Musik aus Lautsprechern, dazu das Stampfen einer Trommel. Der braune Planenstoff wurde von den dreien gleichzeitig weggerissen. Im grellen Scheinwerferlicht stand ein glänzender MercedesBenz 300SL!
Ich war fast bewusstlos vor Schreck, stolperte beinahe, doch sie halfen mir, mich auf einen Stuhl zu setzen. Immer wieder rief ich:
Mein Gott, mein Gott
Beruhige dich, Papa, spritzte Heike mir Wasser ins Gesicht, du hast dein ganzes Leben nach diesem Auto geträumt.
Aber das ist doch unvorstellbar teuer, stammelte ich.
Nicht teurer als das Geld, sagte einer der Söhne.
Heike zog mich in den Innenraum. Dort stand jedoch nur eine Pappschachtel.
Was ist das?, fragte ich.
Öffne, sagte sie.
Ich nahm die Schachtel, öffnete sie und blickte hinein: Zwei kleine Augen sahen mich aus dem Inneren an. Ich zog ein winziges, flauschiges Wesen heraus und drückte es an mich:
Ein echter ThaiKater! Genau wie der, den wir mit deiner Mutter hatten. Erinnerst du dich, Mama? Bommka. Ihr habt ihn als Babys geliebt
Natürlich, Papa, antworteten die Kinder.
Ich setzte mich nicht ins Auto. Stattdessen ging ich nach oben in mein Zimmer, setzte den Kater auf den Tisch und hielt ein Foto von Marie in die Hände. Tränen liefen meine Wangen hinunter:
Siehst du, Marta, siehst du? Ich habe es geschafft. Sie haben nichts vergessen siehst du das?
Doch die Kinder ließen mich nicht lange allein. Der Tisch im Erdgeschoss war bereits gedeckt, und es begannen die Toasts. Heike flüsterte mir ins Ohr, dass sie im vierten Monat schwanger sei und ihr Verlobter zu Besuch käme. Sie wolle hier bleiben, weil ihr neues Buch überall geschrieben werden könne. Ihr Verlobter würde nach Neuengland reisen, um seine Eltern zu besuchen, und in ein bis zwei Wochen würden sie in der Stadtkirche heiraten.
Störst du das, Papa?, fragte sie.
Das ist ein Traum, erwiderte ich und küsste sie auf die Stirn.
Der Tag verging mit Plaudereien, Snacks, ein paar Gläsern Schnaps und vielen Erinnerungen. Am Abend besuchte ich Maries Grab und saß lange dort, sprach mit ihr.
Das Leben bekam wieder Sinn, besonders mit diesem Auto. Ich wollte neue Kleidung kaufen, einsteigen und in die große Stadt Frankfurt fahren. Auf dem Bett schlief der kleine ThaiKater.
Tomka, sagte ich und wiederholte: Tomka.
Tomka schnurrte und streckte sich ganz lang. Ich legte mich hin, streichelte seinen warmen Bauch und schlief ein.
Am nächsten Morgen musste ich früh aufstehen Schweine füttern, den Garten pflegen, angeln gehen das blieb unverändert. Im unteren Zimmer schliefen Heike und ihr Verlobter. Nachdem die Jungs mit ihren Familien weggefahren waren, kehrte wieder Stille ein. Tomka folgte mir überall hin, fiel in die Schweinefutterkrippe, verhedderte sich in den Netzen des Bootes und versuchte, das Angelköder zu fressen. Ich lachte und sprach zu dem kleinen Lausbuben:
Als wärs die Jugend wieder zurückgekehrt, sagte ich und streichelte seinen Rücken.
Tomka miaute, kratzte mit den Pfoten meine Hand und biss leicht.
Du Halunke!, rief ich und lachte laut.
Diese Geschichte bedeutet nichts Besonderes. Sie ist ein Hinweis an alle, die noch zu ihren Eltern fahren können: Wartet nicht auf morgen. Fahrt jetzt sofort!