Wir kommen euch besuchen – Nur für zwei Tage, ganz spontan!

Liebes Tagebuch, heute muss ich mir mal etwas von der Seele schreiben.

Hannah, wir kommen dich besuchen! Nur für zwei Tage die Tickets haben wir schon gekauft!, hörte ich plötzlich eine Frau am Telefon sagen. Die Stimme klang vertraut und doch fremd ich konnte beim besten Willen nicht zuordnen, wer da am anderen Ende der Leitung war und was sie von mir wollte. Am meisten irritierte mich, dass sie meinen Namen kannte.

Wer sind Sie? Um welchen Besuch geht es denn?, fragte ich etwas überrumpelt.

Ach, Hannahchen! Ich bins doch deine Tante Gertrud!, antwortete sie kichernd.

Tante Gertrud? Ich strengte mein Gedächtnis an, aber mir fiel beim besten Willen niemand aus der Familie mit diesem Namen ein. Trotzdem fragte ich sicherheitshalber weiter:

Und was möchten Sie genau?

Na, wir schauen mal bei dir vorbei! Du wohnst doch jetzt am Bodensee? Wir bleiben wirklich nur kurz, aber mein Sohn Johann braucht dringend frische Seeluft das haben die Ärzte gesagt, erklärte sie. Laut ihrer Version sollte der kleine Johann Luftveränderung bekommen. Sie versprach, auf alles Rücksicht zu nehmen, aufzuräumen und zu helfen, wo sie könne. Wider besseren Wissens sagte ich schließlich etwas widerwillig zu immerhin ging es ja angeblich um das Kind.

Danke, Hannahchen! Dann bis Freitag, ja? Sie legte schnell auf.

Ich blickte meinen zwölfjährigen Sohn Lukas an, der neugierig zu mir ins Wohnzimmer schaute.

Und, Mama? Kommt wieder jemand zu Besuch?

Anscheinend eine ‘Tante Gertrud, zuckte ich die Schultern.

Ruf Oma an, vielleicht weiß sie, wer das ist!, schlug Lukas vor, der auch keine Lust auf überraschende Gäste hatte aus Erfahrung.

Nachdem ich in den letzten Jahren immer öfter Besuch abgelehnt hatte, weil die Gäste nie halfen, aber Ansprüche hatten, wollte ich diesmal nicht ganz so hart sein wegen des angeblich kranken Johann. Zumal die beiden ja wirklich nur auf der Durchreise sein wollten.

… Nach meiner Scheidung habe ich vor drei Jahren ein kleines Haus am Bodensee gekauft – die beste Entscheidung damals für Lukas und mich. Und auf einmal tauchten lauter, mir vorher unbekannte, Verwandte auf. Anfangs fand ich es schön, verwandtschaftlichen Anschluss zu haben, doch schnell merkte ich, dass viele nur auf Urlaub auf meine Kosten aus waren. Kaum einer half mit, oft wurde sogar erwartet, dass ich wie in einer Pension für alles sorge. Einige waren okay und packten mit an die sah ich gerne wieder. Aber leider waren die in der Minderheit.

Ich nahm also den Hörer und rief meine Mutter in Stuttgart an, die noch immer dort lebt, aber uns ab und zu am Bodensee besucht.

Hallo Hannah, wie gehts euch denn?

Wir schwatzen ein bisschen über den Alltag, dann fragte ich sie nach dieser ominösen Tante Gertrud und ihrem Sohn.

Sagt mir gar nichts, meinte meine Mutter. Vielleicht kennst du sie über Papas Familie? Ich kann mal nachfragen, aber ich glaube, er kennt sie auch nicht.

Also blieb nichts anderes übrig als abzuwarten, wen oder was ich da ins Haus geholt hatte.

Zwei Tage später kamen sie: Tante Gertrud eine recht korpulente Dame mit listigen Augen und Johann, der bei näherem Hinsehen alles andere als ein kleiner Junge war. Ein ausgewachsener Teenager von fünfzehn Jahren. Erst später erfuhr ich, dass von ärztlichen Em­pfehlungen keine Rede war Gertrud wollte bloß gratis Urlaub machen. Na schön, Überraschung gelungen!

Ihr Begrüßungssatz war: Warum habt ihr uns denn nicht am Bahnhof abgeholt? dabei hatte nicht mal mein Vater eine Erinnerung an diese Frau.

Mama muss sowas auch gar nicht machen, murmelte Lukas schroff an meiner Seite.

Gertrud tat so, als hätte sie ihn nicht gehört, schaute ihn aber strafend an.

Hannah, wohin mit unserem Gepäck? Wo schlafen wir denn?

Ihr bekommt ein Zimmer mehr Platz habe ich nicht, erwiderte ich etwas gereizt.

Ach? Uns wurde erzählt, ihr hättet ein großes Haus mit Seeblick!

Keine Ahnung, wer das behauptet hat. Wenn euch das hier nicht passt, steht euch ein Hotel frei. Ich will keinen Ärger. Ich wollte es von Anfang an klarstellen.

Gertrud lächelte plötzlich unterwürfig. Aber Hannahchen, wir sind doch Familie! Ich war nur etwas erschöpft von der Reise. Komm, lass uns reingehen, meine Liebe.

Sie marschierte als Erste ins Haus, Johann schleppte ihre Taschen hinterher, und Lukas schaute mich warnend an.

Mama, das gibt Ärger. Warte ab!

Nur zwei Tage, redete ich mir selbst Mut zu.

Der Rest des Tages verlief halbwegs ruhig. Gertrud und Johann murrten kurz übers gemeinsame Zimmer, gingen aber recht früh schlafen. Ich hatte zwar noch zwei unrenovierte Zimmer, die ich nicht vergeben konnte, und das Wohnzimmer zum Schlafen lehnten sie ab. Ihr Problem, dachte ich und ging selbst ins Bett.

Am frühen nächsten Morgen weckte mich lautes Gepolter. Verschlafen sah ich auf die Uhr sechs! Ich bin nun mal eine Nachteule, morgens liebe ich meine Ruhe. Lukas weiß das und schleicht immer still durchs Haus, damit er niemanden stört.

Ich trottete gähnend ins Wohnzimmer.

Was geht denn hier vor?, murmelte ich.

Gertrud stand mitten im Chaos und wühlte nach Badesachen. Ich finde meinen Badeanzug nicht! Bestimmt vergessen

Wäre das nicht in eurem Zimmer leiser gegangen?

Da ist doch kein Platz. Ich war doch ganz leise!, verteidigte sie sich.

Der Lärm draußen kam übrigens daher, dass Johann auf einen Eimer trommelte offenbar wartete er auf seine Mutter.

Kannst du bitte dafür sorgen, dass er aufhört? Ich will keinen Ärger mit den Nachbarn!

Widerwillig schrie sie ihn an, schließlich trollte er sich auf die Bank im Schatten.

An Schlaf war nicht mehr zu denken. Ich stellte Kaffeewasser auf und versuchte, meine Stimmung wieder zu heben.

Was gibts denn zum Frühstück, Hannah? Mir bitte einen großen Kaffee mit viel Milch! Und drei Löffel Zucker, bestellte Gertrud, als wäre sie die Chefin.

Mir reichte es. Gertrud, ich hab Sie ins Haus eingeladen erst Ärger machen, jetzt Ansprüche stellen?

Nun, so früh ist es doch gar nicht mehr, konterte sie schnippisch. Und übrigens heiße ich Gertrud Maria. Und jetzt?

Hier gilt Selbstbedienung.

Ich trank meinen Kaffee und versuchte, runterzukommen, während Lukas mir tröstend die Schulter tätschelte.

Siehst du, Mama, ich habs dir gleich gesagt. Die sind dreist.

Ich seufzte. Nur noch ein Tag. Wir überstehen das.

Der hat aber jetzt erst angefangen! Die haben sogar mich geweckt.

Gertrud kam wieder herein. Wo ist mein Kaffee?

Soll Mama Ihnen noch das Frühstück machen?, giftete Lukas.

Hannahchen, hast du deinen Sohn denn gar nicht erzogen? Kinder sollten schweigen, wenn Erwachsene sprechen!

Mischen Sie sich nicht in meine Erziehung ein!, fauchte ich, sonst bin ich wirklich ein friedlicher Mensch.

Johann verdrehte die Augen: Ich bin kein Kind mehr

Gertrud machte sich ihren Kaffee, als wäre nichts gewesen, dann wandte sie sich freundlich zu mir. Zeigst du uns den Weg zum See?

Geht einfach die Straße runter und dann rechts. Ihr findets schon.

Sie bestand darauf, dass ich sie begleite, ich weigerte mich jedoch höflich Lukas und ich wollten nicht mit.

Und was gibts zu Mittag?, fragte sie mit Hundeblick.

Ich erklärte ihr, dass Lukas und ich selbst kochen, Gäste aber im Café um die Ecke essen können.

Könntest du nicht doch kochen? Ich mag keine Restaurants!, quengelte sie.

Für einen angemessenen Preis, gerne. Ich kann nicht einfach für alle sorgen.

Gertrud schnaufte. Ach, dann gehen wir halt ins Café. Ist bestimmt leckerer!

Lukas grinste, sagte aber nichts mehr. Die nächsten zwei Tage waren ein ständiges Hin und Her zwischen kleinen Streitereien und Missverständnissen. Am zweiten Tag erfuhr ich, dass Gertrud keineswegs wie angekündigt abreisen wollte.

Hannahchen, du bist doch nicht so gemein, uns rauszuwerfen? Wir haben eine Woche Urlaub! Wir bleiben noch bei dir. Ihre Stimme triefte vor falscher Freundlichkeit.

Mir reichte es. Zwei Tage mit ihnen hatten mir wahrlich gereicht sie waren anstrengend, Gertrud hinterhältig, Johann zu laut, die Nachbarn beschwerten sich schon.

Doch, es reicht mir. In meinem Haus habe ich auch Freunde eingeladen, also packt bitte morgen eure Sachen. Abgemacht waren zwei Tage, und die sind vorbei.

Gertrud war empört. So kann man doch keine Familie behandeln! Wohin sollen wir denn jetzt?

Ich kenne euch gar nicht richtig. Wenn Sie nicht gehen, rufe ich die Polizei, antwortete ich ruhig.

Am nächsten Morgen verschwanden Gertrud und Johann schimpfend. Lukas und ich waren erleichtert. Nach dieser Erfahrung habe ich beschlossen: So leicht lasse ich niemanden mehr ins Haus nicht mal für zwei Tage!

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