Liebes Tagebuch,
heute war ein Tag, der mich bis in die Knochen erschüttert hat. Am frühen Abend klopfte plötzlich ein Anruf an: Mama, Papa, hallo, ihr habt uns gebeten vorbeizukommen was ist los? sagte Marlies, meine Tochter, zusammen mit ihrem Mann Tobias, als sie überraschend in unser Wohnzimmer in Berlin stürmten. Der Grund dafür liegt zwar schon seit Wochen, doch erst jetzt wurde er uns allen bewusst.
Meine Frau Irma, die seit Monaten mit einer schweren Krebserkrankung im zweiten Stadium kämpft, hat gerade die Chemotherapie und die Strahlentherapie hinter sich gelassen. Der Tumor ist zurückgegangen, das Haar wächst langsam nach, doch das Krankheitsbild hat sich wieder zugespitzt und ihr Zustand verschlechtert sich erneut.
Marlies, Tobias, kommt doch herein, flüsterte Irma, blass und zierlich wie ein junges Fräulein.
Kinder, setzt euch. Wir haben ein ungewöhnliches Anliegen, hört bitte zu, sagte mein Mann Bruno, ein wenig verunsichert.
Marlies und Tobias nahmen Platz auf dem Sofa, fixierten uns mit erwartungsvollen Blicken. Irma seufzte, wandte sich zu meinem Bruder Boris, als suche sie dort Halt.
Marlies, Tobias, ihr werdet überrascht sein, doch ich habe ein ganz besonderes Bitten. Wir bitten euch, einen Jungen zu adoptieren. Wir können selbst keine Kinder mehr bekommen, aus gesundheitlichen Gründen und weil die Ärzte es nicht mehr empfehlen.
Stille breitete sich aus. Zuerst ergriff meine Tochter das Wort:
Mama, ich glaube, du bist ganz überrascht, doch Tobias und ich haben lange darüber nachgedacht und es noch nie gewagt, es zu sagen. Wir möchten einen Sohn, und wir haben bereits zwei Töchter deine und Brunos Enkelinnen, Maja und Thea.
Wir wissen, dass das dritte Kind nicht zwangsläufig ein Junge sein muss, doch die Gesundheit meiner Frau hat sich stark verschlechtert. Der Arzt hat ihr nach einem Kaiserschnitt geraten, weitere Schwangerschaften seien zu riskant. Deshalb dachten wir, ein Kind aus dem Kinderheim zu holen, könnte die Lücke füllen.
Irma fuhr fort, während sie leicht an den wenigen noch wachsenden Haaren zupfte: Ich fühle mich wieder schlechter. Dann kam meine alte Kollegin, Tante Nadja, aus ihrer früheren Arbeit vorbei. Erinnerst du dich an sie? Früher trug sie ein Muttermal über dem Auge, das fast das gesamte Auge verdeckte. Man wollte es entfernen, weil es sich verändern könnte. Jetzt ist das Muttermal verschwunden, ihr Auge sieht wieder normal aus.
Nadja fuhr fort: Ich war bei Oma Zita im Allgäu, sie hat mich zu sich gerufen. Sie hilft Menschen aus vielen Städten, ist immer zur Stelle. Ich dachte, warum nicht, und wir fuhren zusammen zu ihr.
Irma erzählte weiter, dass Oma Zita ihr plötzlich die Frage stellte: Hast du einen Sohn? Sie war erstaunt, denn niemand außer uns wusste von einer Fehlgeburt, die Irma im späten Schwangerschaftsstadium erlebt hatte. Ein Sohn, den wir nie bekommen konnten, war gestorben.
Und was nun?, fragte Marlies mit großen Augen.
Irma antwortete: Oma Zita sagte, wir sollen einen Jungen adoptieren. Das brachte Tränen in meine Augen, als hätte ich etwas versagt, den Erstgeborenen zu retten. Doch ich will einem anderen Kind Wärme und Liebe schenken, um das Gleichgewicht wiederherzustellen.
Ich hörte in mich hinein und erkannte, dass ich das wirklich wollte. Bruno und ich könnten einem Kind alles geben, was es braucht Wärme, Geborgenheit, ein Zuhause. Nicht nur, um uns selbst zu heilen, sondern weil wir einem kleinen Menschen ein Leben ohne Waisenhaus ermöglichen wollen.
Marlies ließ Tränen fließen: Ich verstehe dich, Mama, und unterstütze dich voll und ganz. Lass uns das tun!
Wir hatten bereits im Vorfeld mit dem Leiter des Kinderheims in Frankfurt gesprochen und wollten einen Jungen adoptieren. Irma und Bruno fuhren ebenfalls dorthin. In dem Spielzimmer saßen Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren auf einem bunten Teppich und spielten.
Marlies zeigte leise auf einen kleinen, rothaarigen Jungen, der eifrig einen Turm aus Bauklötzen baute: Schau, Mama, der erinnert mich an dich, er ist so konzentriert, dass er sogar die Zunge herausstreckt.
Plötzlich hörten wir ein undeutliches Flüstern aus einer Ecke. Ein etwas älterer Junge mit traurigen Augen kam hervor und murmelte kaum hörbar.
Entschuldige, kannst du das bitte etwas lauter sagen?, bat Irma.
Der Junge trat näher und wiederholte: Tante, bitte nehmt mich. Ich verspreche, ihr werdet es nie bereuen.
Wir erledigten die Formalitäten schnell, und so wurde Niklas unser Adoptivsohn. Maja und Thea waren überglücklich, einen kleinen Bruder zu bekommen. Niklas gewöhnte sich rasch, nannte Marlies und Tobias Mama und Papa, besuchte oft Oma Irma und Opa Boris, die nicht weit entfernt in einem Vorort von München wohnten, sodass er die Schule zu Fuß erreichen konnte.
Er nannte Irma liebevoll Mama Iri, was mich ein wenig schmunzeln ließ. Für mich wirkte er wie ihr verlorener Sohn, der einst nicht überlebte.
Trotz all dessen verschlechterte sich Irmas Gesundheitszustand weiter. Die Ärzte bestanden auf einer erneuten Therapie, doch die Behandlung half kaum. Niklas sah ihr in die Augen, strich über ihr kurzes Haar und fragte: Mama Iri, warum bist du krank? Ich will, dass du wieder gesund wirst!
Irma lächelte schwach: Ich weiß es nicht, mein Kleiner, aber ich werde kämpfen, versprochen.
Boris sprach mit dem Chefarzt, der eine Operation empfahl.
Wie stehen die Chancen?, fragte Boris.
Der Arzt antwortete unverblümt: Fünfzig zu fünfzig. Wir geben alles, damit sie überlebt.
Am Tag der Operation war die Anspannung groß. Marlies rang ständig den Vater an. Ich hatte mit dem Arzt vereinbart, dass er mich sofort informieren würde, sobald Klarheit besteht. Boris fühlte sich wie auf Nadeln er wusste nicht, wo Niklas war. Schließlich fand er den Jungen schlafend in unserem Schlafzimmer neben Irmas Nachthemd.
Niklas flüsterte leise: Mama Iri, geh nicht, ich will dich nicht verlieren. Bleib bei mir, bitte!
Das Telefon klingelte, und sowohl Boris als auch Niklas zuckten zusammen. Der Arzt sprach mit müder Stimme: Herr Dr. Müller, die Operation war schwierig, aber sie ist gut verlaufen. Ihre Frau hat sie überstanden.
Erleichtert atmete ich tief durch, als ob ein schwerer Stein vom Herzen gefallen wäre.
Boris umarmte Niklas und rief: Du hast es verstanden, alles ist gut, Mama Iri lebt! Wie schön, dass du bei uns bist, kleiner Mann.
Ich dachte an all das, was wir durchgemacht haben, und fragte mich, warum das Schicksal uns gerade jetzt so ein kleines Wunder schenkte. Am Ende habe ich gelernt, dass Liebe kein Alter kennt, dass das Geben von Geborgenheit mehr heilt als jede Medizin und dass das Herz immer einen Weg findet, wenn man es zulässt.
Persönliche Lektion: Wer Mut hat, auch in dunklen Zeiten zu geben, findet am Ende das Licht, das er selbst gesucht hat.