– Wegen dieser Liebe hast du das Institut verlassen!

**7.Mai2026 Tagebuch von Viktor Müller**

Heute erinnere ich mich an den Tag, an dem mein Vater mich aus der Technischen Hochschule Köln schickte nicht zum Studium, sondern zum Wehrdienst. Du hast das Institut wegen deiner Liebe verlassen! Wir wollten, dass du studierst, nicht heiratest!, schimpfte er, während er sich über die Vorstellung beklagte, ein Bauernmädchen in die Familie aufzunehmen. Die hitzige Jugendliebe meines Sohnes sollte durch eine Trennung erstickt werden; auf Vaters Bitte hin zog ich also in die Bundeswehr.

Liselotte Becker, die ich damals während des ersten Semesters in meiner WG kennengelernt hatte, kümmerte das Haus. Sie zog neue Tapeten auf, ersetzte die Vorhänge an allen Fenstern und räumte die hohen Hohlböden auf. Liselotte liebte Ordnung; nur so fühlte sie sich innerlich ruhig.

Eines Tages fand sie im hintersten Eck des Dachbodens eine Kiste voller meiner Briefe. Wie lange habe ich das nicht mehr geöffnet!, flüsterte sie und vergaß für einen Moment das Aufräumen. Sie las einen Brief nach dem anderen, dann den zweiten, dann den dritten

Ich und Liselotte hatten uns an der Technischen Hochschule Köln kennengelernt. Ich kam aus der Stadt, sie aus einem kleinen Dorf im Emsland. Sie zog mich sofort an mit ihrem langen schwarzen Haar, den funkelnden blauen Augen und ihrer schlanken Gestalt.

Unsere Beziehung entwickelte sich schnell. Für die schüchterne Liselotte war ich ein Wirbelsturm. Tag für Tag erfand ich neue Wege, ihr Herz zu gewinnen: Ich ließ Rosen vor die Tür ihres Wohnheims fallen, klopfte nachts an das Fenster, um ihr Gute Nacht zu wünschen. Ihr Zimmer lag im Erdgeschoss, sodass ich jederzeit unbemerkt hineinschlüpfen konnte.

Die lauten Studentenpartys im Keller, Spaziergänge entlang des Rheins und leidenschaftliche Küsse prägten unser erstes Studienjahr. Wir waren unzertrennlich.

Doch ich ließ das Studium schleifen. Vom ersten Tag an hatte ich wenig Lust, mich mit dem harten Stoff zu befassen meine Liebe zu Liselotte ging mir durch den Kopf. Schließlich wurde ich von der Hochschule exmatrikuliert. Das machte mich nicht traurig.

Ich nehme einen Job in der Stahlfabrik an, mache später ein Fernstudium und kann dich heiraten, meine Freude, erklärte ich Liselotte. Ich meldete mich bei meiner Familie, dass ich heiraten wolle. Ihre Eltern wussten nur ein wenig von uns; Liselotte kam ein paar Mal zu uns nach Hause.

Mein Vater hatte jedoch andere Pläne. Er und meine Mutter wollten, dass ich die Tochter ihrer langjährigen Freunde, Sabine Hoffmann, heirate. Weder ich noch Sabine wollten diesen Vertrag erfüllen. Ich glaubte, ich könnte meine Eltern überzeugen, indem ich meine Liebe zu Liselotte erkläre: Sie verstehen ja, dass ich ohne sie nicht leben kann!

Doch meine Hoffnung zerbrach. Mein Vater schüttelte den Kopf und wiederholte: Du hast das Institut wegen deiner Liebe verlassen! Wir wollten, dass du studierst, nicht heiratest! Die Beziehung zu Liselotte sollte durch meine Einberufung beendet werden. So ging ich in den Bundeswehrdienst.

Liselotte litt sehr. Nur meine Briefe gaben ihr Kraft und Trost. Sie las die zärtlichen, leidenschaftlichen Zeilen, die ich ihr schrieb. Doch plötzlich nach einem, zwei, sechs Monaten kam kein einziger Brief mehr. Liselotte suchte verzweifelt nach einem Grund.

So etwas passiert. Gefühle kühlen in der Ferne. Es war keine wahre Liebe, nur ein Schwarm, beruhigte sie unser Kommilitone Sascha Schneider. Sascha war unser gemeinsamer Freund; er hatte mich bereits früher gebeten, Liselotte nicht mehr zu schreiben, denn er und sie wollten heiraten. Ich wusste nichts davon. Sascha liebte Liselotte seit langem und sah meine Trennung als Chance, ihr näher zu kommen. Seine Fürsorge war ehrlich.

Liselotte gab schließlich nach, stürzte sich in ihr Studium und akzeptierte Saschas Heiratsantrag. Sie legte meine Briefe in eine Kiste und verstaute sie tief im Schrank. So begann ihr neues Leben.

Währenddessen meldeten meine Eltern stolz an: Liselotte hat Sascha geheiratet. Die Jahre vergingen. Wir lebten in derselben Stadt Köln doch unsere Wege kreuzten sich nie mehr. Gerüchte erreichten Liselotte: Ich hätte geheiratet, nicht mit Sabine, sondern mit einer anderen Frau, und wir hätten einen Sohn, Karl, bekommen. Das ruhige Leben von Liselotte war jedoch nicht glücklich. Mit Sascha bekam sie zwei Töchter, Marie und Anna. Arbeit und Kinder wurden ihr ganzer Sinn; Zeit für eigene Gefühle blieb kaum.

Jahre zogen ins Land, bis nach 35Jahren die Ehe von Liselotte zerbrach. Ohne Liebe hielt sie die Beziehung nicht mehr aus; ihr Mann hatte eine Geliebte. Die Töchter zogen aus, führten eigene Familien, und das Band zwischen den beiden zerfiel. Nach der Scheidung gestand ihr Ex-Mann mir, dass er die Trennung mit mir arrangiert hatte, um Liselotte zu befreien.

Auch meine eigene Familie löste sich auf; ich blieb allein zurück.

Eines Tages öffnete Liselotte den letzten meiner Briefe. Tränen und ein schwaches Lächeln stiegen ihr empor. Ich muss wissen, wo Viktor jetzt ist, wie sein Leben aussieht. Ich muss ihn einfach sehen, nur einmal, flüsterte sie. Ohne zu zögern schrieb sie einen Brief an meine alte Adresse, bat um ein Treffen im Café gegenüber ihrem Haus und warf ihn sofort in den nächsten Briefkasten.

Am nächsten Morgen schimpfte sie mit sich selbst: Warum war ich so dumm? Ich jedoch, auf dem Heimweg, sah den Briefkasten, öffnete ihn und fand ihr Schreiben. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Ich las das Wort Vika und erkannte sofort die Handschrift.

Zur vereinbarten Stunde betrat ich das Café. Die Stimmung war fiebrig, doch das Lokal war leer nur ein Tisch war besetzt. Dort saß Liselotte, ihre Augen genauso wie damals, als wir uns das erste Mal begegnet waren.

Liselotte, murmelte ich fast flüsternd.

Ja, antwortete sie und drehte sich zu mir um. Ihr Blick war unverändert, voller Erinnerung.

Wir sprachen, weinten, lachten. Nachdem wir das Café verließen, gingen wir Hand in Hand hinaus, fest entschlossen, nie wieder auseinanderzugehen.

**Persönliche Lehre:**
Ich habe gelernt, dass wahre Liebe niemals verschwindet, sie schlummert nur, bis man den Mut hat, ihr erneut zu begegnen.

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