Siegerin ohne Liebe
So, Matthias, jetzt ist alles vorbei, sagte Frau Ursula Weber und stellte die Tasse mit einem kleinen, bedeutungsschwangeren Klirren auf die Untertasse. Jetzt kann das Leben weitergehen.
Mama, du redest, als hättest du ein Schachturnier gewonnen.
Ist es nicht so?
Mein Sohn schaute hinaus zum Fenster. Draußen war März, nass und grau wie ein alter Waschlappen. Ich folgte seinem Blick. Da war nichts Interessantes.
Matthias, ich frage dich: Ist es nicht so?
Mama, sie ist doch einfach gegangen. Mit einem Koffer. Was gibt es da zu feiern.
Genau das. Dass sie gegangen ist. Mit nur einem Koffer. Sie kam mit leeren Händen, sie geht mit leeren Händen. Das ist gerecht.
Er drehte sich endlich zu mir um. Darin erwartete ich Wut, Groll oder wenigstens Erschöpfung zu sehen. Aber da war etwas anderes, etwas, das ich lieber nicht zu genau ansah.
Anna hat in diese Wohnung Geld gesteckt, sagte er leise. Ihr eigenes Geld.
Die Wohnung läuft auf meinen Namen. Ich habe sie dir geschenkt, nicht ihr.
Ich weiß genau, wie die Wohnung läuft.
Dann gibt es doch kein Thema mehr, oder?
Er stand auf und griff nach seiner Jacke. Ich bemerkte, dass er den Apfelkuchen nicht aufgegessen hatte, den ich extra am Morgen gebacken hatte. Der halbe Kuchen stand unberührt auf dem Tisch.
Ich geh dann, sagte er.
Wohin?
Irgendwohin.
Die Tür fiel leise ins Schloss, ohne Knall. Matthias bemühte sich immer, nicht zu laut zu sein, nie zu knallen, nie etwas zu zerbrechen. Ich sah auf den Kuchen, nahm die Gabel und aß das Stück für meinen Sohn auf. Die Äpfel waren etwas säuerlich, aber die richtige Art von Säure. Heimisch.
Ich saß in der Küche meiner Wohnung, seit siebenunddreißig Jahren mein Zuhause, und dachte: Jetzt wird alles gut.
Ich bin Ursula Weber, dreiundsechzig Jahre alt, eine eher kleine Frau mit sorgfältig zum Knoten geschlagenem grauen Haar. Meine Rente ist nach Münchner Maßstäben in Ordnung. Vierzig Jahre als Buchhalterin haben mir beigebracht, mit Geld umzugehen. Fünf Jahre früher brachte Matthias Anna mit nach Hause. Ich spürte sofort, dass das Mädchen auf die Wohnung aus war.
Anna kam aus einer kleinen Stadt in Bayern, studierte in München, arbeitete dann bei irgendeinem Planungsbüro und wohnte anfangs zur Untermiete. Unauffällig, ordentlich, mit langem Zopf, schüchternem Blick. Ich kann Menschen lesen. Ihr Ziel war die Wohnung.
Matthias aber erzählte von Liebe. Was er sagte, filterte ich durch meine Lebenserfahrung und bekam die einzig korrekten Antworten meine eigenen.
Sie lebten drei Jahre in unserer Wohnung, bis ich sie ihm als Schenkung übertrug, als er achtundzwanzig war. Das riet mir unser Anwalt, ein alter Freund der Familie bei Scheidung kann die Ehefrau nicht ran, wenns Schenkung der Mutter war. Ich dachte nicht an Scheidung, ich dachte an Vorsicht. Ich habe immer an Vorsicht gedacht.
Anna hängte neue Vorhänge auf, tauschte das Geschirr aus, kochte zwei Mal die Woche und lud mich zum Essen ein. Ich ging hin, aß, bedankte mich zurückhaltend, ging und dachte jedes Mal, dass irgendetwas nicht stimmt, aber ich konnte es nie benennen.
Später renovierte Anna die Küche mit ihrem eigenen Geld, wie sie es Matthias erklärte aber nie mir gegenüber. Ich erfuhr es erst, als alles schon fertig war. Ich kam, sah die gestreiften Tapeten, die weißen Schränkchen, und zog nur den Mund zusammen.
Frau Weber, gefällt es Ihnen nicht? fragte Anna offen. Sie hatte keine Angst vor Klartext, das mochte ich nicht.
Ach, meine Liebe, sagte ich ganz nett.
Das Wort nett kam in dem Tonfall heraus, der nett zu grauenhaft machte, und sie verstand es. Aber Anna sagte nichts, schwieg, wo ich eigentlich einen Streit erwartet hätte, um meinem Ärger ein Ventil zu geben.
Die Scheidung kam im vierten Jahr. Es gab viele Gründe, aber keinen einzigen endgültigen. Matthias entfremdete sich. Anna fragte, erklärte, bat. Er nickte und ging zum Fernseher. Er rief mich alle zwei Tage an und erzählte, wie schlimm es ist. Da wusste ich: Es ist soweit.
Ich sagte es ihm klar heraus. Ich kann Klartext reden, wenn es mir passt.
Matthias, so kann niemand leben. Weder du noch sie.
Vielleicht wird es ja besser.
Es wird nur schlimmer.
Dann der Anwalt, dann die Papiere, dann jene Szene mit dem Apfelkuchen und dem März vor dem Fenster. Anna ging mit einem Koffer. Ich sah sie aus dem Fenster klein, grau, auf Rollen. Sie stieg ins Taxi und sah sich nicht ein einziges Mal um.
An dem Tag dachte ich: jetzt ist einer unterlegen. Und mir wurde es leicht ums Herz wie nach tagelanger Krankheit, wenn endlich das Fieber sinkt.
Matthias Weber, mein Sohn, war vierunddreißig. Ingenieur in einer Baugesellschaft, verdiente ordentlich, sprach nie freiwillig über Geld. Ich war stolz auf ihn ein besonderer Stolz, voller Liebe, Besitzanspruch und irgendetwas, wofür ich kein deutsches Wort habe. Ich erzog ihn allein, seit mein Mann die Familie verließ, als Matthias acht war. Seitdem waren wir zu zweit, das kam mir richtig vor.
Mit neunzehn erkannte ich, dass Matthias gut allein sein konnte im falschen Sinn. Er kämpfte nie für sich, verlangte oder ärgerte sich nicht lautstark. Er stimmte immer zu oder schwieg. Ich redete mir ein, das sei Erziehung und wunderte mich nicht mehr.
Nach der Scheidung lebte er einen Monat allein. Dann rief er und erzählte, er habe jemanden kennengelernt: Sabine.
Wo habt ihr euch kennengelernt?
Auf der Arbeit.
Was für eine Sabine?
Eine gute Frau. Kommst du sie kennenlernen?
Ich ging. Treffpunkt war ein Café, nicht die Wohnung das registrierte ich, verstand es aber nicht. Sabine war sieben Jahre jünger als Matthias, also siebenundzwanzig. Sie arbeitete in einer Werbeagentur, kleidete sich modisch und wusste genau, was sie vom Kellner und vom Leben will.
Frau Weber, sagte sie und reichte mir über den Tisch die Hand, als wäre sie die Gastgeberin. Ich habe viel von Ihnen gehört.
Von Matthias?
Von Matthias.
Ich hoffe, nur Gutes, und lächelte mein perfektes Lächeln.
Alles Mögliche, sagte Sabine und schlug die Speisekarte auf.
Unter meinen Rippen stach etwas. Aber ich schob es auf den kalten Windzug.
Sabine war schön nicht leise und heimlich wie Anna, sondern unverfroren und strahlend. Dunkles Haar, schwarze Augen, penibel geschminkte Lippen. Auch sie konnte schweigen, aber anders. Annas Schweigen war Geduld. Das von Sabine war Beurteilung.
Nach vier Monaten heirateten sie. Matthias rief mich abends an, mitten in den Nachrichten.
Wir haben heute geheiratet.
Heute?
Ja. Mama, sei bitte nicht böse. Wir wollten keinen Wirbel.
Ich bin nicht böse. Herzlichen Glückwunsch.
Ich legte auf, saß zehn Minuten in der Stille. Dann goss ich meine Pflanzen und ging schlafen. Am Morgen war alles wieder normal.
Sabine zog eine Woche später ein hatte viele Sachen, obwohl sie eine zierliche Person war. Die Kartons versperrten den Flur. Am nächsten Tag stellte ich fest, dass Annas Vorhänge schon ausgetauscht waren jetzt dunkles Grün, schwer, was das Zimmer wie ein Arbeitszimmer wirken ließ.
Sabine, wo sind die alten Vorhänge?
Im Müll, rief sie aus der Küche.
Sie waren doch fast neu.
Frau Weber, die waren nicht mein Geschmack.
Das war eine Antwort, nach der es nichts mehr zu besprechen gab. Ich verstand das und schwieg. Zum ersten Mal schwieg ich ohne inneren Widerstand.
In den ersten Monaten kam ich oft. Sabine schob mich nicht raus, schuf aber eine Atmosphäre, in der man von selbst gehen wollte. Sie blieb im Zimmer, schloss nicht den Laptop, stellte keinen Tee auf. Ihre Antworten waren knapp und gleichgültig, so dass ich mich als lästiger Gast fühlte in der Wohnung, die ich verschenkt hatte.
Das war eine neue, unangenehme Erfahrung.
Matthias wurde in meiner Gegenwart noch stiller als sonst. Er schenkte Tee ein, bot Kekse an, nickte, wenn ich etwas erzählte, und sah Sabine mit einer Vorsicht an, die ich bemerkte, aber nie benannte. Das richtige Wort wäre Angst gewesen.
Im Oktober wechselte Sabine die Schlösser. Matthias rief an:
Mama, wir haben neue Schlösser eingebaut. Sag vorher Bescheid, dann mach ich dir auf.
Warum wurde das gewechselt?
Sabine meint, das ist sicherer so.
Vor wem?
Pause. Eine lange, unangenehme Pause.
Mama, das macht man heute einfach so, sagte er dann.
Ich hatte zwanzig Jahre lang einen Schlüssel zu dieser Wohnung. Erst als Besitzerin, dann als Mutter, die immer willkommen war. Der Schlüssel hing zwischen dem meiner Wohnung und dem zum Briefkasten. Ich nahm ihn ab und legte ihn in die Kommode. Dort liegt er heute noch.
Silvester war immer bei mir. Ich kochte Salate, Fisch, stellte den Baum in die Ecke, wie meine Mutter es gemacht hatte. Tradition halt.
Im November sagte Sabine zu Matthias und er mir:
Diesmal feiern wir bei Sabines Eltern, in Frankfurt.
In Frankfurt?
Ja, ihre ganze Familie ist da.
Und ich?
Mama, du verstehst schon. Man kann sich nicht zerteilen.
Ich verbrachte den Jahreswechsel allein. Decke für eine Person, öffnete Sekt um halb zwölf, sah die Ansprache im TV, trank ein Glas und spülte ab. Lag gegen eins im Bett, weil es nichts mehr zu tun gab.
Am Morgen rief ich Matthias an zum Gratulieren. Nach dem dritten Klingeln hob er ab, klang verschlafen, aber zufrieden.
Frohes neues Jahr, Mama.
Frohes Neues, Matthias. Wie gehts euch?
Gut. War witzig. Mama, ich rufe später zurück, ja? Sabine schläft noch.
Natürlich, natürlich.
Das Natürlich klang wie ein nie wieder. Aber er war schon weg.
Im Februar kam Sabine zum ersten Mal unangekündigt zu mir herausgeputzt, auf hohen Absätzen. Ich öffnete und wusste nicht, was ich sagen sollte.
Komm rein, sagte ich schließlich. Tee?
Gerne.
Wir saßen in der Küche. Sabine blickte sich ungeniert um, als wollte sie umdekorieren. Ich stellte Tassen hin, schnitt Zitrone.
Frau Weber, ich will direkt reden.
Sag ruhig.
Matthias ruft Sie jeden Tag an.
Er ist mein Sohn.
Versteh ich. Aber das ist zu viel. Jeden Tag, eine Stunde. Das beeinflusst unseren Abend, unsere Pläne. Vielleicht könnten Sie seltener anrufen.
Ich goss Tee ein. Die Hände zitterten nicht das achtete ich darauf.
Sabine, Matthias ist erwachsen. Er entscheidet selbst, wann er wen anruft.
Sicher. Aber ein Erwachsener lebt vor allem für die eigene Familie.
Ich bin auch Familie.
Sie sind seine Mutter. Das ist anders.
Wir sahen uns an. Der Tee kühlte ab. Ich dachte: Bei Anna hätte sie längst den Blick gesenkt. Sabine nicht.
Ich habe verstanden, sagte ich.
Gut, sagte Sabine und trank aus, als ginge es um das Wetter.
Nachher stand ich lange am Fenster. Draußen taute der Schnee, in einer Pfütze spiegelte sich der graue Himmel. Ich dachte an Anna. Anna hätte sowas nie gemacht. Sie war manchmal unbeholfen, aber nie so direkt-kalt wie Sabine.
Ich schob den Gedanken weit weg.
Matthias rief seltener an. Erst alle zwei Tage, dann drei. Ich rief auch weniger an, weil ich spürte: er hat es eilig. Sagte: Mama, wir haben Besuch oder wir gehen gleich, und im Hintergrund Sabines klare, nüchterne Stimme.
Sabine arbeitete in der Werbung, verdiente sehr gut das hörte ich mit einer Note im Ton, die nach Abhängigkeit schmeckte. Sie kaufte Geräte, Kleidung, reiste in Städte. Tüchtig, und ihre Tatkraft nahm Matthias allmählich alles andere weg.
Im Frühjahr ging ich unangekündigt vorbei. Matthias öffnete, sein Gesicht verriet alles schon, bevor er sprach.
Mama, du weißt doch, am besten vorher anrufen.
Ich war gerade in der Nähe.
Warst du?
Matthias, ich wohne zehn Minuten entfernt.
Sabine arbeitet jetzt zu Hause. Sie braucht Ruhe.
Ich komme nicht wegen Sabine. Sondern wegen dir.
Er ließ mich rein. Wir saßen in der Küche. Sabine kam kein Mal raus. Nach dreißig Minuten verabschiedete ich mich. Auf dem Flur spürte ich: Das war das letzte Mal ohne Anmeldung. Nicht wegen Matthias Bitte, sondern weil ich dieses Gesicht nicht mehr beim Öffnen sehen wollte.
Der Sommer verging ruhig. Ich fuhr zur Laube, pflanzte Tomaten und Gurken, fuhr mit den Enkeln der Nachbarin an den Chiemsee. Eigene Enkel hatte ich nicht. Sabine meinte, noch sei zu früh, die Karriere, sie hätten noch Zeit. Ich widersprach nicht. Ich hatte gelernt, Dinge zu akzeptieren.
Im September geschah, was ich später für einen Zufall hielt wobei es in einer Stadt wie München kaum Zufälle gibt.
Ich kam mit vollen Einkaufstaschen über die Leopoldstraße. Da sah ich Anna.
Anna stand vor einem kleinen Bürogebäude und telefonierte. Sie trug einen dunkelblauen Mantel, nicht den alten, den ich kannte. Die Haare jetzt kurz, kein Zopf mehr. Sie lachte über irgendetwas ein echtes, befreites Lachen. Nicht das alte, vorsichtige.
Ich blieb stehen. Es wäre richtig gewesen, vorbeizugehen. Aber ich blieb einfach.
Anna sah mich, beendete das Gespräch, steckte das Handy weg, kam herüber.
Frau Weber.
Annchen, sagte ich, ehrlich überrascht, dass ich sie so nannte. Früher immer nur Anna.
Sie sehen gut aus, meinte Anna. Höflichkeiten, die ich kannte oft benutzt, wenn es eigentlich nicht so ist.
Du auch, antwortete ich. Das stimmte ohne Einschränkung.
Anna sah anders aus als früher. Nicht einfach nur gut. Anders. Die Schultern aufrecht, Blick offen. Kein seitliches Davonschauen.
Arbeitest du hier? fragte ich, zeigte aufs Büro.
Ich leite das Büro, erwiderte sie. Habe mein eigenes Planungsbüro eröffnet. Vor einem halben Jahr.
Dein eigenes?
Ja.
Und das Geld?, fragte ich, und wusste, dass es zu direkt war. Aber gesagt ist gesagt.
Anna nahm es mir nicht übel. Oder sie zeigte es nicht.
Ich habe drei Jahre auf zwei Jobs gearbeitet. Tagsüber im Büro, abends Aufträge privat. Gespart. Letztes Jahr eine eigene Wohnung gekauft. Klein, aber mein eigenes.
Die Taschen wurden schwerer; spürbar schwerer.
Eine eigene Wohnung?
Einzimmerwohnung in der Landsberger Straße. Für mich reicht es.
Wohnst du allein?
Ich lebe gern allein.
Wir schwiegen einen Moment. Die Autos auf der Leopoldstraße, irgendwo lachten Kinder.
Annchen, begann ich. Ich wusste nicht, was ich sagen wollte. Es war kein geplanter Moment, aber nun war er da.
Frau Weber, unterbrach Anna ruhig, ich habe gleich einen Termin.
Natürlich.
Alles Gute für Sie.
Dir auch.
Anna ging zurück zum Gebäude. Sie drehte sich noch einmal kurz an der Tür um ihr Blick war nicht böse oder verbittert. Nur ruhig. Wie jemand, der lange für sich entschieden hat.
Ich schleppte die Taschen heim, räumte alles weg. Kochte Suppe. Saß am Fenster.
Sie hat eine Wohnung gekauft. Auf der Landsberger. Eigenes Büro, zwei Jahre. Nicht sofort, nach und nach.
Ich saß und dachte: Ich habe gewonnen. Die Wohnung blieb. Mein Sohn blieb. Anna ging ohne alles.
Aber jetzt ruft mein Sohn nur noch einmal pro Woche an. Oder alle zehn Tage. Und Silvester ist wieder bei Sabines Eltern in Frankfurt, weil Sabine es so entschieden hat.
Anna hat eine Einzimmerwohnung auf der Landsberger gekauft.
Ich ging ins Wohnzimmer, legte mich auf die Couch und schloss die Augen. Schlafen konnte ich nicht, lag einfach da. Draußen wurde es dunkel. Ich machte das Licht nicht an.
Im Oktober sagte Sabine, sie wolle nach Frankfurt ziehen München sei ihr zu eng, und ihr Arbeitgeber böte ihr einen besseren Posten an. Das sei Karrieresprung, könne sie nicht ausschlagen.
Matthias rief sonntags nachmittags an.
Mama, wir müssen reden.
Sprich.
Sabine und ich ziehen vielleicht um.
Wohin?
Nach Frankfurt. Ihr Job.
Ich schwieg ungewöhnlich lange.
Wann?
Ist noch nicht fix. Wir überlegen. Ich wollte, dass du es vorher weißt.
Danke, dass du es sagst.
Mama, bitte nicht so.
So wie?
So kalt.
Matthias, ich bin nicht kalt. Ich höre einfach zu.
Pause.
Wir könnten die Wohnung vermieten, solange wir weg sind. Geld bringt das auch. Du könntest nach dem Rechten sehen, bist ja in der Nähe.
Ich begriff: Nachsehen hieß, in die Wohnung zu gehen, aus der ich hinausgedrängt wurde. Nach fremden Leuten schauen, in einem Zuhause, das keins mehr war.
Ich denke nach, sagte ich.
Gut. Mama, bitte sei nicht traurig. Frankfurt ist nah, drei Stunden im ICE. Wir besuchen dich.
Natürlich.
Das Natürlich war wieder ein nie mehr, aber er hörte es nicht.
Der November brachte früher Kälte. Ich trug schon ab Monatsanfang den Wintermantel. Auf dem Markt begegnete ich Helga, einer ehemaligen Kollegin. Wir nahmen im kleinen Markt-Café einen Tee und saßen eine Stunde zusammen.
Helga erzählte von Enkeln, ihrem Garten, dem Mann mit Rehazwang. Dann fragte sie:
Und du? Wie läuft es mit Matthias? Magst du Sabine?
Sabine ist fest dabei, sagte ich. Wollen nach Frankfurt ziehen.
Ach. Nimmst du sie mit?
Nein.
Helga schüttelte den Kopf. Sie konnte schweigen, so dass Schweigen alles sagte.
Ursula, bereust du es?
Was denn?
Na, wegen Anna. Die war so ruhig, das Mädchen.
Ruhig, ja, aber nur auf die Wohnung aus!
Glaubst du das wirklich?
Ich stellte das Glas ab.
Ich habe sie letzte Woche gesehen.
Und?
Hat jetzt eine eigene Wohnung. Büro gegründet. Alles läuft.
Helga sah mich lange an, nicht vorwurfsvoll, nicht mitleidig, einfach nur an. Dem Blick konnte ich nicht standhalten, sah weg.
Also kam sie nicht wegen der Wohnung, sagte Helga leise.
Ach Helga, lass das.
Hab ja nichts gesagt. Nur so.
Du weißt gar nichts. Du hast sie nicht gesehen, wie sie sich verhalten hat.
Vielleicht weiß ich nichts. Aber ich sehe, dass du im November allein auf dem Markt bist. Und Matthias geht nach Frankfurt.
Heimwärts ging ich zu Fuß, obwohl der Bus vernünftiger gewesen wäre. Ich musste laufen. Bewegung schaffen.
Im Dezember kam der erste Schnee. Ich schmückte den Baum wie immer. Holte die Weihnachtskisten von oben, hängte Dinge auf, zündete die Lichterkette an. Der Baum war wie immer schön.
Am dreiundzwanzigsten rief Matthias an: Sie kämen am Silvestermorgen vorbei.
Nicht lang, bemerkte er. Danach fahren wir zu Sabines Familie.
Verstehe, sagte ich.
Mama, bitte.
Matthias, ich freue mich, dass ihr kommt. Ich backe Apfelkuchen.
Sie kamen um elf. Sabine im schicken Mantel, brachte Sekt und eine Schachtel Pralinen. Sie stellte sie wortlos auf den Tisch. Matthias umarmte mich. Wir tranken Tee. Sabine schaute meist ins Handy, geschäftig, nicht unhöflich.
Sabine, Apfelkuchen?
Nein, danke. Ich esse kein Weißmehl.
Matthias?
Natürlich, Mama.
Er aß ein Stück. Dann noch eins. Ich sah zu, und dachte, es ist vielleicht das letzte Mal so. Denn Frankfurt. Und Sabine. Und das Leben läuft nicht dorthin, wo man es lenken möchte.
Halb eins gingen sie. Sabine blieb einen Moment an der Tür stehen und sah mich an. Ich konnte nicht erkennen, was in diesem Blick war. Vielleicht nichts. Vielleicht alles.
Frau Weber, sagte sie. Sie sind eine gute Gastgeberin. Der Kuchen war gut.
Danke.
Sie nickte und ging raus. Matthias drückte mich auf die Wange.
Tschüss, Mama.
Tschüss, mein Junge.
Die Tür schloss sich. Ich räumte auf, wickelte den restlichen Apfelkuchen ein, spülte die Tassen. Schaltete den Fernseher ein, schaute aber nicht hin.
Ich feierte Silvester allein. Zum zweiten Mal. Stieß um zwölf mit dem Bildschirm an, trank ein Glas Sekt. Sah auf den Baum. Die Lichter leuchteten leise und ohne Grund.
Im Januar erzählte Matthias, dass sie im März umziehen würden. Die Wohnung bleibt, wird nicht vermietet. Man kommt ab und zu mal nach München. Ich nickte am Telefon, als könnte er das sehen.
Der Februar verging, wie ich ihn kaum erinnerte: Einkauf, Küche, TV, ab und zu Helga. Einmal zum Friseur, ein bisschen die Frisur gekürzt, aber der Dutt blieb. Einmal half ich einer Nachbarin beim Keller aufräumen.
Anfang März, als der Schnee schon taute, rief ich Anna an.
Die Nummer hatte ich im Kopf. Zahlen vergesse ich nie Buchhaltergedächtnis.
Lange Freizeichen. Ich wollte schon auflegen. Dann:
Hallo?
Annchen. Hier ist Frau Weber.
Pause. Nicht böse, einfach nur Pause.
Guten Abend, Frau Weber.
Guten Abend. Ich wollte dich fragen könnten wir uns vielleicht treffen?
Noch eine Pause. Ich stand am Fenster, sah auf die verschwindenden Schneehaufen.
Wozu?, fragte Anna direkt. Nie unhöflich, nur ehrlich.
Ein bisschen reden. Es gibt da etwas. Persönlich.
Eine so lange Pause, dass ich dachte, sie will nicht. Und hätte recht.
Gut, sagte Anna. Samstag ginge. Im Café am Kurfürstenplatz?
Finde ich.
Um zwölf.
Um zwölf, wiederholte ich. Danke, Annchen.
Gern, und sonst nichts.
Am Samstag war ich schon um Viertel vor zwölf im Café, wählte einen Fenstertisch. Bestellte Tee, sah hinaus. Tauwetter, die Leute gingen fast ohne Mütze, als wäre der Frühling schneller als sonst.
Anna traf pünktlich um zwölf ein, im gleichen tiefblauen Mantel. Das kurzhaarige Haar kräuselte sich etwas in der Feuchtigkeit. Sie nickte mir zu, kam, legte Mantel und Tasche ab, setzte sich.
Guten Tag.
Hallo, Annchen. Danke, dass du kommst.
Was möchten Sie mir sagen?
Ich nahm die Tasse, stellte sie ab, nahm sie wieder.
Ich wollte sagen, dass ich Unrecht hatte, sagte ich. In vielem, vielleicht nicht in allem, aber in Vielem.
Anna sah mich ruhig an.
Ich habe dir immer Schlechtes unterstellt. Noch bevor du irgendwas getan oder nicht getan hast. Das war nicht gerecht.
Anna schwieg.
Ich dachte, du willst die Wohnung. Dass du Matthias nicht liebst, sondern ausrechnest.
Und jetzt?
Jetzt nicht mehr, sagte ich langsam. Nicht mehr. Ich sah dich im September auf der Leopoldstraße. Du hast gelacht beim Telefonieren. Da wurde mir klar: Du wolltest einfach Familie. Wie alle.
Anna blickte raus. Eine Taube tappte durchs Tauwasser.
Es ist gut, dass Sie das sagen, sagte sie leise. Aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.
Ich verlange auch nichts.
Also warum?
Weil ich es sagen musste. Nicht du, sondern ich.
Anna sah weiter offen auf mich. Kein Mitleid, kein Triumph, irgendwas Drittes, wofür mir die Worte fehlen.
Wie geht es Matthias?, fragte sie.
Sie ziehen nach Frankfurt. Sabine arbeitet jetzt dort.
Verstehe.
Sie ist anders, sagte ich. Nicht wie du. Einfach anders.
Besser oder schlechter?
Ich stellte die Tasse hin.
Weiß ich nicht, antwortete ich ehrlich. Und das war wohl die ehrlichste Antwort seit Jahren.
Anna lächelte schwach. Nicht höhnisch. Einfach so.
Wünschen Sie etwas Konkretes? Hilfe, oder?
Nein. Ich wollte nur reden.
Gut, sie stand auf. Ich habe um zwei einen Termin.
Gehst schon?
Anna zog den Mantel über, griff nach dem Portemonnaie.
Ich zahle, sagte ich.
Nicht nötig.
Bitte.
Anna ließ die Handtasche sinken.
Gut.
Sie ging zum Stuhl, schaute mich an.
Frau Weber, sagte sie. Es tut mir nicht mehr weh. Schon lange nicht mehr. Ich wollte, dass Sie das wissen.
Ich freue mich.
Nicht für Sie. Für mich. Ich will nur, dass Sie verstehen: Ich bin nicht beleidigt. Nicht weil Sie recht hatten. Sondern weil es mir so besser geht.
Ich nickte. Fand keine Worte. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten fehlten sie mir.
Alles Gute, sagte Anna.
Dir auch, mein Kind.
Anna ging. Draußen sah ich durchs Fenster, wie sie über den Bürgersteig lief. Aufrecht, ohne Hast, im blauen Mantel. Sie hielt an der Ecke, tippte was ins Handy oder las. Dann war sie hinterm Eck verschwunden.
Ich zahlte, zog mich an, trat auf die Straße hinaus. Es roch nach März und Schmelzwasser. Dieser Geruch begleitete mich seit meiner Kindheit, immer der gleiche. März roch nach Möglichkeiten so war das als Kind.
Auf meinem Weg dachte ich an damals, als Anna mit ihrem grauen Koffer ging. Ich stand am Fenster, sah ihr nach und fühlte mich wie eine Siegerin.
Sie aber ging aufrecht. Kein Blick zurück. Damals hielt ich das für die Haltung einer Unterlegenen, die nichts ändert.
Ich kam heim, stieg die drei Stockwerke hoch. Die Tür öffnete sich mit meinem Schlüssel. Begrüßte mich, wie jeden Tag, mit Stille. Der vertraute, bewohnte Klang der eigenen Wohnung.
Mantel aufhängen. Küche. Wasserkocher aufsetzen.
Draußen taute der März. Der Schneeberg vor dem Haus, seit November dort, war schon fast weg, aus ihm ragte ein alter Besenstiel, von jemandem im Herbst vergessen. Ich sah hinaus und hatte keine Worte für das, was ich dachte. Ich dachte einfach.
Der Wasserkessel pfiff. Ich goss Tee ein, hielt die Tasse mit beiden Händen. Die Wärme kroch durch das Porzellan.
Das ist also der Sieg. Die Wohnung steht. Der Sohn in Frankfurt. Die Schwiegertochter nahm die Schlösser und trug die Traditionen im Koffer davon. Die erste Schwiegertochter lebt nun in ihrer Einzimmerwohnung in der Landsberger, ist Chefin, lacht ins Handy auf der Straße.
Ich war nie eine dumme Frau. Ich habe gerechnet, beobachtet, vierzig Jahre Buchhaltung trainieren das. Man sieht die Endsumme.
Jetzt lautet die Endsumme: Ich sitze mit meiner Tasse in der Küche. Allein.
Nicht weil es niemanden gäbe zum Anrufen. Helga gibt es, die Nachbarin auch. Mein Sohn lebt, weit weg, aber er lebt. Allein bin ich, weil die Stille im Haus zur Norm wurde. Ich weiß kaum mehr, wann zuletzt jemand einfach so zu mir kam.
Anna kam einfach so. Sie brachte Brötchen aus der Bäckerei am Markt, die es heute nicht mehr gibt. Niemand bat sie, sie brachte sie einfach. Hier, Frau Weber, mit Kohl, die mögen Sie doch. Ich aß und dachte an Berechnung.
Ich trank meinen Tee aus. Spülte die Tasse. Trocknete die Hände mit dem Stickhandtuch mit den Hähnchen, gekauft auf dem Volksfest vor fünf Jahren.
Dann griff ich zum Telefon und rief Matthias an. Nicht weil es etwas zu sagen gab. Einfach so.
Mama? Alles in Ordnung?
Alles gut, Matthias. Und bei euch?
Ach, wir packen gerade. So viele Sachen. Und dir?
Gut, sagte ich. Wollte nur anrufen.
Okay. Mama, wir sind mittendrin. Kann ich später zurückrufen?
Natürlich, mach nur.
Dir gehts wirklich gut?
Es geht mir bestens, Matthias.
Schön. Tschüss, Mama.
Tschüss.
Ich legte auf. Draußen war März. Der Besenstiel im Schnee. Stille.
Ich ging ins Wohnzimmer, setzte mich aufs Sofa, nahm das alte Fotoalbum heraus. Blätterte wahllos auf.
Matthias mit acht am See, hält eine Angel, blickt mit ernster Miene. Daneben ich, jung, lachend damals konnte ich noch aus ganzer Seele lachen. Später habe ich es verlernt. Wann das passierte, wüsste ich nicht.
Eine Seite weiter Matthias als Erwachsener, achtundzwanzig, neben Anna. Beide blicken seitlich, Anna hält seine Hand. Ich hatte damals gedacht: Sie hält ihn fest, damit er nicht wegläuft.
Jetzt sehe ich nur: Zwei Menschen, die nebeneinander stehen und sich einfach halten.
Ich schloss das Album, legte es zurück.
Im Zimmer war Dämmerung, die Sonne weg. Das Licht schaltete ich nicht an. Ich saß halb im Dunkeln und hörte der Stille zu.
Anna hatte gesagt: Es tut mir nicht mehr weh. Schon lange nicht mehr. Ich bin nicht beleidigt, nicht weil Sie recht hatten. Sondern weil es für mich besser ist.
Darin lag wohl der ganze Unterschied. Anna machte für sich. Ich habe mein Leben für meinen Sohn gelebt. Jetzt wohnt er in Frankfurt, und ich sitze hier mit meinem Album im Dunkeln.
Ich weinte nicht. Ich war nie jemand, der heimlich weint. Ich habe fast nie geweint. Das letzte Mal, als mein Mann ging. Drei Tage, dann nahm ich Matthias, damals acht, und ging mit ihm ins Kino. Danach weinte ich nicht mehr.
Ich stand auf, machte Licht, holte den letzten Kuchenrest aus dem Kühlschrank. Schnitt ein Stück ab.
Draußen war es endgültig dunkel, die Straßenlaterne warf orangefarbene Kreise auf die Straße. März sah darin fast gemütlich aus. Fast.
Ich aß Apfelkuchen und schaute hinaus. Dachte, am Samstag rufe ich Helga an. Vielleicht gehen wir zusammen mal raus. Café oder Park, wenn das Wetter passt. Oder einfach so, sitzen und reden.
Dann fiel mir ein, dass ich im Frühling zur Laube muss, sie auf Vordermann bringen. Sechshundert Quadratmeter, aber gute Beete. Die Tomaten sind so gut, dass die Nachbarn Setzlinge haben wollen.
Dann dachte ich an nichts. Aß Kuchen und sah die orange Lampe.
Das Telefon blieb stumm. Matthias rief abends nicht zurück. Vergessen, wahrscheinlich. Sie packen, Stress. Ich sah nur drauf, griff nicht danach. Nicht aus Groll. Einfach so.
Die Nachbarskatze schrie etwas an der Wand, dann war Ruhe. Die Heizung knackte. Alltag.
Morgen gehe ich auf den Markt, dachte ich. Was für den Frühling kaufen. Vielleicht Setzlinge. Oder noch zu früh.
Ich spülte ab, machte in der Küche das Licht aus, ging ins Zimmer.
Vor dem Schlafen lese ich immer ein bisschen. Gerade lag ein Krimi da, halb durch, Lesezeichen in der Mitte. Ich las zwanzig Minuten, legte das Buch weg. Ich hatte eine Seite dreimal gelesen, nichts behalten.
Buch aufs Nachttischchen. Licht aus. Dunkelheit.
Anna geht über den Bürgersteig im blauen Mantel. Gerade, ohne Eile.
Vor drei Jahren ging sie mit dem grauen Koffer. Auch aufrecht, auch ohne Hast. Damals dachte ich: Würde einer Unterlegenen.
Jetzt, im Dunkeln, dachte ich anderes. Vielleicht wusste Anna damals schon, was ich nicht wusste. Vielleicht dachte sie nicht an Verlust, sondern an den Weg.
Ich konnte nie nach vorn blicken. Immer nur zurück: Was habe ich geschafft, was gerettet, was verteidigt. Endsumme, Bilanz.
Die Bilanz jetzt: Die Wohnung ist da. Matthias ist da. Das Leben geht weiter.
Nur sehr ruhig.
Ich drehte mich auf die Seite. Schloß die Augen.
Draußen wurde aus März langsam Nacht. Bis zum April wird der Rest Schnee weg sein. Frühling kommt sowieso, ob man will oder nicht.
Vielleicht gehe ich mal wieder zum Büro auf der Leopoldstraße. Nicht extra. Nur, falls ich vorbeikomme. Mal sehen, obs noch läuft. Wahrscheinlich schon. Anna ist nicht der Typ, der abbricht.
Das war schon immer ihre Stärke. Durchhalten, zu Ende machen. Ich habe das damals nicht gesehen. Oder mit falschen Namen bedacht.
Ich lag lange noch wach. Hörte die Stille meiner Wohnung, die immer meine war. Siebenunddreißig Jahre eigene Stille.
Die Nachbarskatze miaute ein zweites Mal, verstummte dann.
Ich lag in der Dunkelheit, dachte an dies und das, dann an nichts, dann an dies. Am nächsten Tag kaufe ich Setzlinge. Rufe Helga an. Matthias zieht im März um, ich sollte öfter nach Frankfurt fahren. Drei Stunden ICE ist ja nicht die Welt.
Wenn ich Anna auf der Leopoldstraße treffe, sage ich diesmal was anderes. Kein auch alles Gute, kein natürlich. Irgendwas Echtes.
Oder ich treffe sie nicht mehr, wer weiß. München ist zwar groß, aber manchmal auch klein.
Meine Gedanken wurden leiser, langsamer, wie eine Straßenbahn abends vor der Endhaltestelle. Und in dieser Langsamkeit war etwas fast Friedliches. Nicht gut, nicht schlecht. Einfach so, wie es ist, wenn alles gelaufen ist und man damit leben lernen muss.
Aber weiterleben das konnte ich immer. Das kann mir niemand nehmen.
Am nächsten Morgen stehe ich wieder um sieben auf, wie immer. Setze Tee auf. Schaue aus dem Fenster. März taut.
Und irgendwo, in einer Einzimmerwohnung an der Landsberger Straße, steht Anna auch auf. Vielleicht früher, vielleicht später. Setzt ihren Teekessel auf, schaut aus ihrem Fenster.
Und beide von uns schauen auf denselben März. Auf denselben schmelzenden Schnee, auf denselben heller werdenden Himmel.
Nur aus verschiedenen Fenstern.
Dann schließe ich die Augen wirklich.
Draußen liegt eine leise, münchnerische Märznacht.