— Mama, Papa, hallo, ihr hattet uns gebeten zu kommen, was ist passiert? — Marina und ihr Mann Thomas haben einfach die elterliche Wohnung gestürmt.

01.Juni2026 Tagebuch

LiebeIngrid,

heute war ein Tag, den ich so schnell nicht vergessen werde. Als ich mit Thomas an der Tür unserer Eltern in Berlin klopfte, war alles noch ganz still. Mama, Papa, hallo ihr habt uns gerufen, was ist passiert? fragte ich, während wir unbeholfen in das alte Wohnzimmer traten. Es war schon eine Weile her, dass wir hier gewesen waren; Mama war schwer krank, ihr Krebs befand sich bereits in der zweiten Phase.

Sie hatte gerade eine Runde Chemotherapie und Strahlentherapie hinter sich. Die Krankheit war zurückgegangen, das Haar wuchs langsam nach, doch das Unbehagen ließ nicht lange auf sich warten ihr Zustand verschlechterte sich erneut.

Marleen, Thomas, guten Abend, kommt rein, sagte Ingrid, blass und schmächtig wie ein junges Mädchen. Kinder, setzt euch. Wir haben eine ungewöhnliche Bitte an euch, hört bitte zu, fügte Vater Bernd, leicht verwirrt, hinzu.

Wir setzten uns auf das abgewetzte Sofa und blickten gespannt auf die beiden. Ingrid seufzte, wandte sich zu Bernd, als suchte sie dort Halt.

Marleen, Thomas, ihr werdet überrascht sein, aber ich habe eine ziemlich eigenartige Bitte. Wir würden euch gern um etwas bitten wir wollen ein Kind adoptieren. Ein kurzer Moment der Stille folgte.

Dann brach meine jüngste Schwester, Lena, das Schweigen: Mama, du wirst bestimmt überrascht sein, aber Thomas und ich wollen einen Sohn. Wir haben bereits zwei Töchter deine Enkelinnen Mia und Kathrin. Sie fuhr fort: Wir können nicht mehr selber ein Kind bekommen, die Ärzte raten wegen meiner KaiserschnittNarben und meiner schwachen Gesundheit davon ab. Deshalb dachten wir, vielleicht könnten wir ein kleines Mädchen aus dem Kinderheim holen einen Jungen, wenn das möglich wäre.

Ihre Worte trafen mich tief. Ich spürte, wie die Last meiner eigenen Sorgen die ständige Angst um Mamas Gesundheit plötzlich leichter wurde, weil wir gemeinsam etwas tun konnten.

Ingrid strich nervös über die wenigen Resthaare, die ihr wieder nachgewachsen waren, und erzählte: Meine alte Kollegin Nadine, die ich von früher kenne, kam neulich zu Besuch. Sie hatte früher ein Muttermal am Auge, das fast das Sehfeld blockierte. Man sagte ihr, es müsse entfernt werden, weil es sich sonst verändern könnte. Jetzt ist das Muttermal verschwunden, ihr Auge ist klar. Sie fuhr zu unserer Großmutter Greta im Umland Greta ist in einem kleinen Dorf bei Brandenburg unterwegs und hilft vielen Menschen. Ich dachte, ich sollte nicht nur an mich denken, sondern auch an die, die Hilfe brauchen.

Ich hörte zu, während Ingrid weiter sprach und erklärte, dass Greta sie gefragt habe, ob sie einen Sohn habe. Ich war erstaunt, weil nur ich und Bernd wussten, dass ich im späten Schwangerschaftsstadium eine Fehlgeburt erlitten hatte. Ein Junge sollte unser erstes Kind werden, doch er überlebte nicht.

Und jetzt? fragte ich, meine Augen groß vor Erwartung.

Jetzt, fuhr Ingrid fort, sagte Greta: Adoptiere einen Jungen. Und plötzlich standen Tränen in meinen Augen, als hätte ich versagt, das erste Kind zu retten. Ich muss jetzt einem anderen Jungen Wärme und Liebe schenken, um das Gleichgewicht wiederherzustellen.

Ich hörte in mich hinein und erkannte: Ich will das wirklich. Thomas und ich haben die Möglichkeit, einem Kind ein Zuhause zu geben nicht nur, um selbst zu heilen, sondern weil wir es können.

Mama, ich verstehe dich und unterstütze dich voll und ganz, flüsterte ich, Tränen liefen mir über das Gesicht, lass uns das tun!

Wir hatten bereits im Vorfeld mit der Leitung des Kinderheims gesprochen und wollten einen kleinen Jungen adoptieren. Heute wurden wir eingeladen, die Kinder zu besichtigen.

Ingrid und Bernd fuhren mit uns zum Heim. Im Spielzimmer spielten Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren auf einem bunten Teppich. Ich zeigte leise auf einen rötlichen Jungen, der eifrig einen Turm aus Bauklötzen baute: Sieh, Mama, dieser Junge erinnert mich an dich, so konzentriert, dass er sogar die Zunge herausstreckt. Ingrid nickte zustimmend.

Plötzlich hörten wir ein leises Flüstern aus der Ecke. Ein etwas älterer Junge mit traurigen Augen kam näher und murmelte kaum hörbar.

Entschuldigung, kannst du das bitte noch einmal wiederholen? fragte Ingrid freundlich.

Der Junge trat vor und sagte mit zitternder Stimme: Tante, bitte nehmt mich. Ich verspreche euch, ihr werdet es nie bereuen.

Ohne Zögern füllten wir die Formulare aus und adoptieren den Jungen, den wir Niklas nannten. Mia und Kathrin strahlten vor Freude, weil sie plötzlich einen kleinen Bruder hatten.

Niklas gewöhnte sich schnell ein, nannte Ingrid und Bernd bald Mama und Papa. Er besuchte regelmäßig das Haus von Ingrid und Bernd, das nicht weit von der Schule entfernt lag. Er nannte Ingrid liebevoll MamaIngrid, obwohl sie eigentlich Oma war das machte sie gleichzeitig gerührt und verwirrt.

Die Ärzte bestanden darauf, dass Ingrid noch einen weiteren Therapiezyklus beginnen müsse. Trotz der Behandlung verschlechterte sich ihr Zustand weiter. Niklas hielt sie fest, streichelte ihr kurzes Haar und flüsterte: MamaIngrid, warum bist du krank? Ich will, dass du wieder gesund wirst!

Ich weiß es nicht, mein Schatz, antwortete sie, doch ich werde kämpfen.

Bernd sprach mit dem behandelnden Arzt, der sofort die Operation ansprach.

Wie stehen die Chancen? fragte Bernd.

Der Arzt: Fünfzufünf, wir tun alles, was wir können.

Am OPTag war die Anspannung im Haus kaum zu ertragen. Ich rang ununterbrochen mit meinem Vater am Telefon, er versprach, mich sofort zu informieren, sobald es Neuigkeiten gab. Bernd suchte verzweifelt nach Niklas, bis er ihn schließlich im Schlafzimmer neben Ingrids Kaftan fand. Der kleine Junge weinte leise und wiederholte immer wieder:

MamaIngrid, geh nicht, ich will dich nicht verlieren, bitte bleib bei mir!

Das Telefon klingelte, und sowohl Bernd als auch Niklas zuckten zusammen. Der Arzt sprach, seine Stimme müde und kaum hoffnungsvoll:

HerrBernd, die Operation war schwierig, aber sie verlief erfolgreich. Ihre Frau hat es überstanden.

Erzählungen von Engeln und Wunder durchdrangen die Stille es schien, als hätte das Schicksal ihr einen weiteren Tag geschenkt.

Danke, danke, Doktor!, umarmte Bernd Niklas fest.

Du hast es verstanden, alles ist gut, MamaIngrid lebt, flüsterte ich ihm zu, Tränen der Erleichterung liefen meine Wangen hinab.

Ich fühle mich geborgen, weil wir gemeinsam einen kleinen Menschen gerettet haben nicht nur vor der Einsamkeit, sondern auch vor dem Schicksal, das uns beinahe zu stark belastet hätte.

Jetzt, wenn ich abends zurückblicke, spüre ich, wie wertvoll jeder Moment ist, den wir miteinander teilen. Ich bin dankbar für das Geschenk, das das Leben trotz seiner harten Prüfungen uns gemacht hat.

Bis morgen,
Marleen.

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