Liebes Tagebuch,
heute habe ich wieder die alte Kiste mit den Briefen von Viktor geöffnet, die ich einst im hinteren Teil des Dachbodens entdeckt hatte. Ich hatte sie jahrelang unbeachtet stehen lassen, weil das Aufräumen immer hinten angestoßen wurde. Jetzt lagen die vergilbten Zeilen vor mir, und ich begann, sie einer nach dem anderen zu lesen.
Viktor und ich lernten uns an der Technischen Universität Berlin kennen. Ich kam aus einem kleinen Dorf in der Mark, er war ein Stadtjunge. Mein Aussehen langes dunkles Haar, auffällige Augen und eine schlanke Gestalt zog ihn sofort in den Bann. Die ersten Monate waren wie ein Sturm: er brachte Blumen vor meine Studentenwohnheimplatz-Tür, klopfte nachts an mein Fenster, um mir Gute Nacht zu wünschen, und wir verbrachten jede freie Minute miteinander. Die rauschenden Partys, die Spaziergänge entlang der Spree und die ersten Küsse ließen das erste Studienjahr wie im Flug vergehen.
Doch ich merkte schnell, dass Viktor keine Lust hatte, sich wirklich dem Studium zu widmen. Er war nie der Typ, der sich in die tiefen Gewässer der Wissenschaft stürzen wollte er wollte lieber das Leben mit mir teilen. Schließlich wurde er von der Uni exmatrikuliert. Statt zu trauern, sagte er zu mir: Ich werde einen Job finden, später ein Fernstudium aufnehmen und dann heiraten wir. Er trat sofort bei einem Maschinenbauwerk in Dortmund an und informierte meine Eltern, dass er heiraten wolle. Meine Eltern kannten den Mann nur flüchtig, da ich sie nur gelegentlich zu Besuch gesehen hatte.
Viktors Vater jedoch wollte, dass sein Sohn die Tochter seiner guten Freunde, die hübsche Zina, heiratet. Weder Viktor noch Zina teilten diese Erwartung. Viktor glaubte, er könnte seine Eltern überzeugen, indem er von meiner Liebe erzählte. Doch sie hörten nicht zu. Mein Vater schrie schließlich: Du hast die Uni wegen deiner Liebe verlassen! Wir schickten dich zum Studium, nicht zur Ehe! Uns fehlte eine ländliche Tochter, die wir in die Familie aufnehmen können. Auf seinen Wunsch hin trat Viktor schließlich in den Bundeswehrdienst ein und zog sich für eine Weile zurück.
Ich litt ohne ihn, doch die Briefe, die er mir schrieb, gaben mir Trost. Sie waren voller Zärtlichkeit und Leidenschaft. Eines Tages jedoch hörte der Briefwechsel plötzlich auf. Wochen, Monate, ein halbes Jahr vergingen, ohne dass ein einziger Satz von ihm kam. Ein Kommilitone, Sascha, versuchte mich zu beruhigen: Solche Dinge geschehen, in der Ferne erstarren die Gefühle. Vielleicht war es nur ein kurzer Schwarm. Ich wusste nicht, dass Sascha heimlich in mich verliebt war und mir versprach, mich nicht mehr mit Viktors Briefen zu belästigen, weil er mich heiraten wolle.
So ließ ich das Herz langsam wieder öffnen, traf mich mit Freunden, zog mein Studium wieder an. Sascha stand mir stets zur Seite; seine Zuneigung war ehrlich, und er nutzte die Trennung von Viktor, um näher zu mir zu kommen. Schließlich nahm ich sein Heiratsangebot an. Ich legte die Briefe von Viktor zurück in die Kiste, doch meine Hand zögerte, sie zu zerreißen. Ich verstaute sie und ließ sie unbeachtet bleiben.
Zehn Jahre später lebten wir, Viktor und ich, in derselben Stadt, jedoch in völlig getrennten Welten. Gerüchte erreichten mich, dass Viktor geheiratet hatte nicht Zina, sondern eine andere Frau, mit der er einen Sohn bekam. Mein eigenes Leben war ruhig und geordnet: Sascha, meine beiden Töchter und die Arbeit gaben mir Sinn, doch das Feuer der Leidenschaft war erloschen. Auch meine Ehe zerbrach, mein Mann fühlte, dass er nie meine Liebe gewinnen konnte, und fand eine Geliebte. Nach der Scheidung gestand er mir, dass er die Trennung von Viktor organisiert hatte, um mich von ihm zu entfernen. Auch Viktors Familie löste sich auf, und er blieb allein.
Gestern fand ich den allerletzten Brief von Viktor. Tränen und ein schwaches Lächeln überschlugen sich in mir, und ein unbändiger Wunsch erwachte: Ich wollte wissen, wo er heute war, wie sein Leben verlief. Ohne groß zu überlegen, schrieb ich einen Brief an seine alte Wohnadresse, fragte, ob jemand ihm die Zeilen überbringen könne, und schlug vor, uns in dem Café gegenüber meinem Haus zu treffen. Noch am selben Tag steckte ich den Brief in den nächsten Briefkasten.
Morgen früh, noch halb im Schlaf, fragte ich mich selbst: Warum war ich so dumm? Viktor, der auf dem Heimweg war, sah den Briefkasten, öffnete das Kuvert, sah meinen Namen und blieb wie erstarrt stehen. Er las die Zeilen, und die Zeit schien zurückzurollen.
Um Punkt zwölf Uhr trat ich in das kleine Café ein. Das Lokal war fast leer, nur an einem Tisch saß bereits eine Frau. Ich hörte seine Stimme, fast flüsternd: Gretchen? Ich drehte mich um, sah ihn an, und unser Blick traf sich unverändert, wie vor dreißig Jahren. Wir fielen in ein Gespräch, weinten, lachten und erzählten uns, was das Leben uns gelehrt hatte.
Hand in Hand verließen wir das Café, entschlossen, nie wieder voneinander zu gehen.
Fünf Jahre sind seit diesem Tag vergangen. Gretchen und Viktor leben nun Seite an Seite, teilen jeden Tag und schätzen jede gemeinsame Stunde. Wahre Liebe verschwindet nicht einfach; wir sind jetzt fest davon überzeugt.