Heike, aber im Winter ist es doch eisig! Das Heizungssystem läuft mit Holz, das du ständig nachlegen musst!
Mama, du bist doch vom Land. In deiner Kindheit war das immer so. Dein Opa und deine Oma haben ihr ganzes Leben auf dem Bauernhof verbracht, und das war alles, was sie kannten. Im Sommer ist es dagegen wunderschön du kannst im Garten Beeren pflücken und im Wald Pilze sammeln.
Gertrud Weber hatte gerade erst angefangen, das Rentnerleben zu genießen. Sechzig Jahre standen ihr zu, davon fünfunddreißig als Buchhalterin in der Fabrik. Jetzt durfte sie morgens in Ruhe ihren Tee trinken, ein Buch lesen und einfach nirgendwohin eilen.
In den ersten Monaten der Rente genoss sie die Stille. Sie stand auf, wenn sie Lust hatte, frühstückte gemütlich und schaute ihre Lieblingssendungen. Einkaufen ging sie dann, wenn die Warteschlangen leer waren nach vierzig Jahren Arbeit war das ein echtes Glück.
Am Samstagmorgen klingelte das Telefon.
Mama, wir müssen reden. Ernsthaft reden.
Was ist denn los? fragte Gertrud besorgt. Ist alles in Ordnung mit Lena?
Mit der Tochter ist alles gut. Ich komme vorbei und erzähle alles. Und mach dir keine Sorgen!
Gerade diese Worte ließen Gertrud noch nervöser werden. Wenn Kinder mach dir keine Sorgen sagen, haben sie meistens doch worüber.
Eine Stunde später saß Heike in der Küche und streichelte ihren runden Bauch. Zweiunddreißig Jahre, das zweite Kind war im Anmarsch, und mit Klaus, ihrem langjährigen Freund, war noch keine offizielle Ehe geschlossen. Obwohl sie schon vier Jahre zusammenlebten, schien die Heiratsurkunde für sie nicht wichtig zu sein.
Mama, wir haben ein Problem mit der Wohnung, begann Heike, während sie nervös an ihrem Kaffeelöffel drehte. Die Vermieterin will die Miete erhöhen. Wir kommen gerade mit der jetzigen Miete klar, und jetzt verlangt sie noch einmal zweihundert Euro mehr.
Gertrud nickte mitfühlend. Sie wusste, wie schwer es für die Jungen war. Klaus wechselte ständig den Job heute Lagerist, morgen Kurierfahrer, übermorgen Wachmann. Heike war gerade im Mutterschaftsurlaub und würde bald wieder in den zweiten gehen.
Wir dachten daran, auszuziehen, weil es günstiger wäre, fuhr Heike fort, aber niemand will das Kind mitnehmen.
Und, was habt ihr vor? fragte Gertrud, weil sie schon eine Falle erschnüffelte.
Deshalb bin ich hier, sagte Heike und zupfte nervös am Saum ihres Pullovers. Mama, könnten wir vorübergehend bei dir wohnen? Bis wir genug gespart haben, vielleicht für eine eigene Eigentumswohnung.
Gertrud nahm einen Schluck Tee. Ihre Zweizimmerwohnung war schon eng, und jetzt würde eine ganze Familie mit Kleinkind und einem weiteren Kind, das im Bauch wuchs, einziehen.
Heike, wie sollen wir das alles unterbringen? Ich habe nur zwei kleine Zimmer.
Wir schaffen das schon, Mama. Hauptsache, wir sparen Geld. Wir zahlen jetzt dreizehntausend Euro Miete pro Jahr, das sind fünfhundertfünfzig Euro im Monat. Das könnte man für die Anzahlung einer eigenen Wohnung nutzen.
Gertrud stellte sich das Szenario vor: Klaus, der ständig laut im Flur telefoniert, Ute, die ständig weint und überall Spielzeug liegen lässt, die lauten Zeichentrickfilme, und Heike, die mit ihrem runden Bauch um besondere Aufmerksamkeit bittet.
Wo schläft Lena? versuchte Gertrud, ein vernünftiges Argument zu finden.
Wir stellen das Kinderbett ins große Zimmer, du bekommst das kleinere. Du brauchst nicht viel ein Sofa, einen Fernseher. Das reicht!
Heike, ich habe gerade meine Rente bekommen, ich will endlich Ruhe. Vierzig Jahre Arbeit haben mich erschöpft!
Heike seufzte, als hätte Gertrud etwas völlig Unverständliches gesagt:
Mama, was soll man mit sechzig im Alter noch Ruhe wollen? Du bist noch fit, gesund. Viele Großmütter in deinem Alter gehen aktiv mit ihren Enkeln spazieren.
Und dann hast du doch das Schrebergartenhaus. Das schöne Häuschen, das deine Mutter immer gepflegt hat. Du könntest dort leben frische Luft, Ruhe, das ist ideal für Rentner.
Auf dem Schrebergarten? wiederholte Gertrud ungläubig.
Ja, das Haus ist solide, der Garten kann bepflanzt werden, Tomaten, Gurken. Für die Gesundheit ist das gut, die Ärzte empfehlen älteren Menschen mehr Zeit im Freien.
Gertrud spürte, wie kalt ihr im Inneren wurde. Der Schrebergarten lag dreißig Kilometer von der Stadt entfernt, die Busverbindungen kamen nur morgens und abends.
Heike, aber im Winter ist es kalt. Das Heizungssystem ist Holz, du musst das Holz nachlegen.
Mama, du bist doch vom Land, das war dein Leben. Dein Opa und deine Oma haben nie etwas anderes gekannt. Im Sommer ist es schön du kannst im Garten ernten, im Wald Pilze sammeln.
Heike sprach, als biete sie ihrer Mutter einen Luxusurlaub an, nicht ein einfaches Landleben ohne Komfort.
Was ist, wenn ich zum Arzt muss? Oder zur Apotheke? Wie komme ich zum Supermarkt?
Mama, du fährst nicht jeden Tag zum Arzt. Einmal im Monat ist genug. Und du kannst viele Lebensmittel auf einmal kaufen und im großen Gefrierschrank lagern.
Und meine Freundinnen? Meine Nachbarn, mit denen ich mein ganzes Leben teile?
Telefonisch, oder sie kommen zu dir ans Schrebergarten-Haus, grille ein paar Würstchen. Das ist doch lustig!
Gertrud konnte kaum fassen, dass ihre Tochter ihr vorschlug, zur Einsiedlerin zu werden, nur um die Stadtwohnung zu räumen.
Heike, wie lange wollt ihr bei mir bleiben?
Mindestens ein Jahr, vielleicht anderthalb.
Ein Jahr oder anderthalb! Ein ganzes Jahr in einer Zweizimmerwohnung, oder alleine am Schrebergarten.
Und was sagt Klaus dazu?
Er ist dafür! rief Heike. Er meint, am Schrebergarten ist es viel besser als in der Stadt, kein Stress, keine Hektik.
Du könntest Bücher lesen oder fernsehen. Klaus hat sogar vorgeschlagen, eine Satellitenschüssel zu installieren, damit du mehr Programme hast.
Gertrud stellte sich vor, wie Klaus großzügig über ihr Wohl nachdachte, während er gemütlich auf ihrem Lieblingssofa lag, und sogar eine Sat-Anlage installieren wollte.
Denk darüber nach, Mama, drängte Heike weiter. Du hast doch nur zwei Zimmer, was sollst du allein machen? Viel Platz, aber wenig Nutzen. Wir würden uns gut einrichten, Geld sparen und endlich auf die Beine kommen.
Wann wollt ihr umziehen?
Schon morgen, wenn du willst. Wir haben kaum Sachen, die Vermieterin sucht neue Mieter und wir müssen bis Ende des Monats ausziehen. Wir haben nicht viel Zeit.
Gertrud goss sich erneut Tee ein, die Hand zitterte. Heike starrte sie eindringlich an, als würde sie fragen: Was sagst du, Mama? Weigerst du dich, deiner eigenen Tochter zu helfen, wenn sie in Not ist?
Heike, was, wenn ihr euch mit Klaus trennt? Ihr seid ja nicht offiziell verheiratet.
Was macht das schon? Wir leben seit vier Jahren zusammen, das Kind ist unser gemeinsames. Eine Heirat ändert nichts.
Und falls ihr euch trennt?
Wir werden uns nicht trennen, sagte Heike entschlossen. Und selbst wenn etwas passieren sollte, die Wohnung bleibt deine.
Gertrud kannte Klaus seit vier Jahren er wechselte ständig den Job, heute hier, morgen dort, die Freunde kamen und gingen. Heike liebte ihn wie ein junges Mädchen, bereit, alles für ihn zu tun.
Gertrud, ich habe gerade meine Rente bekommen, ich wollte ein bisschen Frieden für mich.
Was bedeutet Frieden für mich im Alter von sechzig? protestierte Heike. Das ist doch das höchste Ziel die Kinder und Enkel zu unterstützen!
Heike spielte geschickt mit den Gefühlen ihrer Mutter. Gertrud spürte, wie ihr Widerstand schmolz.
Und wenn ich Nein sage? Wenn ich dich nicht aufnehmen kann?
Heike schwieg einen Moment, dann seufzte sie schwer und legte die Hände auf ihren Bauch:
Mama, ich weiß nicht, was dann passiert. Ich würde sehr leiden. Es wäre schrecklich, wenn meine Mutter in einer Notlage ablehnt.
In ihren Worten lag eine unterschwellige Drohung: ein Bruch, ein Verlust des Kontakts zu den Enkeln.
Gertrud stellte sich vor, wie Heike all ihren Bekannten erzählt: Meine Mutter hat mir in der Not nicht geholfen!
Und dann? Wo sollen wir hin? schluchzte Heike. Mit zwei Kindern und kaum Geld. Klaus will vielleicht zu seiner Mutter ziehen, aber die hat nur ein Einzimmerapartment und mag uns nicht besonders.
Gertrud kannte die Schwiegermutter von Klaus eine schroffe, direkte Frau, die nicht viel Geduld für Fremde hatte. Heike würde dort nicht lange bleiben.
Mama, bitte hilf uns! Nur ein Jahr! Wir werden dich nicht stören, du kannst zwischendurch zum Schrebergarten fahren und der Stadt entfliehen.
Und ich muss oft dorthin fahren?
Wenn es nötig ist. Vielleicht am Wochenende kommst du in die Stadt, kaufst ein, triffst deine Freundinnen. Unter der Woche gibt es Ruhe auf dem Schrebergarten perfekt für eine ältere Person.
Gertrud nickte schließlich:
In Ordnung, aber nur ein Jahr, genau ein Jahr, und nur, wenn ihr wirklich spart und weiter nach einer eigenen Wohnung sucht.
Heike umarmte ihre Mutter überschwänglich:
Danke, Mama! Du bist die Beste! Alles wird gut, wir werden dich nicht belasten!
Und ich fahre zum Schrebergarten, wann immer ich will, ergänzte Gertrud. Das ist meine Bedingung.
Natürlich, Mama! Deine Wohnung, deine Regeln. Wir sind nur Gäste.
Eine Woche später zogen sie ein. Klaus verteilte seine Sachen in den Schränken, Ute flitzte durch die Zimmer und erkundete das neue Terrain, Heike leitete das Chaos, indem sie sagte, wo was hinkommt.
Gertrud stand mitten im Umbruch und packte ihre Tasche für den Schrebergarten, fühlte sich wie ein Ausgestoßener in ihrem eigenen Haus.
Die ersten Monate waren ein einziges Inferno. Klaus gewöhnte sich schnell, ließ den Fernseher laut laufen, telefonierte zu jeder Tageszeit, füllte den Kühlschrank mit Energydrinks und Proteinshakes. Heike verlangte immer mehr Aufmerksamkeit zu heiß, zu kalt, die Musik zu laut. Ute weinte nachts, das Spielzeug lag überall, Zeichentrickfilme liefen von morgens bis abends.
Gertrud kam einmal pro Woche in die Stadt, um Lebensmittel und Medikamente zu holen, und jedes Mal erschrak sie über das, was dort geschah. Ihre gepflegte Wohnung verwandelte sich in einen Durchgangsbereich. Auf der Küche stapelten sich ungewaschene Teller, im Bad trockneten Kinderkleider und Klaus Socken, das Lieblingssofa war mit Saft- und Keksflecken übersät.
Heike, sollen wir nicht ein bisschen aufräumen? fragte Gertrud.
Mama, wann denn? wischte Heike ab. Das Kind ist klein, ich bin erschöpft. Klaus ist den ganzen Tag müde, er braucht abends Ruhe.
Ich kann helfen, solange ich in der Stadt bin.
Nein, danke, Mama. Wir schaffen das schon. Erst das Baby, dann räumen wir auf.
Dann kam nie. Gertrud wusch das Geschirr, saugte, wischte Staub, aber beim nächsten Besuch war wieder alles im Chaos.
Auf dem Schrebergarten fühlte sie sich wie eine echte Ausgestoßene: dreißig Kilometer von der Zivilisation, der nächste Laden drei Kilometer entfernt, der Bus nur zweimal am Tag.
Die Nachbarinnen staunten:
Gerda, warum bist du jetzt das ganze Jahr hier? Du hast doch noch eine Wohnung in der Stadt.
Meine Tochter lebt hier vorübergehend, erklärte Gertrud. Sie spart für ihre eigene Wohnung.
Ach so, das ist ja sinnvoll, den jungen Leuten zu helfen.
Man kann den Nachbarn nicht erklären, dass die Wohnung von der Tochter mit ihrem Mitbewohner besetzt wurde und man höflich ins Dorf zur Gesundheit geschickt wurde.
Der Winter auf dem Schrebergarten war hart. Das Holz ging schnell aus, das Wasser musste auf dem Herd erhitzt werden. Gertrud fühlte sich wie am Ende der Welt abgeschnitten.
Ein halbes Jahr später wurde Heike Mutter des kleinen Dennis. Gertrud hoffte, dass sie nun schneller eine eigene Wohnung finden würden. Doch als sie in die Stadt kam, um ihr Enkelkind zu besuchen, sagte Heike:
Mama, mit zwei Kindern finden wir jetzt nie etwas Passendes. Wer nimmt eine Familie mit Baby? Lass uns noch ein Jahr bleiben, okay?
Gertrud begriff, dass sie von Anfang an betrogen worden war. Ein Jahr würde zu zwei werden, zwei zu drei.
Und sie soll ihre Rentenjahre auf dem verlassenen Schrebergarten ausklingen lassen? Das geht nicht!
Die Tochter und ihr Mann wurden schließlich mit Polizeieinsatz aus der Stadt geworfen, weil sie sich weigerten zu gehen. Gertrud wurde beschimpft, bedroht und verflucht.
Doch ihr war das egal, der Vertrag war für ein Jahr, und sie hielt ihn ein. Schämte sie sich vor Nachbarn und Familie? Nein! Wie das Sprichwort sagt: Wie man es legt, so liegt es.
Wie beurteilen Sie Gertruds Handeln? War es gerecht oder übertrieben? Schreiben Sie Ihre Meinung in die Kommentare und geben Sie einen Daumen nach oben.