Also, das ist doch die Mutter
Welche Zahlung ist denn überfällig? Sie irren sich bestimmt, wir haben doch gar keine Kredite Ja, die Schmidts, ja, unsere Adresse stimmt, aber Wie viel? Das kann doch nicht sein. Auf wen läuft der Kredit?, wunderte sich Anna.
Auf Andreas Schmidt, antwortete man ihr.
Ja, das ist mein Mann, aber wie konnte er? Und warum?, Anna war völlig durcheinander.
Es tut mir leid, die Stimme wurde sanfter, aber es gelten die gleichen Regeln für alle: Frist verpasst, heute Mahnung, dann folgen weitere Schritte.
Anne konnte sich später nicht mehr erinnern, wie sie ins Wohnzimmer ging und vorm Computer saß: Der Schock hatte sie wohl taumeln lassen. Nein, sie musste erst einmal selbst herausfinden, woher die Schuld eigentlich kam.
Sie hatte nie eine Kreditkarte ihres Mannes gesehen, das Geld war also nicht für die Familie aufgenommen worden. Was geschah hier nur? An Arbeit war nicht mehr zu denken, ihre Gedanken kreisten nur noch um das sonderbare Telefonat. Anna konnte es kaum abwarten, bis Andreas am Abend nach Hause kam.
Für wen ist das Geld? Wer hat dich gebeten, einen Kredit aufzunehmen?!
Ich war zu langsam, sie haben doch angerufen, knurrte er gereizt. Dann, als ihm auffiel, was er gesagt hatte, schnappte er zurück: Was starrst du so? Die Mutter braucht Geld, die Mutter. Sie lebt allein
Wofür denn eine so große Summe? Wir kommen doch mit weniger aus, und wir arbeiten beide!
Für den Urlaub, klar?
Will sie etwa nach Dubai oder auf die Seychellen?
Mama hat mich allein aufgezogen, sie hat es verdient. Von dir hätte ich so etwas nicht erwartet
Andreas stapfte beleidigt ins Zimmer, plumpste ins Sofa und drehte sich demonstrativ zur Wand. So reagierte er immer, wenn er Druck auf seine Frau ausüben wollte. Doch diesmal brachte seine Show als beleidigtes Kind nicht das gewünschte Ergebnis.
Anna schwieg einfach. Sie hatte schon genug von der Schwiegermutter in ihrem Leben. Hannelore Schmidt hatte immer nur gefordert. Das hatte schon beim ersten Treffen begonnen, als Hannelore beim Anblick der Ohrringe der Braut die Hände zusammenschlug und fragte, ob das Echtschmuck oder nur Modeschmuck sei.
Als sie hörte, dass Anna nur echten Schmuck trug, schüttelte sie gleich den Kopf:
Warum so viel Geld dafür ausgeben? Da hätte man etwas Nützliches für den Haushalt kaufen können…
Es war ein Geschenk, Anna war von der Reaktion peinlich berührt.
Ach so, dann ist es ja gut, gab sich die zukünftige Schwiegermutter zufrieden.
Eine Woche später bat Andreas sie peinlich berührt, die Ohrringe nicht mehr zu tragen, wenn man zur Mutter ging. Diese sei zu traurig, weil sie sich solche nicht leisten könne und er könne ihr leider keine schenken.
Schon damals fand Anna das Verhalten merkwürdig. Doch frisch verliebt verdrängte sie die Gedanken. Dann die Hochzeit: Hannelore in eleganter Garderobe, ein tolles Geschenk das sie angeblich persönlich ausgesucht hatte. Später erfuhr Anna zufällig, dass alles Andreas bezahlt hatte; sonst wäre Hannelore gar nicht erst auf die Hochzeit gekommen.
Danach ging es weiter: die Mutter verlangte mal einen neuen Fernseher wie ihre Freundin, ein spezieller Föhn wie die Schwester, dann die Bezahlung teurer Kosmetikstudios und Behandlungen alles eilig, sofort. Andernfalls begann Hannelore zu weinen, klagte über ihr Befinden, sobald sie glaubte, ihre Wünsche könnten sich in Luft auflösen. Andreas konnte die Tränen der Mutter nicht ertragen und raste los, um alles zu erfüllen:
Es ist halt meine Mutter wie könnte ich anders!
Doch nun gab es eine eigene Familie für sie reichte das Geld kaum noch. Anna fragte sich: Wie können sie beide berufstätig sein und trotzdem fehlen die Mittel für das Nötigste? Auf alle Fragen zu den Finanzen zuckte Andreas nur mit den Schultern:
Anna, du hast das Haushalten eben nie gelernt. Davon könntest du mal was von meiner Mutter lernen
Nur, Anna wollte von Hannelore nichts lernen: Ihr war der Typus Mutter zu vertraut und sie hielt lieber Abstand von solchen Charakteren.
Und nun der Höhepunkt: Für den Urlaub der Mutter hatte Andreas eine Summe geliehen, mit der man drei Monatsraten des Wohnkredits hätten tilgen, die Wohnung mit Designer-Möbeln füllen und noch in einem der besten Restaurants der Stadt feiern hätte können.
Andreas verbringt sein Leben mit Mama alles und immer. Anna hätte sich fast noch damit abgefunden es ist eben seine Mutter, und sie selbst würde für ihre Mutter auch viel tun. Aber so, heimlich, ohne ein Wort Falls etwas passierte, hätte der Kredit an ihr gehangen! Und Hannelore wäre wieder außen vor gewesen.
Es war Zeit für ein ernstes Gespräch. Andreas musste sich entscheiden, was ihm wichtiger war. Oder er sollte seiner Mutter mal erklären, dass ihr Appetit Grenzen brauchen würde. Doch zum Gespräch kam es nicht: Andreas wurde wütend, beschuldigte Anna der Kälte und Berechnung:
Ich habe den Kredit doch abgelöst, zahle alles zurück, und du nervst! Wie lang soll das noch so gehen! Mama will halt kein billiges Sanatorium, sie will erste Klasse. Und das ist richtig! Sie hat mir das Leben geschenkt. Und ich kann ihr keinen schönen Urlaub bieten?!
Aber ihre Wünsche sind doch für uns unerschwinglich! Vielleicht sollte ihr das mal jemand sagen?
Besser, ich erkläre dir etwas: Meine Mutter das ist ein Heiliger Mensch
Anna begriff: Für Andreas würde sich nichts ändern. Die Schwiegermutter beneidete sie um ihren Sohn schließlich rief sie jeden Tag an, bettelte Ilias zu ihr zu kommen, sie vermisse ihn doch so sehr Und er ließ alles stehen und liegen, fuhr ans andere Ende von München Mama ruft!
Ohne Versöhnung gingen die Schmidts am nächsten Tag zur Arbeit. Gegen Mittag wurde Anna ganz schwindelig.
Besorgte Kolleginnen bestanden auf einen Arztbesuch. Dort erfuhr Anna: Sie erwartet ein Kind. Wie sollte sie diese Nachricht dem werdenden Vater vorenthalten? Das war doch endlich ein triftiger Grund, das Familienbudget zu überdenken.
Doch die Freude war zu früh: Andreas jammerte, er habe damit nicht gerechnet, bat inständig, das Kind nicht zu bekommen. Kurz darauf rief auch Hannelore an sie bat nicht, sie forderte:
Ich will nicht Oma werden! Was fällt dir ein, mich binden zu wollen? Du hältst Andreas eh nicht
Wie meinen Sie das? Wo soll er denn hin?
Ach weißt du, ich kenne meinen Sohn er sucht schon lange einen Grund, dich zu verlassen, glaub mir. Tu, was er sagt, Alimente bekommst du sowieso nicht
Vor Annas Augen wurde alles dunkel. Sie kam erst im Krankenhaus wieder zu sich.
Anna, endlich wach, hörte sie die vertraute Stimme. Neben dem Bett saß Frau Professor Stein, Ärztin und Nachbarin von Hannelore.
Frau Professor, ich wusste gar nicht, dass Sie hier arbeiten
Besser, du wüsstest es nicht!, schmunzelte diese. Sie dachten schon, man müsste wählen: du oder das Baby.
Was?!
Beruhig dich, es ist alles in Ordnung. Aber sag mal, was ist los, dass es dich so umgehauen hat?
Als sie die Geschichte hörte, wurde sie nachdenklich. Dann riet sie Anna:
Verlass die Familie Andreas wird sich nie ändern, und seine Mutter wird alle Frauen vergraulen. Hannelore hat ihren Mann ins Grab gefordert: immer mehr, immer sofort, er ist an Arbeit zugrunde gegangen. Andreas ist wie er, widerspricht der Mutter nie.
Aber er hat doch geheiratet
Wunder mich auch. Weißt du, wie viele Frauen beim ersten Hannelore-Besuch geflüchtet sind? Du hast die Wahl. Und wie steht er eigentlich zum Vatersein?
Nachdem sie Annas Antwort hörte, murmelte Frau Stein etwas Unfreundliches über Muttersöhnchen. Wie ein Zauberspruch wirkte es: Anna wachte auf und wusste sie schafft das auch allein. Andreas hatte seine Entscheidung ohnehin längst getroffen.
Kaum hatte Anna ihre Arbeit wieder aufgenommen, reichte sie die Scheidung ein. Andreas forderte die Ehe nicht mehr zurück. Dass sie das Kind behielt, sagte sie ihm nicht.
Ein Jahr nach ihrer Freiheit schlenderte Anna mit ihrer Tochter durch den Park am Flaucher.
Was für ein Zufall, erklang plötzlich jene Stimme, die sie längst vergessen wollte. Warum lässt du mich meine Enkelin nicht sehen?
Weil das nicht Ihre Enkelin ist, antwortete Anna ruhig. Das andere Kind so wie Sie und Andreas es wollten, kam nicht auf die Welt. Dies ist mein, und nur mein Mädchen. Ihre Oma hat sie schon.
Aber wie kannst du nur
Doch. Und wenn Ihnen der Oma-Status so wichtig ist, suchen Sie doch Ihrem Sohn eine passende Frau.
Mit einem Lächeln auf den Lippen spazierte Anna weiter die Beschimpfungen der Schwiegermutter wehten wie Herbstlaub hinter ihr her. Sie wusste, sie hatte rechtzeitig alles hinter sich gelassen: den abhängigen Mann, die selbstsüchtige Schwiegermutter und alles richtig gemacht.