– Hättest du nur gewusst, womit meine Schwester in Berlin beschäftigt ist, würde ich sie gar nicht erst erwähnen. Und ganz sicher nicht damit protzen.

Meine Tochter ist ja ein echtes Wunderkind! prahlte Karin, während sie den Nachbarn nach der Tür rief. In der Klausur hat sie überall die Höchstnote 1+ gekriegt! Und nebenbei schuftet sie noch, ohne auch nur einen Pfennig zu verlangen!

Da wird mir ja ganz grün vor Neid, Karin! Meine Kinder können nur ums Geld betteln, jammerte ihre Nachbarin, während sie mit den Händen in der Luft fuchtelte. Und sie wollen gar nicht mehr lernen. Meine Miri sagt, sie will gleich nach dem Studium heiraten, damit ihr Mann alles bezahlt. Und mein Sohn ach! die Frau schüttelte die Hände, ganz verzweifelt über ihr NachwuchsChaos. Deine Liselotte ist doch ein Vorbild, sie will mit Verstand durchs Leben gehen.

Ja, klar, murmelte Michael leise zu sich, während er ein paar Schritte von den Tratschenden entfernt stand. Eigentlich wollte er jetzt nach Hause, aber seine Mutter hatte noch nicht alle Läden abgeklappert. Und weil sein Vater gerade im Urlaub war, trug er heute das Ehrenamt des Taschen­trägers. Wenn du wüsstest, was meine Schwester in Berlin so treibt, würdest du gar nicht erst hierher kommen und rumtratschen, dachte er.

Hast du was gesagt? fragte Karin missmutig und blickte zu dem brummenden Jungen. Er schien kaum fünf Minuten warten zu können, doch die Frau hatte noch nicht alles erzählt.

Ja, Mama, plapperte Michael. Morgen muss ich noch ein Referat halten und einen Aufsatz schreiben. Vielleicht kannst du das nächste Mal von deinen Erfolgen erzählen? erwiderte er ganz gelassen.

Ach du meine Güte, du und dein Vater! Immer müssen wir reden! seufzte die Frau und ließ ihn weiterziehen.

Michael zuckte mit den Schultern, sah das erleichterte Lächeln der Nachbarn und merkte, dass sie gar nicht mehr so froh waren, im Blickfeld einer liebevollen Mama zu stehen. Karin drehte nur noch das Rad, um immer wieder von ihrer Tochter zu schwärmen, und tat das mit so einem Stolz, als wäre Liselotte das leuchtende Ideal, nach dem sich jeder richten müsste.

Doch nur er kannte die Wahrheit. Er schwieg, weil er seine Mutter nicht beunruhigen wollte

Ist hier eigentlich Anneliese Müller wohnt? warf eine schnippische Stimme hinter den beiden Männern, die gerade vorbeigingen. Zwei Herren im Anzug standen daneben und schenkten dem Aufruhr keinen Beifall.

Meine Tochter studiert gerade in Berlin, antwortete Karin stolz. Was wollen Sie von ihr?

In Berlin studieren? Liselotte? Ernsthaft? lachte der Fremde höhnisch. Sie ist nach der ersten Vorlesungswoche weggelaufen. Hat keine einzige Prüfung bestanden, weil sie lieber auf der Suche nach einem Freund war.

Wie können Sie es wagen, meine Tochter zu beschmutzen? Ich werde Sie wegen Verleumdung verklagen! schnappte Karin, als plötzlich ein Geräusch hinter der Tür zu hören war. Sie hielt inne, weil es bedeutete, die Ungeduld der Fremden zu bestätigen. Doch sie wollte nicht noch mehr Aufsehen erregen.

Bitte, gehen Sie, stoppte Michael das Gespräch, wir brauchen keinen Grund für neue Gerüchte. Mama, lass sie rein.

Aber, Michael!

Lass sie rein.

Jetzt wirkte Michael, obwohl erst 16, schon fast ein Familienoberhaupt ernst, aber leicht nervös. Er führte die Gäste ins Wohnzimmer, winkte mit der Hand, damit sie sich aufs Sofa setzen konnten. Die Dame setzte sich lieber in den Sessel weiter hinten, während die beiden Männer im Stehen blieben.

Michael! Wie kannst du sie hier reinlassen? Hast du gehört, was über Liselotte gesagt wurde?

Ja, hab ich. Deshalb ließ ich sie rein, schnappte er zurück, leicht gereizt. Solange sein Vater unterwegs war, lag die Verantwortung bei ihm, den Schaden zu begrenzen.

Du weißt ja besser, wo deine Schwester gerade ist, provozierte die Frau. Vielleicht hast du ja eine Ahnung?

In Berlin, grinste Michael. Sie lebt nicht in einem Studentenwohnheim, sondern in einer Mietwohnung, die ihr Mann bezahlt. Und ja, ihr Mann heißt nicht Gregor, sondern ist etwa zwanzig Jahre älter als sie, hat drei erwachsene Kinder und ist unfassbar reich.

Heißt ihr Mann zufällig nicht Gregor? fragte die Frau spöttisch.

Sie meinen wohl meine Schwester, nicht?, räusperte sich Michael. Meine Schwester ist es leid, dass ihr Bruder überall herumspaziert. Gregor hat eine wunderbare Frau und eine Tochter, die Partner meines Geschäftspartners ist. Und er findet es furchtbar, wenn fremde Frauen um seinen Mann herumschleichen er würde gleich die Scheidung einreichen.

Das darf man nicht zulassen, oder?, hakte die Frau nach.

Kluger Junge, schnurrte sie. Weißt du, wo deine ungezogene Schwester gerade ist?

Ich weiß es nicht, aber ihre Freundin könnte Bescheid wissen. Ich kann sie kontaktieren, aber erst will ich eure Pläne hören, sagte Michael. Ich habe ja nur eine Schwester, versteht ihr?

Michael, was bedeutet das alles? Wer ist dieser Gregor? Welche Mietwohnung? Was ist mit meiner Tochter passiert? fragte Karin, das Gesicht veränderte sich schlagartig.

Michael sprang in das Bad, wo seine Mutter ihre Tabletten aufbewahrte. Soll ich den Notarzt rufen? fragte die Dame ein wenig entschuldigend.

Natürlich ruf ich den Notarzt!, sagte Michael und griff nach dem Telefon. Innerhalb von fünf Minuten sollte die Krankenschwester Eva eintreffen sie war gleich um die Ecke.

Michael woher weißt du das alles?, fragte Karin verzweifelt. Meine Tochter ist doch nur wie soll ich jetzt damit umgehen?

Erinnere dich, als Liselotte das letzte Mal zu uns kam, war ihr Handy kaputt. Sie hat dann meinen Laptop benutzt, um mit ihrer Freundin zu chatten, und ich habe zufällig ihren Chat gelesen. Sie hat nichts verheimlicht, sie bat nur, dass du nichts sagst.

Michael fühlte wirklich mit seiner Mutter mit. Sie war ein nettes, gutherziges Mädchen, aber ihr einziges Laster war das ständige Prahlen mit den Erfolgen ihrer Kinder. Auch er errötete jedes Mal, wenn seine Mutter allen begeisterten das Zimmer, die Urkunde und die Medaille vorhielt.

Später, als Karin auf dem Krankenbett lag und von den Ärzten betreut wurde, kehrte Michael zu den Gästen zurück. Er war neugierig, was die Frau nun mit seiner Schwester vorhatte.

Was wollen Sie also tun?

Nichts Besonderes. Ich gebe Geld und stelle ein paar Kontakte her natürlich unverheiratete, denn das ist das Wichtigste. Wenn sie klüger ist, findet sie leicht einen geeigneten Mann.

Okay, ich überlege, seufzte Michael, weil er die unangenehme Unterhaltung schon kommen spürte. Die Freundin seiner Schwester sei nämlich ziemlich dreist und bösartig. Jetzt kam die perfekte Ausrede: Gut abgeschlossene Prüfungen. Vielleicht wollte sein Bruder seiner Schwester ein Geschenk machen? Und weil er so weit weg wohnte, könnte nur ein Kurier helfen.

Hier, bitte nehmen Sie das, reichte Michael das Blatt. Ich hoffe, Sie halten Ihr Wort.

Keine Sorge, das schaffst du schon.

Als sie das Haus verließen, rief die Frau laut, fast für die Nachbarn, die lauschten: Entschuldigung, dass wir Sie gestört haben, aber so ein Gespräch ohne Fremde ist unmöglich. Ich hoffe, es entstehen keine bösen Gerüchte. Und falls etwas ist, entschuldige ich mich persönlich bei Liselotte. Aber ich glaube, bei uns gibt es nette Leute, die nicht tratschen.

Die Gerüchte machten die Runde, doch sie waren kaum das Wort wert. Karin schnappte sofort danach, dass niemand ihren Namen mehr schlechtmachen dürfe. Das Prahlen hörte sie wenig länger auf und sie verließ das Haus seltener.

Michael besprach das Ganze mit seinem Vater, und sie entschieden gemeinsam, umzuziehen. Karin schämte sich, den Nachbarn in die Augen zu sehen, weil sie die ganze Zeit über sie gelogen hatte.

Eines sonnigen Tages zog die Familie um wie Michael den neugierigen Nachbarn erzählte: Wir ziehen nach Berlin, näher zu Liselotte. Dort gibts gute Ärzte, und Mama fühlt sich in letzter Zeit nicht mehr so fit. Liselotte kam nie mehr zurück, sie hatte erfolgreich geheiratet und die Familie völlig vergessen

Also, wenn du das nächste Mal jemanden hörst, der prahlt, denk dran: Hinter jedem Lächeln steckt oft noch ein kleines Drama. Bis bald, du!

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