Katharina sitzt nun schon seit zwei Stunden im Wartezimmer bei Oma Nina. Diese Heilerin gilt als ihre letzte Hoffnung. Seit mehreren Jahren versucht die junge Frau vergeblich, ein Kind auszutragen – aus unerklärlichen Gründen bleibt ihr jedes Mal das Mutterglück verwehrt.

Weißt du, ich muss dir unbedingt erzählen, was letztens bei meiner Freundin Annemarie los war. Sie saß nämlich schon das zweite Mal in diesem Jahr für Stunden im Wartezimmer der alten Heilerin Frau Gertrud in einem winzigen Dorf irgendwo im Bayerischen Wald. Und glaub mir, das war wirklich ihr letzter Strohhalm, nachdem die Ärzte in München sie einfach nicht weiterbringen konnten.

Seit Jahren schon versucht Annemarie, schwanger zu werden, aber irgendetwas schien sie einfach daran zu hindern. Neulich erst meinte ihre Frauenärztin so richtig ratlos: Ehrlich, Annemarie, Ihre Werte sind absolut in Ordnung. Es gibt nichts, was medizinisch dagegen spricht. Und Annemarie wurde fast verrückt: Aber irgendwas muss es doch geben! Wenn alles gut ist, warum klappt es dann nicht mit dem Kind? Die Ärztin schüttelte nur den Kopf. Ich verstehe es nicht. Medizinisch sind mir die Hände gebunden. Vielleicht gehen Sie mal in die Kirche und zünden eine Kerze an.

Du kennst Annemarie und ihren Mann Martin sie sind jetzt fünf Jahre verheiratet, haben ein wunderschönes Häuschen bei Augsburg, gute Jobs und so richtig viel Liebe. Nur das Lachen von Kindern fehlt. Irgendwann hatte Annemarie schon das Gefühl, sie und Martin stünden unter einem Fluch, und nach dem Gespräch mit der Ärztin war sie sich fast sicher.

Eine Freundin gab ihr dann lachend einen Zettel: Geh zur Frau Gertrud, die weiß Bescheid mit sowas. Je früher, desto besser! Also saß Annemarie jetzt bibbernd in dem kleinen Vorzimmer und wartete auf ihren Aufruf. Drinnen roch es nach altem Holz und getrockneten Kräutern. Statt der gruseligen Hexe, die sie sich vorgestellt hatte, saß da eine zierliche, liebe Omi mit weißem Kopftuch und buntem Kleid. Komm, mein Kind, setz dich neben das Christusbild, sagte Gertrud ganz warmherzig.

Annemarie fing noch im Türrahmen an zu heulen. Ich weiß schon, warum du hier bist. Ich werde dir helfen, so weit ich kann, murmelte die Alte und ließ Annemarie auf einem Sessel neben der Marienikone Platz nehmen. Sie murmelte Gebete, ging mit einer Kerze um Annemarie herum das dauerte keine zwanzig Minuten.

Schließlich setzte sich Frau Gertrud ihr gegenüber, drückte Annemaries Hand. Du wirst so kein Kind bekommen. Seit deiner Kindheit trägt deine Seele eine schwere Last ein Fluch muss gebrochen werden. Annemarie war total geschockt: Wie Fluch? Wer sollte mich denn verflucht haben? Ich tue doch niemandem was zuleide Nicht du. Aber deine Mutter hat etwas Schlimmes getan und jetzt zahlst du für ihre Fehler, erklärte die Heilerin.

Annemarie fühlte sich vollkommen unfair behandelt: Aber meine Mutter ist seit Jahren tot! Warum muss ich für ihre Sünden büßen? Das ist das Gesetz des Universums, Kind. Gegen manche Dinge kann kein Mensch etwas ausrichten. Können Sie mir helfen? schluchzte Annemarie. Frau Gertrud schüttelte den Kopf: Nein. Dabei kann nur Buße und Gebet helfen. Finde heraus, was deine Mutter getan hat, und sühne, wenn du kannst.

Draußen auf dem Parkplatz rief Annemarie Martin an. Martin? Sag bitte nichts, aber ich muss zu Tante Dorothea fahren. Es ist dringend. Erkläre ich dir später. Dann setzte sie sich ins Auto und fuhr ins alte Familienhaus auf dem Land.

Tante Dorothea begrüßte sie wie immer herzlich: Annemarie, warum sagst du denn nicht Bescheid, dann hätte ich gerade noch Kuchen gebacken! Tante, ich brauche deine Ehrlichkeit. Was hat meine Mutter gemacht? Für welche Schuld muss ich büßen? Dorothea tat erst überrascht, aber dann erzählte sie, dass Annemaries Mutter, Margarethe, früher das hübscheste Mädchen im ganzen Dorf war. Jeder Bursche wollte sie heiraten, aber sie verliebte sich ausgerechnet in einen bereits verheirateten Mann. Margarethe spannte dem Mann seine Ehefrau aus ließ deren Ehe kalt auseinandergehen. Die Frau, Maria, blieb mit ihrem Baby-Sohn allein zurück.

Maria war fertig mit den Nerven. Sie flehte Margarethe auf Knien an, ihr den Mann zurückzugeben. Aber Annemaries Mutter lachte sie nur aus und schickte sie brutal fort. Da wollte Maria in ihrer Verzweiflung Margarethe und ihre noch ungeborenen Kinder verfluchen

Annemarie war völlig geschockt: Und was war dann? Dorothea seufzte schwer: Margarethe heiratete ihren Geliebten, dann wurdest du geboren. Aber beide Eltern starben recht früh, und seitdem läuft in unserer Familie alles schief Und jetzt kannst du keine Kinder bekommen, seufzte Dorothea. Willst du Maria um Verzeihung bitten? Dann musst du erstmal ihren Sohn finden. Maria lebt schon lange nicht mehr hier, und ihr Sohn Thomas das ist eigentlich dein Halbbruder ist auch nicht glücklich geworden. Nach Marias Zusammenbruch kam er ins Heim. Jahre später fand man ihn mit erfrorenen Füßen im Schnee, seitdem sitzt er im Rollstuhl.

Für Annemarie war das alles wie ein Schlag. Sie bestand darauf, Thomas zu besuchen, obwohl Dorothea sie warnte: Der trinkt und ist immer schlecht drauf. Lass es lieber sein. Aber Annemarie ließ nicht locker.

Sie fanden Thomas in einem baufälligen Holzhaus am Dorfrand. Kein Strom, alles roch nach Schnaps und kaltem Zigarettenqualm. Auf dem Tisch lag eine schneeweiße Katze zusammengerollt wie ein flauschiger Ball das einzige Licht in dem finsteren Raum. Was willst du? knurrte Thomas, als Annemarie eintrat. Wenn du von der Fürsorge bist vergiss es!

Annemarie erklärte, sie sei seine Halbschwester. Prima, nuschelte er, Und? Willst du was erben? Annemarie schüttelte den Kopf. Ich will mich entschuldigen und helfen. Thomas kam ins Lachen, sehr bitter. Hast du vielleicht einen Hunderter? Ohne zu zögern legte Annemarie fünf Hunderter auf den Tisch in Euro, natürlich. Danke, ab jetzt bist du entschuldigt. Und falls du noch mal eine Runde Buße brauchst, du weißt, wo du mich findest.

Annemarie schlug sogar vor, ihn zum Arzt zu bringen und Medikamente zu besorgen. Nee, brauch ich nicht. Geh schon, ich will meine Ruhe. Sie verließ das Haus, Tränen liefen ihr übers Gesicht.

Zurück bei Dorothea wollten alle, dass sie über Nacht bleibt, aber Annemarie fuhr zurück in die Stadt sie brauchte dringend Zeit, um nachzudenken. Die ganze Woche ging ihr das Bild von Thomas nicht mehr aus dem Kopf ganz allein, verbittert, niemanden hat er mehr.

Schließlich ging Annemarie in die Kirche, zündete eine Kerze an und betete für sich, für Thomas, für alle, gegen die sie je einen Groll empfunden hatte. Nach der Messe sprach sie noch mit dem Pfarrer. Er hörte sich ihre Geschichte an und meinte: Du hast bei dieser Kräuterfrau nur teilweise den richtigen Rat erhalten. Du musst nicht für die Fehler deiner Eltern bezahlen. Aber für andere zu beten, das ist wirklich das Wichtigste.

Annemarie fragte, ob sie Thomas zu sich holen und ihm helfen sollte, aber sie hatte Angst, Martin würde es nicht verstehen. Hör auf dein Herz, sagte der Pfarrer einfach.

Also fuhr sie am nächsten Tag wieder zu Thomas. Der war nüchtern und schlecht gelaunt. Was willst du schon wieder, gibst du mir Geld? Nein. Pack deine Sachen, du kommst mit. Ich halte es nicht aus, dich so zu sehen. Ich bin deine Schwester, und du gehörst zur Familie. Thomas schaute sie an, wusste erst nicht, was er sagen sollte. Und meine Katze? Na klar kommt Schneeflocke mit! grinste Annemarie.

Drei Monate später hatte sich Thomas völlig eingelebt. Er war wieder freundlich, lernte am Computer und informierte sich sogar über Programmierer-Ausbildungen. Weißt du, Annemarie, morgen kommt endlich der Spezialist aus Hamburg, bringt die Prothese. Vielleicht kannst du bald wieder laufen! meinte Martin eines Abends zu ihm.

Halbes Jahr später standen Martin und Thomas gemeinsam vor dem Fenster der Geburtsklinik in Augsburg Annemarie zeigte strahlend zwei kleine Mädchen durch die Scheibe. Bald ist was los bei uns, Onkel!, lachte Martin. Und Thomas lachte erstmals wieder mit: Auf gehts, wir kriegen das hin!Und während draußen ein sanfter Sommerregen auf die Fensterscheiben trommelte, hielt Annemarie ihre Zwillinge fest im Arm das Glück, von dem sie so lange geträumt hatte, endlich in ihrem Leben angekommen. Thomas, dem immer noch manchmal die Unsicherheit im Gesicht stand, schaute voller Staunen auf die winzigen Hände seiner Nichten. Schneeflocke, die Katze, schlummerte zufrieden zusammengerollt auf einem Kissen am Fensterbrett.

Später an diesem Abend, als alle in ihrem neuen Zuhause um den Tisch saßen, blickte Annemarie lächelnd in die Runde. Sie dachte an Frau Gertrud, an Dorotheas warme Umarmung, an das leise Flackern der Kirchenkerze an all das, was sie auf dem Weg hierher getragen hatte. Und sie wusste plötzlich: Der Zauber der Vergebung war größer als jeder Fluch der Vergangenheit.

Martin nahm ihre Hand, Thomas erzählte schüchtern die ersten Scherze und die Babys brabbelten im Hintergrund. Für einen Moment fühlte Annemarie, dass alles möglich war, solange man ein offenes Herz und genügend Mut besaß, sich den Schatten der Geschichte zu stellen.

Später flüsterte sie Martin zu: Weißt du, ich glaube, manchmal braucht es Umwege, damit am Ende alle ihren Platz finden. Martin lächelte nur, und draußen brach am Horizont die Abendsonne durch die Wolken ein zarter goldener Streifen Hoffnung, der all die alten Geschichten in neuem Licht erscheinen ließ.

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