Also, ihr gebt mich zurück ins Kinderheim? Tante hat gesagt, ihr habt mich zu schnell genommen, weil ihr noch nicht wusstet, dass ein Baby kommt. Und ich gehöre nicht zu euch
Anna stand am Herd und briet Pfannkuchen. Bald würde ihr Mann von der Arbeit nach Hause kommen, und die ganze Familie würde zusammen zu Abend essen.
Komisch, dass Lukas heute so still in seinem Zimmer spielt. Normalerweise, wenn Anna die LieblingsPfannkuchen brät, dreht sich ihr kleiner Sohn gleich daneben, schaut ihr in die Augen und fragt:
Mama, noch einen Pfannkuchen?
Anna gibt ihm einen. Lukas wirkt erst satt, doch gleich danach kommt er wieder und streckt mit sichtlicher Freude jede Falte des Papiers, während er fragt:
Maamama, noch einen?
Anna erkennt sofort: Lukas ist schon genug gegessen, er will nur immer wieder dieses warme, wunderbare Wort Mama hören. Früher hat Anna das Pfannenwenderchen beiseitegelegt und ihren fünf Jahre alten Sohn hochgehoben, weil er noch nicht schwer war. Sie sagte: Komm, mein Kleiner, wir holen Papa von der Arbeit ab.
Und Lukas jubelte jedes Mal:
Ja, Mama, wir holen Papa!
In seinen Augen funkelte Begeisterung. Er hatte nie vorher Mama und Papa gehabt, jetzt schon.
Lukas hat jetzt ein eigenes Zimmer und ein eigenes Bett. An der Wand hängt eine SportSpielwand mit Schaukeln sein Vater hat sie gekauft. Außerdem gibt es Autos, einen Roboter, einen Bausatz und jede Menge Spielzeug, alles nur für ihn, Lukas, und niemand sonst. Abends liest Anna ihm Geschichten vor, streichelt ihm den Kopf und sagt, dass sie ihn liebt. Lukas ist fast ganz von dieser Liebe erfüllt und hat fast vergessen, was vorher war.
Anna wollte ihren Sohn rufen, doch plötzlich drückte das Kleine ihr in den Bauch.
Anna legte die Hand darauf und das Mädchen drückte noch einmal.
Gott, Anna betet jeden Tag für dieses unerwartete Geschenk, damit alles gut bleibt. Sie haben schon einen Namen für das Mädchen: Thomas hat gesagt, sie soll Hannelore heißen. Der Mann nennt seine Mutter Kerstin.
Man hat Anna gesagt, sie könne keine eigenen Kinder bekommen, also hätten Thomas und Lukas das Kind ins Kinderheim gebracht, und nach einem Jahr, jetzt, kommt das Baby.
Anna ist abgelenkt und vergaß fast, den Pfannkuchen zu wenden. Sie ruft:
Lukas, mein Sohn, beeil dich, warum bist du heute so still?
Doch es bleibt still. Hört er nicht?
Anna schaltet den Herd aus und geht zum Kinderzimmer.
Seltsam, das Licht im Zimmer ist aus wo ist Lukas?
Plötzlich hört man ein Geräusch. Anna schaltet das Licht an und sieht Lukas: Er sitzt auf dem Sofa, trägt eine Jacke und eine Mütze. In seiner Hand ein Rucksack, voll mit seinen Lieblingsautos.
Was machst du da im Dunkeln? staunt Anna und lächelt, Komm, steh auf und zieh dich an, hast du eine Reise geplant? Lass uns deine LieblingsPfannkuchen mit Sahne und Kondensmilch essen, bitte, Lukas, warum bist du so?
Lukas lächelt nicht, starrt in die Ferne mit erwachsenen Augen und fragt plötzlich:
Darf ich meine Spielsachen mitnehmen? Sie brauchen ja keine Autos mehr?
Was sagst du da, Lukas, was ist los, mein Kleiner? Wohin willst du? diese Worte lassen Annas Hände sinken. Ist sie eine schlechte Mutter? Fühlt Lukas ihre Liebe nicht? Vielleicht ist er eifersüchtig, weil bald eine Schwester kommt? Seltsamerweise hat er erst gestern noch so freudig gestrahlt.
Also, ihr gebt mich zurück ins Kinderheim? Tante hat gesagt, ihr habt mich zu schnell genommen, weil ihr nicht wusstet, dass ein Baby kommt. Und ich gehöre nicht zu euch
Lukas Augen sind feucht, er hält sich kaum, blickt zur Seite.
Lukas, mein Sohn, was sagst du? Welche Tante? da erinnert sich Anna an das Gespräch mit der Nachbarin neulich. Sie beginnt zu sagen, Gott sei dank, das Kind kommt bald, und schiebt dabei ein Lächeln, während sie mit den Augen zu Lukas zeigt. Ihr seid zu schnell gewesen, meine Kleine, zu schnell!
Anna ist sich sicher, Lukas hat noch nichts verstanden. Sie verabschiedet sich kurz mit der ungeschickten Nachbarin, ohne Streit mit dem Sohn zu beginnen. Und Lukas, er hat doch alles mitbekommen.
Plötzlich denkt er, er sei fremd, ganz allein.
Anna umarmt den Jungen schnell, er stößt sie zuerst weg, dann lehnt er sich an sie und weint.
Mein Schatz, du verstehst nicht, diese Tante weiß nichts, wir lieben dich mit Papa ganz fest und geben dich nie her!
Anna zieht ihm die Mütze und Jacke aus, und sie sitzen still, verschlungen auf dem Sofa.
Als Hannelore geboren wird, regeln Lukas und Papa das Haus allein, dann fahren sie zu Mama und der kleinen Schwester.
Lukas macht sich Sorgen, er könnte seiner Schwester nicht gefallen.
Doch als er das winzige Mäulchen sieht, lächelt er sanft. Mama, wo soll sie hin, so klein, ohne großen Bruder? Ich zeige ihr, wie man mit den Autos spielt, das wird Spaß machen!
Jetzt lässt Lukas seine Schwester nie los, wartet darauf, dass sie größer wird, und die Eltern stellen Hannelore ins Zimmer zu ihm.
Zurzeit ist er Mamas erster Helfer
Am Abend ruft Mama ihn: Lukas, ich habe Hannelore fertig, wir gehen schnell Papa von der Arbeit abholen. Lukas steht schon angezogen im Flur: Mama, ich halte die Tür, bring die Wiege raus!
Sie fahren mit dem Aufzug nach unten, und plötzlich tritt dieselbe Frau ins Treppenhaus.
Lukas packt Mamas Hand fester, als wäre er ganz aufgeregt.
Lukas, du bist groß, hilf der Tante, ruf den Aufzug, ihre Taschen sind schwer.
Klar, Mama! Lukas wirft der Frau ein stolzes Lächeln zu, ruft den Aufzug und läuft ihr nach.
Morgen ist Wochenende, und die ganze Familie geht in den Berliner Tierpark. Schade, Hannelore ist noch klein, aber bald wird sie groß genug, um zusammen Karussell zu fahren. Und Lukas, als großer Bruder, hält sie fest, falls sie Angst hat. Sie bleiben Bruder und Schwester für immer!
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