Die steinerne Frau
Hannelore Behringer wurde im Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht, aufgesammelt von der Straße. Sie war gestürzt, direkt in den ekelhaft nassen, kalten Matsch. Die Helfer setzten die weiche, schwere Frau in den Wagen und brachten sie in die Notaufnahme.
Eine große, kräftige Frau im dunkelgrauen Hosenanzug, modischen Stiefeletten mit kleinem Absatz, dezent geschminkt so, dass ihre leicht hervorstehenden Augen und die volleren Lippen zur Geltung kamen , schwere Ohrstecker mit Steinen in den Ohrläppchen, eine dicke Ledertasche auf den Knien: So rollte Hannelore Behringer im Rollstuhl in die Notaufnahme. Flach liegen wollte sie auf keinen Fall und als sie sich etwas gefangen hatte, fuhr sie den Krankenwagenfahrer an, weil er nach Zigarettenrauch stank, tadelte den Pfleger, weil er ihr zu langsam war, und dem Praktikanten, einem schüchternen Azubi von der Krankenpflegeschule, befahl sie direkt, sie bloß nicht anzufassen.
Ach, als ob ich das unbedingt will…, brummte der Junge beleidigt.
Hören Sie mal, junger Mann! Wenn Sie noch frech werden, dann lernen Sie mal, wer hier wen anfasst!, konterte Hannelore, stemmte sich in die Armlehnen und ließ sich selbstbewusst in den Rollstuhl plumpsen. Dann zog sie die Tasche noch näher ans Kinn, hockte sich ein bisschen zusammen wie eine mürrische Eule und musterte mit dem Blick eines unangekündigten internen Prüfers das Krankenhaus. Feine Äderchen zogen sich über ihre Haut, was sie allerdings geschickt mit Make-up verdeckt hatte jetzt löste sich das Makeup von der Hitze nach der Spritze und betonte unschön die Falten.
Fahren Sie mich bitte weiter. Ich kann hier nicht bleiben, das zieht!, sagte sie energisch und deutete mit dem Kopf auf den überfüllten Krankenhausflur.
Die Frau an der Aufnahme musterte die Neuankömmlinge streng, riss dem Pfleger die Papiere aus der Hand und erklärte knapp, ab jetzt sei Hannelore in den Händen der Klinik, die Kollegen könnten wieder los.
Hypertensive Krise, auf der Straße kollabiert… Kopf nicht angeschlagen…, berichtete der junge Azubi im blauen Kittel.
Schon gut, Roman, jetzt husch! Wir brauchen Platz, meinte eine Schwester, die dem Jungen sehr ähnlich sah wahrscheinlich sein Mutter.
Familie muss man halt immer irgendwo unterbringen, dachte Hannelore wie automatisch.
Ihr Kopf dröhnte, die Arme sackten immer wieder kraftlos runter, ihre teure Markentasche drohte auf den Boden zu flutschen Kraft zum Wiederaufheben hätte sie dann garantiert nicht gehabt. Eigentlich fehlte ihr für alles schon die Energie. Selbst sprechen wurde schwer. Die Zunge, trocken und dick, klebte am Gaumen. Sie wollte nur etwas trinken.
Kann mir bitte jemand Wasser bringen?, bat Hannelore laut und so deutlich wie möglich in den Raum, obwohl sie niemanden direkt ansprach.
Kein Mensch reagierte. Um sie herum herrschte Gewusel, Angehörige schoben Krankenbetten, redeten auf Patienten ein oder versuchten sie wachzuhalten. Ärzte huschten durch die Menge, zupften die Stethoskope zurecht und überflogen im Gehen die eingereichten Unterlagen. Schwestern erledigten routiniert ihre Aufgaben, aber nichts betraf die große, steinerne Hannelore.
Wo ist Behringer? Wer ist Behringer? fragte schließlich eine Schwester.
Ich bin hier, meldete sich Hannelore erst leise, dann lauter: Ich bin HIER!
Hier, bitte, ein Becher für die Probe, WC ist da hinten, und dann Blutabnahme. Ziehen Sie doch endlich die Mütze aus! Wir sind doch nicht am Nordpol!
Erst da bemerkte Hannelore, dass sie ihre raue Mütze vom letzten Weihnachtsmarkt noch trug. Kein Wunder, dass ihr der Schweiß über die Stirn ran und der Kopf glühte.
Schwerfällig zog sie die Mütze ab, überlegte kurz, wohin damit, und stopfte sie in die eh schon überfüllte italienische Ledertasche, die voller Papiere und Unterlagen war. Sie hatte ja nicht vor hier zu bleiben; wenige Tests und dann wieder raus. Zeit hatte sie als Inhaberin einer erfolgreichen Fensterbaufirma in München wahrlich keine. Ich muss mich um Fenster, Montage, Verträge kümmern!, dachte sie.
Die Schwester setzte ihr den Becher auf den Schoß.
Hannelore Behringer. Groß, kräftig, ein stattlicher Mensch. Schon immer. Sie war schwer zur Welt gekommen, war als Baby groß und wuchs zu einer stattlichen Frau heran. Was für eine Statur!, raunten die Leute, wenn Hannelores Mutter mit der Tochter zur Klinik ging. Die Verkäuferinnen im Schuhladen stöhnten, wenn Hannelore neue Schuhe brauchte: Was für eine Schuhgröße!
Neben Hannelore wirkte ihre Mutter zierlich wie ein Püppchen. Die Gene waren eben vom bayerischen Kraftpaket von Vater gekommen, der aber schnell von Krebs geholt wurde da war sie acht.
Sie schämte sich immer für ihr großes Format. Im Kindergarten stolperte sie wie Gulliver durch die Menge, später blieb das Gefühl auch in der Schule. Nur im Sport war Hannelore richtig gut zufällig! Ihre Mutter kam mit einem Trainer zusammen, und damit sie daheim in Ruhe waren, ging Hannelore zum Diskuswurf und Kugelstoßen. Da war sie endlich gut und hatte Erfolg, verletzte sich zwar, aber das war egal. Erst als Jugendliche fiel sie auf einen Mann rein, verwechselte Neugier mit Liebe, machte dumme Fehler, verlor die Mutter und wurde zu der Art Frau, der auf der Straße jeder nur hinterherstaunt.
Sie arbeitete erst im kommunalen Wohnungsbau, leitete Handwerker an, dann kam die Wende, alles wurde privat, Firmen schossen wie Pilze aus dem Boden. Hannelore schuftete auf Baustellen, wurde oft für einen Mann gehalten, was alle dann lustig fanden. Aber sie gehörte dazu, war fleißig, beständig, manchmal streng, zog Unternehmen auf, doch lächeln das war selten.
Man nannte sie Die steinerne Frau.
Dann gründete sie ihre eigene Firma: Fenster in die Welt. Sie leitete das Geschäft, wurde respektiert, setzte ihre Mitarbeiter durch, kümmerte sich um jede Kleinigkeit, schickte sie zum Arzt, organisierte Betriebsausflüge, achtete darauf, dass sie auch mal rechtzeitig Feierabend machten. Für alle war sie wie eine Mauer: Wer bei Hannelore arbeitete, war sicher. Zu Weihnachten gabs keine Weihnachtskostümchen, dazu war sie zu groß, das erschien ihr albern. Aber die schönsten Geschenke gab es trotzdem.
Sie wusste über jeden alles, spürte, wenn eine Mitarbeiterin schwanger war, noch bevor der Test gemacht war, hatte für die kranke Mutter eines Kollegen eine Klinik parat, schickte Lebensmittelpakete an Verwandte, die plötzlich aus Stuttgart aufgetaucht waren, organisierte Plätze an Hochschulen… Sie war ein Fels.
Freundinnen hatte sie nie. So war es sicherer, einfacher. Wenn es mal mit jemandem Streit gab, konnte so niemand hintenrum sagen: Unsere Riesin.
Die Steinerne Frau irrte selten, machte keine halben Sachen. Kündigte sie jemandem, suchte sie immer Alternativen verließ der/diejenige sie, war das seine/ihre Sache. Sie war kein Tyrann, eher wie eine Lokomotive, die alle mitzieht und niemandem im Weg stehen lässt schon allein wegen ihrem Sohn Martin, der alles für sie war.
Wer ihrer Strenge nicht gewachsen war, ging aber die waren selten. Gerade in München, wo Arbeitsplätze rar wurden, blieben die Leute Hannelore treu. Auf sie konnte sie sich jetzt verlassen auch, während sie im Krankenhaus lag.
Was soll das!? Nehmen Sie das weg, ich kann das so nicht!, maulte Hannelore, warf den Becher auf den Boden. Ich hab einen Blutdrucknotfall, ich muss liegen!
Reg dich ab, Süße!, meldete sich ein schlampig gekleideter Mann auf einer Bank mit Kopfverband. Er hob den Becher auf, drehte ihn in der Hand. Magst, ich erledig das für dich? Aber im Austausch… Ich liebe große Mädels!
Hilf dir selbst!, fauchte Hannelore zurück, stieß sich ab und rollte Richtung Wand. Die Stuhlarmlehnen hinterließen kleine Dellen im Putz.
Frau! Was machen Sie da! Gerade frisch renoviert, jetzt machen Sie uns die Wände kaputt!, schimpfte jemand mit Namensschild. Sabrina, zu wem gehört die? Wo gehört sie hin?
Ich gehöre niemandem. Ich geh gleich. Wie ist hier die Adresse? Ich muss mir ein Taxi rufen. Mein Handy…, sagte Hannelore und kramte.
Sie bleiben da! Gleich kommt der Arzt, dann legen Sie sich hin!, erwiderte die Mitarbeiterin friedlich. Doch Hannelore rief schon irgendwo an.
Martin? Jana, gib mir mal meinen Sohn! Ich weiß, aber es ist wichtig. Ich bin im Krankenhaus, morgen sind Termine. Ich brauche Martin!
Sie gab keine Befehle, mochte das nicht aber sie konnte so reden, dass jeder sofort verstand, wie ernst es war. Als sie dem Arzt alles erklärte, stellte sie die Lage klar und sagte einfach, was sie brauchte.
Jana, Hannelores Schwiegertochter, ging ins Bad und klopfte: Deine Mutter ist im Krankenhaus!
Ja, warte, ich dusche zu Ende!, murrte Martin. Er hatte es gehört, aber solange Mama anruft, kanns ja nicht so schlimm sein!
Martin hatte seine Mutter immer vermisst, wartete morgens und abends darauf, dass sie kam. Sie hatte Geschäfte, Termine, später hieß es Business, eine neue Wohnung gabs dank der Fensterfirma auch.
Mama kam, kontrollierte Hausaufgaben, nickte zufrieden, oder wenns schlecht lief, musste Martin alles neu machen Bis es perfekt ist!, sagte sie. Dann erklärte sie knapp, wieso es wichtig ist, dass man sich anstrengen muss.
Dass sie ihn liebte, sagte sie nie. Keine Kuschelworte abends, keine Ich hab dich lieb, nie. Nur Taten.
Er kam mit 19 zu dem Schluss: Sie liebt mich nicht! Klar, sie hat mir geholfen mit Prüfungen, ich musste keinen Nebenjob machen. Aber das ist ihre Pflicht! Hat sie mich bekommen, dann muss sie mich großziehen, Punkt.
Hannelore hörte noch, wie Jana murmelte, Martin rufe gleich zurück.
Hannelore Behringer, was ist los?, fragte Jana. Kann ich was tun?
Hannelore legte wortlos auf. Jetzt konnte sie der Schwester an der Info ehrlich sagen: Ich gehöre niemandem. Ich bin meine eigene Frau. Der Sohn ruft zurück, wenn er Lust hat, die Schwiegertochter kaut Kaugummi und hat vielleicht Angst, dass sie von der Schwiegermutter direkt in Beschlag genommen wird. So ist das besser.
Wieder versuchte Hannelore aufzustehen, stützte sich an der Wand ab. Der Stuhl rollte weg, sie sackte zusammen und fiel schwer zu Boden. Die Becherprobe kullerte, die teure Ledertasche purzelte auf die Fliesen, die Mütze legte sich schützend an ihre Wange.
Ach du lieber Himmel!, rief der Mann von vorhin, hob sie hoch und klaute dabei unbemerkt Hannelores Geldbeutel und ihren Bernsteinring.
Er erinnerte sie vage an jemanden… aber sie konnte es nicht greifen.
Sie spürte nichts mehr, atmete schwer, der Kopf schief, in den Ohren hallte das monotone Bitte halten Sie sich RECHTS…
Für die Arbeit ins Büro fuhr Hannelore immer mit Auto. Sie fuhr selbst nicht gern, lieber las sie unterwegs Unterlagen oder schaute aus dem Fenster. Ein Chauffeur, Herr Roman Gärtner, holte sie immer zeitig ab, öffnete der Steinernen Frau galant die Tür, legte klassische Musik ein, und los ging es. Das lief über Jahre so. Roman schätzte seine Arbeitgeberin der Job brachte viele Privilegien. Medikamente für die kranke Frau, Urlaubsrabatte, bessere Lebensmittel, ein fettes Weihnachtsgeld warum woanders arbeiten? Ja, sie rief ihn auch mal nachts raus, wenn es dringend nach Hamburg oder Heidelberg ging, um Fenster-Deals zu klären. Das war im Vertrag inkludiert. Hannelore entschuldigte sich trotzdem immer.
Aber heute: Unfall mit einem Müllwagen der Chauffeur steckt mit kaputter Stoßstange auf dem Parkplatz fest.
Hannelore! Wir sollten ein Taxi rufen!, schlug Roman vor.
Nein, ich fahr U-Bahn, winkte sie ab. Sie fühlte sich eh schon matt, aber Störungen dafür hatte sie schließlich Geld. Regel das, ich kümmere mich später um die Reparatur.
Also zog sie wie ein graues Gewitter über das Münchner Pflaster Richtung U-Bahn. Die Passanten machten ihr Platz, beeindruckt von ihrer respekteinflößenden Erscheinung.
Die U-Bahn war stickig, Menschenströme hin und her. Bitte RECHTS stehen…, hörte sie beim Umsteigen am Sendlinger Tor. Und alle hielten sich daran, auch Hannelore sonst wäre sie von den jungen Leuten umgerannt worden.
Jetzt saß sie also in der Klinik nach Chaos in der Aufnahme, Messungen, Spritzen und Piepen und wurde in ihr Zimmer gebracht. Dort lag sie endlich unter einer Decke, halb bewusstlos, hörte immer nur …rechts halten…
Im Zimmer war es dunkel, der Geruch von Parfum und Medizin lag in der Luft, dazu der Duft von Vanille-Zwieback, den sie selbst liebte.
Dritte Etage, kein Blick auf den vollen, bunten Arnulfplatz unten, der wie eine Lichterkette im Winter aufleuchtete.
Ach, Hannelore erinnerte sich diese Lichterkette! Gekauft damals bei Karstadt für ihren Sohn. Sie hatte Martin im Kindergarten abgeholt. Er saß allein da, weinte heimlich. Alle anderen hatten freundliche Mütter, die sie liebevoll nach Hause begleiteten seine Mutter stand wie ein Monolith, wartete wortlos, bis er angezogen war.
Was ist im Karton?, fragte Martin.
Eine Lichterkette, mein Junge! Die hängen wir an den Baum, stell dir vor, wie die leuchten wird!, sagte die große Frau einmal ausnahmsweise begeistert.
Auf dem Heimweg malte sich Martin aus, wie alles glänzen und funkeln würde. Doch, zu Hause, die Kette sie brannte nicht. Die Mutter packte alles wieder ein.
Komm, jetzt Abendbrot. Ich muss noch Wäsche machen. Fertig.
Zwei Tage später brachte sie die reparierte Kette aus der Firma mit aber Martin war krank, nicht mehr im Kindergarten. Erzählt hatte er keinem was.
Irgendjemand, stellte sie sich jetzt vor, hätte über München solche Lichterketten gespannt, die Herzen verbunden und Strom durch die Menschen gejagt aber ihr Lämpchen, das war durchgebrannt.
Die Tür auf, eine kleine Schwester in rosa Kittel kam mit Abschminkpads. Nicht öffnen, ich mach die Mascara ab, sonst brennt’s. Nein, lassen Sie zu…
Sanfte, kühle Watte, sie tupfte vorsichtig, Hannelore entspannte sich wie lange hatte ihr das niemand mehr so zart gemacht.
Sie erinnerte sich an ihre Mutter, die lange verstorben war. Auf dem Friedhof hatte Hannelore letzten September noch Gärtnern bezahlt, die das Grab ausbesserten. Vergissmeinnicht hatte sie gesät, einfach so. Ob es jetzt noch zu spät ist? Sie wusste es nicht, aber sie würde im Frühjahr nachschauen… wenn sie selbst noch da ist.
Als sie damals als Jugendliche beklaut wurde in der U-Bahn, der Geldbeutel rausgeschnitten, Erinnerungsfoto, Glücksmünze, alles weg , saß sie heulend auf einer Bank. Nicht des Geldes wegen. Sondern weil die neue Tasche ruiniert war, die erste in ihrem Leben, auf die sie so stolz war. Der Riss in der Tasche ein Riss tief in ihr.
Und jetzt: Wieder beraubt.
Lassen Sie gut sein, ich bring gleich den Blutdruckapparat. Ruhen Sie sich aus, sagte die Schwester sanft.
Als sie weg war und Hannelore wegdämmerte wie in Karamell…
… vergaß Martin nach dem Duschen seine Mutter komplett, Jana erinnerte ihn, aber er schaltete auf stur. Meine Mutter hat alles organisiert, sogar ein Bett auf Intensiv, falls nötig. Jana, lass jetzt.
Er döste vor dem riesigen Bildschirm, Fußball lief, er knabberte Erdnüsse, lobte den tollen Fernseher, den Mama spendiert hatte.
Jana, resigniert, verließ ihn, nahm die Schlüssel von Hannelores Wohnung und ging…
Hannelore wachte früh auf, das Zimmer war schon halb lebendig, Tassen klirrten. Wer ist Behringer? Ich, antwortete sie matt und versuchte, ihre Haare zu einem Zopf zu binden.
Sie saß in Bluse und Anzughose, Pelz und Mütze im Plastiksack, Schuhe unter dem Bett.
Die Unterwäsche: zart, aus weicher Spitze, die sie in ihrer Größe nur online bekam. Neben ihr blickte eine Patientin neugierig Hannelore zog das Laken hoch.
Geben Sie mal den Arm, Frau Behringer. Blut abnehmen.
Die Schwester traf die Vene so geschickt, dass Hannelore nichts spürte. Dann schrillte das Handy. Sorry, das ist die Firma…, sagte sie und ging auf den Flur. Nach zig Nachrichten, Angeboten, Anfragen platzte ihr der Kragen. Ich bin krank, wenden Sie sich an meinen Vertreter!
Krach am anderen Ende, aufgelegt.
Jetzt ließ die Energie nach, sie sackte zusammen. Aus der unerschütterlichen Frau wurde eine gebrochene, kranke Frau.
Sie bekam Nachthemd und Bademantel gestellt, zog sich um, betrachtete sich im Spiegel unter den Augen Make-up-Ränder, Haare wie ein Wischmopp, drei Nägel abgebrochen beim Sturz.
Bitte ins Zimmer, gleich ist Visite und Frühstück, erinnerte die Schwester, die jetzt off duty war. Ihre Tochter hat angerufen, kommt heute. Jana. Sie schaffen das, gute Besserung. Nur ausruhen jetzt.
Sie sind aber gar nicht meine Tochter. Schwiegertochter!, entgegnete Hannelore und richtete sich auf.
Die Schwester grinste: Komm, erinnerst du dich an mich? Ich bin Katharina. Wir lagen mal zusammen im Krankenhaus, damals als du… Sie stockte.
Hannelore traf es wie ein Schlag ja, Katja hatte damals von allem gewusst, vom Kind, von dem sie sich getrennt hatte, weil ein falscher Mann sie zerstört hatte. Nur Katja hatte sie damals getröstet, gehalten wie eine Schwester.
Katja! Ich hab dich nicht erkannt. Du arbeitest jetzt hier? Toll! Und du? Kinder?
Ja, zwei Mädchen, aufgeweckt wie sonst was! Und bei dir, der Sohn?
Ja… Aber ich hätte gedacht, er blickt zu mir auf, beschützt mich aber ich bin ihm egal. Ich muss mich immer noch selbst schützen…
Dann begann die Visite.
Das Frühstück verging ruhig, die anderen Patientinnen waren in ihrem Alter, leise, besonnen. Neben ihr, am Fenster, knackte Zina knabbernd auf harten Broten herum.
Vanille-Zwieback? Aber trocken ist nicht gut, trinken Sie dazu Tee!, schlug Hannelore vor.
Zina lachte: Nerven! Mein Mann liegt mit Schlaganfall hier… Tee, ach was…
Wieso ach was! Wo kriegt man hier Tee?, bestimmte Hannelore, stand auf und schritt in ihren Hausschuhen zur Küche. Sie bemerkte gleich, dass der Bodenbelag alt war, die Geräte veraltet und die Fenster gehörten mal wieder richtig eingestellt!
Zurück mit einer dampfenden Tasse: Hier, Zina. Ich wusste nicht, wieviel Zucker, aber Tee muss sein!
Die andere Frau trank gierig. Sie sind wirklich gut zu Menschen! Da draußen, eine junge Frau winkt ihnen!
Jana stand im türkisen Schutzkittel mit Tüten vor der Tür. Ich rufe und rufe, aber ich schrei ja nicht… Entschuldigen Sie bitte, bringe Frau Behringer Sachen!
Jana, das wär nicht nötig gewesen…, murmelte Hannelore verlegen.
Doch Jana stapelte aus den Tüten Pyjama, Hausanzug, Strickjacke, Hygieneartikel, Lieblings-Snacks. Ich hab das Bettzeug nicht geschafft, aber alles andere!
Hannelore stand unbeholfen da, der Haarschopf wackelte, die Brust unter dem Kittel hob und senkte sich, fast so, als müsste sie gleich heulen.
Tante Hannelore, jetzt stellen Sie sich nicht so an! Gehen Sie sich umziehen, ich geh zum Arzt!, schob Jana energisch.
Plötzlich wurde aus dem steinernen Block wieder ein zusammengesetztes Ganzes und sie erlaubte sich, die Wärme zu fühlen. Vielleicht macht Jana das nur wegen des Erbes? Vielleicht. Aber so fühlte es sich gut an dass jemand da war.
Ihr Sohn rief ein paar Mal an, aber sie ging nicht ran. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.
Jana kam vom Arzt zurück, spielte nachdenklich am Ehering. Sie würde noch nicht sagen, dass sie sich von Martin trennen will. Das musste Hannelore jetzt nicht erfahren…
Nachts lag Hannelore still und weinte, ohne zu wissen warum.
Am nächsten Tag brachte man ihren Geldbeutel und den Ring zurück.
Der Mann, der Sie bestohlen hat, ist verstorben Herzinfarkt. Bruno Burkard, falls Ihnen der Name was sagt, erklärte ihr ein Mitarbeiter.
Beim Namen fiel es Hannelore wieder ein Bruno, der beste Diskuswerfer im Verein, fast Sportmeister. Der, der sie früher getröstet, angelogen und verlassen hatte. Tot. Und sie sie lebte weiter.
Doch steinern war sie gar nicht, sondern voller Gefühle, nur, dass sie das Leben ihr ein freies Aufatmen lange verlernt hatte.
Aber jetzt würde sich alles ändern. Da waren Katja, Zina, Jana diese liebe, etwas naive Frau, die einfach auftauchte und es gab die Arbeit, das Leben, den kleinen Enkel, ein Ultraschallbild auf Janas Handy. Und die Sorgen, die sonst niemand lösen konnte, nur Hannelore.
Jana, erwarte nichts von ihm, aber lieb ihn und sag’s ihm. Ich habe es nie getan und bereue es… Frauen müssen lieben, sonst versteinern sie, sagte Hannelore leise.
Jana nickte. Nein, steinern war Hannelore Behringer nicht nur groß, stolz, verletzlich und liebevoll. Eine Frau, die geboren wurde und mit tiefer Stimme dem Leben Hallo rief.