– Kein Problem, Klaus! Sei nicht traurig! Dafür hast du Silvester grandios gefeiert!

Liebes Tagebuch,

gestern war Neujahr und ich habe ihn, wie immer, mit einem lauten Knall begrüßt. Nun sitze ich in meiner kleinen Wohnung im Berliner Stadtteil Friedrichshain und blicke zurück auf die turbulente Woche, die mich fast um den Verstand gebracht hat.

Ich, Klaus Berger, bin am Hauptbahnhof aus dem Zug gestiegen, habe den kurzen Fußweg zum Busbahnhof genommen und mich dort in die Menge eingereiht. Meine Frau Anke hatte nichts davon erfahren, dass ich heute aus der Heimat zurückkehre. Der Gedanke an das bevorstehende Wiedersehen machte mich noch nervöser, weil unser letztes Gespräch ein richtiges Gezanke über meine angebliche Gleichgültigkeit immer noch nachhallte. Sie hatte mich als egoistisch und gefühlskalt bezeichnet.

Warum gleichgültig? Ich hatte ihr doch zum Jahreswechsel alles Gute wünschen wollen, doch ihr Telefon war vorher abgestellt sie war beleidigt. Drei Tage lang habe ich versucht, sie zu erreichen, aber sie nahm den Hörer nie ab. Schließlich dachte ich, dass sie mir ebenfalls zu nahe gekommen sei, und legte auf.

Sie hat nicht einmal meine Eltern und meine Schwester gegrüßt, geschweige denn mich. Jetzt wollte ich ihr das gleich beim Betreten der Wohnung vor den Kopf werfen. Und nicht nur ihr ich dachte, auch ihr Freund sollte seine Schuld einsehen. Wie man so schön sagt: Der beste Schutz ist ein Angriff.

Ein wenig aufgemuntert, öffnete ich die Tür zu unserem Hausflur und trat mit halb trotzigem, halb entschlossenem Gang in die Wohnung. Stille.

Hey! Wer ist hier noch wach? Anke, ich bin zu Hause!, rief ich laut, doch niemand antwortete. In der Küche war Anke nicht zu sehen, das Wohnzimmer leer, das Schlafzimmer ebenfalls. Doch gleich fiel mir auf, dass das Kinderbett am Rande des Zimmers fehlte, der kleine Kombinationskommode mit Wickeltisch und Kinderwagen ein Geschenk unserer Eltern war verschwunden. Auch die Hälfte des Kleiderschranks, in dem Ankes Kleider hingen, war leer.

Ist sie verrückt geworden? Hat sie mich verlassen?, dachte ich.

Ich rief meine Schwiegermutter an, doch das Telefon blieb stumm. Dann versuchte ich es bei Katharina, Ankes beste Freundin. Auch sie meldete sich nicht. Schließlich erreichte ich Thomas Müller, den Mann von Katharina.

Mischka, hallo! Kannst du mir bitte Katharina ans Telefon geben? Ich kriege sie nicht durch.

Katharina ist gerade mit dem Kind im Dorf, wir haben dort Silvester gefeiert. Der Empfang ist hier nicht so gut.

Ich war gestern hier, weil ich heute Schicht habe. Und sie entspannen noch.

Thomas lachte. Und warum brauchst du sie? Du suchst doch deine Anke.

Genau. Ich kam von meinen Eltern, aber zu Hause ist nichts keine Möbel, nichts, was wir für das Kind gekauft haben.

Du hast doch die ganze Zeit darüber nachgedacht, dass deine Frau fast Mutter werden soll. Und jetzt bist du allein zu den Feiertagen gefahren, während sie zu Hause bleibt?

Sie wollte nicht kommen, die Termine stehen ja vom 10. bis 11. Januar an. Wir hätten das problemlos schaffen können.

Thomas grinste. Herzlichen Glückwunsch, du bist jetzt ein Junggeselle.

Warum?, fragte ich verwirrt.

Weil du wahrscheinlich bald allein bist. Ruf doch das Krankenhaus an, dort ist sie sicher.

Zehn Tage zuvor hatte meine Mutter mich angerufen:

Klaus, warum musst du an den Feiertagen zu Hause bleiben? Anke will nicht mitfahren, du sollst allein kommen. Der Geburtstermin ist in fast zwei Wochen, du schaffst das noch.

Sie erzählte mir, dass fast die ganze Familie zusammenkommen würde: Tante Vera mit Onkel Siegfried, Nadine mit Viktor, Olga mit Paul, und natürlich mein Vater und Vika mit Gregor. Vika hatte sogar für uns Zimmer in einem Hotel im Wald gebucht vier Tage vom 31. Dezember bis zum 2. Januar.

Am 31. Dezember gibt es im Restaurant ein Festbankett mit Künstlern. Ich habe dafür bezahlt, du gibst mir das Geld zurück. Bleib bis Weihnachten bei uns, und am 8. Januar fährst du zurück, rechtzeitig zum Termin deiner Frau.

Anke protestierte:

Klaus, ich könnte jederzeit ins Krankenhaus gefahren werden. Stell dir vor, ich wache mitten in der Party auf. Und das Hotel liegt doch außerhalb kommt die Rettungswagen rechtzeitig?

Nein, ich gehe nicht irgendwohin.

Meine Mutter meinte weiter, dass Frauen heute ihre Krankheiten wie Heldentaten zählen, das Baby als Kampf bezeichnen und dass sie, obwohl sie schwanger war, kaum im Mutterschaftsurlaub war. Ich verstand, dass Anke in gewisser Weise Recht hatte, aber die Vorstellung, allein an Silvester zu Hause zu sitzen, machte mich melancholisch. Das ganze Haus würde zu dieser Zeit im Restaurant laut singen, tanzen und feiern ich würde allein im Dunkeln sitzen.

Am Abend fuhr ich ins Waldhotel, das tatsächlich ein gemütliches Holzhaus war. Kurz nach Mitternacht verließ ich den Festsaal und rief Anke aus dem Foyer an, aber sie hörte nicht.

Na gut, du bist beleidigt, aber du bist ja selbst schuld. Du hättest jetzt hier sein können und mit allen feiern.

Am nächsten Tag rief meine Mutter mich an, um mir Vorwürfe über Anke zu machen:

Deine Anke hat nicht einmal angerufen, nicht einmal uns zum Jahreswechsel gratuliert. Du hast deine Frau völlig vernachlässigt.

Sie meinte, dass Anke nicht wisse, was Familie bedeutet, und dass wir alle hier zusammen seien, während sie allein sei.

Anke verbrachte die Silvesternacht nicht bei uns. Wenn sie überhaupt an jemanden dachte, dann an mich aber nicht an die Schwiegereltern oder die ganze Verwandtschaft. Ihre Eltern hatten erfahren, dass ihre Tochter allein zu Hause geblieben war, und luden sie ein, den Jahreswechsel zu zweit zu verbringen. Ihr Bruder, der in München in einer Schichtbetrieb-Fabrik arbeitet, hatte keine langen Wochenenden, also planten die Eltern ein kleines Fest zu zweit.

Am 31. Dezember um 20:45 saßen sie am Tisch, als Anke plötzlich Schmerzen bekam. Sie riefen den Rettungswagen. Meine Schwiegermutter fuhr mit Anke, mein Schwiegervater folgte mit dem Auto. Anke kam im Krankenhaus zur Welt, ihr Sohn wurde am 1. Januar um 00:30 geboren.

Ich erinnerte mich an das Gespräch mit Thomas und rief sofort im Krankenhaus an:

Guten Tag, ist Frau Berger gestern entlassen worden?

Entlassen? Nein, das kann nicht sein.

Wie ist das? Gibt es schon ein Baby?

Ja, am ersten Januar um halb eins.

Wer hat sie abgeholt?

Ein junger Mann, das steht nicht im Melderegister.

Da wurde mir klar, dass nur ihre Eltern das Kind mitnehmen konnten. Ich kaufte einen Strauß roter Rosen und fuhr zu den Eltern.

Die Tür öffnete mein Schwiegervater.

Was wollen Sie?

Ich bin hier, um meine Frau zu sehen.

Und warum? fragte er.

Ich bin ihr Mann.

Anke!, rief mein Schwiegervater. Ein fremder Mann steht hier und behauptet, dein Ehemann zu sein. Willst du mit ihm reden?

Nein, lass ihn gehen, sagte Anke aus dem Inneren der Wohnung.

Der Schwiegervater schüttelte den Kopf und schloss die Tür.

Ich blieb eine Weile draußen, rief erneut an und diesmal öffnete meine Schwiegermutter eine große, kräftige Frau mit lauter Stimme.

Haben Sie etwas verstanden? fragte sie.

Lassen Sie mich rein, ich habe ein Recht

Ich kam nicht zu Ende. Sie griff nach dem Rosenstrauß, schlug mich ein paar Mal auf die Wange und rief:

Dein Recht wird dir bald ein Anwalt erklären! Und ruf nicht mehr an, mein Enkel schläft.

Mit blutigen Wangen verließ ich das Haus. Auf dem Weg nach Hause drückte ich mir immer wieder die Wangen die Rosen waren schön, aber voller Dornen.

Zuhause rief ich meine Mutter an:

Rate mal, sie haben mich nicht ins Haus gelassen und ich durfte das Kind nicht sehen.

Mach dir keine Sorgen, Klaus. Anke wird zurückkommen, das Baby wird bei den Eltern sein. Gib ihr Geld nicht, lass sie essen.

Ich aß einfach ein Fertiggericht von der Imbissbude, ging schlafen und dachte, dass ich morgen wieder zu arbeiten muss. Ich schlief tief und fest, weil ich nicht wusste, dass ich in dieser Wohnung zum letzten Mal übernachte.

Am nächsten Morgen, nach der Arbeit, standen meine Sachen in Kartons und schwarzen Plastiktüten im Treppenhaus. Meine Schwiegermutter öffnete die Tür und sagte:

Na, Schwiegersohn, erinnerst du dich an die Adresse deines Studentenwohnheims? Pack deine Kisten zusammen, die Reinigungskraft wirft alles morgen weg.

Ich musste in den Wohnheim ziehen. Die Scheidung war bereits gerichtlich beschlossen. Das Geld, das ich von der Firma bekam, wurde von der Buchhaltung für Unterhalt und Kindergeld abgezogen, plus noch 5000 für die Unterstützung meiner ExFrau.

Sei doch sparsamer! Du musst noch für deine eigene Wohnung sparen, riet Thomas. Keine Sorge, Klaus, Kopf hoch du hast Silvester ja trotzdem genial verbracht.

Anke wohnte drei Jahre bei ihren Eltern, die ihr mit dem kleinen Paul halfen. Nachdem sie wieder Arbeit gefunden hatte, zogen sie mit ihm zurück in ihre eigene Wohnung, die inzwischen nach der Renovierung keinerlei Spuren mehr von mir oder meiner Familie zeigte.

Wie beurteilst du mein Handeln, liebes Tagebuch? Ich habe gemerkt, dass das Fest der Familie nicht immer das ist, was man erwartet. Manchmal muss man lernen, loszulassen und sich selbst zu retten, bevor man andere retten kann.

**Persönliche Erkenntnis:** Man sollte nicht erst dann für die Liebe kämpfen, wenn das Herz bereits gebrochen ist besser ist es, die eigenen Werte zu wahren und rechtzeitig die eigenen Grenzen zu erkennen.

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