Klara Schmitz hatte schon seit Langem davon geträumt, ihren Rasenmäher zu erneuern. Ihr alter Mäher war wirklich nicht mehr zu gebrauchen. Endlich war es soweit! Ein netter Verkäufer packte ihr die leuchtend verpackte Box in ihren Einkaufswagen. Klara Schmitz hatte nicht daran gedacht, dass sie die Box später allein ausladen und in den Kofferraum wuchten musste.
Sie schob den Wagen zum Parkplatz, als sie plötzlich eine freundliche männliche Stimme hinter sich hörte:
— Darf ich Ihnen helfen?
— Vielen Dank, das kommt genau richtig! — sagte Klara und lächelte, während sie sich die Haare richtete.
Während der Mann den Wagen zu ihrem kleinen VW Lupo schob, lernten sie sich kennen. Er hieß Alexander und war kürzlich sechzig Jahre alt geworden. Im Vergleich zu Klara, die nächsten Monat 73 wurde, war er fast noch jung.
— Meine Frau hat mit dem Schwanz geschnipst, sich auf den Besen geschwungen und ist weggeflogen! — erklärte Alexander mit Gesten. — Jetzt bin ich allein, aber ich arbeite noch.
— Ehrlich? Ich bin in Rente. Wo arbeiten Sie denn? — fragte Klara, um das Gespräch aufrechtzuerhalten. Sie war seit fast dreißig Jahren verwitwet und hatte in dieser Zeit zwar Beziehungen geführt, aber beschlossen, dass es ihr alleine besser ging.
— Ich arbeite als Elektriker bei einer Hausverwaltung.
— Wunderbar! Bei so einem Beruf ist es doch bestimmt leicht, jemanden zu finden, oder? — zwinkerte ihm Klara zu.
— Oh nein, ich suche schon eine kluge und sympathische Frau. So wie Sie. Ihre Telefonnummer hätte ich schon gern!
— Vielen Dank, Alexander, aber nein. Ich möchte nicht wieder dieselbe Erfahrung machen. Hier ist mein Auto, ich öffne mal den Kofferraum.
Sie piepte mit der Fernbedienung und öffnete den Kofferraum. Während Alexander die Kiste einlud, dachte sie:
„Vielleicht sollte ich wirklich noch mal was wagen. Die Nummer geben, aber ohne Zusammenleben. Einfach Zeit miteinander verbringen. Der Mann scheint clever zu sein. Und es wird allein schwerer im Haushalt. Auf der Gartenanlage muss ich immer den Nachbarn bitten: mal den Apfelbaum beschneiden, mal eine Tonne aufstellen… Ein eigener Mann wäre da schon praktisch.“
Als ob er ihre Gedanken gelesen hätte, sagte Alexander:
— Es ist bestimmt schwer, alles allein zu machen, oder? Man läuft durch das Dorf, sieht ein altes Häuschen und die Wege sind ganz überwuchert. Da lebt eine ältere Dame, die nicht mehr mähen kann. Da helfe ich manchmal.
Klara ärgerte dieses Bild. Welche ältere Dame? Ihre paar Quadratmeter konnte sie noch selbst mähen.
— Gut gemacht, Alexander, helfen Sie den älteren Damen! Ich schaffe es glücklicherweise noch allein! Vielen Dank für Ihre Hilfe!
Sie schlug den Kofferraum zu und setzte sich ans Steuer ihres kleinen Wagens.
— Warten Sie! Wer wird Ihnen das alles ausladen? Die Box ist doch schwer! — rief er ihr nach, aber sie startete schon den Motor und winkte ihm mit einem freundlichen Lächeln zu.
„Die Box brauche ich erst auf der Gartenanlage ausladen. Da helfen bestimmt die Nachbarn, Jens oder Lukas…“ dachte sie, während sie im Rückspiegel die kleiner werdende Figur Alexanders betrachtete.
Sie wollte ihr Smartphone hervorzuholen und plötzlich durchfuhr sie kalter Schweiß: Die Handtasche war weg! Sie legte sie immer auf den Beifahrersitz! Und darin war alles: Karte, Ausweis, Smartphone, Geldbörse, Wohnungsschlüssel… Grausam! Dieser Alexander! Hat mich abgelenkt und die Tasche gestohlen! Was jetzt? Zur Polizei? Es müssen doch Kameras am Parkplatz sein!
Sie stoppte und atmete tief durch. „Ruhig bleiben. Sonst bringt mich das noch um… also, einatmen… ausatmen… Ich habe die Schlüssel aus der Tasche genommen… tief einatmen… Alarm deaktiviert… ausatmen. WO HABE ICH DIE TASCHE HINGELEGT???“
Alexander wurde von düsteren Gedanken heimgesucht: dass er niemandem etwas bedeutet. Selbst mit seinen angeblich goldenen Händen half das nichts. Da sah er, wie der rote, fast spielzeugartige Lupo auf ihn zukam.
„Hat sie es sich anders überlegt!“ dachte er.
Als der Lupo neben ihm stoppte, öffnete er galant die Tür und war überrascht, dass die Frau, der er geholfen hatte, aufgebracht war.
— Geben Sie mir meine Tasche zurück, Alexander! Sonst muss ich zur Polizei! — Klara fiel ungehalten über ihn her.
— Ich verstehe nicht… — stammelte der Mann.
— Sind Sie hier zu zweit? Einer lenkt ab und der andere klaut Taschen vom Beifahrersitz! Und ich dachte, Sie sind ein anständiger Mensch!
Der Mann grübelte. Ich glaube, dass Sie, als Sie den Kofferraum öffneten, die Tasche dort hineingelegt haben.
Mit zitternden Händen öffnete Klara den Kofferraum. Die Tasche war tatsächlich da.
Sie schnappte sie sich und die Anspannung löste sich in Tränen auf. An seine Schulter gelehnt sagte sie:
— Entschuldigen Sie bitte vielmals! Ich hatte solche Angst … Da ist alles drin, alles … Oh, was für eine Erleichterung!
— Das kann passieren. — lächelte Alexander. — Vielleicht trinken wir eine Tasse Kaffee zusammen, um uns zu beruhigen?
— Ich trinke keinen Kaffee, davon bekomme ich Sodbrennen.
— Ich bevorzuge auch Tee. Aber vielleicht ein Eis?
— Morgen? Treffen wir uns am Eingang des Stadtparks, um sieben Uhr abends, einverstanden?
— Gerne! Aber darf ich jetzt vielleicht doch Ihre Nummer haben? Nun, da ich wieder in Ihren Augen rehabilitiert bin?
— Vielleicht. Bis morgen, Alexander. — Klara winkte ihm zu.
Sie fuhr durch die vertrauten Straßen und war in guter Stimmung. Hauptsache, die Tasche war gefunden!
Tags darauf überlegte Klara Schmitz lange, was sie anziehen sollte. In ihrem Kleiderschrank gab es viele Outfits, aber sie wollte besonders aussehen. Schließlich entschied sie sich für ein helles Kleid mit kleinen Blumen, das elegant ihre Figur betonte, und zog eine leichte Jacke darüber.
Um sieben Uhr abends kam sie im Park an. Alexander wartete schon am Eingang und hielt eine kleine Schachtel in den Händen.
— Guten Abend, Klara! Das ist für Sie.
— Was ist das?
— Pralinen. Ich dachte mir, dass Sie Schokolade mögen.
— Danke, das stimmt, — sie lächelte.
Sie bummelten gemütlich durch den Park und unterhielten sich über alles Mögliche. Sie stellten fest, dass sie viel gemeinsam hatten: beide liebten ihre Gartenanlage, die Natur, Bücher. Alexander erzählte Geschichten aus seiner Jugend, Klara erinnerte sich an lustige Erlebnisse aus ihrem Leben. Sie lachten, als wären sie alte Freunde.
An einem Punkt kamen sie zu einem Café mit Sommerterrasse. Alexander schlug ein Eis vor und Klara, etwas verlegen, stimmte zu.
— Ich hätte nie gedacht, dass man so zufällig jemanden Nettes treffen kann, — gestand sie.
— Ich auch nicht. Man sieht, was das Schicksal alles bereit hält.
Nach dem Eis begleitete er sie nach Hause.
— Mir hat der Abend sehr gefallen, — sagte Alexander, leicht verlegen.
— Mir auch.
— Vielleicht wiederholen wir das? Zum Beispiel am Samstag?
Klara überlegte. Warum eigentlich nicht?
— Gerne. Aber diesmal bei mir auf der Gartenanlage. Ich teste dann, ob Sie Holz hacken können.
Alexander lachte.
— Abgemacht!
So begann ihre Freundschaft und später mehr. Natürlich wollte Klara keine voreiligen Schlüsse ziehen, aber sie spürte, dass Alexander ein wichtiger Mensch für sie geworden war. Als sie wenige Monate später hinaus auf die Gartenanlage trat und sah, wie er mit ihrem neuen Rasenmäher geschickt das Gras mähte, wusste sie – sie war nicht mehr allein.