Opa, sie liegt immer noch da – Markovnas Stimme klang mitleidig, durch Tränen hindurch.

Es war ein grauer Tag in München, als Emilia an ihrem Küchenfenster stand, ihre Stirn gegen die kühle Scheibe gelehnt, und mit einem traurigen Blick nach draußen schaute. “Paul, sie liegt immer noch da”, sagte sie schluchzend und wischte sich eine Träne weg. “Schon seit Stunden, ohne sich zu bewegen!”

“Vielleicht ist sie tot?”, fragte Paul trocken mit einem Hauch von Unbehagen in der Stimme. “Wenn sie sich nicht rührt…”

“Nein, Paul. Ihre Augen sind offen. Und den Kopf hält sie auch oben. Sie liegt da und starrt ins Leere, ohne auf irgendetwas zu achten. Der Nachbar war mit seinem Hund draußen und sie hat nicht mal den Kopf gedreht.”

“Vielleicht ist sie krank”, überlegte Paul. “Es ist wohl ihre Zeit gekommen. Hat sich einen seltsamen Platz ausgesucht.”

“Nein, Paul! Erinnerst du dich an Frau Huber aus dem anderen Haus? Sie war etwa zehn Jahre älter als wir. Gestern war ihre Beerdigung. Das ist ihre Katze. Die Frau wurde beerdigt und die Katze ausgesetzt. Die Menschen sind schon eigenartig…”

Paul erinnerte sich an Frau Huber. Einst hatte er ihren Mann gekannt; sie waren keine engen Freunde gewesen, aber hatten einander bei Begegnungen zugenickt. Er war es gewesen, der mit den anderen Männern im Viertel den Spielplatz organisiert hatte, obwohl seine eigenen Kinder diesen längst nicht mehr brauchten. Auch ein paar Tische und Bänke hatten sie unter die alten Eichen gestellt, wo Erwachsene zusammenkommen konnten. Die Bäume blieben Zeugen vergessener Wälder und boten im Sommer wohltuenden Schatten.

Paul sah noch immer in den Fernseher und wartete darauf, dass die lästige Werbung während des Fußballspiels vorbei war. “Und was ist mit den Kindern?”, murmelte er. “Sie hätten sie doch aufnehmen können.”

“Die Kinder…”, seufzte Emilia. “Interessiert heutzutage nur noch die Wohnung. Alles, was uns Alten lieb ist, wird irgendwann im Müll landen: unsere Sachen, die Fotos der Familie, die wir ein Leben lang gehütet haben… Und die Katze? Eine lebendige Seele.”

Emilia murmelte wehmütig, putzte sich die Nase und tupfte ihre Augen mit einem Taschentuch ab. Schließlich zog sie sich die Jacke an und trat ohne Worte aus der Wohnung. Nach etwa einer Viertelstunde kam sie mit der kleinen, verloren wirkenden Katze im Arm zurück. “Kritisiere mich, wie du willst, Paul, aber ich konnte es nicht ertragen!”, rief sie, während sie die Katze sanft im Flur absetzte.

Das graue Wesen, eine typische Mimi, betrat das Wohnzimmer nicht, sondern ließ sich stattdessen gedankenverloren nahe der Tür nieder. Sie war nicht mehr jung, vielleicht zehn bis zwölf Jahre alt.

Paul drehte den Kopf nicht, seine Augen blieben am Bildschirm. Emilia schüttelte den Kopf, sein Verhalten missbilligend, und ging in die Küche, um darüber nachzudenken, womit sie die Katze füttern könnte.

Am nächsten Morgen lag die Katze noch immer an derselben Stelle, doch das Futter im Napf war verschwunden und der Napf geleckt.

“Das ist doch schon mal was”, lächelte Emilia. “Wenn du frisst, heißt das, du willst leben. Mit der Zeit gewöhnst du dich an uns.”

Aber Mimi gewöhnte sich nur langsam ein. Erst nach einer Woche begann sie, ihren neuen Menschen wahrzunehmen. Sie blieb am Eingang liegen, hob den Kopf, wenn jemand kam oder ging, ohne viel Interesse.

Emilia streichelte sie behutsam, redete mit liebenswerter Stimme mit ihr und stellte ihr das beste Futter hin. Doch die Katze fraß fast nur in der Nacht, wenn alle schliefen. Für die Toilette richtete Emilia ein Tablett mit feinem Sand in der Gäste-Toilette ein und hielt die Tür immer leicht geöffnet.

Paul störte das, da es die Ordnung im Haus tangierte, die ihm wichtig war. “Diese Tür!”, murrte er, wenn er an der Katze vorbeiging. “Kannst du nicht anderswo liegen?”

Die Katze antwortete nicht, schaute nur mit melancholischen, grünen Augen. Einmal stolperte er fast über sie, als er mit Einkäufen beladen nach Hause kam.

“Verdammt nochmal!”, schimpfte er. “Geh zur Seite! Da im Wohnzimmer ist Platz genug.”

Die Katze erhob sich langsam und trottete in das Wohnzimmer. Emilia und Paul sahen ihr nur hinterher. Nun verbrachte Mimi ihre Tage im Zimmereck, still und unauffällig.

“Das ist doch keine Katze”, brummte Paul. “Eine alte Dame, die nur isst, was man ihr gibt, und ansonsten schweigt.”

“Wie kannst du nur so reden!”, prangerte ihn Emilia an. “Denk doch mal – sie hat ihr ganzes Leben bei ihrer Besitzerin gelebt! Natürlich vermisst sie sie. Ihre ganze Welt war diese Frau. Erinnerst du dich mal an die glücklichen Tage, die besten kommen nicht wieder. Du wirst älter, wohnst bei den Kindern, sitzt in der Ecke und störst. Hoffentlich werden sie dich nicht ständig tadeln!”

Diese Worte gingen Paul nah. Er sah Mimi mit anderen Augen und stellte sich selbst an ihrem Platz vor. Nicht mehr schimpfte er, drohte nicht, sie rauszuwerfen. Eines Tages brachte er sogar speziell für Katzen gemachtes Futter aus dem Supermarkt mit, obwohl Emilia sie mit Brühe und gekochtem Fleisch fütterte.

An einem warmen Sommerabend kam Emilia von ihrer Tochter zurück, die sie gebeten hatte, auf den kränklichen Enkel zu achten. Der Kleine sprang jedoch schon bald wieder putzmunter umher. Lächelnd dachte Emilia an die fröhlichen Spiele des Enkels, in die sie sich hatte mitreißen lassen.

Beim Betreten der Wohnung hörte sie Pauls leise Stimme, der ein ernsthaftes Gespräch führte. Mit wem sprach er da?

“Das Leben ist so. Manchmal denkt man, es ist vorbei. Liegenbleiben und sterben wäre einfacher. Doch nach einer Weile klärt sich alles, und man will weiterleben. Unsinnige Gedanken verfliegen. Und wenn jemand einem beisteht, ist das noch besser!”

Emilia konnte es kaum fassen, dass Paul so eingenommen mit Mimi sprach, die aufmerksam auf der Sessellehne saß und gelegentlich ein leises “Miau” einwarf.

“Versteht sie dich?”, fragte Emilia spöttisch, leicht gekränkt. “Ich kümmere mich um sie, füttere sie, aber hat sie je so mit mir gesprochen?”

“Natürlich!”, betonte Paul. “Übrigens, sie heißt nicht Mimi, sondern Mathilda.”

“Hat sie das gesagt?”, lachte Emilia.

“Ja, nicht wahr, Mathilda?”

“Miau!”, die Katze stupste Pauls Schulter.

“Du solltest gleich zum Laden gehen”, lächelte Emilia. “Das Mehl ist aus, und ich wollte Pfannkuchen machen. Möchtest du welche?”

Paul stand auf, streichelte Mathilda und trat aus der Wohnung. Emilia bemerkte, wie die Katze ihn mit einem liebevollen Blick begleitete.

Bald kehrte er mit Mehl und einem weiteren Päckchen Katzenfutter zurück.

“Bereit, alte Dame, die Männer spielen Karten. Lass uns runtergehen, ich war lange nicht mehr unten bei den Eichen.”

“Du bist verrückt geworden!”, lachte Emilia. “Ich kann mit euren Karten nichts anfangen. Was hast du da vor?”

“Nein, nein”, Pauls Stimme war gelassen. “Ich meinte Mathilda.”

Emilia schmunzelte beim Ausblick durch das Küchenfenster, als Paul mit der Katze unter den Eichen verschwand, die den Garten in ein laues Abendlicht hüllten. Mathilda trabte neben ihm her, dann und wann den Kopf hebend und eine Frage stellend. Paul antwortete eifrig mit Gesten, als hielte er einen Dialog auf Leben und Tod.

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